Future Combat Air System

deutsch-französisch-spanisches Programm zur Entwicklung eines Systems aus einem bemannten Mehrzweckkampfflugzeug und unbemannten Begleitflugzeugen From Wikipedia, the free encyclopedia

Future Combat Air System (FCAS) (deutsch etwa: „Zukünftiges Luftkampfsystem“; französisch Système de combat aérien du futur, SCAF) ist ein deutsch-französisch-spanisches Programm zur Entwicklung eines fliegenden „Waffensystems der nächsten Generation“ (Next Generation Weapon System, NGWS). Es bestand ursprünglich aus einem optional unbemannten Mehrzweckkampfflugzeug der sechsten Generation (New Generation Fighter), unbemannten Begleitflugzeugen (Remote Carrier) sowie neuen Waffen und Kommunikationssystemen (Combat Cloud).

Modell des FCAS NGF bei der Pariser Luftfahrtschau (2019)

Das Kampfflugzeug sollte bei der deutschen Luftwaffe ab etwa 2040 den Eurofighter Typhoon (und ggf. den Tornado-Nachfolger F-35) ersetzen, bei den französischen Luftstreitkräften die Rafale. Die beteiligten Unternehmen waren Airbus Defence and Space, Dassault Aviation und Indra Sistemas. Ein Prototyp sollte 2028 fertig sein.

Im Juni 2026 verständigten sich Deutschland und Frankreich auf Beendigung der Entwicklung des Kampfflugzeugs, da die Unstimmigkeiten zwischen Airbus und Dassault nicht ausgeräumt werden konnten. Die Combat Cloud als „Kern“ des FCAS-Projektes solle jedoch weiterhin entwickelt werden.[1]

Zielsetzungen

Vorgesehen war ein integriertes System, das Drohnen, Kampfflugzeuge, Satelliten sowie Kommando- und Kontrollflugzeuge verbinden sollte.[2] Die benötigte Technologie sollte, nach Aussage von Dirk Hoke (ehem. CEO von Airbus Defence and Space), mehrheitlich in Europa entwickelt werden. Zusätzlich wurde laut Hoke eine hohe Autarkie von den USA angestrebt. Vor allem regulierte Güter nach US-Richtlinie ITAR (International Traffic in Arms Regulations) sollten gemieden werden. Als Kampfflugzeug der sechsten Generation sollte es mit Tarnkappentechnik, einem adaptiven Vielseitigkeitstriebwerk (ADVENT), Netzwerkfähigkeit ausgerüstet sein, möglicherweise auch mit Cyberkriegfähigkeiten und mit Energiewaffen. Das Triebwerk „New Generation Fighter Engine“ wurde vom Gemeinschaftsunternehmen EUMET (European Military Engine Team) entwickelt.[3]

Geschichte

Modell der Tarnkappen-Kampfdrohne Dassault Neuron (2015), eines Technologieträgers, im Rahmen der ebenfalls als Future Combat Air System bezeichneten französisch-britischen Studie
Künstlerische Darstellung nach dem Konzept von 2019

Das Konzept des FCAS entstand im Rahmen des ETAP European Technology Acquisition Programme, das 2001 als Kooperation von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Schweden und Spanien gestartet wurde. Das Neue an diesem Konzept war die Idee, in einem System-of-Systems-Ansatz (SoS) bemannte und unbemannte Systeme, also Kampfflugzeuge und Drohnen, zu kombinieren, um im Verbund schlagkräftiger als mit den einzelnen Systemen zu sein. Im Jahr 2014 startete unter der Bezeichnung Future Combat Air System eine auf zwei Jahre angelegte französisch-britische Machbarkeitsstudie.[4] Spätestens mit der Vorstellung des Projekts Tempest durch die Royal Air Force zur Eröffnung der Farnborough Air Show im Juli 2018 hatten sich entsprechende Bestrebungen jedoch erübrigt.

Am 13. Juli 2017 gaben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Emmanuel Macron bei einem Treffen des deutsch-französischen Ministerrats in Paris die Absicht bekannt, einen deutsch-französischen Kampfjet zu entwickeln.[5] Während der ILA 2018 in Berlin verkündeten am 25. April Dassault Aviation und Airbus Defence and Space eine Übereinkunft zur Zusammenarbeit bei dem Projekt.[6] Am 26. April 2018 unterzeichneten Generalleutnant Erhard Bühler und Général d’armée aérienne André Lanata auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung Berlin das High Level Common Operational Requirements Document (Fähigkeitsforderung), das die Kernaufgaben des Flugzeugs festlegt. Frankreich sollte federführend bei der Entwicklung sein.[7] Am 19. Juni 2018 unterzeichneten die beiden Fachministerinnen aus Deutschland und Frankreich eine weitere Absichtserklärung. Belgien wollte sich damals mit 369 Millionen Euro am Programm beteiligen.[8]

Im Beisein der deutschen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und der französischen Amtskollegin Florence Parly wurde am 6. Februar 2019 in Gennevilliers der mit 65 Mio. Euro dotierte Auftrag an Dassault Aviation und Airbus für eine zweijährige Konzeptstudie bekanntgegeben.[9][10] Daneben wurde eine Absichtserklärung zwischen dem französischen Technologiekonzern Safran Aircraft Engines (bis 2015: Snecma) und dem deutschen Triebwerkshersteller MTU Aero Engines zur Entwicklung von neuen Strahltriebwerken für das neue Kampfflugzeug unterzeichnet.[11] Am 14. Februar 2019 trat Spanien dem Programm bei.[12] Im Rahmen der Pariser Luftfahrtschau 2019 unterzeichneten die Verteidigungsministerinnen der drei beteiligten Länder am 17. Juni 2019 ein Rahmenabkommen zur gemeinsamen Entwicklung des FCAS.[13][14]

Stand November 2022 sollte der Prototyp für den „New Generation Fighter“ im Jahr 2028 fertig sein.[15][16] Stand April 2024 sollte bis März 2025 ein fertiges Design ausgewählt und damit Phase 1B abgeschlossen werden.[17]

Belgien bekundete großes Interesse daran, sich dem FCAS anzuschließen, und hat seit Juni 2023 eine Art Beobachterstatus.[18] Das Land beabsichtigte im November 2023, bis Juni 2025 dem Projekt als vollwertiger Partner beizutreten.[19]

Unstimmigkeiten zwischen Airbus und Dassault

Wegen Unstimmigkeiten über Arbeitsteilung, Ungewissheit über seine Rolle als Generalunternehmer des Next Generation Fighter und geistiges Eigentum erwähnte der Unternehmensleiter von Dassault Aviation, Éric Trappier, im März 2021 vor dem französischen Senat einen „Plan B“ mit einer Entwicklung ähnlich dem nEUROn-Projekt.[20][21] Es sei bei der Frage des geistigen Eigentums und eines möglichen Technologietransfers von Frankreich zum Streit mit Airbus gekommen. Auf französischer Seite wurde befürchtet, die Rolle als führendes Luftrüstungsunternehmen der EU zu verlieren, wenn deutsche und spanische Unternehmen zwei Drittel der Entwicklung und Produktion übernehmen sollten.[22] Im Mai 2021 versicherten die beteiligten Nationen, das Projekt FCAS fortzuführen.[23] Mehrere Quellen aus der Rüstungsindustrie dementierten laut der französischen Wirtschaftszeitung Challenges diese Einigung. Eine Quelle bezeichnete den Bericht über eine Einigung als „Kommunikationshaltung“ und „irreführende Aussage“ der drei Staaten.[24] Der Dassault-Geschäftsführer sagte, es gebe „weder eine Einigung über das Budget noch über das geistige Eigentum“.[25]

Im Juni 2021 berichtete Der Spiegel, dass die Bundeswehr dem Projekt ein „miserables Zeugnis“ ausstelle: Das Bundesamt für Ausrüstung der Bundeswehr bewerte, dass innovative Technologieansätze kaum erkennbar seien. Der FCAS-Vertrag berücksichtige hauptsächlich französische Interessen, während Airbus sein Know-how bei dem Projekt „nicht im möglichen und nötigen Umfang“ ausbauen könne, um „noch eine tragende Rolle spielen zu können“. Der geheime Sachstandsbericht des Verteidigungsministeriums kam im Mai 2021 zum Schluss, dass „im Rahmen der Verhandlungen erhebliche Risiken und Probleme/Schwachstellen akzeptiert“ worden seien, um das Projekt fortzuführen. Die „starke französische Positionierung“ werde dazu führen, „dass das Ziel, ein Kampfflugzeug der 6. Generation zu entwickeln, verfehlt“ und das Projekt stattdessen zu einem „Rafale-Plus-Ansatz mit deutschen und spanischen Haushaltsmitteln wird“.[26] Im November 2022 wurde vermeldet, der Streitpunkt zum geistigen Eigentum sei ausgeräumt worden.[15]

Auf der Pariser Luftfahrtschau im Juli 2025 forderte Éric Trappier erneut einen größeren Anteil der französischen Industrie am FCAS. Damit stellte er bestehende Vereinbarungen zur Aufgabenteilung in Frage. Er deutete alternativ einen Ausstieg aus dem Programm an.[27] Kurz danach wurde bekannt, dass Dassault Aviation 80 % am Workshare des FCAS fordert, was einen eklatanten Nachteil für die deutsche Rüstungsindustrie bedeuten würde.[28]

Kurz darauf besuchte der damalige Verteidigungsminister Lecornu die Bundesrepublik und seinen Amtskollegen Pistorius. Das Bundesverteidigungsministerium veröffentlichte am 27. Juli 2025 eine Presseerklärung, in der Probleme (diplomatisch: „Herausforderungen“) bei den Projekten FCAS und Main Ground Combat System thematisiert wurden.[29] Am 5. Oktober 2025 drohte Pistorius öffentlich mit dem Ende des FCAS-Projekts. Er werde sich mit seinen Kollegen aus Frankreich und Spanien treffen, sobald die nächste französische Regierung stehe.[30] Wenige Tage später trat die Regierung Lecornu II ihr Amt an.

Die französische Verteidigungsministerin Catherine Vautrin sagte Mitte November 2025 öffentlich, Deutschland habe heute keine Kapazität, ein Kampfflugzeug zu bauen. Das gehe nicht von heute auf morgen. Dafür brauche man etwas Sachverstand.[31][32] Deutschland und Spanien könnten sich alternativ dem Global Combat Air Programme (GCAP) anschließen, einem fortgeschrittenen Projekt der Länder Großbritannien, Italien und Japan.[32]

Im Februar 2026 äußerte Bundeskanzler Friedrich Merz Bedenken über das Anforderungsprofil des Kampfjets. So benötigten die Französischen Streitkräfte ein Flugzeug, das trägergestützt ist und Atomwaffen tragen kann. Beide Anforderungen benötige die Bundeswehr gegenwärtig nicht.[33]

Begründet mit den Unstimmigkeiten beendeten Deutschland und Frankreich am 8. Juni 2026 schließlich die gemeinsame Entwicklung des Kampfflugzeuges, die Combat Cloud solle jedoch weiterhin entwickelt werden.[34]

Vergleichbare Entwicklungsprogramme

Es existieren weltweit mehrere zum FCAS/NGWS vergleichbare Entwicklungsprogramme für Kampfflugzeuge der 6. Generation.

Am 14. Dezember 2023 schlossen Großbritannien, Italien und Japan ein Kooperationsabkommen (Global Combat Air Programme) zur gemeinsamen Entwicklung eines neuen Tarnkappenkampfflugzeugs auf Basis des BAE Tempest. Dieses soll ab 2035 einsatzbereit sein und hätte mit dem FCAS-NGF konkurriert.[35]

Die US Air Force entwickelt im Rahmen des Programmes Next Generation Air Dominance einen neuen Luftüberlegenheitsjäger Boeing F-47. Bei der US Navy läuft das F/A-XX Programm zur Entwicklung eines neuen trägergestützten Mehrzweckkampfflugzeuges.

In China wird das Tarnkappenkampfflugzeug Chengdu J-36 entwickelt.

Siehe auch

Commons: Future Combat Air System – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • DAS FUTURE COMBAT AIR SYSTEM Übersicht. Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e. V., Juni 2021;.
  • Marie von Mallinckrodt, Christoph Prössl: Deutsch-französischer Kampfjet – Zukunftsprojekt oder Flop? In: tagesschau.de. 27. April 2018, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 28. März 2019;.

Einzelnachweise

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