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Gothaischer Hofkalender

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Der Almanach de Gotha oder Gothaischer Hofkalender, kurz meist nur Le Gotha bzw. Der Gotha genannt, war ein von 1764 bis 1943 jährlich in einer französischen sowie 1765–1943 einer deutschen Parallelausgabe in Gotha erscheinender Hofkalender, der sich seit dem 19. Jahrhundert vor allem als genealogisches Nachschlagewerk etablierte. Seit 2015 wird er vom Gothaischem Genealogischen Handbuch fortgesetzt.

Geschichte

Entstehung und erste Bände

Titelseite des Almanach de Gotha auf das Jahr 1771 (erschienen 1770).

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war der Höhepunkt der Almanache, eine spezialisierte Publikationsform, die vor allem von französischsprachigen Modellen geprägt war. Der später nur Gotha genannte Almanach fügt sich in diese Tradition ein und gehört zu den relativ vielen Almanachen, die in Gotha erschienen.[1] Dazu gehörte neben solchen zu anderen Themen (z. B. Theater) auch der von 1740 bis 1765 erscheinende Gothaische genealogische und Schreib-Calender, der aber meist nicht als Vorläufer des Gotha gilt.

Als unmittelbarer Vorgänger gilt vielmehr der knappe, in französischer Sprache verfasste Almanac nécessaire, den der Gothaische Hofmeister Wilhelm von Rotberg 1763 veröffentlichte.[2] Auf das Jahr 1764 schließlich erschien, auf unmittelbare Anregung Herzog Friedrichs III. von Sachsen-Gotha-Altenburg,[1] der Almanac de Gotha contenant diverses connoissances curieuses et utiles pour l'Année bissextile MCDDLXIV, im Folgejahr auch eine deutschsprachige Parallelausgabe unter dem Titel Gothaischer Kalender, zum Nutzen und Vergnügen eingericht auf das Jahr 1765.[3][4][5] Der Almanach wurde von Emanuel Christoph Klüpfel herausgegeben, wie Rotberg ein (Ober-)Hofmeister und für die Erziehung des Kronprinzen zuständig.

Den französischsprachigen Band von 1764 betrachtete auch die Gotha-Redaktion später als den eigentlichen Beginn des Almanach.[5][6]

Beginn als Hofkalender bis ca. 1800

Von 1768 bis ins frühe 19. Jahrhundert bestand der Almanach stets aus festen und variablen Artikels: Kernbestandteile waren ein Kalendarium und aktuelle Informationen über hochadelige Familien, wobei das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg stets besonders hervorgehoben wurde. Die wechselnden Artikel waren informative und unterhaltsame Texten und Bilder (Kupferstiche) mit sehr unterschiedlichen Themen, z. B. Literatur, Geschichte, Theater, Wissenschaften und Mode.[7]

Die Redaktion des Gotha korrespondierte mit Höfen, Kanzleien, Standesvereinigungen und einzelnen Adeligen, um aktuelle Informationen über Geburten, Eheschließungen, Konfession, Auszeichnungen und (zunehmend wichtig) die Abstammung der jeweiligen Adeligen bzw. Adelsfamilien zu erhalten. Die Hofkanzlei in Gotha unterstützte die Redaktion bei der Versendung von Fragebögen an Kanzleien in ganz Europa. Genealogische Informationen wurden im Wesentlichen von den Familien selbst bereitgestellt. Einträge zu Familien, die längere Zeit nicht auf Anfragen der Redaktion antworteten, konnten aus dem Almanach gestrichen werden. Die Redaktion überprüfte eingesandte Angaben, unter anderem mit Hilfe einer wachsenden Bibliothek an einschlägiger Literatur. Angesichts der vielfältigen Heiratsverbindungen innerhalb des europäischen Hochadels stellte auch das Zielpublikum selbst eine Kontrollinstanz dar; Falschangaben zumal zu aktuellen Eheschließungen und nahen Verwandten wären der Leserschaft aufgefallen.

Entwicklung zum genealogischen Standardwerk im 19. Jahrhundert

Titelseite des Almanach de Gotha auf das Jahr 1851.

In den ersten Jahrzehnten seines Erscheinens hatte der Almanach vor allem Informationen über die herrschenden Häuser und den Hofadel zusammengestellt. Um 1800, während bzw. nachdem die Napoleonischen Kriege (1792–1815), der Reichsdeputationshauptschluss (1803) und die folgende Säkularisierung die politische Landkarte Europas stark verändert hatten, viele ehemals souveräne Adelshäuser ihre Herrschaft verloren hatten und auch das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg ausgestorben war (1825), ändere sich die Ausrichtung des Almanach.[8]

Schon seit den 1790ern hatte der Almanach umfangreiche statistische Angaben aufgenommen. Artikel zur höfischen Kultur, Wissenschaft und schönen Künsten hingegen sowie bestimmte praktische Informationen (z. B. Termine von Messen) verschwanden um 1800. Neben europäischen Ländern wurden zunehmend auch Lateinamerika, Teile Asiens und auch Nordafrika berücksichtigt. Vor allem aber weitete er den Kreis der aufgenommenen Familien aus und räumte der Genealogie immer größeren Raum ein.[7] Zwischen 1786 und 1824 verdreifachte sich der Umfang des genealogischen Teils.[8]

Auch die Einteilung des Gotha änderte sich. Die Ausgabe für 1808 wurde auf Geheiß von Napoleon stark zensiert, und bis 1815 vermied die Redaktion Aussagen, die als Kritik an Frankreich verstanden werden konnten.[9] Seit 1824 wurde der Hochadel in drei Abteilungen behandelt, nämlich ersten die verbleibenden herrschenden Souveräne und ihre Häuser, zweiten die übrigen fürstlichen Häuser sowie drittens die Standesherren, eine seit der Bundesakte von 1815 neu gebildete Gruppe mediatisierter Grafenfamilien, die den fürstlichen Häusern als ebenbürtig galten. Andere gräfliche Häuser wurden ab 1825 im Genealogischen Taschenbuch der gräflichen Häuser erfasst, das ebenfalls jährlich erschien. Ab 1848 erschien eine weitere solche Reihe, das Genealogischen Taschenbuch der freiherrlichen Häuser.

Der verstärkten Konzentration auf Fragen der Abstammung, der Titulatur und der Ebenbürtigkeit entsprach die Nutzung des Gotha im Hochadel, der insbesondere bei Eheschließungen den Gotha konsultierte.[10]

Titelseite des Genealogischen Taschenbuchs der freiherrlichen Häuser für 1849.

Mit dem Hinzukommen der Taschenbücher war der Gotha vor allem ein genealogisches Sammelwerk, das überwiegend in deutscher Sprache erschien und vor allem den Adel der deutschsprachigen Länder erfasste. Wesentliche Quelle der Genealogien waren die Selbstauskünfte der Familien.[11][12] Die Redaktion überprüfte und bewertete die eingesandten Stammbäume und anderen Dokumente eigenständig. Das konnte Konflikte mit einzelnen Familien bzw. Standesverbänden auslösen, etwa mit dem Verein der deutschen Standesherren.[13] Ausdrücklich verzichtete die Redaktion aber auf die Anzeige von Eheschließungen, die gegen den Willen der Familien erfolgt waren, und verschwieg gegebenenfalls Ehescheidungen; hingegen nahm sie teilweise auch nicht ebenbürtige Eheschließungen auf, soweit die beteiligten Familien diese meldeten.[14] Allgemein wurden Informationen, die dem Selbstbild der im Gotha eingetragenen Familien nicht entsprechen (z. B. sozialer Abstieg), auch nicht an die Redaktion des Gotha weitergegeben.[11]

Je mehr sich der Gotha als Standardwerk für die Genealogien des (Hoch-)Adels etablierte, desto stärker wurde er auch in verschiedene Pläne zur Erstellung von Adelsmatrikeln einbezogen. Solche Versuche, vollständige Verzeichnisse des jeweiligen Adels eines Staats aufzubauen, wurden im 19. Jahrhundert von den Heroldsämtern mehrerer deutscher Staaten unternommen, scheiterten aber regelmäßig. Der Gotha diente bei solchen Versuchen, zum Beispiel in Preußen,[15] als Hilfsmittel. Nach der Reichsgründung arbeitete die Deutsche Adelsgenossenschaft mit der Redaktion des Gotha und dem Verlag Justus Perthes daran, eine solche Matrikel zu erstellen, was aber trotz umfangreicher Vorarbeiten in den 1890er Jahren ebenfalls scheiterte.[16][17]

Die Zusammenarbeit führte aber zur Gründung zweier weiterer Unterreihen des Gotha: ab 1900 erschien das Gothaische genealogische Taschenbuch der adeligen Häuser, das ab 1907 in Gothaisches genealogisches Taschenbuch der uradeligen Häuser umbenannt und um das Gothaische genealogische Taschenbuch der briefadeligen Häuser ergänzt wurde.[17] Damit schloss der Gotha über seine Genealogischen Taschenbücher zunehmend auch den Niederadel ein, der in dieser Zeit bereits seine rechtliche Sonderstellung weitgehend verloren hatte.

Anfang des 20. Jahrhunderts kritisierten adelige und nichtadelige Mitglieder der völkischen Bewegung den vermeintlich zu geringen Antisemitismus im Adels und thematisierte immer wieder angebliche oder tatsächliche jüdische Vorfahren einzelner Adeliger. Diese Kritik richtete sich auch gegen den Almanach de Gotha, der diese Adeligen und ihre Vorfahren aufzählte. Eine 1912 veröffentlichte antisemitische Polemik, die (oft irrige) Angaben über jüdische Vorfahren verschiedener Adeliger enthielt, trug den Titel Semi-Gotha und parodierte damit den Gotha.[18]

Entwicklung 1919–1945

Das Ende der Monarchie 1918 und die Abschaffung der Vorrechte des Adels in der Weimarer Republik bedeutete für den Adel und den Gotha eine scharfe Zäsur. Unter anderem hatte sich die Redaktion hinsichtlich der Zugehörigkeit zum Adel und anderen adelsrechtlichen Fragen stets am geltenden Recht orientiert, das es nun nicht mehr gab. Die Heroldsämter, die strittige adelsrechtliche Fragen klärten, wurden zwischen 1918 und 1920 ebenfalls abgeschafft. Gleichzeitig schlossen sich immer mehr Adelige den Vereinen an, deren Dachverband die Deutschen Adelsgenossenschaft war. Diese verstand sich ab 1919 als provisorische Fortsetzerin der alten Rechtsordnung. Ihr 1923 gegründete Adelsprüfungsausschuss (1926–34 auch „Ehrenschutzbund des Deutschen Adels“ genannt) wurde im Laufe der 1920er Jahre zu einer Entscheidungsinstanz in Fragen der Zugehörigkeit zum Adel, zu Anreden und zur Namensführung, wenngleich seine Entscheidungen ohne rechtliche Wirkung waren.[19] Auch die Redaktion des Gotha orientierte sich an den Entscheidungen dieses Gremiums; insbesondere unterschied er in seinen Einträgen zwischen Personen, die nach dem bis 1919 geltenden Adelsrecht adelig waren, und Personen, die zwar (z. B. durch Adoption) rechtmäßig einer ehemaligen Adelsfamilie angehörten und deren Namen führten, aber nach Ansicht des Adelsprüfungsausschusses nicht adelig waren: Die Namen der Letzteren wurden ausgeschrieben, hingegen nur bei Ersteren wurden Namensbestandteile wie „von“ oder „Freiherr“ abgekürzt (mit „v.“ bzw. „Frhr.“).[20][21]

Innerhalb der vom (oft verarmten) Niederadel dominierten Deutschen Adelsgenossenschaft gab es starke völkische und antisemitische Strömungen, die die Zugehörigkeit zum Adel zunehmend an eine nichtjüdische Abstammung der jeweiligen Adeligen knüpften. Auf Initiative von Hans Friedrich von Ehrenkrook und eines westfälischen Vertreters beschloss der Adelstag 1920, dass Adelige einen Ariernachweis vorlegen mussten, um in einen der Adelsgenossenschaft angeschlossenen Vereine aufgenommen zu werden.[22] Eine unter Schirmherrschaft des Adelsrechtsausschusses der D.A.G. neu erstelltes Verzeichnis des ‚reinblütigen Adels‘ sollte als rassebiologisch definierte Adelsmatrikel dienen und legte noch strengere Maßstäbe an die aufzunehmenden Familien an, was deren ‚arische‘ Abstammung betraf.

Titelseite des Gothaischen Genealogischen Taschenbuchs der Gräflichen Häuser für 1926, das damals zugleich als „Adelsmatrikel der Deutschen Adelsgenossenschaft“ fungieren sollte.

Die Gothaischen Taschenbücher waren der Deutschen Adelsgenossenschaft und ihrem Adelsprüfungsausschuss eng verbunden. Mit diesem schloss die Redaktion 1924 einen Vertrag, wonach die Gothaischen Taschenbücher zur offiziellen Adelsmatrikel der Deutschen Adelsgenossenschaft wurden und Fragen der Adelszugehörigkeit in Einvernehmen mit dessen Adelsprüfungsausschuss entschieden wurden.[23] Entsprechend führten die Taschenbücher ab 1924 den Untertitel „Adelsmatrikel der Deutschen Adelsgenossenschaft“ bzw. 1929-1934 „der im Ehrenschutzbund des deutschen Adels vereinigten Verbände“.[24] Der dem Hochadel gewidmete Almanach de Gotha blieb hingegen unverändert, nur dass ab 1929 das Kalendarium wegfiel und nur noch Genealogien enthalten waren.

Der Adelsprüfungsausschuss veröffentlichte seinerseits ab 1925 in der Tradition des Semi-Gotha ein Eisernes Buch Deutschen Adels Deutscher Art im Verlag Perthes, in dem auch der Gotha erschien.[18][25] Dieses Eiserne Buch verzeichnete ausschließlich solche Adelige, die nachweisen konnten, dass unter ihren 16 Ururgroßeltern allenfalls ein Jude oder ein ‚Farbiger‘ waren; bis 1936 gingen 6.000 Anmeldungen ein, eine bemerkenswert hohe Zahl. Von 1935 an markierten die Gothaischen Taschenbücher Einträge zu Familien, die auch im Eisernen Buch verzeichnet waren, mit einem „E“, andere Mitglieder der Deutschen Adelsgenossenschaft ab 1936 mit „D.A.G.“.[26][27]

Aufgrund von Papiermangel erschienen die Gothaischen Taschenbücher letztmalig 1941 für das Jahr 1942; das Gothaische Jahrbuch und der Almanach de Gotha letztmalig 1943 für 1944.[28]

Der Gotha nach 1945

Mit der Verstaatlichung des Betriebes in Gotha endete vorerst auch die Herausgabe des Almanach durch den Perthes-Verlag. Als Nachfolgewerk wurde auf Initiative von Hans Friedrich von Ehrenkrook 1951 das jährlich erscheinende Genealogische Handbuch des Adels im Starke-Verlag begründet. Es wurde und wird vom Deutschen Adelsarchiv bearbeitet und herausgegeben und lehnt sich stark an den Gotha bzw. die Taschenbücher an. Ähnlich wie der Gotha ist es in drei Abteilungen für den fürstlichen Hochadel, je eine für gräfliche und freiherrliche Familie sowie eine weitere für (andere) adelige Familie gegliedert, umfasste also anders als der Gotha von Anfang an auch den Niederadel. Abweichend von den adelsrechtlichen Neuerungen seit 1920 wurden stillschweigend auch wieder ‚Nichtarier‘ aufgenommen.[29]

Nach 1989 vergab die Familie Justus Perthes eine Lizenz zur Nutzung des Namens Almanach de Gotha, der einstigen französischsprachigen Reihe, an die Londoner Firma Almanach de Gotha Limited. Diese gab 1998 in London erstmals eine englischsprachige „184. Ausgabe“ als Volume I heraus, der die aktualisierten Genealogien der regierenden, vormals regierenden und mediatisierten Fürstenhäuser Europas sowie Brasiliens enthält und setzte in den Jahren 1999, 2000, 2003 und 2004 sowie erneut 2012 und 2013 Volume I fort. 2001 erschien ferner ein Volume II, das sonstige europäische Herzogs- und Fürstenhäuser enthält (vergleichbar also der III. Abteilung des alten Gothaischen Hofkalenders sowie der Bandreihe Fürstliche Häuser des Genealogischen Handbuchs des Adels).

Nachdem die Stiftung Deutsches Adelsarchiv im Jahr 2013 die Namensrechte am Almanach de Gotha vom Verlag Ernst Klett Stuttgart (als Rechtsnachfolger des Verlages Justus Perthes seit 1992) erworben hatte, gab sie mit dem seit 2015 erscheinenden Gothaischen Genealogischen Handbuch einen Nachfolger heraus, der erstmals seit 1944 auch im Titel auf die alte Tradition des Gotha Bezug nahm.

Anlässlich des Jahrestages des 200. Todestages von Justus Perthes im Jahr 2016 hatte der italienische Verleger Ettore Gallelli daher die Idee, dem Markt eine italienische Version anzubieten. Der italienische Gothaer Kalender wurde im März 2022 erstmals in Rom gedruckt.

Verleger

Verleger war zunächst Andreas Reyher, dann ab 1765 Mevius und dessen Schwiegersohn Johann Christian Dieterich (wobei Reyher zunächst weiter Drucker blieb), ab 1775 Carl Wilhelm Ettinger und schließlich Justus Perthes, der die Rechte ab 1785 von Ettinger pachtete.[1] Erst nach seinem Tod 1816 erschien „Justus Perthes“ als Verlagsangabe auf der Titelseite,[30] und erst 1828 erwarb sein Sohn Wilhelm Perthes die Rechte ganz.[1][31] Bis 1944 erschien der Almanach mit leicht wechselnden Titel in einer französischen und einer deutschen Ausgabe bei Perthes.[3][4] Der Verlag behielt die Rechte bis zu seinem Verkauf an den Ernst Klett-Verlag 1992. Im Jahr 2013 erwarb die Stiftung Deutsches Adelsarchiv die Namensrechte.

Zuverlässigkeit

Durch die lange Kontinuität seiner Erscheinung, eine enge Verbindung mit dem (hoch-)adeligen Milieu seiner Leserschaft und später durch die Anwendung genealogischer Methoden hat der Gotha eine hohe Reputation erlangt. Er galt als unparteiisch, überkonfessionell und sorgfältig. Ab 1839 erlegte die Redaktion sich selbst eine Strafe von einem Taler für jeden nachgewiesenen Fehler auf, was sie aber nach eigenen Angaben im Folgejahr nur in drei Fällen einlösen musste.[11] Kleinere Korrekturen hingegen wurden regelmäßig im Folgejahrgang publiziert, oft auf Basis von Einsendungen.

Der Almanach de Gotha und die Gothaischen Taschenbücher konnten daher, etwa vom preußischen Heroldsamt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als funktionaler Ersatz einer Adelsmatrikel genutzt werden, allerdings mit der Einschränkung, dass er nicht den gesamten Adel enthielt und im Wesentlichen auf Selbstauskünften der Familien beruhte.[12]

Der Gotha ist bis heute für die Adels- und der genealogischen Forschung sehr bedeutend.[32] Er galt und gilt bei seinen Lesern als sehr zuverlässig, gerade weil er in seinen genealogischen Teilen auf Auskünften der Familien selbst beruht. Aus Sicht der Adelsforschung hingegen ist der Gotha aus dem gleichen Grund zwar nützlich, aber nicht wissenschaftlich;[11] die moderne genealogische Forschung versteht Hofkalender und Adelslexika daher als Zwischending zwischen einer historischen Quelle und einem Hilfsmittel der Forschung.[15] Insbesondere das weitgehende Fehlen von Informationen, die dem Selbstbild der aufgenommenen Familien widersprechen, schränkt seinen Quellenwert ein.[11]

Literatur

  • Franz M. Eybl: Wie der Gotha zum Gotha wurde. Vom Staatskalender zum Medium adeliger Selbstverständigung. In: Urte Stobbe / Claude D. Conter (Hrsg.): Adel im Vormärz. Begegnungen mit einer umstrittenen Sozialformation. (= Forum Vormärz-Forschung. Vormärz-Studien. Band 46). Aistesis Verlag, Bielefeld 2023, S. 35–56. doi:10.5771/9783849818609-35.
  • Thomas von Fritsch, Die Gothaischen Taschenbücher, Hofkalender und Almanache: Bibliographie und Namenregister zu den bis 1944 erschienenen Taschenbüchern (= Aus dem Deutschen Adelsarchiv. Band 2). Starke, Limburg an der Lahn 1968.
  • Hans-Jürgen Lüsebrink: The Almanach de Gotha - production, distribution and circulation of a French-language almanac in Europe at the end of the eighteenth century and the first decades of the nineteenth century. In: Revista Internacional de Historia de la Comunicación 23 (2024), S. 15–31. doi:10.12795/RIHC.2024.i23.02
  • York-Gothart Mix: Genealogische Kalender als Medium europäischer Identität. In: Hans-Jürgen Lüsebrink/York-Gothart Mix (Hrsg.): Französische Almanachkultur im deutschen Sprachraum (1700–1815). Gattungsstrukturen, komparatistische Aspekte, Diskursformen. (= Deutschland und Frankreich im wissenschaftlichen Dialog. Band 3). V&R unipress, Göttingen 2013, ISBN 978-3-89971-892-8, S. 35–50.
  • Werner Paravicini: Wer reinkommt, ist drin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. September 2015, S. 10.
Commons: Almanach de Gotha – Sammlung von Bildern
Wikisource: Gothaischer Hofkalender – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

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