Bild (Psychologie)

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Bild bedeutet in der Psychologie das innere Bild oder Vorstellungsbild entsprechend der alltagssprachlichen Redewendung von „sich ein Bild machen“. Es handelt sich dabei um einen innerseelischen Vorgang, bei dem eine Verbindung zwischen bereits vorhandenen und neuen Sinneseindrücken oder auch zwischen nur unterschiedlichen Denk- bzw. Bewusstseinsinhalten hergestellt wird. Der Vorgang wird in der Geschichte der Psychologie und Philosophie auch Apperzeption genannt. Die so hergestellte ganzheitliche Vorstellung enthält nicht nur visuelle, sondern auch auditive, taktile, kinästhetische, zoenästhetische und andere sensible oder sensorische und meistens auch emotionale Anteile. Der visuelle Anteil ist jedoch stets hervorragend, weil er in der Evolution zu den ältesten Anteilen gehört. Überlieferte Bilderschrifttafeln weisen auf lange zurückliegende Kulturepochen etwa in China oder Ägypten hin. Edmund Husserl (1859–1938) hat hier die Bedeutung der eidetischen Reduktion methodisch hervorgehoben. Neurophysiologisch kann auf die bei der Wahrnehmung beteiligten primären, sekundären und tertiären Zentren verwiesen werden.

Wortherkunft und Vielfalt der Bedeutungen

Die Herkunft des nur in der deutschen und niederländischen Sprache üblichen Wortes „Bild“ ist nach dem Autor Drosdowski unklar. Nur ein möglicher Zusammenhang wird bestätigt mit dem deutschen Wort „billig“, was bereits althochdeutsch soviel wie „wunderkräftig wirksam“ bedeutete.[1.1] Hieraus entwickelte sich die Bedeutung von „recht, passend, angemessen, gemäß“ sowie der heutige Sinn von „dem Wert (einer Ware) angemessen“. Dementsprechend sind auch ältere Wortzusammensetzungen wie „Bildstock“ als „Säule mit Heiligenbild“ und „bildschön“ wie ein „Heiligenbild“ verständlich. Zu unterscheiden sind jedoch gewiss die beiden Bedeutungen von „Bild“, wie sie auch aus der Wendung „recht und billig“ hervorgehen. Unter „recht“ wird das durch Gesetze erlassene, also von Menschen gemachte Recht verstanden, unter „billig“ aber das nach natürlichem Empfinden „angemessen“ Gültige. Dementsprechend lassen sich auch bei „Bild“ zwei relativ und weitgehend unterschiedliche Bedeutungsstämme erkennen: (a) das „natürliche Abbild, Anblick, Ebenbild, Beispiel, Urbild, Vorbild, Weibsbild, Modell eines Malers, äußere Gestalt“ und das (b) durch menschliches subjektives Vermögen entstandene Gebilde wie etwa in der Kunst, des produktiven oder poetischen Verstandes oder auch der technisch-handwerklich produktiven Tätigkeit wie „Bildliche Vorstellung, Bildfläche, Werk des Malers oder Bildhauers, Bühnenbild, graphische Darstellung, Lautbildung, Nachbildung, Illustration, Metapher, Bildung, geistiges Bild, Meinungsbildung, Ausbildung, Sternbild, Satzbildung, Bildgestalt“.[1.2][2.1][2.2] Innere Bilder sind abzugrenzen von technisch-handwerklich hergestellten Gebilden. Allerdings sind künstlerische Bilder von inneren Bildern des Künstlers beeinflusst. Innere Bilder sind auch von der sinnlichen Wahrnehmung abzugrenzen. Sie können aber dennoch einen visuellen Charakter vor allem als Gedächtnis-, Traum- und Phantasiebilder besitzen.[3.1]

Visuelle Wahrnehmung

Verlassenheit – Kinderzeichnung als äußerer Ausdruck eigener innerer urtümlicher Bilder bzw. archaischer Vorstellungen. Ein Gegenwartsbezug für unsere heutige Zeitgeschichte? Eine solche Deutung liegt nach der Theorie des psychogenetischen Grundgesetzes nahe.

Die visuelle Wahrnehmung ist für das Gewinnen von Erkenntnis neben anderen Sinnesqualitäten vorrangig.[4.1] In der Regel führt sie zu einer Integration neuer Sinneseindrücke in bestehende Vorstellungen und Anschauungen. Dabei handelt es sich bekanntlich um subjektive innenpsychologische Phänomene. Unter dem Einfluss von Affekten und Gefühlszuständen, wie etwa Angst- oder Wunschvorstellungen, kann es jedoch zu Störungen des nüchternen Tatsachenblicks kommen, wie dies etwa bei Illusionen der Fall ist. Sie werden bisweilen auch als bloße Einbildungen (Sic!) oder als oberflächliche Vorstellungen bezeichnet.[3.2] Die Bezeichnung „bloße Einbildung“ erinnert jedoch auch daran, dass es sich bei der Illusion um eine Täuschung der reinen Vernunft handeln könnte, die zu einer falsch verarbeiteten Anschauung führt, ohne das nach Immanuel Kant (1724–1804) erforderliche synthetische Urteil a priori. (KrV B 10-14) Kant formuliert:

„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“

Immanuel Kant: KrV B 75[5.1]

Kant fordert eine Synthese von begrifflich-inhaltlichem Denken und Anschauung. Ähnliche Formulierungen sind „reine Vernunft“ wie sie von Kant selbst verwendet ist, oder „reines Sein“ (l'Être pur = la simple immédiateté vide) oder „reine Abstraktion“ (l'abstraction pure = la négation absolue) wie bei Sartre gebraucht.[6.1] Diese Attribution mit rein, bloß, leer und blind zeigt zumindest eine gewisse Tendenz zum Bedeutungswandel eines ursprünglich einfachen Begriffs in Richtung von Antonymie bzw. eines ggf. mit Sorge angefüllten Seins als Oppositionswort im Spannungsgefälle des Nichts. Was die „reine Vernunft“ betrifft, so ist die Gefahr einer Verwicklung in „Dunkelheit und Widersprüche“ von Kant selbst ausführlich beschrieben.[5.2] Illusionen sind korrigierbar, wenn die Bewusstseinsklarheit dies zulässt.[7] Bei Halluzinationen ist das in der Regel nicht möglich. Illusionen und Halluzinationen kommen im Traum und bei psychischer Krankheit vor und sind von einem deutlichen sinnlichen Realitätsbewusstsein geprägt.[8.1] Nach C. G. Jung werden innere Bilder eher von sinnlicher Wirklichkeit unterschieden. Das innere Bild stelle die innere Wirklichkeit dar, diese könne aber die Bedeutung der äußeren unterbewerten, vgl. Introversion, Autismus.[9.1] In ihrer Analyse Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft hat Hannah Arendt (1906–1975) die Verlassenheit als kennzeichnende Eigenschaft des modernen Massenmenschen beschrieben, vgl. die oben enthaltene Abb. in Form einer Kinderzeichnung.[10] Das psychogenetische Grundgesetz hat Zusammenhänge zwischen kindlichen Verhaltens- und Erfahrungsweisen und zeitgeschichtlichen Tatbeständen aufgedeckt. Wären die beobachteten zeitgeschichtlichen politischen und sozialen Phänomene also nur als ein Rückfall in eine frühere Epoche zu sehen?

Reklame, Propaganda, Kulturpolitik

Werbeplakat für Vergnügungstheater. Die Beliebtheit dieser Veranstaltungen konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das gesellschaftliche Image dieser Veranstaltungen eher zurückhaltend angesehen war.

In der Werbung spricht man von einem positiven Image und von Image-Konkurrenz, wenn im Sinne der Angewandten Psychologie einer bestimmten Zielgruppe mehrheitlich ein positives oder gar gegenüber anderen Herstellern günstigeres Vorstellungsbild von einem bestimmten Produkt oder einer Firma vermittelt soll. Werbung ist ähnlich wie Propaganda als ein Führungsmittel zu betrachten.[11.1][12.1] Damit ist in der Werbepsychologie psychologisch-wissenschaftlich von einem notwendig bezweckten Abwärts-Effekt auszugehen.[11.2] Im Sinne vorstehender Ausführungen in Kap. → Visuelle Wahrnehmung kann auch von „reiner Propaganda“ gesprochen werden. Das erscheint dann berechtigt, wenn mit diesem Begriff eine Schwarz-Weiß-Zeichnung im Sinne der Aufrichtigkeit oder Unaufrichtigkeit im Vergleich von eigentlich beabsichtigten und konkret erfolgten Maßnahmen verfolgt wird. Die 'Höhe' der Bedürfnisse entsprechend der Maslowscheon Bedürfnispyramide erscheint in kultureller Hinsicht nicht unwesentlich. Es sollte z. B. Aufgabe der Kulturpolitik sein, die Ergebnisse der pädagogischen Psychologie zu beachten und umgekehrt der politischen Psychologie, für entsprechende Beachtung zu sorgen.[11.3] Es erscheint verständlich, dass von bildhaft ansprechender Werbung eine starke, oft materiell ausgerichtete unmittelbare Kauf- bzw. Handlungsmotivation ausgelöst wird. Hieraus ergibt sich, dass möglicherweise unkritische Verhaltensweisen resultieren.

Bilderverbot, Visionen, Imagines

Das Bilderverbot erscheint zunächst in kulturgeschichtlicher Hinsicht bedeutsam, hat aber auch psychologische Grundlagen in der bildhaften Vorstellungswelt. Wie schon für die Werbepsychologie im vorhergehenden Kap. → Reklame näher ausgeführt, spielt der Abwärts-Effekt auch für das alttestamentarische Bilderverbot (2 Mos 20:4) zumindest im übertragenen kulturellen und religiösen Sinn eine maßgebliche Rolle. Während reale Bilder für die Reklame unverzichtbar erscheinen, verhält sich dies in religiöser Hinsicht gerade umgekehrt. Der Abwärts-Effekt beruht auf der Schichtenlehre bzw. auf dem Hylozoismus. Das Bilderverbot zielte nach Sigmund Freud (1856–1939) auf einen graduell wesentlichen Fortschritt in der Geistigkeit ab.[13.1] So wurde eine strikte Unterscheidung zwischen religiös-spiritueller und rein sinnlich visueller Wahrnehmung geschaffen.

Die Mystik versuchte diesen Gegensatz durch das Erleben von Visionen zu überbrücken.[3.3] Visionen können aber auch psychologisch oder parapsychologisch als „innere Gesichte“ oder als anblickartiger Eindruck ohne Sinneswahrnehmung definiert werden. Für die Psychologie sind die „Gesichte“, die in Religionen als göttliche Offenbarung auftreten, Ausdruck innerer Bedürfnisse, die sonst unbewusst bleiben. Wenn auch die Vision keine Sinnestäuschung sein muss, die Unterscheidung zur fassbaren Realität erhalten bleiben kann und sie von Halluzinationen abgrenzbar ist, so besteht doch eine gewisse Nähe zu Traum- und Phantasiebildern.[3.4][12.2]

Eine psychologische aber auch eine archaische, fast religiöse Bedeutung hat der Begriff Imago in der Tiefenpsychologie.

Psychologische Aspekte der Religions- und Kulturgeschichte

Freud vermutet, dass das religiös geforderte Bilderverbot einen Schutz vor Missbrauch eines solchen Bildes durch Magie darstellen sollte.[13.2] Freud gebaucht den Begriff des Abwärts-Effekts zwar selbst nicht, ererläutert dieses Wirkprinzip aber anhand der „Allmacht der Gedanken“, das nicht nur allgemein kulturgeschichtlich, sondern auch in psychopathologischer Hinsicht in Erscheinung trete.[13.3] Hieraus resultiere jedoch bisweilen eine gewisse Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Der Stolz auf die Gottgröße falle mit dem Gefühl des Auserwähltseins zusammen.[13.4] Eine ähnliche religiös motivierte Doppelbedeutung besitzt auch der bereits oben erörterte Begriff „Propaganda“, dessen Ursprünge auf die 1622 durch die von Papst Gregor XV. Gregor begründete Kongregation zur Ausbreitung des Christentums zurückgehen, nämlich auf die „Congregatio de propaganda fide“.[11.4] Göttliche Allmacht und menschliche Begrenztheit sind als Widersprüche zu betrachten.

Rückwirkungen auf den Bewusstseinszustand

Michelangelo: Die Erschaffung Adams Michelangelos Darstellung widerspricht dem alttestamentarischen Bilderverbot bzw. der Abbildung einer göttlichen Gestalt. Auch C. G. Jung nimmt zu diesem Verbot Stellung. Jung spricht von einer inneren Antinomie Gottes, der göttlichen Gegensatznatur, im Hinblick auf die Erkenntnis. Diese komme auch im Buch Hiob der Bibel zum Ausdruck. Jung betont eine Erkenntnis Hiobs von dieser inneren Antinomie.
Buddha-Statue in einem Tempel. Der sitzende Buddha mit weitgehend geschlossenen Augen verkörpert den Zustand der Gelassenheit, der durch Meditation verstärkt werden kann. Solche und ähnliche Bilder haben dazu geführt, Buddha als Gott zu verehren. Dies hat Buddha aber selbst nicht gewünscht.

Während Kant die Rolle der Sinnlichkeit bzw. der Anschauung als wesentlich für die Erkenntnis betrachtet, scheint die mit dem alttestamentarischen Bilderverbot einhergehende religiöse Forderung eine solche von Kant geforderte Rolle der Sinnlichkeit eher zu relativieren, indem aus biblischer Sicht die reine Vorstellung Gottes „ohne“ ein optisch / visuell wahrnehmbares Bild gefordert wird. Im kulturgeschichtlichen Vergleich, so urteilt Freud, sei dem Judentum, das an dem Prinzip eines unsichtbaren Gottes festhalte, eine Harmonie zwischen sinnlicher und übersinnlicher Aktivität, wie sie das griechische Volk erreichte, versagt geblieben.[13.5] Während Erkenntnis und Propaganda mehr auf die Außenwelt und die Bedürfnisbefriedigung, ja sogar auf die psychologische Kriegsführung ausgerichtet sind, zielt u. a. der Buddhismus auf Erleuchtung ab.[11.5] Durch den Aufforderungscharakter von Werbung und Propaganda, die eine ganz bestimmte Lösung unter mehreren Handlungsalternativen vermitteln möchten, wird die Konfliktspannung beim Entscheidungsträger erhöht.[11.6] Der Buddhismus aber will Gelassenheit bewirken. In der westlichen Psychologie erscheinen Animus und Anima als Boten der Erleuchtung.[14.1] Am Beispiel des Buchs Hiob im AT erläutert C. G. Jung (1875–1961), dass die Gottebenbildlichkeit (Sic!) des Menschen nicht auf der Ebene der (körperlichen) Morphologie gesucht werden darf. Diesem Irrtum habe Jahwe durch sein Bilderverbot vorgebeugt. Jung spricht sogar von Erkenntnis: Er schreibt:

„Hiob erkennt die innere Antinomie Gottes, und damit erlangt das Licht seiner Erkenntnis selber göttliche Numinosität.“

Conrad Gustav Jung: Gesammelte Werke, Bd. 11, Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion[14.2]

Man kann hier einen logischen Gegensatz zum Buch Hiob feststellen. Hier heißt es mit Bezug auf die Hoffnungen auf Erlösung Hiobs von seinen Qualen:

„Wer ist's, der da verdunkelt den Ratschluß mit Reden ohne Einsicht (Erkenntnis).“

Altes Testament, Buch Hiob: Kap. 38, Vers 2

Jung meint, man könne von einem Mangel an Einsicht bzw. Erkenntnis bei Hiob, angesichts seines moralischen Optimismus, mit dem er an die göttliche Gerechtigkeit appelliert, nicht sprechen.[14.3] Eine ähnliche logische Figur hat Nikolaus Cusanus (1401–1464) mit seiner Auffassung vom Zusammenfall der Gegensätze im Hinblick auf Gott aufgestellt, vgl. Coincidentia oppositorum.[3.5] Eine ähnliche Interpretation unter Beachtung der Rolle der Sinnlichkeit, wie sie von Freud in Bezug auf den Fortschritt in der Geistigkeit vertreten wurde, kann auch für das Gleichnis vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in Genesis Kap 3, Vers 6 vertreten werden. Hier heißt es, dass der Baum etwas war, was gut zur Speise war, wonach die Augen Verlangen hatten und in Vers 7, dass nach dem Essen die Augen Adams und Evas geöffnet wurden und sie gewahr wurden, dass sie nackt waren. Die Frage der Erkenntnis von Gut und Böse ist auch heutzutage als „supervenient“ anzusehen. Damit ist gemeint, das Gute und das Böse können nur implizit beschrieben und nicht eindeutig explizit definiert werden.[4.2] Als weiteres Beispiel des nicht-empirischen Überzeugt-Seins ist die biblische Forderung des Glaubens. Der Apostel Thomas wäre hier zu nennen. (Joh 20:25-29)

Psychologische Ästhetik

Sabine Koch hat die Wurzeln der psychologischen Ästhetik im deutschsprachlichen Kulturraum des 18. und 19. Jahrhunderts gesehen.[15.1] Hier bestimmten religiöse und philosophische Vorstellungen den normativen Zusammenhang in der Seelenkunde.[16.1] Kants Seelenkunde erscheint jedoch kenntnisreicher als die der Zeitgenossen.[16.2]

In der Psychologie der Bildwahrnehmung lässt sich das religiöse Bilderverbot als historischer Sonderfall der Regulierung innerer und äußerer Bildvorstellungen verstehen. Es betrifft nicht nur theologische Normen, sondern die Frage, wie stark Wahrnehmung, Vorstellung und Affekt an konkrete visuelle Reize gebunden sein sollen. Kant geht auf das Bilderverbot ausdrücklich ein.[17.1] Zur Ästhetik als solcher äußert sich Kant bereits in seiner Ersten Kritik (KrV).[5.3] Diese transzendentale Ästhetik unterscheidet sich methodisch nicht von der späteren Ästhetik (KdU). Sie bleibt transzendental.

Immanuel Kant formulierte mit dem Begriff des „interesselosen Wohlgefallens“ erstmals eine systematische Trennung zwischen sinnlicher Reizwirkung und ästhetischer Wahrnehmung.[17.2] Das ästhetische Urteil beruht demnach nicht auf Begehren, Nutzen oder unmittelbarer Erregung, sondern auf einer freien, vom Interesse gelösten Wahrnehmung der Form. Auch beim Erhabenen, das – wie Edmund Burke (1729–1797) betonte[18] – mit Angst und Bedrohung verbunden sein kann, bleibt das ästhetische Urteil von diesen Affekten unterschieden. Damit beschreibt Kant eine Wahrnehmungsform, die sich von unmittelbarer Bild- und Reizbindung löst.

Diese philosophische Unterscheidung wurde im 19. Jahrhundert von Gustav Theodor Fechner (1801–1887) in eine experimentelle Psychologie überführt. In seinen Untersuchungen zur ästhetischen Wirkung von Proportionen, insbesondere des „goldenen Schnitts“, dem Holbeinstreit und der Schwellenwerte der Reize (Fechnersches Gesetz), zeigte er, dass visuelle Reize unabhängig von persönlichem Nutzen oder inhaltlicher Bedeutung systematisch gemessen und verglichen werden können. Fechner vertrat keine objektale Deutung der Kunstwerke, wie es Alexander Gottlieb Baumgarten (1714–1762) tat. Indem er durch Austeilen von Fragebögen die intersubjektiv verschiedenartigen ästhetischen Urteile dokumentieren konnte, bestätigte er einerseits die subjektalen Deutungen Kants. Andererseits vertrat er auch eine empirische Ästhetik, wie sie Edmund Burke beschrieben hatte. Der Streit zwischen den philosophisch entgegengesetzten Standpunkten, der methodisch induktiv (a posteriori) gestützten Standpunkts und dem methodisch deduktiv (a priori) betriebenen blieb daher unentschieden.[15.2]

Auch Sigmund Freud deutete das Bilderverbot in diesem Sinne als psychologischen Mechanismus. In seiner Schrift Der Mann Moses und die monotheistische Religion beschreibt er den Verzicht auf bildliche Darstellung als eine kulturelle Strategie, durch welche die Bindung an konkrete sinnliche Bilder zugunsten innerer, symbolischer Vorstellungen gelöst wird. Psychologisch betrachtet wirkt das Bilderverbot damit als Form der Abstraktion, die Affekte und Projektionen von äußeren Bildern trennt und in innere Repräsentationen überführt.

In diesem Zusammenhang lässt sich das Bilderverbot als eine historisch-kulturelle Ausprägung jener Trennung verstehen, die Kant theoretisch und Fechner empirisch beschrieben haben: die Loslösung der ästhetischen und symbolischen Erfahrung von unmittelbarer sinnlicher Bildhaftigkeit.

Abstrakte Malerei

Caspar David Friedrich, Der Mönch am Meer (1808–1810). Verdeutlicht das Bild den Übergang zu einer nicht gegenständlichen, abstrakten Malerei? I. Kant konnte nicht ahnen, welche Bedeutung seiner Aussage einer Darstellung des Unendlichen[17.3] (KdU B 124) zukommen sollte in einer Epoche, in der die abstrakte Kunst weite Bereiche der Kunst erfasste.[19.1]

Der Gegensatz in einer möglichen Darstellung des Unendlichen zwischen Geistigkeit und Sinnlichkeit kommt auch in dem Buchtitel Ästhetik und Spiritualität zum Ausdruck, einer ästhetischen Betrachtung über die Kunst von Günter Rombold (1925–2017).[19] Er spricht von einer Ontologie der Schönheit und der Kunst.[19.2] Der Begriff Schönheit bezog sich seit der Antike nicht nur auf die Kunst. Erst seit der Renaissance bildete sich eine eigene Kunsttheorie. Eine eigene wissenschaftliche Ästhetik wurde erst durch Baumgarten begründet. Das biblische Bilderverbot sieht Rombold letztlich in einem späten Zusammenhang mit dem Aufkommen der abstrakten Malerei und dem ihr offensichtlich zugrundeliegenden allgemeinen Wandel der Ontologie.[3.6][19.3] Der allgemeine Wandel der Ontologie zeigte sich insbesondere seit der Stilwende nach dem Tod von Johann Sebastian Bach (1685–1750).[20.1] Bachs Tod war in ästhetischer Hinsicht zugleich Schock und Befreiung.[20.2] Romhold betrachtet Theodor W. Adorno (1903–1969) mit seinem Werk der Ästhetischen Theorie als herausragenden Repräsentant für die Theorie der modernen Kunst, insbesondere der abstrakten Malerei.[21] Im Zusammenhang des Bilderverbots ist auf die Gemeinsamkeiten der Beurteilung zwischen Adorno und Freud hinzuweisen, der auch ein jüdischer Autor war. Das Bilderverbot ist ebenso vom Islam übernommen, worauf bereits Kant bei seinen Ausführungen über das Erhabene in der Kunst hingewiesen hat. Ähnlich wie Freud spricht Kant im Vergleich zu anderen Völkern von einem Stolz.[17.4] Die Bedeutung von Adornos Theorie für das kollektive und subjektive Bewusstsein unserer Tage stellt Adorno jedoch in den Zusammenhang mit Auschwitz. Für Romhold ist das Ausmaß an Pessimismus, das von dieser Theorie Adornos ausgeht, nicht nachvollziehbar.[19.4] Adornos Theorie wurde vielfach als „Negativitätsästhetik“ rezipiert. Allerdings kann Adorno sich hierbei auf Kant beziehen.[17.5] Hannah Arendt hat in ihrem Werk Eichmann in Jerusalem eine andere Beurteilung dieser Geschichtlichkeit abgegeben.[22] Zum Verständnis der abstrakten Kunst siehe auch die Bedeutung von abstrakt im einleitenden Kap. → Visuelle Wahrnehmung.

Dass es sich dabei nicht um eine kalte und leblose Überlegung handelt, sondern um den höchst persönlichen Bezug zu einem Bild, das auf eine innere gefühlsmäßige Beteiligung hinweist, geht aus Kants eigener Darstellung hervor, mit der er die Vorstellung des moralischen Gesetzes und damit auch des mosaischen Gesetzes mit der Sinnlichkeit verbindet. Von daher glaubt er auch, was das Bilderverbot betrifft, von einem irrigen Besorgnis ausgehen zu können.[17.6] Kant lehnt dagegen die empiristisch-sensualistische Betrachtungsweise von Edmund Burke (1729–1797) ab.[18][19.5][17.7] Er bevorzugte die transzendentale Sichtweise.[17.8] Das Schöne der Natur kann allein ästhetisch durchaus gefallen, wenn es ohne Interesse wahrgenommen wird.[17.9] Burke weist bei der Wahrnehmung des Erhabenen auf Triebe zur Selbsterhaltung hin.[18.1] Das Erhabene reiche nicht aus zur Zerrüttung körperlichen Wohlbefindens, rufe anderseits auch keine Lust, sondern nur eine Art von wohlgefälligem Schauer hervor. Das Betrachten eines schönen Gegenstands müsse von der Begierde getrennt werden. Es führe zu einem Wegfall von Spannungen, einem Sterben vor Vergnügen.[18.2]

Phänomenologie

Wenn Jean-Paul Sartre (1905–1980) aus phänomenologischer Sicht den Dualismus zwischen „innen und außen“ verwirft, so erscheint dies zunächst als Widerspruch zu den geläufigen vielfältig dokumentierten Vorstellungen, die sich u. a. auch aus moderner sinnesphysiologischer Sicht bestätigen lassen.[6.2] Möglicherweise versucht Sartre, die in der Metaphysik üblicherweise gebrauchte Terminologie einer räumlichen Metaphorik zu umgehen, wonach das „hinter“ dem Physischen oder ihm „zugrunde“ liegende Sein beachtet wird.[3.7] Auch wenn sich Sartre auf Kant bezieht, so übt er zunächst auch ihm gegenüber Kritik an der „doppelten Relativität der Erscheinung“. Damit ist die begriffliche Trennung bei Kant zwischen Phaenomena (Sinnlichkeit) und Noumina (Geistigkeit) gemeint.[6.3][5.4] Auch Martin Heidegger (1889–1976) rezipiert diesen Dualismus eher indirekt.[23] Zu einer Aufhebung des Widerspruchs gelangt Sartre wohl eher ungewollt, indem er von der synthetischen Einheit der Manifestationen (Duhem) und erst viel später auch von Dialektik spricht. Sartre verweist jedoch zunächst auf Pierre Duhem und auf den Nominalismus von Henri Poincaré, nicht aber auf Kants Forderung nach synthetischen Urteilen a. priori.[6.4] Es trifft zu, dass Kant die Dialektik als ein Pseudophilosophieren betrachtete.[3.8] Im Zusammenhang mit dem Dualismus von Phaenomena und Noumena warnt Kant sogar vor Verirrungen in Wahn und Blendwerken.[5.5] Kant hat auch eine besondere Antinomienlehre aufgestellt.[5.6] Damit stellt sich erneut die Frage nach dem pathologischen Charakter innerer Bilder, wie sie oben von C. G. Jung gestellt wurde. Sartre geht auf diese Dialektik erst später und sehr indirekt ein, indem er den angeblichen Dualismus Kants, die synthetische Einheit nach Poincaré und den Nominalismus nach Duhem nicht mehr ausdrücklich erwähnt.[6.4][6.5] Sartre gebraucht zur näheren Kennzeichnung dieser größeren oder kleineren begrifflichen Differenzen den Begriff Transphänomenalität.[6.6]

Bild und Bildung

Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen Bild und Bildung nicht nur deshalb, weil die Schreibweise von „Bildung“ auch orthographisch die von „Bild“ enthält. Noch mehr wird diese Verbindung in dem Verb „sich bilden“ verdeutlicht. Damit kommt zum Ausdruck, dass Bildung nicht nur von außen an eine Person herangetragen werden kann, sondern ein vor allem auch aktiver subjektiver Vorgang ist, nämlich ein Prozess der eigenständigen und im eigenen Interesse erfolgenden Persönlichkeitsbildung.[24] Der Begriff der Bildung ist relativ neu. Kant gebraucht ihn noch nicht in dem Sinne, wie er sich erst später zwischen Kant und Hegel (1770–1831) vollendet hat. Kant spricht von der Kultur des Vermögens, die als solche Naturanlage bzw. im Bewusstsein der Ebenbildlichkeit Gottes und der Geisteskräfte der moralisch-praktischen Vernunft ein Akt der Freiheit des handelnden Subjekts ist.[25] Aber bereits Wilhelm von Humboldt (1767–1835) unterscheidet zwar noch etwas zaghaft zwischen Kultur und Natur.[26] Geprägt wurde der heutige Begriff Bildung von Johann Gottfried Herder (1744–1803).[25]

Traum- und Phantasiebilder

Traumbilder sind visuelle innere Bilder, die durch unbewusste Steuerung während des Schlafes ablaufen und ebenso wie Halluzinationen einen Realitätscharakter von Wahrnehmung, nicht von Vorstellung, aufweisen.[8.2] Den Ersatz gewünschter Aktivitäten durch ungewollte meist bildhafte Vorstellungen nennt Freud Traumgedanken.[8.3]

Als ähnliche Bilder bezeichnet Carl Gustav Jung die Phantasiebilder.[9.2] Sie sind auch als Vorstellungsbilder zu bezeichnen. Der von Jung poetisch verstandene Begriff des Phantasiebildes ähnelt dem des Phantasmas in der französischen Literatur. Diese Bilder haben im Gegensatz zu Traumbildern niemals realen Charakter und werden als solche Phantasievorstellungen von sinnlichen Wahrnehmungen als „inneres Bild“ stets unterschieden. Bei Übereinstimmung oder Ähnlichkeit mit unbewussten mythologischen Motiven der Kollektivpsyche spricht Jung von urtümlichen Bildern.[9.3] Archetypen sind ein Sonderfall solcher urtümlicher Bilder. – Dennoch besitzen auch die bewussten sinnlichen Wahrnehmungen psychologische Bedeutung als Ausgangspunkt der „inneren Wirklichkeit“. Diese differenziert sich in dem Maße, als den bloß sinnlichen Wahrnehmungen ein bestimmter „Sinn“ zugeordnet wird. Hierdurch unterscheiden sich diese Wahrnehmungen von allzu konkretistischen Eindrücken oder Empfindungen.[9.4] Urtümliche Bilder sind somit Ausdruck der momentanen psychischen Gesamtsituation und nicht etwa nur – oder sogar vorwiegend – der unbewussten Inhalte schlechthin.[9.5] Sie stellen die Verbindung zum Bewusstsein dar. Es besteht eine wechselseitige Beziehung zwischen unbewussten und bewussten Materialien. Urtümliche Bilder sind die Vorstufe der Ideen.[9.6] Gewinnt die ursprünglich bildhafte Idee eine zu starke gedankliche Form und wird sie somit weitestgehend vom Denken geprägt, so wird die Gegenfunktion, das Fühlen davon mit betroffen und aktiviert. Ist dieses Fühlen allerdings undifferenziert, so wandelt sich das urtümliche Bild zum Symbol.[9.7] Als weitere weitgehend psychologisch wirksame Bilder werden von Jung die Seelenbilder,[9.8] und die Imagines[9.9] genannt.

Urtümliche Bilder

Urtümliches Bild ist – wie bereits vorstehend in Kap. → Traum- und Phantasiebilder dargelegt – ein von C. G. Jung verwendeter Begriff. Er weist auf einen Rückbezug in frühere Entwicklungsstadien hin entweder in der der individuell ontogenetischen Lebensgeschichte oder insgesamt auf der kulturgeschichtlichen bzw. universalgeschichtlichen Ebene. Die sozusagen 'tiefere' „Logik“ der Bildersprache besteht in der schlichten Einsicht, dass ein 'Bild mehr sagt als tausend Worte'. 'Schlicht' bedeutet aber andererseits auch eine tiefere Ebene im Sinne der Schichtenlehre. Damit sind u. a. auch 'Fortschritte der Geistigkeit' oder entsprechender Stillstand gemeint, wie sie oben in Kap. → Bilderverbot erwähnt wurden. In diesem Dilemma ist auch die Geschichte der Mystik aufschlussreich. Hierbei geht es darum, das Übersinnliche, Göttliche und die Abkehr von der Sinnenwelt etwa durch Meditation zu erfassen.[3.9] Bereits der Wortstamm von Mystik beinhaltet ein visuelles Element (agrch. myein = die Augen schließen).

Urtümlich hat aber auch konkret die Bedeutung, dass Bilder im Hinblick auf die psychische Evolution einen älteren Charakter besitzen als die Begriffs- und Schriftbildung. Sie sind nach Kant die ästhetische Voraussetzung der Begriffsbildung.[5.3] Das beweist die Existenz der kulturell überlieferten ältesten ägyptischen und chinesischen Schriften, nämlich der Bilderschriften, vgl. a. Psychogenetisches Grundgesetz.[8.4] Eine weitere Alternative besteht in der darstellenden Kunst. Dargestellt sind vielfach die mehr oder weniger bewussten menschlichen Wunschvorstellungen, die aber rein faktisch in der Lebensgeschichte eines Menschen oder in der Geschichte eines Volkes nicht realisiert werden. Die berühmte Tragödie des Sophokles 'König Ödipus' behandelt den letztlich versagten Kinderwunsch des thebanischen Königpaars Laios und Iokaste. Die Tragödie berücksichtigt allgemein sowohl bildliche Darstellung durch Schauspieler als auch sprachliche Mittel der Darstellung. Sie schlägt damit sozusagen einen 'mittleren Weg' ein zwischen sinnlichem Genuss der Darstellung und möglichen moralischen Konsequenzen oder Alternativen.

Hans Berger (1873–1941), Entdecker der der Methode des EEG, war stets bemüht, durch diese Aufzeichnungen der Hirnströme Aufschluss zu gewinnen über innerseelische Zusammenhänge. Diese Hoffnung erfüllte sich zu seinen Lebzeiten aber eher nicht. Später gewann das EEG zunehmend an Bedeutung für die Neurologie, weniger jedoch als Beitrag zur Gewinnung von Hinweisen zur Klärung des Leib-Seele-Problems. Die Augenbewegungen im Schlaf und der nach Berger benannte Berger-Effekt könnten jedoch als erste Spuren betrachtet werden auf dem Weg zu einer Klärung psychologischer Fragen der Aufmerksamkeit und der urtümlichen Bilder.[27] Weitere psychologisch bemerkenswerte Tatsachen sind aufgrund von EEG-Befunden zur Typenlehre bekannt.[11.7] Weitere psychologische Details wie etwa beim Wiedererkennen von Gesichtern oder bei der Beschreibung von Bewusstseinszuständen aufgrund typischer EEG-Stromkurven sind inzwischen erforscht.[28]

Augenbewegungen

Augenbewegungen (Hunziker, 2006, nach R. Johansson)

Bei der Aufforderung sich etwas bestimmtes vorzustellen, können innere Bilder erzeugt werden, die von ähnlichen Augenbewegungen begleitet werden, wie bei der visuellen Wahrnehmung. Auch im Schlaf sind entsprechende Augenbewegungen (Rapid Eye Movements) durch die Elektroencephalographie festgestellt worden. Sie haben Beziehungen zur Traumphase des Schlafs.[29]

Beispiel

Die nebenstehende Bildfolge zeigt die Blickbewegungen auf eine leere Leinwand, die erfolgten, wenn der Proband aufgefordert wurde, sich entsprechend dem jeweiligen Text etwas vorzustellen.[Anmerkung 1][30]

Anmerkungen

  1. Für die Rekonstruktion wurden Unterlagen von Roger Johansson u. a. (2005, 2006) sowie ein von Johansson persönlich zur Verfügung gestelltes Video verwendet. Die nummerierten Punkte der Augenbewegungen sind hier nicht einzelne Blickpunkte, sondern Blickpunktegruppen.

Einzelnachweise

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