Stigmatisierung
in der Soziologie das Einordnen von Individuen in bestimmte Kategorien
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Stigmatisierung bezeichnet in den Sozialwissenschaften die Zuschreibung einer abgewerteten sozialen Identität an Individuen oder Gruppen auf Grundlage zugeschriebener oder wirklich existierender diskreditierbarer Merkmale. Von einigen Soziologen und Sozialpsychologen wird Stigma als sichtbares oder unsichtbares Merkmal definiert, das die Zugehörigkeit zu einer Gruppe kennzeichnet, die aufgrund dieses Merkmals abgewertet wird.[1] Stigmatisierung ist der Prozess der Unterscheidung und Ausgrenzung, der von hinsichtlich dieses Merkmals nicht stigmatisierten Personen ausgeht.[2]
In Anlehnung an Erving Goffman ist Stigmatisierung ein Prozess, durch den Individuen bestimmte andere Individuen in eine bestimmte Kategorie von Positionsinhabern einordnen,
- durch Zuschreibung von Merkmalen und Eigenschaften, die diskreditierbar sind;
- durch Diskreditierung von Merkmalen und Eigenschaften, die diskreditierbar sind;
- durch Diskreditierung bereits vorhandener, sichtbarer Merkmale und Eigenschaften.[3][4]
Einer Stigmatisierung kann Diskriminierung folgen, es können jedoch auch nicht stigmatisierte Personen von Diskriminierung betroffen sein.
Beschreibung
Der Begriff Stigma nimmt Bezug auf eine Tätowiertechnik, die im antiken Griechenland aus Persien übernommen worden war und zur Markierung und Bestrafung von moralisch verurteilten Personengruppen wie Soldaten, Sklaven, Kriminellen und Kriegsgefangenen eingesetzt wurde, damit diese bei einem Fluchtversuch identifiziert werden konnten.[1] Zur Stigmatisierung gedacht waren ursprünglich auch echte Leibesstrafen zum Zweck der öffentlichen Ächtung, wie bis in die Neuzeit hinein das Scheren der Haare (für Hurerei) oder des Bartes oder das Abschneiden der Ohren (für Ehrverlust), heute noch manchenorts im Rechtskreis der Scharia das Abschlagen einer Hand (für Diebstahl). In Frankreich wurden Galeerensträflinge oder Deportierte mit der französischen Lilie lebenslang gebrandmarkt. Ein bekanntes Beispiel des 20. Jahrhunderts war während der Zeit des Nationalsozialismus die Kennzeichnung von Häftlingen in mehreren Konzentrationslagern durch Eintätowierung einer Häftlingsnummer auf dem linken Arm.
Als Ursprung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Stigmatisierung gilt zumeist die Arbeit Erving Goffmans.[1] Er betrachtet ein soziales Stigma als Beispiel für die Kluft zwischen dem, was eine Person sein sollte (ihrer virtuellen sozialen Identität) und ihrer wirklichen sozialen Identität.[5] Demnach kann ein Stigma erst entstehen, wenn die Erwartung besteht, dass an die Mitglieder einer sozialen Kategorie gestellte Normen (Beispiele nach Goffman sind weibliches Verhalten bei Frauen und asketisches Verhalten bei Mönchen) von diesen nicht nur unterstützt, sondern auch verwirklicht werden.[6] Stigmatisierung kann also als eine Reaktion auf nicht erfüllte Normerwartungen gesehen werden, die es ermöglicht, die gemeinsamen Normen weit jenseits derer, die sie voll erfüllen, aufrechtzuerhalten.[7]
Stigma und Stereotyp sind nach Goffman nicht gleichzusetzen, sondern ein Stigma entspricht einer besonderen Beziehung zwischen Eigenschaft und Stereotyp - nach Goffman ist ein Stigma ein Ableger eines Stereotyps. Das Stereotypisieren oder Profilieren sieht Goffman (im Unterschied zur Stigmatisierung) als etwas in der Gesellschaft fundamentales an: Wenn sich fremde Personen begegnen, finde es notwendigerweise und ständig statt. Während Stereotype auch mit positiven Eigenschaften verbunden sein können, sind Stigmata immer mit negativen Eigenschaften konnotiert. Anders als Stereotype und nach Goffman auch als Vorurteile können Stigmata zwar mit Gruppenzugehörigkeiten verknüpft sein, müssen es aber nicht sein.[8]
Nach Goffman lässt sich argumentieren, dass es scheint, dass Stigmatisierungsprozesse eine allgemeine gesellschaftliche Funktion haben, nämlich Unterstützung für die Gesellschaft bei denen einzuholen, welche nicht von der Gesellschaft unterstützt werden. Das verleihe ihnen eine Resistenz gegen Veränderungen. Es gebe darüber hinaus aber weitere soziale Funktionen, die je nach Art des Stigmas deutlich variieren.[9]
Soziale Stigmata können Diskriminierung nach sich ziehen, sie sind aber weder eine notwendige, noch ein hinreichende Bedingung für Diskriminierung: Nicht jede Stigmatisierung führt zur Diskriminierung und es können andererseits auch nicht stigmatisierte Personen von Diskriminierung betroffen sein.[10]
Nach den amerikanischen Soziologen Bruce G. Link und Jo Carol Phelan resultiert der Prozess der Stigmatisierung aus vier zusammenlaufenden und sich gegenseitig verstärkenden Komponenten. Erstens unterscheiden und labeln (etikettieren) Menschen einige der Unterschiede zwischen Menschen, während andere Unterschiede irrelevant bleiben. Zweitens werden gelabelte Eigenschaften mit Stereotypen verknüpft. Dritte Komponente ist, dass die Etikettierungen mit einer Trennung zwischen uns und ihnen konnotieren. Viertens erfahren stigmatisierte Personen Statusverlust und Diskriminierung.[11] Link und Phelan legen zugrunde, dass Stigmatisierung vom Zugang zu sozialer, wirtschaftlicher und politischer Macht abhängt. Erst dadurch werde die Identifizierung von Andersartigkeit, die Konstruktion von Stereotypen, die Einteilung betroffener Personen in bestimmte Kategorien und die Umsetzung von Missbilligung, Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung möglich.[12]
Im Anschluss an Goffman können drei Typen Stigmatisierter unterschieden werden: 1. Menschen mit körperlichen Behinderungen, Auffälligkeiten oder Entstellungen; 2. Menschen mit individuellen Charaktermerkmalen, psychischen Problemen oder Erkrankungen (zu diesem Typus gehören auch stigmatisierte Langzeit-Arbeitslose, Obdachlose, Drogenabhängige, Kriminelle und psychisch Kranke) sowie 3. Angehörige bestimmter Hautfarben, Nationen, Religionen oder Weltanschauungen.[13]
Stigmata können beispielsweise in Vorstrafen, Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit, körperlichen oder geistigen Behinderungen, psychischen Störungen, Krankheiten (z. B. Lepra, HIV/AIDS[14], Hautkrankheiten), der sexuellen Orientierung oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität, Religion oder Volksgruppe bestehen.
Der Gebrauch des Wortes Stigma ist nicht unumstritten: Manche Menschen mit eigener Erfahrung der Anfälligkeit für Abwertungen (etwa durch Krankheit, ein bestimmtes Ereignis, einen Status oder eine bestimmte Beziehung) bevorzugen es, von Diskriminierung zu sprechen, weil Stigma die Schwere der Auswirkungen nicht angemessen wiedergebe. Wissenschaftlich ist der Begriff des sozialen Stigmas und der Stigmatisierung jedoch weitgehend akzeptiert und Gegenstand von Forschung.[15]
Stigmaforschung
Stigmatisierung aufgrund psychischer Erkrankungen ist der traditionelle Bereich der Stigmatisierungsforschung.[16] Die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung und empirische Forschung zu sozialem Stigma und Stigmatisierung haben seit Ende des 20. Jahrhunderts zugenommen.[17] Sowohl innerhalb des Bereichs psychischer Erkrankungen als auch weit darüber hinaus wurden zahlreiche Themen zum Gegenstand der Forschung zur Stigmatisierung. Neben gesundheitsbezogenen Stigmata werden zahlreiche weitere Themen und soziale Arenen von der Forschung berücksichtigt. Beispiele sind finanzielle Probleme, Insolvenz und Armut, Inanspruchnahme von Sozialleistungen, Familien- und Beziehungsprobleme wie Single-Dasein, freiwillige Kinderlosigkeit, Unfruchtbarkeit, Abtreibung, sexuelle Orientierung, sexuelle Übergriffe und kriminalitätsbezogene Themen wie Vorstrafen und Inhaftierung.[16]
Während sich die Stigmaforschung zu psychischen Erkrankungen zunächst hauptsächlich auf Nordamerika und Westeuropa bezog, hat sie sich inzwischen darüber hinaus verbreitet und stellt auch international vergleichende Untersuchungen an. In ähnlicher Weise betrifft das auch die Stigmaforschung zu HIV und AIDS. Schließlich werden inzwischen auch direkt vergleichende Forschungen zwischen verschiedenen Bedingungen von Stigmatisierung angestellt.[18] So haben vergleichende Untersuchungen über die Stigmatisierung psychisch Kranker in Nigeria und Deutschland ergeben, dass Stigmatisierungen in Deutschland wesentlich seltener zu erwarten sind als in Nigeria, was auf den besseren Informationsstand über diese Krankheiten in Deutschland zurückzuführen sein könnte. Andererseits weisen Untersuchungsergebnisse einer Zürcher Forschungsgruppe darauf hin, dass sich auch die besonders gut über die Sachverhalte informierten Fachleute in ihrem Antwortverhalten bezüglich sozialer Distanz kaum von der Durchschnittsbevölkerung unterscheiden. Diese Ergebnisse haben kritische Fragen nach dem Rollenbild und der Funktion von Psychiatern in der Verhütung und Bekämpfung von Stigmatisierungen psychisch Kranker bestärkt.[19]
In der Stigmaforschung werden einerseits die Prozesse erforscht, die zur Stigmatisierung führen, andererseits die Formen des Umgangs der von Stigmatisierung betroffener Personen mit dem Stigma (Stigmamanagement). Hierbei wird grundsätzlich zwischen Stigmatisierung auf gesellschaftlicher und auf individueller Ebene unterschieden.
Auch Konzepte der Dreifachstigmatisierung (etwa psychische Erkrankung, Substanzmissbrauch und kriminelle Vergangenheit) sowie zur Intersektionalität wurden entwickelt beziehungsweise in die Stigmaforschung integriert.[20]
Als Verfahren zur Feststellung des Ausmaßes von Stigmatisierung hat sich die Messung der erwünschten „sozialen Distanz“ als häufig angewandte Methode bewährt: Die untersuchten Personen werden danach befragt, ob sie jemanden mit dem spezifischen Stigmatisierungsmerkmal (z. B. einer psychischen Erkrankung) als Mieter, Nachbarn oder Babysitter akzeptieren würden. Vertiefend wird gefragt, ob die befragte Person in eine Familie einheiraten würde, in der Menschen mit dem spezifischen Stigmatisierungsmerkmal leben, oder ob die untersuchte Person solche Menschen in ihren sozialen Kreis aufnehmen würde oder als Mitarbeiter empfehlen würde.
Goffman entwickelt eine Typologie des Umgangs mit Stigmata im Alltag. Er unterscheidet zwischen verschiedenen Formen des Umgangs wie Enthüllung, Verdrängung, Kompensation, Inanspruchnahme gesetzlicher Schutzmechanismen. Bei nicht sichtbaren Stigma-Merkmalen (z. B. frühere Gefängnisstrafe, Spielschulden) entscheidet eine betroffene Person über Geheimhaltung oder Enthüllung. Beides kann je nach Adressat sowohl ungünstige wie günstige Auswirkungen haben. Auch auf Seiten der Interaktionspartner von durch Stigmatisierung bedrohten Personen wird Stigmamanagement betrieben (Ignorieren des Stigmas, Empathie, Meiden von Stigmaträgern usw.).
Literatur
- Manfred Brusten / Jürgen Hohmeier (Hrsg.): Stigmatisierung 1+2. Zur Produktion gesellschaftlicher Randgruppen – Luchterhand Verlag, Darmstadt 1975.
- Asmus Finzen: Psychose und Stigma: Stigmabewältigung – zum Umgang mit Vorurteilen und Schuldzuweisungen. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2000.
- Wolfgang Gaebel, Hans-Jürgen Möller, Wulf Rössler (Hrsg.): Stigma – Diskriminierung – Bewältigung. Der Umgang mit sozialer Ausgrenzung psychisch Kranker. Kohlhammer, Stuttgart 2004.
- Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt am Main 1967 [engl. Orig. 1963].