Große Umgestaltung der Natur

Sowjetische Kampagne zu effizienteren Nutzung der Natur From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Große Umgestaltung der Natur (russisch великое преобразование природы, wiss. Transliteration velikoe preobrazovanie prirody), manchmal auch Neuordnung der Natur genannt, bezeichnet eine Reihe von Großprojekten in der Sowjetunion, mit denen die effizientere Nutzung der Natur ermöglicht werden sollte. Wenngleich Vorläuferprojekte bereits zur Zeit Lenins entstanden, wird dieser Ausdruck vor allem mit der Herrschaftszeit Stalins verbunden. Die meisten Bauprojekte haben bis heute sichtbar gravierende ökologische Schäden hinterlassen und führten zum Aufstieg der Umweltbewegung innerhalb der Sowjetunion.

Eine Briefmarke der sowjetischen Post, die ein Kreissägeblatt zeigt, welches den letzten Baum eines abgeholzten Wldes fällt.
Briefmarke der sowjetischen Post aus der Serie "Umweltschutz" (1990)

Historischer Kontext

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Wassermangel in den trockeneren Gebieten des Russischen Zarenreiches als Problem angesehen, der die wirtschaftliche Nutzung der wüstenartigen Gebiete in Zentralasien stark limitierte. Am 17. Mai 1918 wurde vom Rat der Volkskommissare ein Dekret verabschiedet, dass die Bereitstellung von 50 Millionen Rubel für die Organisation und Durchführung von Bewässerungsarbeiten in Turkestan vorsah. Bereits unmittelbar nach der Oktoberrevolution forcierte Lenin den Ausbau des Stromnetzes, welches zuvor nur in den Großstädten bestand und weite Teile des Landes nicht versorgte. Dazu gehörten neben Stromleitungen auch der Bau von Wasserkraftwerken wie beispielsweise des Volchov Staudammes, der 1926 fertiggestellt wurde.[1.1] Hinzu kam die Kollektivierung der Landwirtschaft, mit der größere Getreideerträge erzielt werden sollten. Nachdem der Holodomor zeigte, dass die Kollektivierung alleine die Getreideerträge nicht in ausreichendem Maße erhöht hatte, begann nach Stalins Machtkonsolidierung in den 1930ern erste Bauprojekte, die vor allem eine verbesserte landwirtschaftliche Nutzung der zur Sowjetunion gehörenden zentralasiatischen Republiken ermöglichen sollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die Hungersnot in der Sowjetunion 1946–1947 zu einer Verstärkung der Umgestaltungsbemühungen.

Bauprojekte

Die sowjetische Geschichtsschreibung sieht den Beginn der Umgestaltungspolitik im Bau eines zwölf Kilometer langen Bewässerungskanals im kirgisischen Rajon Kara-Suu, der am 30. April 1939 fertiggestellt wurde.[2.1] Bereits zuvor wurden großen Teile der Sapowedniki der Schutzstatus entzogen, da die sowjetische Führung in ihnen ein „ineffizient“ genutztes Gebiet gesehen hatte.[3.1] Hierauf folgte vielfach die forstwirtschaftliche Nutzung. Die Errichtung von Baumgruppen als Windschutzstreifen entlang der Wolga zur Verminderung der Bodenerosion wurde bereits vom russischen Geografen Wassili Wassiljewitsch Dokutschajew als Reaktion auf eine Schwere Dürre in Zentralasien in den Jahren 1891–92 vorgeschlagen und nun wieder aufgegriffen.[4] Diese führte tatsächlich zu einer Verminderung der Bodenerosion und damit zu erhöhten landwirtschaftlichen Erträgen.

Viele Projekte sollten die Wasserversorgung in den trockeneren Regionen Südrusslands, der Kasachensteppe und der Kaukasusregion verbessern. Dazu wurden eine Vielzahl von Flüssen umgeleitet, um neues Ackerland zu bewässern. Ein bekanntes Beispiel ist die Umleitung des Syrdarjas und des Amudarjas, um damit Baumwollplantagen vor allem in der Usbekischen SSR zu bewässern.[5] Im Süden des heutigen Russlands wurden Teile des Kuban und des Don für die Bewässerung benutzt,[6.1] während in der Armenischen SSR der Sewansee, das einzige Wasserreservoir im Südkaukasus, zunehmend entwässert wurde.[6.2]

Eine Ansicht einer Schleuse des Volga-Don-Kanals. Der Eingang ist zu beiden Seiten mit zwei Statuen flankiert.
Eine Schleuse des Wolga-Don-Kanals.

Weitere Projekte sollten die nationalen Lieferketten vereinfachen, indem mehrere Flusssysteme durch eine Reihe von Kanälen verbunden wurden. Die bekanntesten Kanäle dieser Art sind der Wolga-Don-Kanal und der Weißmeer-Ostsee-Kanal, durch die eine durchgängiger Schiffsverkehr vom Weißen Meer bis zum Kaspischen Meer ermöglicht wurde. In Sibirien wurde stattdessen die Baikal-Amur-Magistrale als Teil der Transsibirischen Eisenbahn vorangetrieben, um dadurch den Zugang zu den natürlichen Ressourcen der östlichen Sowjetunion auszubauen. Insbesondere diese Projekte wurden vielfach von Häftlingen der Gulags durchgeführt, wobei diese oft ohne angemessenes Werkzeug und unter lebensgefährlichen Bedingungen arbeiten mussten. Beispielsweise starben beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals etwa ⅓ der 126.000 eingesetzten Häftlinge.[1.2] Um die Bereitstellung der Zwangsarbeiter zu vereinfachen wurde das NKWD bereits in den 1930ern mit zusätzlichen Vollmachten ausgestattet und unterhielt ab 1941 die „Verwaltung für die Lager der Bergbau- und Metallurgieunternehmen“ (GULGMP), die eigens zu diesem Zweck eingerichtet wurde.[7.1] Mit dem Tod Stalins und damit dem Ende der Hochphase der Umgestaltung der Natur verschwanden diese Einrichtungen wieder.

Ferner wurden in dieser Zeit viele bis heute aktive hydroelektrische Staudämme errichtet, darunter der DniproHES und der Kachovka-Staudamm, wobei letzterer auch wichtig für die Trinkwasserversorgung der Krim ist. Mit der Errichtung des Zimljansker Stausees wurde sowohl ein Wasserkraftwerk als auch das Kernkraftwerk Rostow ermöglicht.

Weitere Projekte kamen nicht über die Planungsphase hinaus, da diese Zeit über Stalins Tod hinaus bedurft hätten. Zu den drastischsten zählte der Dawydow-Plan, bei dem nach Norden fließende Flüssen wie beispielsweise der Ob in Richtung Süden umgeleitet werden sollten.[8] Es wurden jedoch nur einige kleinere Kanalabschnitte tatsächlich errichtet. Drastischere Überlegungen sahen vor, die Beringstraße mit einem Damm abzuriegeln und das dadurch angestaute arktische Wasser stattdessen in ein „sibirisches Meer“ zu lenken, welches eine Fläche von etwa 260.000 Quadratkilometern umfasst hätte.[2.2] Ebenfalls diskutiert wurde eine Entsalzung der Ostsee sowie eine Verbindung von Donau und Dnipro über eine Reihe von Kanälen.

Gesellschaftliche Auswirkungen

Für das sowjetische ideologische Selbstverständnis bildete die Umgestaltung der Natur bereits vor ihrer eigentlichen Umsetzung einen wichtigen Grundpfeiler. Mit der Oktoberrevolution begann ein radikaler Umbau der Gesellschaftsordnung, die alle bekannten Normen hinterfragte. Diese „neue Welt“ solle die völlige Auslöschung alles Alten bedeuten und somit auch der alten Naturordnung.[7.2] Nur dadurch könne sich der sogenannte „Neue Sowjetische Mensch“, der den Kommunismus verkörpere, vollständig entfalten. Diese Rhetorik fand schnell Eingang in die Literatur, am bekanntesten ist hierbei ein Zitat Maxim Gorkis zu Beginn der 1930er Jahre:

“Изменяя природу, человек изменяет самого себя.”

„Indem er die Natur verändert, verändert der Mensch sich selbst.“

Maxim Gorki[7.2]

Nicht länger solle der Mensch von der Natur abhängig sein, sondern darüber hinauswachsen. Diese Einstellung resultierte, sobald die politischen und technischen Voraussetzungen gegeben waren, in der „Unterwerfung“, „Eroberung“ und „Besitzergreifen der Natur.“[9.1] In der staatlichen Propaganda wurde die Natur in dieser Zeit als Rohstofflager dargestellt, auf das der Mensch nur zugreifen müsse. Ein Eigensinn der Natur, beispielsweise als Schutz- und Erholungsraum von Menschen und Tieren, wurde ihr von staatlicher Seite aus abgesprochen.[7.3] Parallel fand eine Dämonisierung statt, waren doch Stürme und Wald- beziehungsweise Steppenbrände Verursacher großer Ernteausfälle und denen könne man im Kommunismus trotzen. Die gleichzeitig einsetzende Modernisierung der Sowjetunion verlieh diesem Glaube neuen Rückhalt: Die Elektrifizierung und Industrialisierung ließ zuvor schwere körperliche Arbeiten durch moderne Technik einfach werden lassen und löste eine Begeisterung bei den sowjetischen Beamten aus, dass mit genügend technischem Fortschritt alles lösbar sei, was bislang als unmöglich galt.[6.3][1.3] Der unberührten Natur haftete dadurch das Stigma der Rückständigkeit an.[1.4] Dieses neue Feindbild, das sich im Gegensatz zum Kapitalismus und Faschismus vor den Augen der eigenen Bevölkerung siegreich bekämpfen ließ, konnte daher in Einzelfällen auch Aspekte der Nationenbildung beinhalten.[2.3]

Die Kunst wurde in der Sowjetunion bis zum Jahr 1934 und der Einführung des Sozialistischen Realismus zunehmend staatlicher Führung unterworfen. In der Folge richtete sie sich nach ideologisch gewünschten Darstellungen, zu denen klassische Landschaftsdarstellungen nicht mehr gehörten.[9.2] Stattdessen zeigten Arbeiterszenen den Aufbau der Schwerindustrie, damit verbunden gelegentlich auch den Bau der sozialistischen Großprojekte. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Rhetorik der Propaganda, die nun mehr als zuvor militärische Formulierungen wie „Kampf gegen die Natur“ und „Das feindliche Element Natur“ benutzte.[2.4] Diese Begriffe schlugen sich auch in der Literatur nieder, die die Bevölkerung ebenfalls dazu aufrief, an diesem Kampf teilzunehmen. Auf Plakaten zu diesem Thema wird Stalin nun häufig mit einer Generalsuniform dargestellt. Außerdem entstand für Propagandaplakate der neue Typus des „Aufbruchs auf's Neuland.“[10] Diese Plakate richteten sich vor allem an junge Menschen, um die nun zugänglich und landwirtschaftlich nutzbar gemachten Regionen zu besiedeln.

Nachwirkungen

Nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 wurden viele Bauprojekte eingestellt, da sowohl in der Bevölkerung als auch in der Wissenschaft das Bewusstsein über die ökologischen Schäden wuchs beziehungsweise in der Tauwetter-Periode leichter geäußert werden konnte. Einige Projekte wurden in abgeänderter Form umgesetzt, beispielsweise der Turkmenische Hauptkanal als Karakumkanal. Durch den hohen Bedarf an Geologen, die während der Umgestaltung der Natur als Kundschafter, Kartografen und Projektplaner eingesetzt wurden, waren in den 1950er Jahren etwa die Hälfte aller weltweit ausgebildeten Geologen in der Sowjetunion tätig.[7.4] Diese wurden auch nach Stalins Tod mit Projekten betraut, die ebenfalls eine Umgestaltung bezweckten, jedoch fehlte den Projekten nun das Ausmaß an Intensität und Rücksichtslosigkeit, wie sie unter Stalin geherrscht hatte.

Wenige Umgestaltungsprojekte haben sich rückblickend als umweltverträglich herausgestellt. Die Anpflanzungen von Bäumen entlang der Wolga und anderen Flüssen als Schutz gegen Winderosion führte tatsächlich zu einer Verbesserung der Bodenqualität in den rückwärtigen Gebieten.[11.1] Viele andere Projekte haben hingegen bis heute sichtbare Schäden angerichtet, am bekanntesten dürfte hierbei das Beispiel des inzwischen beinahe vollständig versandeten Aralsees sein. Im Südwesten Russlands führte die Umleitung großer Wassermassen aus dem Kuban und dem Don zu einem Mangel an Süßwasser im Asowschen Meer. Die daraufhin drastisch ansteigende Versalzung führte zu einem Einbruch der Fischfangerträge um über 60 %.[6.4] Durch den verbesserten Zugang zu Sibirien und der damit verbundenen größeren Ausbeutung der natürlichen Ressourcen gerieten autochthone Gruppen zunehmend unter Druck, ihre Lebensweise und Kultur der russischen Mehrheitsgesellschaft anzupassen (siehe: Russifizierung).[7.5]

Mit Beginn der Entstalinisierung und der Tauwetter-Periode akzeptierte die sowjetische Regierung, dass die bisherigen Projekte Schäden verursacht hatten.[12] In der Folge versuchte sie oftmals, die entstandenen Schäden mit neuen Bauprojekten zu korrigieren. Beispielsweise wurde versucht, den durch Bewässerungskanäle drastisch gefallenen Pegel des Sewansees mit einer Einleitung von Wasser aus dem Arpa entgegenzuwirken.[6.5] Diese Herangehensweise barg häufig die Gefahr, ihrerseits neue Schäden zu erzeugen. Der Historiker Klaus Gestwa urteilt rückblickend:

“Der zweifelhafte Verdienst der Sowjetunion liegt deshalb darin, demonstriert zu haben, wie mit Terror und Zwangsarbeit, ohne politische Partizipation und auf niedrigem Konsumniveau größtmöglicher ökologischer Schaden angerichtet werden konnte.”

Klaus Gestwa[1.5]

Viele der fertiggestellten Bauwerke werden bis heute benutzt, darunter die Nebenstrecken der Transsibirischen Eisenbahn oder diverse Verbindungskanäle russischer Flüsse. Diese stellen bis heute wichtige Handelsstrecken für die russische Wirtschaft dar.

Briefmarke der sowjetischen Post aus der Serie "Umweltschutz" (1990)

Als Folge der Umgestaltung der Natur begann in der Sowjetunion spätestens ab den 1970er Jahren eine Umweltbewegung,[13] die zunächst vor allem Kritik an Großprojekten übte, später aber auch in lokalen Gruppen versuchte, Schäden zu beheben. Diese Gruppen bestanden oft auf einer Vielzahl Oppositioneller, die hier unter dem gemeinsamen Oberthema des Naturschutzes zusammenkamen und das Thema zunehmend politisierten.[14] Als Reaktion auf diese Bewegung wurde der Naturschutz in die Sowjetische Verfassung von 1977 aufgenommen,[13] allerdings beruhigte das die Bevölkerung nur unwesentlich. Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1990 verschwanden diese Bewegungen wieder, auch, da die verschiedenen oppositionellen Kräfte, die in ihr vereint waren, nun andere Plattformen bekamen und häufig gegensätzliche Positionen vertraten.

Literatur

  • Klaus Gestwa: Das Besitzergreifen von Natur und Gesellschaft im Stalinismus. Enthusiastischer Umgestaltungswille und katastrophischer Fortschritt. In: Saeculum. Band 56, Nr. 1, 2005. ISSN 0080-5319, S. 105–138. (doi:10.7788/saeculum.2005.56.1.105) online verfügbar
  • Michail Mylnikov: Die Utopie des sowjetischen Öko-Projekts In: Oksana Šatalova, Georgij Mamedov (Hrsg.): Verständnis des Sowjetischen in Zentralasien. Berlin 2021. ISBN 978-3-86331-619-8. online verfügbar
  • Murray Feshbach and Alfred Friendly Jr.: Ecocide in the USSR: Health and Nature under Siege. New York 1992.

Einzelnachweise

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