Gaszentrifuge

dient zur Anreicherung von Gasen mit hohem Molekulargewicht From Wikipedia, the free encyclopedia

Eine Gaszentrifuge, oder auch Gas-Ultrazentrifuge genannt, ist eine Zentrifuge, die der physikalischen Trennung verschieden schwerer Gase mit Hilfe der Trägheit dient.

Mehrere Gaszentrifugen einer ehemaligen Prototypenanlage, dem Gas Centrifuge Enrichment Plant (GCEP) bei Piketon, Ohio, 1984. Genauer befand sich der GCEP in der Nähe von Piketon auf dem Komplex des Portsmouth Gaseous Diffusion Plant (GDP)[1], einer der drei großen US-amerikanischen Urananreicherungsanlagen (alle basierend auf dem Gasdiffusionsverfahren), welche von ca. 1945 bis 1996 in Betrieb waren. Die Entwicklungsarbeiten zum GCEP liefen von etwa 1977 bis 1985, dann wurde das Projekt eingestellt.

Gaszentrifugen sind heutzutage eine wesentliche Technologie im kommerziellen nuklearen Brennstoffkreislauf, um den Kernbrennstoff Uran in dem spaltbaren Isotop Uran-235 anzureichern und somit für die Verwendung in Kernreaktoren nutzbar zu machen. Ein Anreicherungsgrad von bis zu 5 % des Spaltstoffs ist speziell bei allen Leistungsreaktoren üblich.

Der folgende Artikel befasst sich mit der Separation schwerer Uranisotope und nicht mit der Trennung anderer Moleküle, Stoffe oder Teilchen durch Ultrazentrifugen.

Prinzip

Die Gaszentrifugen-Technologie gilt als Nachfolger der Gasdiffusionsmethode[2] bzw. ist der Stand der Technik in diesem Bereich. Gaszentrifugen nutzen ein physikalisches Prinzip zur Isotopentrennung.[3] Dieses trennt die Isotope des Urans anhand ihrer Atommassen. Chemische Trennverfahren wie Reduktion oder Ausfällung sind nicht anwendbar, da die chemischen Eigenschaften der Isotope zu ähnlich sind.

Technik

Uran-Gaszentrifugen werden industriell bei der Uran-Anreicherung eingesetzt. Dabei wird gasförmiges Uranhexafluorid in Fraktionen mit höherem Anteil an 238U auf der einen sowie einem höheren Anteil am etwas leichteren 235U auf der anderen Seite separiert.

Für eine signifikante Anreicherung ist es erforderlich, eine große Anzahl von Gaszentrifugen in einer Kaskade hintereinandergeschaltet zu betreiben, wobei moderne Gegenstrom-Zentrifugen zur Anwendung kommen. Das in Spuren vorhandene 234U, welches aus 238U entsteht (Alphazerfall des 238U gefolgt von zwei Betazerfällen), wird dabei sogar verhältnismäßig noch stärker angereichert als 235U, was zum „Fingerprinting“ (Rückverfolgbarkeit) von Uran aus Wiederaufarbeitung genutzt werden kann.

Aufgrund der sehr geringen Masseunterschiede der verschiedenen Isotope muss eine Gaszentrifuge mit sehr hohen Drehzahlen arbeiten und aus hochfesten Werkstoffen bestehen. Laut dem „Lexikon für Physik“[4] hat eine Zentrifuge mit einer Drehzahl von 76.000/min und einem Radius von 6,5 cm einen Anreicherungsgrad von 1,16.

Im Vergleich zu anderen Urananreicherungsverfahren benötigen Gaszentrifugen jedoch einen geringeren Energieeinsatz, sind dafür komplexer, beispielsweise was die Steuerung der Anlagen und die Anforderungen an die verwendeten Materialien betrifft. Man schätzt, dass etwa 200 kWh/kg Urangemisch benötigt werden.[4] Des Weiteren ist die Beherrschung von Fluorchemie notwendig.

Geschichte

Anwendung

Das durch Gasdiffusion angereicherte Spaltmaterial (Uran-235) wurde in großen Mengen produziert und sowohl zivil als auch militärisch genutzt, beispielsweise in Forschungsreaktoren, Kernreaktoren in Atom-U-Booten oder für Kernsprengköpfe in Atomwaffen. Der Anreicherungsgrad in einem Brennelement hat Einfluss auf die Reaktivität eines Kernreaktors.

Gaszentrifugen bzw. die von den Anlagen bereitgestellten Anreicherungskapazitäten sind seit einigen Jahrzehnten Teil des nuklearen Brennstoffkreislaufs. Sie ermöglichen die Anreicherung von Uran für verschiedene Reaktortypen, die nicht mit gewöhnlichem Uran betrieben werden können. Dies betrifft nahezu alle Leistungsreaktoren, die auf leichtem Wasser als Neutronenmoderator basieren.

Weltweit gibt es nur wenige Institute und Unternehmen, die diese Technologie beherrschen und kommerziell betreiben, beispielsweise die Enrichment Technology Company oder die paneuropäische Urenco.

Proliferation

Gaszentrifugen gelten als „kritische Technologie“ (Dual-Use), da hochkonzentriertes Uran-235 für Atomwaffen verwendet werden kann.[5] Als kritisch gilt ein Anreicherungsgrad an Uran-235 von über 20 % – in welchem Fall die restlichen 80 % Uran-238 sind. Die Anlagen werden daher im Rahmen der nuklearen Nichtverbreitung durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) inspiziert.[6] Der Nichtverbreitungsvertrag hat zum Ziel, die Verbreitung von Atomwaffen oder deren Technologie zu verhindern. Einige der unten genannten Länder betreiben seit Jahrzehnten ein Atomprogramm, das Auffälligkeiten und Abweichungen im Hinblick auf den friedlichen Nutzen der Kernenergie aufweist. Dazu zählen auch Gaszentrifugen zur Urananreicherung.

Im Jahr 2003 wurden Gaszentrifugen in Italien sichergestellt, die von dem Frachter BBC China auf dem Weg von Pakistan nach Libyen waren. Libyen erlaubte den USA die Geräte zu sichern. Sie wurden in die USA gebracht.

Iran

Der vorderasiatische Staat Iran hat im Zuge der Genfer Atomkonferenz und der Atoms-for-Peace-Rede sein ziviles Atomprogramm 1957 gestartet.[7] Es wurde ein Forschungszentrum und Forschungsreaktor errichtet und kommissioniert. Im Jahr 1974 unterschrieb Iran, als einer der Staaten, die den Atomsperrvertrag (NVV) unterschrieben haben, das NPT-Safeguards Agreement,[8] das der Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) die Inspektion von Nuklearanlagen ermöglicht. Zu nennen ist hier das Kernkraftwerk Bushehr, an dessen Bau auch die deutsche Kraftwerk Union (KWU) beteiligt war.

Im Jahr 2002 wurden Details zu einem bisher unbekannten Atomprogramm bzw. unbekannten Nuklearanlagen bekannt. Die neuen Anlagen sind in Natanz und eine Produktionsanlage für schweres Wasser in Arak. Letztere liegt auf dem Gelände des Reaktors IR-40. Der damalige iranische Präsident Mohammad Chatami bestätigte die Informationen und lud die IAEO zu Kontrollen ein. Seitdem gab es kontroverse Informationen über das iranische Nuklearprogramm hinsichtlich einer zivilen oder möglicherweise militärischen Nutzung von Kernenergie. Eine besondere Rolle spielten dabei eine oder mehrere unterirdische Urananreicherungsanlagen.

Im Jahr 2010 wurden iranische Anlagen mit Gaszentrifugen durch den Computerwurm Stuxnet angegriffen. Durch die von außen veränderte Drehzahl wurden zahlreiche Zentrifugen destabilisiert und zerstört.[9]

Die IAEO und die P5+1-Staaten versuchten zuletzt, mit der Islamischen Republik Iran ein Abkommen zur zivilen Nutzung der Kernenergie auszuarbeiten. Seit 2015 wurde an dem Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) gearbeitet, der auf dem Vorgänger, dem Iran nuclear deal framework, aufbaute. Die diplomatischen Bemühungen blieben jedoch bis 2025 ohne signifikanten Erfolg. Ein Teil der Anlagen, in denen Gaszentrifugen vermutet wurden, wurde im Jahr 2025 in mehreren Präventivschlägen der USA und Israels angegriffen und vermutlich beschädigt.[10] 2026 ging es mit Epic Fury weiter.

Pakistan

Es ist bekannt, dass der pakistanische Ingenieur Abdul Kadir Khan die Technologie der Gaszentrifugen in den 1970er Jahren bei Urenco kennengelernt (oder mitentwickelt) hat und sie später für das Atomprogramm Pakistans entwendete.[11][12] Eine bekannte Anlage oder Komplex in dem Land sind die Khan Research Laboratories (KRL), nördlich in Kahuta.

Nordkorea

Am 13. September 2024 veröffentlichte die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur Korean Central News Agency (KCNA) bisher unbekannte Einblicke in eine Anlage (Gaskaskaden) zur vermuteten Urananreicherung mittels Gaszentrifugentechnologie. Nordkorea hatte in den 1990er Jahren Kontakte zu Pakistan. Es ist nicht klar, ob es zu einem Technologietransfer kam oder ob das Land die Technologie selbst entwickelt hat. Das geplante zivile Atomprogramm Nordkoreas (siehe Agreed Framework und Korean Peninsula Energy Development Organization) spielte möglicherweise auch eine Rolle, da für die geplanten Leichtwasser-basierten Leistungsreaktoren schwach angereichertes Uran notwendig gewesen wäre als Teil des nuklearen Brennstoffkreislaufs.

Entwicklungen

Im Jahr 2023 wurde eine kommerzielle (zivile) Urananreicherungsanlage, die erste in Jahrzehnten, in den USA eingeweiht. Die Anlage befindet sich in Piketon, Ohio. Sie wird von Centrus Energy und dem Teilunternehmen American Centrifuge Operating betrieben.[13] Die USA haben über Jahrzehnte ihre Urananreicherung mittels Gasdiffusion betrieben. Die Anlagen (z. B. K-25 aus dem Jahr 1945) sind jedoch bereits vollständig abgebaut.

Literatur

Commons: Gaszentrifuge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Gaszentrifuge – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI