Helix (Musik)

metrisch-rhythmisches Struktur- und Organisationsprinzip für die Führung und Überlagerung mehrerer Stimmen From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Helix ist ein metrisch-rhythmisches Struktur- und Organisationsprinzip für die Führung und Überlagerung mehrerer Stimmen. Es erlaubt eine nicht-lineare, scheinbar endlose Gestaltung von Beschleunigung oder Verlangsamung eines Tempos und wurde von Sebastian Gramss entwickelt. Seit 2021 wird es zunehmend für die Komposition und Aufführung musikalischer Werke genutzt.

Konzept

Analog zu den Shepard-Skalen von Roger N. Shepard, bei denen Tonfolgen oder Glissandi so überlagert werden, dass der Eindruck endlosen Auf- oder Absteigens entsteht, bezeichnet das Helix-Konzept eine zeitliche Struktur, bei der mehrere Tempoebenen gleichzeitig geführt und kontinuierlich übereinander geschoben werden. Die Verschiebung erfolgt innerhalb der Accelerandi oder Ritardandi durch sog. Crossfades, Überblendungen zwischen verschiedenen Tempozonen (bzw. polyrhythmischen Parallel-Ebenen z. B. Triolen, Duolen, punktierte Viertel, 3 über 5). Diese entsprechen den die Helix-Struktur definierenden Ratios (z. B. 1:2, 3:1, 3:2, 5:3 etc.).[1]

Insofern definiert „Helix“ diese zeitliche Struktur. Die Tempoverläufe können steigend (positive Helix) oder fallend (negative Helix) organisiert sein. Auch können sie mit sehr unterschiedlicher Steilheit (flach bis steil) durchgeführt werden.[1]

Polyrhythmische Überlagerungen (z. B. Triolen gegen gerade Schläge) können sich dabei kontinuierlich in neue metrische Identitäten transformieren, ohne dass ein fixes metrisches Raster stabil bleibt.[1] Das Resultat ist eine zeitorganisierende Strukturierung von Klang, die nicht auf einem konstanten Tempo beruht, sondern auf kontinuierlichen Beschleunigungen und Verlangsamungen (Accelerando/Ritardando) mit variabler Steilheit der Tempoänderung.

Polyrhythmische Pulsüberlagerungen werden genutzt, um zu einer neuen rhythmischen Ebene zu überblenden, die die Tempoänderung des ursprünglichen Tempos fortlaufend ausgleicht. Beispielsweise kann ein Puls von 100 Beats per minute (BPM) über acht Takte auf 150 BPM beschleunigt werden, während sich gleichzeitig eine Ebene mit Duolen einblendet und zur neuen Hauptpuls-Ebene wird (metrische Modulation: punktierte Viertel werden zu Vierteln). Dadurch entsteht ein sich verändernder Tempofluss mit kontinuierlichen polyrhythmischen Überlagerungen, wobei die Steilheit der Tempoänderung und die jeweilige Ratio der Polyrhythmik gemeinsam die zeitliche Wahrnehmung strukturieren.

Durch Änderungen des Pulses an definierten Kipp-Punkten entstehen dabei für die Hörer aufgrund einer polyrhythmischen Umdeutung scheinbare Wiederholungen der Be- oder Entschleunigung und damit spiralige Effekte als auditive Paradoxen. Diese ähneln der Penrose-Treppe bzw. dem Bild Treppauf Treppab von M. C. Escher, auf dem sich Personen scheinbar auf einer Treppe im Kreis und in eine Richtung bewegen, obgleich sie abwechselnd auf- und absteigen.[2][3]

Ebenso lassen sich langsamer werdende Impulsfolgen überlagern und die Nahtstellen zwischen den Stimmen durch leises Neuansetzen, Crescendieren und Ausblenden geschickt kaschieren, damit scheinbar endlose Verlangsamungen oder Beschleunigungen resultieren. Aus der Anwendung des Helix-Prinzips resultieren Tempoänderungen durch eine metrische Modulation. Dies führt zu einer Dynamisierung und Flexibilisierung von Tempo und Metrik, dabei wahlweise zu einer Beschleunigung oder Verlangsamung. Der musikalische Fluss kommt so ins Drängen, ins Strudeln oder ins Erlahmen.[1] Das Konzept wurde – ausgehend vom sog. Risset-Rhythmus – von Sebastian Gramss entwickelt.[4]

Hintergrund

Der elektronische Komponist Jean-Claude Risset (1938–2016) entdeckte Ende der 1960er Jahre eine akustische Täuschung, bei der das Tempo scheinbar fortwährend zu- oder abnimmt.[5] Diese Risset-Rhythmen blieben lange auf die Computermusik beschränkt und sind jenseits von theoretischen Übungen kaum kompositorisch genutzt worden. Mit Hilfe von Gramss Helix-Konzept konnten sie produktiv gemacht werden.[6]

An Stelle einer fortwährenden, scheinbar unendlichen Zu- oder Abnahme des Tempos erlaubt es Vermischungen von Be- und Entschleunigungen und damit auch Geschwindigkeitssprünge und eine äußerst abwechslungsreiche Zeitgestaltung innerhalb eines Musikstückes.[7] Bei Anwendung des Helix-Konzepts hat der gesamte Musikfluss kein festes, stabiles Grundtempo mehr, sondern baut auf einfachen oder mehrfachen Accelerandi- bzw. Ritardandi-Folgen auf. Diese Geschwindigkeitsänderungen werden die Grundlage aller anderen musikalischen Parameter (Tonhöhe / Melodie / Harmonie / Dynamik / Klangfarbe). Anders als bei der Computermusik ist die Interpretation von Musikstücken durch Musiker davon abhängig, dass auch die Interpreten das Konzept der Helix beherrschen und es gemeinsam abgestimmt anwenden.[7]

In der Grundform werden zunächst fraktale, selbstähnliche Elemente verwendet, um den Effekt zu erzeugen, wobei minimalistische Rhythmusstrukturen wie Sinuswellen oder einfache Beats und Patterns zum Einsatz kommen.[7]

Gramss hat diese Grundidee zu einem vielfältigen, multimetrischen Konzept für Kompositionen und Darbietungen erweitert; so können Kompressionseffekte (Accelerando) ebenso wie Bremseffekte im musikalische Geschehen gestaltet werden. Dabei können sich anschwellende und verblassende rhythmische Ströme überlagern und Klänge sich verdichten, was neue Gestaltungs- und Ausdrucksweisen eröffnet.[8] Auch die komplexere Anwendung kann im praktischen instrumentalen Kontext umgesetzt werden. Für Komponisten ebenso wie für Interpreten und Dirigenten besteht hier die Herausforderung, diese neue Spielpraxis und deren angepasste Notation zu erlernen und zu verinnerlichen.[7]

Bisherige Anwendung

Nach diversen Erprobungen und erfolgreichen Konzerten, etwa beim Deutschen Jazzfestival 2024,[4] fand im Juni 2025 fand im Kölner Loft ein zweitägiges Helix-Festival statt, bei dem unterschiedliche Formationen (auch ohne die Beteiligung von Gramss) bislang erarbeitete Anwendungen des Helix-Konzepts präsentierten.[6] Während der Konzerte zeigte sich nach Ansicht der Kritik „eine neue Freiheit für die improvisierte Musik, die entstehen kann, wenn Energieströme, dynamische und rhythmische Prozesse nicht allein der Spontaneität, einem Groove und der hörenden Intuition der Musiker*innen überlassen sind, sondern strukturiert und organisiert werden.“[9]

Bedeutung

Der Einsatz des Helix-Konzepts führt nach einer Analyse des Musikwissenschaftlers Rainer Nonnenmacher dazu, dass sich traditionelle Orientierungspunkte und bisherige Gewissheiten auflösen. Die Wechsel in der Zeitlichkeit haben nicht alleine Auswirkungen auf das Tempo und die Metrik, sondern ebenso auf die Stilistik und Melodik des Musikstücks. „Beim Hören einer „HELIX“ fühlt man sich wie in einer Zentrifuge mit konstanter oder wechselnder Drehzahl und Richtung.“ Die Anwendungen des Prinzips durch Gramss würden nicht alleine durch eine gekonnte Umsetzung, sondern ebenso auch durch ein aufregendes Hörerlebnis beeindrucken. Zudem erlaubten sie eine neue Sicht auf die Musikgeschichte.[1]

Kompositionen, die auf dem Helix-Prinzip beruhen, wurden bisher sowohl im Bereich des Jazz als auch der Neuen Musik aufgeführt und aufgenommen. Grundsätzlich ist aber dessen Einsatz auch in anderen Musikbereichen, etwa in der Popmusik, denkbar.[2]

In den letzten Jahren machte Gramss zahlreiche Jazz- und Improvisationsmusiker, aber auch Mitglieder der MusikFabrik in Köln und des Ensemble Modern in Frankfurt mit dem Helix-Konzept so vertraut, dass sie es anwenden können. Die Internationale Ensemble Modern Akademie in Frankfurt nutzt das Konzept als Lehrmaterial für aktuelle Entwicklungen in der Neuen Musik.[9]

Über das Konzept informiert zudem ein Dokumentarfilm von Maurice Graf,[2] der auch auf dem Helix-Festival und auf dem See the Sound Festival 2025 gezeigt wurde.[10]

Diskografie

Literatur

  • Rainer Nonnenmacher: Verflüssigung des Erstarrten: Das Projekt „HELIX“ des Bassisten und Komponisten Sebastian Gramss. In: Neue Musikzeitung. Mai 2025 (nmz.de).
  • Hans Jürgen Linke: Sebastian Gramss: Die Verbreitung der Helix hat begonnen. In: Jazzthetik. Mai 2025 (jazzthetik.de).

Einzelnachweise

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