Gloria Cabral
Paraguayanische Architektin
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Gloria Maria Cabral Insaurralde (* 1982 in São Paulo, Brasilien) ist eine paraguayische Architektin. In ihrem Werk verwendet sie Abbruchmaterial und regionale Baustoffe, um den massiven Verbrauch von Energie und natürlichen Ressourcen beim Bauen zu verringern. Sie setzt das Material innovativ sowie in einfacher Verarbeitung ein. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet.

Biografie
Die Eltern kamen aus Paraguay und ihre zwei älteren Geschwister wurden dort geboren. Ihre jüngere Schwester und sie erblickten in São Paulo das Licht der Welt.[1] Als Gloria Cabral sechs Jahre alt war, ließ sich die Familie in Asunción nieder. Sie war dort ab dem Alter von neun Jahren Schülerin des 1964 gegründeten Colegio Experimental Paraguay-Brasil. Bei dem Hauptgebäude des Colegio handelte es sich um einem Bauwerk des Architekten Affonso Eduardo Reidy. Die Grundsteinlegung erfolge 1952 und die Bauarbeiten begannen 1954. Das Gebäude wurde nie fertiggestellt, unfertig bezogen und nicht ausreichend unterhalten. Während der Schulzeit war Cabral von diesem modernen Beton-Gebäude fasziniert. Sie betrachtete es immer wieder und stellte sich vor, es wieder aufzubauen und fertigzustellen.[2]
Prägend waren weiter ihre Eltern. Cabrals Mutter Ema Insaurralde arbeitete als Innenarchitektin und führte sie an Kunst und Ästhetik heran. Sie konnte selbst in Paraguay nicht studieren, weil Gloria Cabrals Großvater politisch verfolgt war. Von Gloria Cabrals Vater Enrique Cabral, der am Itaipú-Staudamm mitgebaut hatte und in der Lage war, viele Gegenstände mit neuer Funktion zu recyclen, erbte Cabral die Neugier auf den Umgang mit Materialien. Sie entschied sich nach der Schule für ein Architekturstudium. Mitte des Studiums an der Universidad Nacional de Asunción stellte sie diese Entscheidung noch einmal in Frage. Kurz bevor sie aufsteckte, lernte sie den paraguayischen Architekten Solano Benítez kennen, der mit seiner Arbeit im Architekturbüro Gabinete de Arquitectura und mit seiner Herangehensweise an Architektur prägend wurde.[2]
Noch vor ihrem Universitätsabschluss 2003 arbeitete Gloria Cabral bei Gabinete de Arquitectura. 2004 bis 2020[3] war sie Geschäftspartnerin in diesem Büro. Neben den Gebäudeentwürfen waren dort die Baubudgets für die Projekte planungsbestimmend. Ziel war, mit den jeweiligen Mitteln das meiste zu erreichen. Gloria Cabral zeichnete verantwortlich für das Projekt des Kinderrehabilitationszentrums Teletón, das 2010 den ersten Preis auf der Panamerikanischen Biennale in der Kategorie Rehabilitation und Recycling gewann.[2]
2014 wurde Gloria Cabral von Peter Zumthor im Rahmen des Programms 2014/2015 der Rolex Artistic Initiative unter Bewerbern und Bewerberinnen aus der ganzen Welt ausgewählt. Sie arbeitete mit Zumthor an einem Teehausprojekt in Korea. Heute verbindet beide eine Freundschaft.[2][4]
Als bester Beitrag der Ausstellung „International Reporting from the Front“ wurde sie gemeinsam mit Solano und Solanito Benítez mit einem Goldenen Löwen 2016 auf der Biennale Venedig ausgezeichnet.[5] Sie erhielt 2018 den Moira Gemmill Prize for Emerging Architecture. Die Jury lobte ihr tiefes Verständnis für den materialgerechten Umgang mit den Konstruktionen und ihre sensiblen Entwürfe. Ihr Engagement sei außergewöhnlich und ihre Leidenschaft ansteckend.[6]
Gemeinsam mit Teresa Moller, José Cubilla und Solano Benítez zeichnete sie die Cité de l’architecture et du patrimoine in Zusammenarbeit mit der UNESCO im Jahr 2021 mit dem Global Award for Sustainable Architecture aus.[7]
Ab 2009 lehrte sie an der Nationalen Universität Asunción und war Gastprofessorin in Panama und Peru.[8] Gloria Cabral wurde 2020 mit der Ehrendoktorwürde der Universidad Nacional de Asunción ausgezeichnet.[9][10] Sie lebt und arbeitet inzwischen in Brasilien.[11]
Werk




Sie bevorzugt gemeinschaftliche Arbeitsmethoden. Ein Bauwerk entsteht nie alleine. Es ist Teamarbeit im Architekturbüro zusammen mit den ausführenden Maurern, Klempnern, Elektrikern und deren Teams. Auch mit Soziologen und Anthropologen und weiteren Disziplinen wird kooperiert. Jedes Bauwerk ist ein einzigartiges Zeugnis des gemeinsam entwickelten Denkens und der Raumentwicklung. Dabei muss das Material nicht das teuerste und raffinierteste sein.[2] Gloria Cabral verfolgt in ihrem Werk das Ziel der Ressourcenökonomie und der Wiederverwendung von Materialien. Die Geografie, Kultur und sozialen Bedingungen der Gebäudestandorte prägen ihre Entwürfe:
I believe everything begins with the wisdom of a place. However, when you not only understand what to do but also why you're doing it, wisdom transforms into adaptable knowledge applicable to any region.[12] (Ich glaube, alles beginnt mit der Weisheit eines Ortes. Wenn man jedoch nicht nur versteht, was zu tun ist, sondern auch begreift, warum es zu tun ist, verwandelt sich Weisheit in verinnerlichtes Wissen, das auf jede Region anwendbar ist.)
Gloria Cabral erfindet neue Formen aus lokalen und recycelten Materialien. Sie kombiniert Ziegel, Zement und recycelte Materialien neu. Es entsteht eine Variante des kostengünstigen Bauens, die die Basis für eine vielseitige Architektur bildet. Die Verwendung von regionalen, kostengünstigen Materialien hat auch soziale Aspekte. „In Paraguay“, sagt Cabral, „sind wir uns bewusst, dass Bauen eine der besten Möglichkeiten ist, Geld an normale, arbeitende Menschen zu verteilen.“[13]
Gloria Cabral, Sammy Baloji und die Kunsthistorikerin Cécile Fromont beteiligten sich mit dem gemeinsamen Beitrag Debris of History, Matters of Memory an der Biennale di Venezia 2023. Ein gemusterter Wandteppich aus Ziegeln zeigte den Wert von Schutt und das Potenzial für die Bildung von architektonischen, historischen und sozialen Strukturen für veränderte Zukunft.[14]
Cabral erhält immer wieder Einladungen an Universitäten in Panama, Bolivien, Hongkong und Paraguay. Sie lehrte an Institutionen wie The Cooper Union, Graduate School of Architecture, Planning and Preservation (GSAPP) an der Columbia University und am Royal College of Art.[9] Mit Studierenden forschte sie über Baustoffe in einer Kreislaufwirtschaft. Sie nutzte dabei beispielsweise schon Myzel, Algen, Kork, Biobeton oder lichtdurchlässiges Holz als Baumaterial.[1]
Werke (Auswahl)
Casa Verónica, Asunción
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Casa LA, Paraguay
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Ausstellungsprojekte (Auswahl)
- Breaking The Siege, Ausstellungsbeitrag auf der Biennale Venedig 2016[5]
- 6 x 8, Installation aus 144 Scheiben (Ziegelbruchstücke und Zement), Ausstellungsbeitrag zu Géométries sud, Fondation Cartier pour l'art contemporain 2018
- Debris of History, Matters of Memory Ausstellungsbeitrag auf der Biennale Venedig 2023[1]
Auszeichnungen (Auswahl)
- 2016: Goldener Löwe auf der Biennale di Venezia für Solano Benítez, Gloria Cabral und Solanito Benítez[5]
- 2018: Women in Architecture Awards, Moira Gemmill Prize for Emerging Architecture[6]
- 2021: Global Award for Sustainable Architecture[7]
Literatur
- Peter Zumthor: Solano Benitez & Gloria Cabral, Archives 6, El Croquis, 2020. ISBN 978-84-12-16251-6
- Jana Revedin, Marie-Hélène Contal: Sustainable design 9: Vers une nouvelle éthique pour l'archtecture et la ville/Towards a new Ethics for Architecture and the City, Alternatives, 2022, ISBN 978-20-7299742-6, S. 72–105.