Galgant-Gewürztraktat
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Galgant-Gewürztraktat ist die Bezeichnung für eine Sammlung von Drogen-Monographien. Ab dem 14. Jahrhundert wurde der Galgant-Gewürztraktat mit Schwerpunkt im mittelniederländisch-mittelniederdeutschen, als auch im oberdeutschen Sprachraum sowohl in landessprachlicher als auch in lateinischer Version in Arzneibücher integriert. Vom Galgant-Gewürztraktat ist der sogenannte Muskat-Gewürztraktat (genannt auch Niederdeutscher Gewürztraktat[1]) zu unterscheiden. Die beiden Texte wurden jedoch im Laufe der Zeit kompiliert.
Autor
Der Autor des wohl im 14. Jahrhundert als Übersetzung aus dem Lateinischen entstandenen Kräuterbuchs ist bis heute nicht zu bestimmen. Für die lateinische Version wurde (von Poul Hauberg) fälschlich als Autor der dänische Kanoniker Henrik Harpestræng († 1244) oder (von Karl Sudhoff) ein (wohl niemals real existierender[2]) deutschen bzw. bayerischen Klerikerarzt des 13. oder frühen 14. Jahrhunderts namens Magister „Alexander Hispanus“ vermutet.[3][4][5][6][7][8][9]
Inhalt

Ohne Vor- und Nachwort wurden im überwiegend Gewürze behandelnden und mit Galgant beginnenden Galgant-Gewürztraktat bis zu 50 Drogenmonographien aneinandergereiht. Die einzelnen Monographien wurden meist von einer kurzen Charakterisierung der behandelten Droge nach den Kriterien der Humorallehre (heiß/kalt – feucht/trocken) eingeleitet. Es folgte eine Aufzählung von Indikationen, die sich überwiegend aus den bis zum 14. Jahrhundert bekannten Werken der Kräuterheilkunde speiste. Meist wurde folgende Reihenfolge der Gewürztraktate eingehalten, wobei deren Anzahl von Manuskript zu Manuskript schwankte:
- Galganum … Cynäber … Muscatum, Muscat … Cariofilus, Nargel … Cynamo, Cymeinum … Zytber … Piper, Pfeffer … Lauribaca, Lorwer … Alleum, Chloblauch … Synapis, Sanif … Cepe, Zwival … Porrum, Lauch … Papaver, Magen … Enula, Alant … Rhaphanus maior, Rettich … Raphanus minor, Chren … Rapula, Ruben … Caseus siccus et durus, Chas … Ova dura, Ayer … Mylium, Hirsch … Pisa, Arbeis … Faba, Pon … Canapum, Hanf … Rosa … Fiola, Vyol … Salvia … Ruta, Ruten … Ysopus, Ysop … Petrosilinum, Petersil … Artemisia, Pesmalten, Puggel … Absinthium, Wermut … Urtica minor, klain Nessel … Marrubium, Andor … Abrotanum, Abrunten … Origanum, Wolgemud … Pulegium, Polay … Verbena, Eisenchraut … Wegwart … Mille folium, Wuntchraut … Plantago, Wegerich … Benedicta ruffa … Benedicta alba … Angelica, des hailgen gaistes Wurtz … Pimpinella, Pipernell … Betonica, Patonig … Serpentina, Nater Wurcz … Malva, Papel … Mentu, Dyemente … Lactuca, Latuch … Agrimonia.
Im Galgant-Gewürztraktat erstmals behandelt wurden die Drogen: „Benedicta ruffa“, „Benedicta alba“ und „Angelica, des hailigen gaistes Wurtz“. „Benedicta ruffa“ lässt sich als Echte Nelkenwurz deuten.[10][11][12] Die Bedeutung von „Benedicta alba“ ist unsicher. „Angelica, des hailigen gaistes Wurtz“ ist Engelwurz. Die Engelwurz wächst nur nördlich der Alpen. In den nordeuropäischen Kräutermanuskripten des Mittelalters, die sich auf Autoritäten aus dem Mittelmeerraum beriefen, fehlte die Droge bis zum Erscheinen des Galgant-Gewürztraktats.
| Angelica in einem lateinischen Galgant-Gewürztraktat. (Madrid. Biblioteca nacional, Handschrift 8769, 14. Jh.)[13] | Angelica in einem alemannischen Galgant-Gewürztraktat. (Heidelberg. Cpg 620. Südwestdeutschland, 15. Jh. Blatt 92v-93r.)[14] |
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| Angelica est radix optima, que multum valet contra incantationes. Quicumque eam secum portaverit. Item in mane sumpta vino vel cibo, venenum eicit et defendit. Item valet eciam contusa et decocta cum favo contra morsum canis rabidi, si supra vulnus ligata fuerit. Item valet eciam contra lassitudinem et fatigacionem itineris et contra vomitum, si comesta fuerit. | Angelica ist ein edle wurtz wann wer sÿ peÿ im trät oder neusset dem mag kain zaubernuß nit geschaden. Sie ist auch güt für alle vergift wenn man si nüsset mit wein. Si rainiget auch die prust von aller stinckenten fäwthikait und hailt der wütenden hunt pis wenn man sy mit hönig stösset und über den pÿß leget. Si macht lustig cze essen und vertreibt die undäung. |

Erst im 1500 erschienen Kleinen Destillierbuch des Hieronymus Brunschwig fand die Engelwurz ihren Weg auch in die gedruckten Kräuterbücher. Brunschwig übernahm die im Angelica-Kapitel des Galgant-Gewürztraktats angegebenen Indikationen. Er suchte bei den „Alten“ ein Kraut, das in Aussehen und Wirkung der Engelwurz ähnelte. Er fand es in der „meister würtz von den latinschen genant ostrici“. Die Meisterwurz wuchs, und wächst noch heute, sowohl südlich als auch nördlich der Alpen. In den Werken der „Alten“ (Dioskurides, Plinius …) wurde sie ausführlich behandelt.[15]
„Angelica wasser vom krut keyn alter philo[so]phus schriben ist / darumb syn latinscher namen von den tütschen in übung ist angelica. Aber in tütscher zungen genant des heiligen geists wurtzlen von vilen brust wurtz / darumb dz es überflüssig d brust bequem ist / vnd ist ein geschlecht der meister würtz von den latinschen genant ostrici. Aber angelica geschlecht ist zweyerley / wild vnd zam / krut vnd stengel in der leng ii. ellenbogen hoch. dz wild von den tütschen bůchalter genant. […]“
Textzeugen
- Latein.
- München. Clm 13 076 [S.l.] 1356, Blatt 20va-23va Bayerische Staatsbibliothek
- München. Clm 4374 [S. l.] 1401 (Bayerisches Staatsbibliothek)
- München. Clm 14 526 [S.l.] Süddeutschland oder Prag / Böhmen (?) 3. Viertel 15. Jh. Blatt 124r-133v Bayerische Staatsbibliothek
- München. Clm 7755 [S.l.] 15. Jh. Blatt 140v-148r Bayerische Staatsbibliothek
- Landessprachig.
- Heidelberg. Cpg 620. Südwestdeutschland (alemannisch), 15. Jh., Blatt 75r-95v Universitätsbibliothek Heidelberg
- Heidelberg. Cpg 226. Elsaß (niederalemannisch) 1459–1469, Blatt 156r-157r (Fragment) Universitätsbibliothek Heidelberg
- Heidelberg. Cpg 558. Nordbayern (Oberpfalz?) um 1470- um 1485, Blatt 77r-79v (Fragment) Universitätsbibliothek Heidelberg
- Freiburg i. Br., Universitäts-Bibliothek, Hs. 188, Freiburg 3. Viertel 15. Jh. (niederalemannisch), Blatt 35v-49r Universitäts-Bibliothek Freiburg
- Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S. 386, Ravensburg (niederalemannisch) 1463/64, Blatt 050v-51r Zentralbibliothek Solothurn
- Weitere Textzeugen in: Willem F. Daems, Gundolf Keil: Henrik Harpestraengs „Latinske Urtebog“ in den mittelalterlichen Niederlanden. Mit einem Verzeichnis altdeutscher „Urtebog“-Überlieferungen. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Wissenschaftsgeschichte. Festschrift Gerhard Eis. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1982, S. 396–416. Siehe auch Gundolf Keil: Randnotizen zum „Stockholmer Arzneibuch“. In: Studia neophilologica. Band 44, Nr. 2, 1972, S. 238–262, hier: S. 250 f. Vgl. außerdem Bernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 44, Anm. 132, S. 155 und S. 219–221 (zum Niederdeutschen Gewürztraktat) und dazu William Crossgrove: Niederdeutscher Gewürztraktat. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 6, 1987, Sp. 988–990.
Literatur
- Bernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 150–153.