Glass Lewis
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Glass, Lewis & Co., LLC (kurz Glass Lewis) ist ein US-amerikanisches Beratungsunternehmen im Bereich Corporate Governance mit Sitz in San Francisco. Das 2003 gegründete Unternehmen zählt neben Institutional Shareholder Services (ISS) zu den weltweit führenden Stimmrechtsberatern (Proxy Advisors). Glass Lewis unterstützt institutionelle Investoren bei der Analyse von Hauptversammlungsabstimmungen sowie bei Fragen der Unternehmensführung und Nachhaltigkeit.
| Glass, Lewis & Co., LLC | |
|---|---|
| Rechtsform | Privatunternehmen |
| Gründung | 2003 |
| Sitz | San Francisco, Kalifornien, |
| Leitung | Bob Mann (CEO, Stand 2026) |
| Mitarbeiterzahl | ca. 1.500 (2025)[1] |
| Branche | Unternehmensberatung |
| Website | www.glasslewis.com |
Geschichte
Glass Lewis wurde 2003 gegründet, um institutionellen Anlegern unabhängige Analysen zu Corporate-Governance-Themen und Abstimmungsentscheidungen bereitzustellen. Ein bedeutender Schritt war die Übernahme des Unternehmens durch den kanadischen Pensionsfonds Ontario Teachers’ Pension Plan (OTPP) im Jahr 2007 für einen Kaufpreis in Höhe von 46 Millionen US-Dollar. Davor hatte sich Glass Lewis im Besitz der chinesischen Xinhua-Gruppe befunden.[2]
In den 2010er Jahren erweiterte Glass Lewis sein Angebot um ESG-Analysen (Environmental, Social and Governance) sowie spezialisierte Dienstleistungen zur Bewertung von Klimarisiken und Nachhaltigkeitsstrategien. Parallel dazu wuchs die Bedeutung des Unternehmens im globalen Markt für Stimmrechtsberatung deutlich. So konnte der Marktanteil in der Nische der Stimmrechtsberatung zwischen 2007 und 2021 ausgebaut werden und zum dominanten Marktführer ISS aufgeschlossen werden.[3]
Im Juni 2015 übernahm Glass Lewis die IVOX GmbH, Deutschlands führenden unabhängigen Anbieter von Stimmrechtsberatungs- und Governance-Dienstleistungen für institutionelle Anleger.[4]
Im März 2021 erwarben die Private-Equity-Gesellschaft Peloton Capital Management und der Finanzdienstleistungsunternehmer Stephen Smith Glass Lewis vom Ontario Teachers' Pension Plan und der Alberta Investment Management Corp.[5]
Tätigkeit
Glass Lewis bietet institutionellen Investoren ein breites Spektrum an Dienstleistungen im Bereich Corporate Governance und nachhaltige Finanzanalyse:
- Stimmrechtsberatung (Proxy Advisory): Analyse von Hauptversammlungsunterlagen und Erstellung von Abstimmungsempfehlungen
- Governance-Research: Bewertung von Unternehmensführung, Vergütungssystemen und Aktionärsrechten
- ESG- und Nachhaltigkeitsanalysen: Einschätzung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken
- Proxy Voting Services: Unterstützung bei der technischen Durchführung von Abstimmungen
- Engagement-Services: Beratung von Investoren im Dialog mit Unternehmen
Glass Lewis analysiert jährlich tausende börsennotierte Unternehmen weltweit und betreut Kunden wie Vermögensverwalter, Pensionsfonds und Versicherungen. Das Unternehmen unterhält Büros in den Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich, Irland, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Rumänien, Schweden, Australien, Japan und den Philippinen.[6]
Marktmacht und Kritik
2021 kontrollierte Glass Lewis 42 Prozent des Marktes in der Stimmrechtsberatung und hatte damit gemeinsam mit ISS (48 Prozent) ein De-Facto Monopol.[3] Insgesamt kontrollieren die Klienten von Glass Lewis (z. B. große Fondsmanager wie BlackRock) ein Vermögen von ca. 40 Billionen US-Dollar (2026).[6] Studien zeigen, dass die Empfehlungen von Proxy Advisern einen messbaren Effekt auf Abstimmungsergebnisse haben können, insbesondere bei umstrittenen Beschlüssen wie Vorstandsvergütungen, der Besetzung von Aufsichtsräten oder Übernahmen.[3] Neben dem großen Einfluss auf die Corporate Governance wurden Berater wie Glass Lewis auch für eine Homogenisierung der Unternehmenskultur verantwortlich gemacht, bei der strategische Unternehmensführung in den Vorständen zunehmend durch Compliance ersetzt wird.[7]
Das Unternehmen bekennt sich zur Anwendung von ESG-Kriterien zur nachhaltigen Unternehmensführung. Die Richtlinie von Glass Lewis empfiehlt möglicherweise, gegen Vorstände zu stimmen, die nicht ausreichend vielfältig besetzt sind.[8] Im Oktober 2025 kündigte das Unternehmen auf Druck von Politikern der Republikanischen Partei Pläne an, die Bereitstellung von Research-Ergebnissen und Abstimmungsempfehlungen grundlegend zu ändern, wozu auch gehört, dass den Kunden keine standardisierten Abstimmungsempfehlungen mehr gegeben werden. Auf spezifische Benchmarks soll dabei künftig verzichtet werden.[9][10]
Im Dezember 2025 unterzeichnete Präsident Donald Trump eine Durchführungsverordnung zur Überprüfung der bestehenden Vorschriften für Stimmrechtsberatungsunternehmen und erklärte, dass diese „ihre erhebliche Macht regelmäßig dazu nutzen, radikale, politisch motivierte Agenden voranzutreiben und zu priorisieren“.[11]
Interessenskonflikte
Im April und Mai 2019 verzichtete Glass, Lewis & Co. kontroverserweise darauf, sich bei der Abgabe von Abstimmungsempfehlungen im Rahmen eines Proxy-Kampfes bei Knight Therapeutics, einem kanadischen Unternehmen, der Empfehlung zu entziehen. Im Vorfeld der Abstimmung am 7. Mai 2019 stellte sich Glass, Lewis & Co auf die Seite der Kandidatenliste, zu der auch Kevin Cameron gehörte, ein Mitbegründer und ehemaliger leitender Angestellter von Glass, Lewis & Co selbst.
