Hertha Wind
deutsche transgeschlechtliche Frau
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Hertha Wind (* 29. November 1897 in Ludwigshafen am Rhein; † 5. November 1972 in Mannheim) war eine deutsche transgeschlechtliche Frau. Ihr Leben ist vergleichsweise gut dokumentiert, da sie sowohl in der Weimarer Republik als auch während der Zeit des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit wiederholt Gegenstand medizinischer, behördlicher und journalistischer Aufmerksamkeit war. Sie zählt zu den wenigen bekannten Fällen, in denen geschlechtsangleichende medizinische Eingriffe bereits vor und während der Zeit des Nationalsozialismus durchgeführt wurden.[1][2]
Winds Biografie wird in der Forschung unter anderem herangezogen, um medizinische Praxis, staatliche Repression und individuelle Handlungsspielräume transgeschlechtlicher Personen im 20. Jahrhundert zu untersuchen.[3]
Leben
Frühe Jahre und Militärdienst
Hertha Wind wurde 1897 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Ihr Vater arbeitete als Fabrikarbeiter in der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF). Nach zeitgenössischen Quellen zeigte Wind bereits in der Kindheit Verhaltensweisen und Interessen, die nicht den damals üblichen männlichen Rollenerwartungen entsprachen.
Im Jahr 1915 meldete sie sich freiwillig zur Kaiserlichen Marine. Während des Ersten Weltkriegs diente sie unter anderem in Flandern sowie auf mehreren Kriegsschiffen, darunter der SMS Friedrich der Große. Nach Kriegsende kehrte sie nach Ludwigshafen zurück und nahm eine zivile Erwerbstätigkeit auf.
Familienleben, medizinische Behandlung und erste Operationen
1923 heiratete Wind Elisabeth Gickeleiter. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, geboren 1924 und 1925. Nach außen führte die Familie zunächst ein bürgerliches Leben; Wind war berufstätig und Mitglied in einem Sportverein.
Ende der 1920er Jahre kam es infolge einer längeren Erkrankung zu intensiven Auseinandersetzungen mit der eigenen Geschlechtsidentität. 1930 wandte sich Wind an den Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der sie an Walter und Hertha Riese in Frankfurt am Main vermittelte. Diese stellten danach den Kontakt zum Chirurgen Max Flesch-Thebesius her, der Wind im Oktober 1931 operierte (Orchiektomie sowie Implantation von Ovargewebe). Diese Eingriffe wurden von ihr später als deutliche psychische Entlastung beschrieben.
Nach der Operation änderte sich Winds Rolle innerhalb der Familie; sie lebte fortan überwiegend in einer weiblichen sozialen Rolle. Die familiäre Situation blieb jedoch belastet.
Verfolgung und Zwangsunterbringung während der NS-Zeit
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechterte sich Winds Situation erheblich. 1933 wurde sie im Zusammenhang mit einer Denunziation verhaftet und in die Heil- und Pflegeanstalt Frankenthal eingewiesen.[4] Dort wurde sie als „gemeingefährlich geisteskrank“ eingestuft und zeitweise zur Arbeit in der Männerabteilung verpflichtet. Unter behördlichem Druck erklärte sie sich bereit, wieder in einer männlichen Rolle zu leben, und wurde nach einigen Monaten entlassen. In den folgenden Jahren blieb sie unter behördlicher Beobachtung.
Weitere geschlechtsangleichende Maßnahmen
Trotz der repressiven Bedingungen gelang es Wind, ihre medizinische Transition fortzusetzen. 1939 wurde in Mannheim eine Penisamputation durchgeführt, 1940 folgte in Frankfurt am Main die operative Anlage einer Neovagina. Solche Eingriffe waren zu dieser Zeit außergewöhnlich. Bereits 1936 hatte sie zudem die Genehmigung erhalten, einen neuen (geschlechtsneutralen) Vornamen zu führen.[5]
Nachkriegszeit und öffentliche Aufmerksamkeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Wind in Mannheim. 1946 wurde ihre Ehe geschieden. In den folgenden Jahren bemühte sie sich um die rechtliche Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität sowie um eine Rehabilitierung wegen der psychiatrischen Zwangseinweisung während der NS-Zeit, was von den zuständigen Behörden abgelehnt wurde.
In den 1950er Jahren wurde Wind durch zahlreiche Presseberichte bekannt, darunter auch internationale Veröffentlichungen.[6][7][8] Die Berichterstattung stand im Zusammenhang mit geplanten Memoiren, deren Veröffentlichung jedoch durch eine einstweilige Verfügung ihrer ehemaligen Ehefrau verhindert wurde.[9][10]
Späte Jahre und Tod
In ihren letzten Lebensjahren lebte Wind zurückgezogen und unter bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Hertha Wind starb am 5. November 1972 in Mannheim.[2]
Rezeption
Weblinks
- Fides Schopp: Queere Geschichte: Lücken in der Holocaustforschung. 8. Januar 2025.