Ich wandre durch Theresienstadt
Lied von Ilse Weber
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Ich wandre durch Theresienstadt ist ein deutschsprachiges Lied der tschechisch-deutschen Schriftstellerin Ilse Weber, das zwischen 1942 und 1944 entstand.

Entstehung
Ilse Weber verfasste das Werk während ihrer eigenen Gefangenschaft im Ghetto Theresienstadt, in das sie im Februar 1942 aus Prag deportiert worden war. Sie arbeitete in Theresienstadt ehrenamtlich als Kinderkrankenschwester. Ihre Lieder trug sie nachts auf der Krankenstation vor, um den verängstigten, kranken Kindern Trost zu spenden.[1] Obwohl Instrumente im Lager streng verboten waren, begleitete sie sich heimlich auf einer Gitarre oder Laute, die sie unter großem Risiko hineingeschmuggelt hatte. Obwohl das Schaffen bestimmter Kunstwerke, Theater- und Musikaufführungen im „Vorzeige“-Lager Theresienstadt den Inhaftierten erlaubt wurde, war heimliches und informelles künstlerisches Schaffen illegal.
Weber widmete das Lied Ich wandre durch Theresienstadt ihrem älteren Sohn Hanuš, den sie vor Kriegsbeginn durch einen Kindertransport nach England und dann nach Schweden in Sicherheit bringen konnte. In einem Brief an Hanuš vom 21. April 1941 schrieb sie: „Es ist doch erstaunlich, wie sehr mein Musizieren hilft [...] Wenn ich komme und mich mit meiner Gitarre hinsetze, ist mein Tisch sofort umstellt und es wird gesungen.“[2]
Text
Ich wandre durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei.
Bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.
Dort bleib ich auf der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus:
ich möcht so gerne weiter gehn,
ich möcht so gern nach Haus!
Nach Haus! – du wunderbares Wort,
du machst das Herz mir schwer.
Man nahm mir mein Zuhause fort,
nun hab ich keines mehr.
Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei:
Theresienstadt, Theresienstadt,
wann wohl das Leid ein Ende hat,
wann sind wir wieder frei?
Aufbau
Das Lied besteht aus vier Strophen; die ersten drei Strophen haben vier, die letzte fünf Verse. Als Versmaß liegt ein Jambus mit regelmäßigem Wechsel von vier Hebungen (jeweils 1. und 3. Vers) und drei Hebungen (jeweils 2. und 4. Vers) vor. Die Zeilen enden stets mit einer männlichen Kadenz und bilden durchgehend einen Kreuzreim. Die letzte Zeile stellt eine Verswaise dar.
Der Text beschreibt detailliert Webers schwermütigen Gang durch Theresienstadt und das durch den Verlust des eigenen Zuhauses hervorgerufene Leid. Die „Brücke“ symbolisiert die harte Trennlinie zwischen der Gefangenschaft und der unerreichbaren Freiheit. Ilse Weber verfasste Text und Melodie des im 2/4-Takt gehaltenen Lieds.
Überlieferung
Am 6. Oktober 1944 wurde Ilse Weber zusammen mit ihrem jüngeren Sohn Tommy und den Kindern der Krankenstation, die sie als Krankenschwester betreute, in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert und dort ermordet. Bevor Weber nach Auschwitz deportiert wurde, hatte ihr Ehemann Willi Weber ihre Gedichte und Notenblätter gesammelt. Gemeinsam mit einem Mithäftling hatte er sie in einer Remise in Theresienstadt vergraben und eingemauert. Willi Weber überlebte das Lager und konnte die Papiere nach der Befreiung unversehrt bergen.[3][4][5]
Nachwirkung
Winfried Radeke arrangierte das Lied für das Klavier.[6] Zusammen mit Maria Thomaschke und Andreas Jocksch bildete er das Ensemble Zwockhaus, das ab 2006 Lieder aus Theresienstadt zur Aufführung brachte.[7]
Die deutsche Chansonsängerin Ute Lemper interpretiert seit spätestens 2024 das Lied Ich wandre durch Theresienstadt, unter anderem in Kooperation mit dem WDR Funkhausorchester.[8]
Unter dem Titel Ich wandre durch Theresienstadt nahmen im Jahr 2024 Schüler aus Strausberg, Berlin, Hamburg, München, Dresden und Terezín an einem Gedenkprojekt mit Workshops zum kreativen Schreiben, zur Musik und zum Schauspiel teil. Sie beschäftigten sich mit der Geschichte des Ghettos und seiner Musik. Dabei wurden unter anderem die Texte Ilse Webers gelesen und Musik der Komponisten Pavel Haas und Hans Krása aufgeführt.[9] Es entstand eine Dokumentarfilmreihe über das Projekt.[10]
Literatur
- Ulrike Migdal: „Wann wohl das Leid ein Ende hat…“ Zu Leben und Werk der Dichterin Ilse Weber. In: Archiv Frau und Musik (Hg.): VivaVoce Nr. 86, Frühjahr 2010.
- Jana Mikota: Jüdische Schriftstellerinnen – wieder entdeckt: Ilse Weber und ihre jüdischen Märchen. In: MEDAON – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, 6. Jg., 2012, Nr. 10, S. 1–4, (online)
Weblinks
- Ich wandre durch Theresienstadt Oxford International Song Festival
- Ich wandre durch Theresienstadt im International Music Score Library Project
- Komponisten in Theresienstadt. Musik am Rande des Lebens. (Kolleginnengespräch auf BR Klassik, 15. Oktober 2019)