Humanitas (Zeitschrift)

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Die Humanitas (Untertitel: Monatszeitschrift für Menschlichkeit und Kultur) war eine Zeitschrift, die von Juli 1953 bis Februar 1955 im Namen der Gesellschaft für Menschenrechte (Bremen/Hamburg) herausgegeben wurde und die der deutschsprachigen Homophilenbewegung zugerechnet werden kann. Verantwortliche Redakteure waren zunächst Friedrich Rickel und „J. Baumgärtel“ (möglicherweise ein Pseudonym), dann Erwin Haarmann und „Christian Schmieden“ (Pseudonym für Christian Hansen Schmidt).

Titelseite der Zeitschrift Humanitas, Ausgabe 1954 (Jg. 2), Nr. 11.

Profil

Die Humanitas erschien mit insgesamt 20 Ausgaben, von denen die ersten lediglich 8 Seiten umfassten. Mit der Übernahme der Zeitschrift durch den Hamburger Verlag von Christian Hansen Schmidt (1909–1962) im Herbst 1953 steigerte sich der Umfang der Ausgaben auf bis zu 36 Seiten.

Humanitas wies unter den in den 1950er Jahren erscheinenden deutschsprachigen Periodika für Homosexuelle das höchste intellektuelle Niveau auf.[1] Die Zeitschrift informierte in erster Linie soziologisch, medizinisch-juristisch und philosophisch über Fragen der Homosexualität, enthielt aber auch Artikel, die sich allenfalls indirekt mit Aspekten der sexuellen Orientierung beschäftigten, so zu den Themen Toleranz, Menschenrechte, (Todes-)Strafe und Mitmenschlichkeit. Im Zentrum der kritischen Auseinandersetzung stand der § 175 StGB, der in der Bundesrepublik Deutschland männliche Homosexualität mit Strafe belegte.

Mitarbeiter von Humanitas waren soweit bekannt ausschließlich Männer, unter ihnen Dieter Berner, Felix Buse, Leo Clasen, Albrecht D. Dieckhoff, Rudolf Klimmer, Erich Körner, Botho Laserstein, Konstantin Ortloff, Friedrich Franz Reinhard, Werner Schmitz und Johannes Werres.[2] Eine Mehrzahl der Autoren wies sich, auch wenn sie unter Pseudonym veröffentlichten, durch akademische Titel wie „Dr. jur.“, „Dr. med.“ und „Dr. phil.“ aus. Bemerkenswert ist der Erfahrungsbericht Leo Clasens über seine Zeit als Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen, der 1954/55 unter dem Pseudonym „L. D. Classen von Neudegg“ in sieben Teilen in Humanitas erschien.[3] Es handelt sich um eines der frühesten und bedeutendsten Zeugnisse der Verfolgung homosexueller Männer durch die Nationalsozialisten in der Rückschau.

Humanitas enthielt weder Fotos noch Erzählungen oder Privatanzeigen. Lediglich die letzten beiden Ausgaben der Zeitschrift zeichnen sich durch einige wenige Illustrationen von Charles Grieger und Frans Masereel aus. Auffallend sind die vielen abgedruckten Sinnsprüche von Autoren wie Wolfgang Borchert, Albert Einstein, Johann Wolfgang von Goethe, Jack London, Martin Luther, Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer und Albert Schweitzer über sämtliche Ausgaben hinweg, die der Zeitschrift zusätzlich einen bildungsbürgerlichen Anstrich verliehen. Angaben über die Auflagenhöhe von Humanitas liegen nicht vor.

Hintergründe

Die Gesellschaft für Menschenrechte, die ab Juli 1953 die Zeitschrift Humanitas herausgab, wurde am 22. September 1951 zunächst unter dem Namen „Weltbund für Menschenrechte“ in Bremen gegründet.[2] Sie richtete nach eigenen Angaben vorrangig Informationsveranstaltungen und Versammlungen zur Todesstrafe aus, über ihr Aktivitätsniveau ist heute aber kaum etwas bekannt. Vor diesem Hintergrund kann der Weltbund für Menschenrechte als eine Tarnorganisation gesehen werden, da sich nur die ihm angegliederte Internationale Freundschaftsloge durch ein klares „homophiles“ Profil auszeichnete. Aus Anlass seines einjährigen Bestehens nannte sich die Organisation in „Gesellschaft für Menschenrechte“ um, da man eingesehen hatte, dass die Bezeichnung „Weltbund“ zu hoch gegriffen war.[2]

Am 27. November 1953 löste sich die Bremer Gesellschaft für Menschenrechte auf, um sich zwei Tage später in Hamburg neu zu gründen.[2] Die Geschäftsführung und die Leitung des Sekretariats übernahm Erwin Haarmann.

Die Hamburger Gesellschaft für Menschenrechte verstand sich als eine parteipolitisch und religiös nicht gebundene „Vereinigung von demokratisch gesinnten Menschen, die sich für die Verwirklichung und Weiterentwicklung der Menschenrechte im öffentlichen und privaten Leben“ einsetzte.[4] Sie berief sich auf die von der UNO und dem Europarat in Straßburg niedergelegten Rechtsgrundsätze und forderte „die unbedingte Gleichbehandlung aller Menschen ohne Unterscheidung nach ihrer sozialen, nationalen, rassischen und geschlechtlichen Herkunft, Zugehörigkeit und Einstellung“.[4] In dem einzigen Teil der GfM-Satzung, der heute bekannt ist und gedruckt vorliegt, wurden Worte wie „homosexuell“ und „Homosexualität“ nicht genannt.[2]

Die erste Ausgabe der Zeitschrift Humanitas erschien im Juli 1953. Der Name der Zeitschrift ging auf den Darmstädter Aktivisten und Psychiatriekritiker Ernst Ludwig Driess (1903–1969) zurück.[5] Als verantwortliche Redakteure fungierten Friedrich Rickel (1914–2008) und J. Baumgärtel. Bereits im Oktober 1953 wurde der Alleinvertrieb der Zeitschrift vom Hamburger Verlag von Christian Hansen Schmidt übernommen. Gleichzeitig startete dieser das „Schwesterprojekt“ Hellas, eine bebilderte Zeitschrift, die sich vornehmlich der Unterhaltung widmete und auf Fragen der Homoerotik in Kultur und Geschichte einging. Für Humanitas war zunächst eine Beilage für Inserate unter dem Titel „Der Brieffreud“ geplant, die dann aber von Hellas übernommen wurde.[2] Herausgeber und Redakteure von Hellas wie von Humanitas (ab Herbst 1953) waren Erwin Haarmann und Christian Hansen Schmidt.

Die zwei Ausgaben von Humanitas für April und Mai 1954 wurden von der Hamburger Staatsanwaltschaft unter Verweis auf das „Schmutz- und Schundgesetz“ beschlagnahmt, doch nach einer Verhandlung vor dem Hamburger Landgericht wieder freigegeben.[2] Auch die Ausgabe von Hellas für Juni 1954 wurde beschlagnahmt, wodurch der Verlag langfristig in eine finanzielle Schieflage geriet. Christian Hansen Schmidt musste Hellas mit der Ausgabe von August 1954 einstellen. Zudem saß Erwin Haarmann vom 20. Mai bis zum 18. Juli 1954 wegen eines Verstoßes gegen den § 175 StGB in Hamburg-Fuhlsbüttel in Haft, was die redaktionelle Betreuung der Zeitschriften erheblich erschwerte.[2]

Da Christian Hansen Schmidt in seinem Verlag von Anfang an auf eine finanzielle Mischkalkulation von Humanitas und Hellas gesetzt hatte, bedeutete aber vor allem das Ende von Hellas auch das Aus für Humanitas. Die letzte Ausgabe der Zeitschrift erschien im Februar 1955. Die Gesellschaft für Menschenrechte löste sich am 31. Dezember 1955 formell auf.[2] Als Gründe hierfür wurden fehlende Einnahmen durch die Zeitschrift Humanitas angeführt.

Literatur

  • Anonym: Gesellschaft für Menschenrechte Hamburg. In: Humanitas 1954 (Jg. 2), Nr. 1, S. 34.
  • Gottfried Lorenz: Hamburg als Homosexuellenhauptstadt der 1950er Jahre. Die Homosexuellenszene und ihre Unterstützer für die Abschaffung des § 175 StGB, in: Andreas Pretzel und Volker Weiß (Hrsg.): Ohnmacht und Aufbegehren. Homosexuelle Männer in der frühen Bundesrepublik (Edition Waldschlösschen, 9). Männerschwarm Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-86300-017-2, S. 117–151.
  • Noah Munier und Karl-Heinz Steinle: Das Cover der „Humanitas“ – Monatszeitschrift für Menschlichkeit und Kultur. In: Martin Lücke, Benno Gammerl und Andrea Rottmann (Hrsg.): Handbuch Queere Zeitgeschichten III. transcript Verlag, Bielefeld 2025, ISBN 978-3-8376-6990-9, S. 266–270.
  • Raimund Wolfert: Emanzipationsbestrebungen in der Tradition Magnus Hirschfelds nach 1945. Das Beispiel Ernst Ludwig Driess, in: Jahrbuch Sexualitäten. Herausgegeben im Auftrag der Initiative Queer Nations. Wallstein Verlag, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3525-7, S. 71–96.
  • Raimund Wolfert: Erwin Haarmann (1915–1972). Annäherungen an einen „kämpferischen Typ“, den man zur Strecke bringen wollte. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 75/76, November 2025, S. 78–103.

Einzelnachweise

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