Geschichte der Juden in Odessa

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Die Geschichte der Juden in Odessa ist die Beschreibung einer reichhaltigen jüdischen Kultur und vieler tragischer Ereignisse. In Odessa fand 1821 das erste Pogrom der jüngeren europäischen Geschichte statt. Odessa war eines der wichtigsten Zentren jiddischer Kultur in Russland, der Gründungsort der zionistischen Bewegung und ein Zentrum der frühen jüdischen Arbeiterbewegung. Isaak Babel setzte der Stadt mit seinen Geschichten aus Odessa ein bleibendes Denkmal.

Hauptsynagoge in Odessa
Juden in Odessa 1876
Mendele Moicher Sforim, Scholem Alejchem, Ben-Ami, Chaim Bialik, Odessa 1910
Isaak Babel, Autor der Geschichten aus Odessa

Geschichte

Anfänge

1794 wurde Odessa auf Erlass von Katharina II. als strategisch wichtige Hafenstadt am Schwarzen Meer gegründet. Die Stadt wurde mit Personen der verschiedensten Nationalitäten wie Russen, Ukrainern, Juden, Griechen und anderen besiedelt. Die Juden waren in Odessa vor allem als Geschäftsleute und Händler tätig. 1798 wurde die erste jüdische Gemeinde in Odessa gegründet und die erste Holz-Synagoge erbaut. Sie befand sich ungefähr dort, wo heute der Busbahnhof steht.[1]

Ausschreitungen 1821

Bei der Beerdigung von Patriarch Gregor V. von Konstantinopel kam es am 19. Juni 1821 zu ersten Ausschreitungen gegen Juden in Odessa, bei denen 14 Juden getötet wurden. Akteure waren Griechen und andere Nationalitäten. Die Hintergründe lagen in ethnischen und ökonomischen Rivalitäten zwischen beiden Gruppen. Sie beschuldigten die jüdische Bevölkerung, im griechischen Unabhängigkeitskampf auf der Seite der osmanischen Herrschaft zu stehen sowie an der Ermordung des Patriarchen beteiligt gewesen zu sein. Die Polizei konnte im Laufe des Tage die in Gruppen agierenden Angreifer stoppen, die jüdische Geschäfte und Häuser attackierten. Zuvor hatte es bereits schwerere Ausschreitungen in Griechenland und Moldawien mit zahlreichen Toten gegeben.[2] Der Gewaltausbruch gilt als das erste als Pogrom bezeichnete Ereignis.[3]

Entwicklung

1826 wurde eine jüdische Schule eröffnet. Das jüdische Spital in der Moldauer Vorstadt wurde zum Krankenhaus mit 60 Betten ausgebaut.[4] Um 1840 ist ein jiddisches Theater in Odessa erwähnt, eines der ersten überhaupt. 1844 sind für die etwa 12.000 Juden mehrere Synagogen belegt, darunter die Vorgängergemeinde der Brodsky Synagoge, die als Privatsynagoge beschrieben wird, drei geschlossene Synagogen, die bereits als baufällig galten, die Synagoge der Schneider (heute Bejt-Chabat-Synagoge) und zwei „warme“ Synagogen. Zudem gab es damals zirka 30 Bethäuser. Eine Zählung im Jahr 1842 ergab 228 jüdische Läden und hunderte Handwerker (278 Meister, 335 Gesellen).[5] Zwischen 1850 und 1855 bekam Odessa mit der Errichtung der Or-Sameach-Synagoge eine Hauptsynagoge.

Nach dem Krimkrieg sank die Bedeutung Odessas für den Getreideexport, so dass griechische Händler bankrottgingen und jüdische Kaufleute mehr Einfluss gewannen. Diese stellten zudem bevorzugt jüdische Arbeiter ein, weshalb es regelmäßig – und insbesondere während der Osterfeiertage – zu Spannungen zwischen beiden Gruppierungen kam, wobei 1858 griechische Seeleute durch die Polizei aufgehalten werden konnten, aber 1859 ein Pogrom stattfand, nachdem ein Riutalmordgerücht verbreitet wurde. Hunderte Griechen griffen mit Messern bewaffnet ein jüdisches Viertel an. Es gab einen Toten und viele Verletzte. Die Ausschreitungen dauerten zwei Tage an, da die Polizei sie nicht unter Kontrolle bekam.[6]

Literatur und Theater

Odessa wurde eines der wichtigsten Zentren der jüdischen Publizistik, Literatur und Theater. 1860 erschien Ha-Meliz, die erste hebräischsprachige Zeitung in Russland. Herausgeber war Alexander Zederbaum. 1862 erschien Kol mevaser als Beilage als erste jiddische Zeitung in Russland. Abraham Goldfaden arbeitete nach 1866 als Lehrer in der Stadt und veröffentlichte frühe Prosa.

1878 kamen verschiedene Akteure des jiddischen Theaters aus Rumänien nach Odessa wie Nachum Schaikewitsch, Israel Grodner, Israel Rosenberg, Moses Horowitz, Ossip Lerner. Jakob Adler. Auch Autoren wie Mendele Moicher Sforim lebten und publizierten hier.

1883 wurden Theateraufführungen im Russischen Reich verboten. Fast alle jiddischen Schauspieler gingen nach London und in die USA.

Weitere Pogrome

Während der Osterfeiertage 1871 kamen am 9. April, dem Ostersonntag, erneut Gerüchte in Umlauf. Zum einen wurde behauptet, Juden hätten das Kreuz von einer griechisch-orthodoxen Kirche gestohlen, zum anderen, dass ein Jude lautstark feiernde griechisch-orthodoxe Christen dort mit einem Stein beworfen habe. Zunächst wurden jüdische Häuser nahe der Kirche angegriffen, doch die Behörden schritten nicht ein, was sie sonst stets getan hatten. Am Ostermontag gesellten sich Russen und Ukrainer zu den Angreifern und überfielen jüdische Geschäfte, die sie ungehindert beschädigten und beraubten. In der Folge verteilten sich Gruppen auf einzelne Straßen und warfen unter anderem die Scheiben von zwei Synagogen ein. Erst spät griffen die Behörden ein, doch auch am Folgetag kam es zu schwereren Ausschreitungen. Ermutigt durch das Verhalten der Polizei und das Gerücht, der Zar habe Plünderungen erlaubt, wurden nun auch gezielt jüdische Wohnhäuser ausgeraubt. Nur mit großer Mühe, dem Einsatz von Militär mit Schusswaffen und Artillerie, konnten die Angriffe gestoppt werden, die daraufhin aber noch im Moldau-Viertel weitergingen. Allein an diesem Tag wurden 217 Wohnungen zerstört sowie die Mauer der großen Synagoge eingerissen. Teilweise wurden Häuser in Brand gesteckt. Die Opferzahlen variieren und reichen von sechs Toten und 21 Verletzten bis hin zu 20 Toten und schwerer 60 Verletzten. Man zählte insgesamt 863 zerstörte Häuser und 552 zerstörte Geschäfte sowie mehrere zerstörte Synagogen. Dazu kam der wirtschaftliche Schaden: hunderte obdachlose Familien und zahlreiche geplünderte Warenlager. Man verhaftete über 1000 Angreifer und peitschte sie teils öffentlich aus. Auch hier hatten sich ökonomische und religiöse Gründe vermischt. In der russischen Presse wurden den Juden eine Mitschuld gegeben, da sie „ökonomische Ausbeuetung“ betreiben würden. Man schlug dort daher die Auflösung des Ansiedlungsrayons vor, um die jüdische Bevölkerung weiter zu verteilen.[7][8]

Im Rahmen der großen antijüdischen Pogromwelle nach der Ermordung des russischen Kaisers Alexander II. im Jahr 1881, zählte man über 200 Pogrome im Ansiedlungsrayon, die dadurch angeheizt wurden, dass man die Rolle der Jüdin Gessja Gelfman überhöhte, die in die Planung des Attentats durch die Perwomartowzy der Narodnaja Wolja involviert war und teils „die Juden“ als Drahtzieher darstellte. Zudem gab es – wie schon 1871 – das Gerücht, der Kaiser habe Plünderungen gegen Juden erlaubt. In Odessa erließ man vorsichtshalber Versammlungsverbote und sammelte zudem Militär und Polizei in der Stadt, so dass es Ende Mai 1881 zwar zu antijüdischen Ausschreitungen kam, diese aber binnen einer Stunde beendet werden konnten. Man verhaftete dafür mehr als 1500 Menschen.[9]

Zionistische Bewegung

Nach den Pogromen im Ansiedlungsrayon entstand eine Auswanderungswelle nach Westeuropa und in die USA und die zionistische Bewegung in Ostmitteleuropa würde gestärkt, da der Weg der Assimilation als gescheitert angesehen wurde. Sie strebte eine Auswanderung der Juden nach Palästina an. 1884 wurde Odessa Sitz von Chibbat Zion in Russland. Wichtige Akteure waren Leo Pinsker und Mosche Leib Lilienblum.[10][8] 1890 wurde die „Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Bauern und Handwerker in Syrien und Palästina“ (Odessa-Komitee) gegründet. 1892 kam Scholem Alejchem nach Odessa. Er unterstützte auch die zionistische Bewegung. 1902 wurde in Odessa einer der ersten Ortsverbände der zionistisch-sozialistischen Bewegung Poale Zion gegründet. 1904 entstand aus deren Mitgliedern die Zionistische Sozialistische Arbeiterpartei.

Wachsender Bevölkerungsanteil

Da sich Juden nur im Ansiedlungsrayon des Russischen Kaiserreichs niederlassen durften, stieg nicht nur ihre absolute Zahl von etwa 14.000 im Jahr 1858 auf fast 140.000 im Jahr 1897, sondern auch ihr Bevölkerungsanteil wurde deutlich größer und stieg im gleichen Zeitraum von 14 auf 35 Prozent. Juden wurden dadurch deutlich sichtbarer, dominierten den Getreidehandel, waren im Bankgeschäft stark vertreten, machten 50 Prozent der Mitglieder Händlergilden aus, führten mehr als die Hälfte der Geschäfte und Firmen, dominierten die Herstellung von Stärke, raffiniertem Zucker, Blechwaren, Chemikalien und Tapeten und waren dabei überdurchschnittlich produktiv. Zugleich gab es aber auch zehntausende jüdische Bewohner, die an der Armutsgrenze lebten. Zudem gelang es ihnen trotz des großen Bevölkerungsanteils nicht, politischen Einfluss in Odessa zu erlangen. Nur einige Dutzend fanden Arbeit bei der kaiserlichen Regierung, in der Justiz oder der städtischen Verwaltung, zumal ihnen durch die Kommunalreform von 1892 der Zugang gezielt erschwert wurde und ihnen die Wahl von Vertretern in den Stadtrat nicht mehr möglich war.[8] Ende des 19. Jahrhunderts gab es 63 jüdisch-religiöse Einrichtungen in Odessa.[11]

1905 bis 1917

Bundisten mit Toten, Odessa 1905

Der russische Zensus 1897 ergab einen jüdischen Bevölkerungsanteil von 30,83 % in Odessa, was rund 125.000 Personen entsprach.[12] Juden waren damit die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe der Stadt, nach den Russen mit 49,09 % und deutlich zahlreicher als die Ukrainer in Odessa (9,39 %). 1905 kam es erneut zu schweren Ausschreitungen gegen Juden.

Nach 1919 schuf die sowjetische Macht neue Möglichkeiten für jüdisches Leben. Isaak Babel veröffentlichte 1931 die Geschichten aus Odessa und prägte damit das Bild der Stadt für viele Jahre. 1939 lebten in Odessa rund 200.000 Juden, 33,3 % der Bevölkerung.[13]

Ermordung der Juden 1941–1944

1941 eroberte die deutsche Wehrmacht die Stadt. Beim Massaker von Odessa wurden viele Juden getötet.

Sowjetunion

Nach dem Zweiten Weltkrieg erholte sich die jüdische Gemeinde Odessas wieder. 1959 waren wieder 16,2 % der Odessiten Juden.[14] Ab den 1970er-Jahren begann eine starke jüdische Auswanderung aus der Sowjetunion in Richtung Israel, USA und Westeuropa. Trotz teils restriktiver Maßnahmen, mit denen die Sowjetunion versuchte, die Migrationsbewegungen zu verhindern, sank der Anteil der jüdischen Bevölkerung über die Jahre konstant. 1989 lebten in Odessa noch knapp 66.000 Juden, was 5,9 % der Stadtbevölkerung ausmachte.

Ukraine

Nach der Unabhängigkeit der Ukraine wanderten die Mehrheit der verbliebenen Juden Odessas aus, wozu auch die schwierige wirtschaftliche Situation der nun unabhängigen Ukraine beitrug.

2001 lebten rund 12.000 Juden in Odessa (1,2 % der Bevölkerung).[15][16] 2018 lebten nur noch 5.000 Juden in Odessa. Rund 300 von ihnen gehörten damals der Gemeinde Imanu-El mit der Rabbinerin Julia Gris an.[17] Noch immer gibt es in der Stadt mehrere Synagogen, koschere Restaurants und jüdische Geschäfte.

Commons: Geschichte der Juden in Odessa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Odessa in YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe

Literatur

Einzelnachweise

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