Größendiskriminierung
Vorurteile aufgrund der Körpergröße
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Größendiskriminierung (auch Heightism, von height ‚Körpergröße') bezeichnet die Benachteiligung oder Bevorzugung von Personen aufgrund ihrer Körpergröße. Der Begriff bezieht sich auf die diskriminierende Behandlung von Personen, deren Körpergröße nicht dem gesellschaftlichen Normbild entspricht. Verschiedene Studien zeigen, dass Größendiskriminierung eine Ursache für Mobbing ist, das sich oft in Form von unbewussten Mikroaggressionen äußert.[1][2] Andere Untersuchungen zeigen außerdem, dass Menschen die Körpergröße oft als heuristischen Anhaltspunkt nutzen, um den sozialen Status und die körperliche Fitness einzuschätzen, unabhängig davon, wie zutreffend diese Einschätzung ist. In entsprechenden Studien wurde festgestellt, dass Männer stärker anhand ihrer Körpergröße beurteilt werden als Frauen.[3][4]
Begriffsgeschichte
Der englische Begriff Heightism wurde 1971 vom US-amerikanischen Soziologen Saul Feldman geprägt, der ihn in einem Vortrag auf der Jahrestagung der American Sociological Association einführte.[6] Das Magazin Time trug zur Verbreitung des Begriffs im selben Jahr bei.
Diskriminierungsformen
In der Arbeitswelt
Mehrere Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Körpergröße und beruflichem Erfolg, insbesondere bei Männern. Eine im Journal of Political Economy veröffentlichte Studie von Case und Paxson stellte fest, dass mit jedem zusätzlichen Zoll (2,54 cm) Körpergröße das Einkommen um etwa 1,8 Prozent steigt (sog. height premium).[7] Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigte diesen Effekt auch für Deutschland: Größere Männer verdienen im Schnitt mehr; für Frauen konnte kein vergleichbarer Effekt nachgewiesen werden.[8][9] Weniger als drei Prozent der CEOs großer Unternehmen sind kleiner als 1,70 m, während rund 90 Prozent über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegen.[1]
Eine Studie des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2010 untersuchte den Einfluss der Körpergröße auf Lohnhöhe und Berufswahl in Deutschland.[10]
In der Partnerschaft
Untersuchungen von Dan Ariely ergaben, dass US-amerikanische Frauen eine ausgeprägte Vorliebe für größere Männer zeigen und dass kleinere Männer, um von Frauen als attraktiv eingestuft zu werden, deutlich mehr Geld verdienen müssen als größere Männer.[11] Zudem könnte die wahrgenommene Attraktivität größerer Männer auch auf Männer durchschnittlicher Größe zutreffen. Eine weitere Studie zeigte, dass es keinen nennenswerten Unterschied zwischen der wahrgenommenen Attraktivität von größeren Männern und Männern durchschnittlicher Größe gibt, wenn man sie miteinander vergleicht. Vielmehr werden kleinere Männer ungünstiger bewertet, und die erhöhte Präferenz für die beiden anderen Gruppen ist ein möglicher Nebeneffekt.[12]
Nach einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2016 bevorzugen rund 80 Prozent der Frauen einen Partner, der größer ist als sie; etwa die Hälfte aller Männer bevorzugt hingegen eine kleinere Partnerin. Der häufigste Wunschabstand betrug damals etwa zehn Zentimeter. Laut Psychologen handelt es sich bei dem Wunsch um „eine Mischung aus kultureller Prägung, modischen Schönheitsidealen und sozialen Erwartungen“.[13]
Anne Waak schreibt in der Berliner Zeitung, dass die Forderung, dass eine Frau kleiner als ihr männlicher Partner sein soll, darauf beruhe, „dass Frauen sich die patriarchalen Normen zu eigen gemacht haben“. In dieser Sicht fordert sie eine Hinterfragung der eigenen Vorlieben der betroffenen Frauen, und meint, dass auch private Vorlieben politisch seien.[14]
In einem Artikel der Berliner Morgenpost vertritt der Psychologe Guido Gebauer die Ansicht, dass die Erwartung von Frauen, Männer müssten größer sein, durch Erziehung und Medieneinflüsse weitergegeben wird. In einer von ihm für eine Dating-Plattform durchgeführten Umfrage gaben 70 Prozent der Frauen an, dass ihr Partner größer sein sollte. Außerdem gaben mehr als ein Drittel der Frauen an, dass die Größe für sie ein Ausschlusskriterium wäre, selbst wenn alle anderen Eigenschaften des Mannes passen würden. Laut Gebauer spielt die Körpergröße von Frauen bei Männern in der Partnerwahl jedoch keine große Rolle: Nur etwa ein Drittel der Befragten gab an, dass ihre Partnerin kleiner sein sollte.[15][16]
In den Medien
Die 2008 ausgestrahlte Dokumentation „S&M Short and Male“ zeigte die Hindernisse und die Intoleranz, denen kleinwüchsige Männer im Alltag, in der Liebe und im Beruf ausgesetzt sind.[17]
Die romantische Teenager-Komödie „Tall Girl“ von Netflix aus dem Jahr 2019 erzählt die Geschichte eines 16-jährigen Mädchens, das aufgrund ihrer Größe in der Highschool zu kämpfen hat.[18]
Weitere Erscheinungsformen
- Beruf: Mindest- und Höchstgrößen in bestimmten Berufen (Polizei, Feuerwehr, Militär, Flugbegleiter)
- Einkommensungleichheit: Studien belegen höhere Durchschnittsgehälter für großgewachsene Männer
- Soziale Wahrnehmung: Größere Menschen werden häufiger als kompetenter, dominanter oder führungsstärker eingeschätzt
- Infrastruktur: Sitzplätze in Verkehrsmitteln, Möbel und Alltagsgegenstände sind auf Normgrößen ausgelegt
- Soziale Interaktion: Kommentare über Körpergröße gelten gesellschaftlich als weitgehend akzeptiert, obwohl sie von Betroffenen als diskriminierend erlebt werden können
Rechtslage
Deutschland
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt vor Diskriminierung aufgrund von Rasse, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter sowie sexueller Identität. Körpergröße ist kein geschütztes Merkmal. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berät zwar auch bei Beschwerden wegen Größendiskriminierung, verfügt jedoch über keine gesetzliche Handhabe.
International
Einige US-amerikanische Bundesstaaten – allen voran Michigan – sowie Teile Kanadas verbieten Größendiskriminierung explizit per Gesetz.[19]
Literatur
- Tanya S. Osensky: Shortchanged: Height Discrimination and Strategies for Social Change. University Press of New England, 2018, ISBN 978-1-5126-0144-2 (englisch).
- Erin Pritchard: Shortchanged: height discrimination and strategies for social change. In: Disability & Society. Band 35, Nr. 5. Taylor & Francis, 27. Mai 2020, ISSN 0968-7599, S. 854–855, doi:10.1080/09687599.2019.1629562 (englisch, tandfonline.com [abgerufen am 28. Mai 2026]).
- Michael Hermanussen, Christiane Scheffler: From Heightism to Megalomania: 400.000.000 Years of Social Signalling and its Impact on Modern Politics. BoD, 2026, ISBN 978-3-696-38111-0 (englisch).
Weblinks
- heightism.de – Deutschsprachige Plattform zur Größendiskriminierung
- Julie Burchill: Why I don’t pity short men. In: The Spectator. 12. August 2025 (englisch).