Gerhard Bondi
deutscher Ökonom
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−Gerhard Bondi (* 9. März 1911 in Karbitz, Bezirk Aussig, Böhmen; † 3. Dezember 1966 in Ost-Berlin[1]) war ein deutscher Ökonom, Wirtschaftshistoriker und SED-Funktionär. Er lehrte von 1954 bis zu seinem Tod als Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle, deren Rektor er 1959–1963 war. Bondi war einer der Pioniere der marxistischen Wirtschaftsgeschichte in der DDR und leistete insbesondere Beiträge zur Geschichte der politischen Ökonomie.
Leben
Gerhard Bondi wuchs als Sohn eines kaufmännischen Angestellten im mehrheitlich deutschsprachigen Teil Nordböhmens auf, der nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie Österreich-Ungarn 1918 zur Tschechoslowakei gehörte. Er besuchte das Gymnasium in Teplitz und in Bergreichenstein. Nach dem Abitur 1928 studierte er zunächst Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule für Welthandel in Wien, 1929 wechselte er nach Berlin, wo er an der Universität und der Handelshochschule Wirtschafts- und Rechtswissenschaft studierte. In Wien war Bondi Mitglied und Funktionär der Roten Studentengruppe der SPÖ, in Berlin trat er 1929 der KPD bei.[1]
Nachdem er das Studium 1931 aus Geldmangel vorerst abbrechen musste, arbeitete er bis 1932 als kaufmännischer Mitarbeiter bei der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin. 1933/34 studierte er noch an der Handelshochschule Nürnberg. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland wurde Bondi wegen „kommunistischer Umtriebe“ der Hochschule verwiesen und ging zurück in die Tschechoslowakei. Dort setzte er sein Studium an der Staats- und Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Deutschen Universität Prag fort und wurde im Dezember 1938 zum Dr. jur. promoviert. Parallel war er von 1934 bis 1938 hauptamtlicher Parteisekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei in Böhmen.[1]
Wegen der „Zerschlagung“ der Tschechoslowakei und Besetzung Böhmens durch NS-Deutschland im März 1939 floh Bondi nach Großbritannien. Dort arbeitete er zunächst als Bote, dann als Sekretär des Free Austrian Movement in der Flüchtlingshilfe und schließlich als Statistiker und wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im britischen Handelsministerium.[1]
Im Jahr 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und trat der SED bei. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde Bondi Mitarbeiter für Planung und Statistik der Deutschen Zentralverwaltung für Energiewirtschaft und Brennstoffindustrie, nach Gründung der DDR war er von 1949 bis 1951 Präsident der Zentralverwaltung für Statistik. Nach einer Parteiüberprüfung wurde er in Absprache mit der Kaderabteilung im Zentralkomitee der SED aus dieser Position wegdelegiert und stattdessen zum Dozenten an der Deutschen Verwaltungsakademie (DVA) in Forst Zinna ernannt.[1]
Bondi wurde 1953 als Dozent für Allgemeine Wirtschaftsgeschichte Deutschlands und Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen an die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle (MLU) berufen. Er wurde dort zugleich mit der Wahrnehmung einer Professur beauftragt und zum Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte ernannt, das er bis zu seinem Tod leitete. Mit einer Arbeit zur Geschichte des deutschen Außenhandels in der Zeit von 1815 bis 1870 habilitierte er sich 1955 in Halle bei Jürgen Kuczynski.[1]
Anschließend wurde Bondi an der MLU zum Professor mit vollem Lehrauftrag und 1958 zum Professor mit Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte und Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen ernannt. Er war 1955/56 Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und 1958/59 Prorektor für den wissenschaftlichen Nachwuchs der MLU. Von 1959 bis 1963 war er Rektor der Universität Halle. Zwischen 1960 und 1964 war Bondi außerdem Mitglied der SED-Bezirksleitung Halle.[1]
Bondi gehörte dem Präsidium der 1958 gegründeten Deutschen Historiker-Gesellschaft (der DDR) an und erhielt 1959 den Vaterländischen Verdienstorden in Silber.[1]

Schriften (Auswahl)
- Die Rolle der Statistik in einer geplanten Wirtschaft. 1950
- Deutschlands Außenhandel 1815–1870. In: Allgemeines Statistisches Archiv, 1958
- (Hrsg.): Ökonomische Studientexte. Berlin, 1959
- David Ricardo: Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung. Übersetzung und Einleitung Gerhard Bondi. Berlin, 1959
- Der Beitrag des Hallischen Pietismus zur Entwicklung des ökonomischen Denkens in Deutschland. In: Martin Greschat (Hrsg.): Zur neueren Pietismusforschung (= Wege der Forschung, Bd. 440). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1977, S. 259–293, ISBN 3-534-06688-X.
Literatur
- Gerhard Bondi zum Gedenken (Nachruf). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Band 15 (1967), Nr. 2, S. 310.
- Werner Röder; Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Band 2,1. München : Saur, 1983, ISBN 3-598-10089-2, S. 131
- Gerhard Bondi, bei Bundesstiftung Aufarbeitung
- Claus-Dieter Krohn: Bondi, Gerhard. In: Harald Hagemann, Claus-Dieter Krohn (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration nach 1933. Band 1: Adler–Lehmann. Saur, München 1999, ISBN 3-598-11284-X, S. 59f.
Weblinks
- Literatur von und über Gerhard Bondi im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek