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Ingo Schulze (Autor)

deutscher Schriftsteller From Wikipedia, the free encyclopedia

Ingo Schulze (* 15. Dezember 1962 in Dresden) ist ein deutscher Schriftsteller und seit dem 3. November 2023 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Ingo Schulze 2026

Leben

Schulze, Sohn eines Physikers und einer Ärztin, wuchs nach der Scheidung der Eltern bei seiner Mutter auf. Nach seinem 1981 an der Dresdner Kreuzschule bestandenen Abitur absolvierte er den Grundwehrdienst in der NVA; bis 1988 studierte er Klassische Philologie und Germanistik an der Universität Jena.[1] Anschließend war Schulze für zwei Jahre als Dramaturg am Landestheater Altenburg, das er verließ, um als Journalist zu arbeiten: 1990 war er Mitbegründer der „unabhängigen Zeitung“ Altenburger Wochenblatt, die bis Herbst 1991 erschien, sowie eines Offertenblatts namens Anzeiger; beide wurden im Altenburger Verlag publiziert, dessen Geschäfte Schulze bis Ende 1992 leitete. Anfang 1993 ging er im Auftrag eines Geschäftsmannes nach Russland, wo er in Sankt Petersburg die Annoncenzeitung Привет Петербург (Gruß Dir, Petersburg) lancierte. Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt Schulze als freier Schriftsteller in Berlin. Aus seiner ersten Ehe hat er zwei Töchter. In zweiter Ehe ist Schulze mit der Literaturwissenschaftlerin Jutta Müller-Tamm verheiratet.[1]

Seit 2006 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin und seit 2007 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Außerdem ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste sowie des PEN-Zentrums Deutschland, seit 2022 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Künste von Bosnien und Herzegovina.

Im Herbst 2019 kuratierte Ingo Schulze das forum:autoren auf dem Literaturfest München. Sein Motto lautet „Einübungen ins Paradies. Fragen an die Welt nach 1989“.[2]

Werk

Ingo Schulze 2004

Romane

Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz

Mit Simple Storys – Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz (1998) richtet Ingo Schulze seinen Blick auf die mit dem Beitritt der DDR zur BRD verbundenen Folgen – Privatisierungen, massenhafte Arbeitslosigkeit, schnelle Angleichung an eine kapitalistische Marktwirtschaft und Zusammenbruch vertrauter DDR-Strukturen. Der Roman gilt bis heute als eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der sogenannten deutschen Wendeliteratur.

Simple Storys spielt in der thüringischen Kleinstadt Altenburg, wo Schulze als Dramaturg und Zeitungsgründer und -redakteur von 1988 bis 1992 gearbeitet hat, und entwickelt ein Panorama unterschiedlichster Lebensläufe der Einwohner – Kellnerin, Taxiunternehmer, Journalistin, Ärztin, Lehrer – dieser Stadt. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbruch der Zeit spiegelt sich in kleinen, unscheinbar wirkenden Alltagsszenen, in denen die Orientierungslosigkeit der Figuren sowie ihre „fortschreitende Vereinzelung“ zum Ausdruck kommt. Alle Figuren scheinen angesichts des Verlusts ihrer einstigen Gewissheiten und der plötzlich fremd gewordenen Heimat „aus der Welt gefallen“[3] zu sein.

Das durchgehende Erzählen aus den wechselnden Innenperspektiven einzelner Figuren macht deren Verlorenheit für die Lesenden auf besonders eindringliche Weise erfahrbar, nicht zuletzt, weil sich die kalkulierte Verwirrung der mosaikartigen Erzählweise auch auf die Lesenden überträgt. Formal besteht das Buch aus 29 lose miteinander verknüpften Kurzgeschichten, die weder durch eine durchgehende Handlung noch durch eine Hauptfigur zusammengehalten werden. Die einzelnen Figuren kennen sich nur flüchtig, begegnen sich im Laufe des Romans, ihre Schicksale überschneiden sich. Pate gestanden haben dabei vor allem die amerikanischen Short Storys Ernest Hemingways und Raymond Carvers, deren Ton Ingo Schulze entlehnt und auf die ostdeutsche Provinz nach 1989 anwendet. Günter Grass würdigte Schulze nach Erscheinen des Werkes als einen der „großartigen Erzähler“[4] der neuen Bundesländer.

Mit Simple Storys beginnt Ingo Schulzes eingehende literarische Untersuchung des West-Ost-Verhältnisses, das er auch in seinen späteren Romanen wiederholt aufnehmen wird.

Neue Leben – Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze

Das Thema des Beitritts steht erneut im Mittelpunkt von Ingo Schulzes 2005 erschienenem Roman Neue Leben, wieder ist Altenburg Schauplatz der Handlung, allerdings rücken hier auch die Jahrzehnte vor dem Mauerfall in den Fokus des Erzählens. Die Zeit vor und die Zeit nach dem Mauerfall werden einander gegenübergestellt, was zu einer kritischen Hinterfragung beider Systeme führt und eine „Entzauberung der gewendeten Welt“[5] bewirkt. Schulze erweist sich auch in diesem Roman als „ein sorgfältiger Erzähler“[6] in der Tradition E.T.A. Hoffmanns, ohne dabei „in Klamauk, Manierismus oder Meinung Erleichterung zu suchen“ (Radisch). Die Lebensgeschichte Enrico Türmers und seine Entwicklung vom angehenden Künstler im alten zum zunächst erfolgreichen, dann gescheiterten und getürmten Geschäftsmann im neuen System paraphrasiert zugleich den Faust-Mythos. Der Weg vom Schriftsteller zum Besitzer eines Anzeigenblatts steht hierbei sinnbildlich für den Weg von der alten in die neue Zeit. Geführt wird der ostdeutsche Faust durch den mephistophelischen Clemens von Barrista, einen Unternehmensberater, der sein Ansehen vor allem daraus bezieht, dass er den Erbprinzen in die alte Residenzstadt zurückbringt.

Enrico Türmer ist in Neue Leben der Erzähler seines eigenen Lebens. In Briefen an seine Schwester Vera, den Jugendfreund Johann Ziehlke und die von ihm geliebte Fotografin Nicoletta Hansen aus Bamberg entwickelt Türmer ein Panorama seines Lebens, das voller Stolpersteine und Fallstricke steckt. Die feste Bindung des Erzählens an die Perspektive Türmers lässt das Erzählte stets ambivalent und fragwürdig erscheinen, zumal der Inhalt des Erzählten oftmals von der jeweils adressierten Person abhängig erscheint. Das Ambivalente wird zusätzlich durch die Figur des keineswegs sympathischen und vertrauenserweckenden Herausgebers der Briefe namens Ingo Schulze verstärkt, dessen Kommentare als durchaus übergriffig erscheinen. Dadurch entspinnt sich allmählich ein erzählerisches Spiel, das auch das Verhältnis von Literatur und Geschichte und die Problematik des Habhaft-Werdens der Geschichte durch den Roman thematisiert.

Der Anhang des Romans setzt dieses Spiel fort, denn dort sind frühere erzählerischen Versuche Enrico Türmers abgedruckt, auf deren Rückseite er seine Briefe geschrieben hat, ein deutlicher Hinweis und zugleich eine Reverenz an E.T.A. Hoffmanns Roman Kater Murr. Somit wird auch im Anhang das Spiel mit den endlosen Spiegelungen fortgeführt.

Adam und Evelyn

In Adam und Evelyn (2008) treibt Ingo Schulze sein Spiel mit der Untergrabung der gängigen, stereotypen Vorstellungen vom Osten und vom Westen fort. Die im Titel angekündigte biblische Geschichte von den ersten Menschen wird dabei in den Sommer vor dem Mauerfall im Jahr 1989 verlegt. Der Damenschneider Adam, der zu seinen Kundinnen mehr als nur professionelle Beziehungen unterhält, fühlt sich in seinem Haus inmitten eines paradiesischen Gartens am richtigen Platz, zumal er an politische Veränderungen glaubt, an eine Reform der DDR. Evelyn hingegen fühlt sich in Adams Paradies eingeengt und immer unwohler. Nachdem sie Adam mit einer Kundin in flagranti erwischt hat, macht sie sich mit Freunden auf den Weg nach Ungarn zum Balaton, um mit ihnen dort den Urlaub zu verbringen. Um Evelyn zurückzugewinnen, fährt Adam ihr hinterher. Durch die sich ankündigende Grenzöffnung Ungarns gen Westen prallt diese persönliche Liebesgeschichte jedoch mit der großen Weltgeschichte zusammen. Die Vertreibung Adams aus dem Paradies steht der Flucht Evelyns in den paradiesischen Westen gegenüber, mit allen sich daraus für die beiden Figuren ergebenden Folgen.

Ingo Schulze erweist sich hierbei wiederholt als ein Erzähler „ohne dogmatisches moralisches Koordinatensystem, (…) der seine Figuren vor immer neue, hoch ambivalente Lebensentscheidungen stellt, auf die es für sie nie die einzig richtige Antwort gibt“[7]. Es geht Schulze nicht um Urteilssprechung, er möchte vielmehr zeigen, dass Literatur stets „von den Widersprüchen und der Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrheiten“[8] lebt. Die Urteile über die Figuren verändern sich, „je nachdem aus welcher Perspektive man sie betrachtet“[9]. Ausgehend von seinen eigenen, äußerst genauen Beobachtungen stellt er auch seine Figuren der Beobachtung aus, ohne nach Kohärenz oder Schlüssigkeit in ihrem Verhalten oder ihrem Verhältnis zur Welt zu streben, d.h, ohne sie zu erklären. Die daraus resultierende Ambivalenz und Deutungsoffenheit lässt die Leserinnen und Leser nicht zu Konsumenten erstarren, sondern macht sie zu Gesprächspartnern.

Der Roman stand 2008 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde 2018 von Andreas Goldstein verfilmt.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Peter Holtz, der Held des 2017 erschienen gleichnamigen Schelmenromans, ist, wie alle Schelme, unbelehrbar und unveränderbar, vor allem in seiner Haltung zur Welt. Damit wandelt er eindeutig auf den Spuren seiner literarischen Vorgänger wie Simplicius Simplicissimus oder Oskar Matzerath. Peter ist, nomen est omen, recht einfach gestrickt, ein wahrer „Holzkopf“, dementsprechend ist auch das Erzählen aus der Perspektive des Helden schlicht und als eine „Art einfacher Erlebniserzählung, ohne formale Experimente und sprachliche Irritationen“[10] aufgebaut. Zudem ist er auffallend buchstabengläubig, und so versucht er unbeirrbar, die DDR an ihren eigenen Idealen und Doktrinen zu messen und sie an ihnen auszurichten, nach dem Mauerfall möchte er die Revolution in den Westen tragen. Als Helmut Kohl am 19. Dezember in Dresden spricht, ist Peter zutiefst irritiert über die Reaktionen der Menge und läuft in seiner Verwirrung vor ein Auto. Er wacht erst im Juli 1990 wieder aus seinem Koma auf und ist – da er viele alte Mietshäuser von ihren Inhabern in der DDR geschenkt bekommen hat, weil diese mit der Instandhaltung überfordert waren – nun plötzlich ein vielfacher Hausbesitzer, sprich: ein D-Mark-Millionär, und dann ein unerbittlicher Gegner des kapitalistischen Systems.

Nach einer Zeit der Ratlosigkeit sieht er sein neues Ziel darin, als verantwortungsvoller Unternehmer die Gesellschaft voranzubringen in Richtung Kommunismus. Doch alles, was er unternimmt, bringt ihm zwar immer mehr Geld ein, doch die Welt ändert sich dadurch, wie Peter findet, eher zum Schlechten.

Als seine Lebensaufgabe hat Peter sich nichts weniger als die Abschaffung des Geldes auserkoren, denn dies wäre ja die Verwirklichung des sozialistischen Staates schlechthin. Während er jedoch in seinem innersten Kern stets derselbe bleibt, durchläuft er äußerlich eine erstaunliche Entwicklung durch – vom Fast-Tellerwäscher zum Multimillionär. Dazwischen ist er unter anderem noch Rocksänger, Stasi-Spitzel, Maurer, gläubiger Kommunist und gläubiger Christ, Mitglied der CDU-Blockpartei, mehrfacher Immobilienbesitzer und Geld verbrennender Performance-Künstler. Die Welt, sowohl die sozialistische als auch die kapitalistische, erweist sich nämlich als ein zäher, unbezwingbarer Gegner. Am Ende findet Peter seinen Platz in der Gesellschaft und somit sein Glück nicht. Er endet – wie könnte es anders sein – in einer geschlossenen Einrichtung, denn die Kluft zwischen ihm und der Welt erweist sich als zu groß.

Trotzdem, oder gerade deshalb, ist dieser Roman in seiner unerschütterlichen Heiterkeit der humorvollste und genüsslichste Roman Ingo Schulzes. Peter Holtz „sprüht vor geistvollen Dialogen, einfallsreichen Überraschungen und sarkastischen Seitenhieben“[11], die jedoch nicht nur die Komik, sondern auch die stets spürbare Lebendigkeit dieses Romans bedingen.

Die rechtschaffenen Mörder

Im 2020 erschienenen Roman Die rechtschaffenen Mörder wird die Geschichte des Dresdner Antiquars Norbert Paulini erzählt. Sein „Antiquariat und Buchhandlung Dorothea Paulini, Inh. Norbert Paulini“ entwickelt sich nach dessen Eröffnung 1977 allmählich zu einem hochangesehenen literarischen Salon, mit dem sagenumwobenen Inhaber in dessen Mittelpunkt. Doch mit dem zurückgehenden Interesse an Büchern zu Beginn der 90er Jahre, den ungeklärten Eigentumsverhältnissen des Hauses, in dem sich das Antiquariat befindet, muss Paulini vorübergehend sein Geschäft schließen. Was anfangs wie eine nach dem Vorbild von Joseph Roths Leviathan anmutende Legende klingt, bröckelt im Laufe der Handlung jedoch immer mehr und bekommt zunehmend Risse, bis die Erzählung vom Antiquar Norbert Paulini inmitten seines angedeuteten Rechtsrucks und mitten im Satz abbricht.

Im zweiten Teil des Romans meldet sich dann der Erzähler und Verfasser des ersten Teils zu Wort, ein ehemaliger Schützling Paulinis, dessen Verhältnis zu seinem einstigen Helden sich als durchaus ambivalent erweist. Der zweite Teil verhält sich zum ersten Teil somit wie ein „Kommentar“ (Making off). Norbert Paulini, der Held des ersten Teils, entpuppt sich als eine Konstruktion seines Autors Schultze, die Brüche und Risse als eine Folge des sich ändernden Verhältnisses des Schriftstellers Schultze zu seiner Figur.

Den dritten Teil schließlich erzählt die Lektorin Theresa. Nachdem sie vom gemeinsamen Tod Paulinis und dessen Freundin Elisabeth/Lisa, einer auch von Schultze umworbenen Frau, erfahren hat, beschleicht sie plötzlich und gegen ihren Willen ein unheimlicher Verdacht. Lisa will die Wahrheit sowohl über den Tod Paulinis als auch über dessen Leben erfahren. So erweist sich dieser vielschichtige Roman als „ein höchst verblüffendes Unternehmen, bei dem am Ende nichts mehr so ist, wie es anfangs scheint, wo jede Figur fragwürdig geworden ist und sich unter dem kunstvoll eingezogenen doppelten Boden noch ein Abgrund öffnet.“[12]

Erzählungen

33 Augenblicke des Glücks. Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter

Die Erfahrungen aus der Zeit in Sankt Petersburg flossen in Schulzes erste Buchveröffentlichung im Jahr 1995 ein. Wie es bereits der Untertitel zeigt, sind die Erzählungen in 33 Augenblicke des Glücks im Umfeld der russischen Großstadt angesiedelt, allerdings geht es weniger um die Stadt als einen realistischen Schauplatz der Handlung, als vielmehr um „sehr viel Altes, Mythisches und Literarisches“[13], das Schulze im neuen Russland der postsowjetischen Zeit einzufangen versucht. In den 33 im Stil und in der Länge höchst unterschiedlichen Erzählungen bedient der Autor sich reichlich aus der Schatztruhe seiner literarischen Vorbilder wie E.T.A. Hoffmann, Alexander Puschkin, Anton Pawlowitsch Tschechow, Daniil Charms, woraus auch das ständige Kippen „ins Skurrile, Phantastische, Groteske, Surreale“[14] zu erklären ist. Ingo Schulze greift hierbei auf eine Herausgeberfiktion zurück, ein Verfahren, das er auch in seinen späteren Werken wiederholt verwenden wird. Der Erzählband wurde von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen und sorgte sofort für Schulzes literarischen Durchbruch, was unter anderem auch mehr als 100.000 verkaufte Exemplare sowie zahlreiche Übersetzungen in andere Sprachen bezeugen.

Handy. 13 Geschichten in alter Manier

Im Erzählband Handy – Dreizehn Geschichten in alter Manier (2007) kehrt Ingo Schulze nach den Romanen Simple Storys und Neue Leben zur Kurzprosa zurück. Während jedoch die 33 Augenblicke des Glücks vor Groteskem, Skurrilem und Surrealem nur so strotzen, geht Schulze hier einen anderen Weg, der bereits durch den Untertitel unverkennbar selbstironisch angekündigt wird. Vordergründig Alltägliches ist in Handy nämlich Gegenstand des Erzählens, trivial anmutende Begebenheiten und Erlebnisse, die kaum des Erzählens würdig zu sein scheinen. Es ist eine „Kunst völliger Kunstferne“, „eine „Literatur des scheinbar Nichtliterarischen“, mit der Schulze sich hier unüberhörbar provokant, und zwar „manchmal bis an den Rand der Dreistigkeit“, an sein Publikum wendet, dennoch hört man „diesem unaufgeregten Erzähler zu, als erzähle er die aufregendsten Dinge.“[15]

In dieser harmlosen Tarnung werden jedoch in Handy für das Erzählen und für die Literatur Grundsätzliches verhandelt. Es geht um die Verwischung der Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion und um die Frage, wo in der Realität das Fiktionale steckt, und wo in der Fiktion das Reale. Es geht um die Frage, was überhaupt erzählbar und warum etwas erzählbar ist, und was und warum man etwas als des Erzählens wert betrachtet. Es geht auch darum, was als alltäglich wahrgenommen wird, was alltäglich sein darf, und was nicht. Selbstverständliches und Selbstverständlichkeiten werden in Handy radikal hinterfragt, indem der Autor „so tut, als wäre er bloß Berichterstatter dessen, was ohnehin geschieht.“[16] Dies geschieht nicht nur im Hinblick auf die Literatur, sondern auch auf prügelnde Ehemänner, die sich nicht nur in der Erzählung Berlin Bolero, sondern leider zu oft auch in der Wirklichkeit von außen nur schwer wahrnehmen lassen. So zeigt sich, und zwar nicht erst am Ende der Lektüre, „dass Ingo Schulze ein listiges und am Ende befreiendes Spiel mit den Möglichkeiten des Schreibens betreibt.“[17] Für diesen Band erhielt er den »Preis der Leipziger Buchmesse« 2007.

Orangen und Engel

„Et in Roma ego“, scheint Ingo Schulze mit seinem 2010 erschienenen Erzählband Orangen und Engel – Italienische Skizzen (Mit Farbfotografien von Matthias Hoch) sagen zu wollen. Die Entstehung des Buches verdankt sich seinem Aufenthalt in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom im Jahr 2007. Es handelt sich dabei, ähnlich wie im Erzählband Handy, um Erzählungen, in denen zumeist gewöhnliche Menschen aus dem römischen Alltag im Mittelpunkt stehen. Der Erzähler gibt hierbei vor, Ingo Schulze zu sein, wodurch wieder das für Schulze charakteristische Spiel von Realität und Fiktion in Gang gesetzt wird. Die Geschichten geben somit den Eindruck, tatsächliche Erlebnisse des Autors zu sein, was durch die Ich-Form zusätzlich verstärkt wird. Allerdings gerät die Autofiktion immer mehr zu Fiktion, die Leserin bzw. der Leser merkt bald, dass man – wieder einmal – Schulzes erzählerischen Machenschaften aufgesessen ist.

Mit einer gehörigen Portion Ironie wandelt Schulze hier natürlich auch auf den Spuren Goethes. Im Gegensatz zu seinem großen Vor-Gänger versucht er das Zeitenüberdauernde jedoch am Flüchtigen, die großen Fragen am Alltäglichen festzumachen. Die Verzweiflung angesichts der plötzlichen Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit äußert sich so in Randazzo in einer unmerklichen Geste. Auffällig ist das wiederkehrende Thema der Immigration (Unsere Heilige; Augusto, der Richter; Orangen und Engel; Sie haben ihr Ziel erreicht), das im italienischen Alltag sichtbar wird.

Wieder einmal werden durch Konkretes Selbstverständlichkeiten ad absurdum geführt, Erwartungen als das Ergebnis von Übertragungen enttarnt.

Tasso im Irrenhaus

Der Erzählband Tasso im Irrenhaus (2021) ist ein Buch über Kunst, das aus drei bereits zuvor einzeln erschienenen und für den Band umgearbeiteten Texten (Das Deutschlandgerät, Tasso im Irrenhaus und das Dramolett Die Vorlesung) besteht. In allen drei Erzählungen wird das Verhältnis von bildender Kunst und Literatur thematisiert, die Möglichkeiten der Übertragung bildender Kunst in Sprache. Und immer steht die Frage im Raum: Wie wirkt die Kunst in unser Leben und in unseren Alltag hinein. In dem Kontext erfährt in Schulzes Beschreibungen von Reinhard Muchas Installation Das Deutschlandgerät bzw. von Tasso im Irrenhaus von Eugène Delacroix die totgeglaubte Ekphrasis ein Revival. Zugleich ist in allen Erzählungen das Sprechen über Kunst auch als ein Gespräch über Kunst aufgebaut, getreu dem Motto, dass sich nur im Gespräch die Lebendigkeit von Kunst bewahren lässt. „Es gibt keine vorgefertigten Wahrheiten, die aus der Kunst herauszulesen wären, sondern Begegnungen, Bewegungen, unterschiedliche Sichtweisen, die im Gespräch, in der Auseinandersetzung deutlich werden.“[18]

Unterschiedliche Aspekte stehen dabei im Vordergrund. In Deutschlandgerät möchte Schulze vor allem vor Augen führen, dass das „Re-Installieren“[19] von Kunst stets auch mit einem Re-Interpretieren einher gehen muss. So wie eine Installation an einem anderen Ort einer Re-Installation bedarf, die auf die neuen Bedingungen eingeht, brauchen auch Begriffe nach vielen Jahren und in veränderten Umständen eine Neuinterpretation, da ein und dasselbe Wort im neuen Kontext noch eine andere Bedeutung erhält. In Das Deutschlandgerät ist es das Wort »Unrechtsstaat«, das 1990 eine andere Bedeutung hatte als zwanzig Jahre später.

Tasso im Irrenhaus zeigt, dass das Sprechen über Kunst weniger und zugleich auch mehr als die besprochene Kunst selbst beinhaltet, so dass das Sprechen über Kunst die Kunst notwendig verändert. In Die Vorlesung, „Abschluss und Höhepunkt des Bandes“[20], die sich in einem Hospiz am Krankenbett des todgeweihten Malers Johannes Grützke abspielt, geht es vor allem um Leben und die Allgegenwart der Kunst darin.

Politische Äußerungen

Aus Anlass des 800-jährigen Bestehens seiner Geburtsstadt Dresden verfasste Ingo Schulze für den MDR figaro einen am 3. Mai 2006 ausgestrahlten Essay zum Thema „Mythos Dresden“ mit dem Titel Nachtgedanken.[21] Schulze beteiligte sich auch an der Ausstellung „Mythos Dresden“ im Deutschen Hygienemuseum Dresden.

Für breite Aufmerksamkeit auch in überregionalen Medien sorgte Schulzes Dankesrede zur Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2007, in der er die steigende Bedeutung des Sponsorings im Kulturbereich bei gleichzeitigem Rückzug des Staates aus diesem thematisierte.[22]

Anfang 2012 wurden Ingo Schulzes in der Süddeutschen Zeitung publizierten Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft[23] und seine Dresdner Rede Wider die marktkonforme Demokratie[24][25] sehr beachtet.

Nach der Bundestagswahl 2013 war er Initiator und einer der Erstunterzeichner des Aufrufs „Wider die Große Koalition“, mit welchem an die SPD appelliert wurde, nicht erneut in eine Koalitionsregierung mit der CDU/CSU einzutreten, sondern mit Grünen und Linken eine Mehrheitsregierung unter Führung der SPD zu bilden. Er ist Mitglied der Gruppe „Neubeginn“.[26]

Kontroversen

Im Jahr 2023 beantwortete Schulze die Bitte des Fischer Verlags, Charlotte Gneuß’ Roman Gittersee vor der Veröffentlichung zu lesen, mit einem Brief an den Verlag, der Anmerkungen und Hinweise für sachliche Korrekturen enthielt. Daraufhin entstand eine Kontroverse um die Darstellung der DDR durch Schriftsteller, die sie nicht selbst erlebt haben.[27]

Veröffentlichungen

Romane

Weitere Einzelveröffentlichungen

Aufsätze, Reden, Essays

  • Das Herakles-Motiv in der „Ästhetik des Widerstands“. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe) 36. Jg., 1987, Heft 3, S. 417–422.
  • Der Brief meiner Wirtin. Laudatio auf Josua Reichert. In: Sinn und Form 52, 2000, H. 3, S. 435–442.
  • Lesen und Schreiben oder „Ist es nicht idiotisch, sieben oder gar acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann?“. In: Ute-Christine Krupp, Ulrike Janssen (Hrsg.): Zuerst bin ich immer Leser. Prosa schreiben heute. Frankfurt am Main, Suhrkamp 2000, ISBN 3-518-12201-0, S. 80–101.
  • Würde ich nicht lesen, würde ich auch nicht schreiben. Meranier-Gymnasium, Lichtenfels 2002.
  • Nachtgedanken. Am 3. Mai 2006 von MDR figaro gesendeter Essay
  • Meine kopernikanische Wende. In: Renatus Deckert (Hrsg.): Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt. Frankfurt, Suhrkamp 2007, ISBN 978-3-518-45864-8.
  • Signor Candy Man. In: Süddeutsche Zeitung. 5. Januar 2008
  • Eine, zwei, noch eine Geschichte/n. Mit Imre Kertész und Péter Esterházy. Berlin, Berlin Verlag 2008, ISBN 978-3-8270-0787-2.
  • Popikone. In: Thomas Kraft (Hrsg.): Beat Stories. München, Blumenbar 2008, ISBN 978-3-936738-36-0.
  • Fast ein Märchen. In: Sinn und Form. 60, 2008, H. 4, S. 453–457.
  • Eine Nacht bei Boris erschienen in der Reihe: Books to Go, Berlin, Deutscher Taschenbuch Verlag, April 2009, ISBN 978-3-423-08222-8.
  • Nach der Flut. Laudatio zur Verleihung des Anna-Seghers-Preises an Lukas Bärfuss. In: Sinn und Form. 61, 2009, H. 3, S. 413–419.
  • Nützliche Idioten. Für die regierenden Parteien sind die Pegida-Demonstranten eine bequeme Opposition – denn die eigentlichen Fragen werden von ihnen gerade nicht gestellt, in: SZ Nr. 21, 27. Januar 2015, S. 9.
  • Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte …: Essays. Frankfurt, S. Fischer 2022, ISBN 978-3-10-397043-2.
Dokumentarfilm als Stadtschreiber
  • Rettung aus dem Regenwald? ZDF / 3sat 2011, zusammen mit Christine Traber (Dokumentation über Terra preta bei Burnout – Der erschöpfte Planet. Erstausstrahlung am 12. November 2011, 45 Minuten).
Hörspiel

Literatur

  • Peter Michalzik: Wie komme ich zur Nordsee? Ingo Schulze erzählt einfache Geschichten, die ziemlich vertrackt sind und die alle lieben. In: Thomas Kraft (Hrsg.): Aufgerissen. Zur Literatur der 90er. Piper, München 2000, ISBN 3-492-04224-4, S. 27–38.
  • Fabian Thomas: Neue Leben, neues Schreiben? Die „Wende“ 1989/90 bei Jana Hensel, Ingo Schulze und Christoph Hein. Martin Meidenbauer Verlag, München 2009, ISBN 978-3-89975-948-8.
  • Harry Lehmann: Geschichten aus dem blinden Fleck. Zur Erzählphilosophie von Ingo Schulze. In: Sinn und Form. 61, 2009, H. 3, S. 390–410. (PDF)
  • Harry Lehmann: Ingo Schulze. Simple Stories. In: Harry Lehmann: Die flüchtige Wahrheit der Kunst. Ästhetik nach Luhmann. Fink, München 2006, ISBN 3-7705-4193-6, S. 85–99.
  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Ingo Schulze. edition text + kritik im Richard-Boorberg-Verlag, München 2012, ISBN 978-3-86916-145-7. (text + kritik. Heft 193).
  • Claudia Stockinger: Die rechtschaffenen Romantiker – Ingo Schulzes Verfasser. In: Norbert Otto Eke / Stefan Elit (Hg.): Werke im Dialog. (Virtuelle) Begegnungen in 40 Jahren „Paderborner Gastdozentur für Schriftstellerinnen und Schriftsteller (Zeitschrift für Deutsche Philologie. Sonderheft zum Band 142). Erich Schmidt, Berlin 2023, ISBN 978-3-503-23693-0, S. 7–26.
  • Naser Šečerović: Faust in Spiegeln. Ingo Schulzes „Neue Leben“. Norbert Otto Eke / Stefan Elit (Hg.): Werke im Dialog. (Virtuelle) Begegnungen in 40 Jahren „Paderborner Gastdozentur für Schriftstellerinnen und Schriftsteller (Zeitschrift für Deutsche Philologie. Sonderheft zum Band 142). Erich Schmidt, Berlin 2023, ISBN 978-3-503-23693-0, S. 27–44.
  • Stefan Elit: Lebendige Anschauung auf Abwegen. Komische Kunstbetrachtungen in Ingo Schulzes Band „Tasso im Irrenhaus“ und Frank Witzels Van-Reuningen-Texten. In: Norbert Otto Eke / Stefan Elit (Hg.): Werke im Dialog. (Virtuelle) Begegnungen in 40 Jahren „Paderborner Gastdozentur für Schriftstellerinnen und Schriftsteller (Zeitschrift für Deutsche Philologie. Sonderheft zum Band 142). Erich Schmidt, Berlin 2023, ISBN 978-3-503-23693-0, S. 45–58.

Auszeichnungen

Einzelnachweise

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