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Institut für Kriminologische Sozialforschung

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Das Institut für Kriminologische Sozialforschung (kurz IKS) an der Universität Hamburg war das einzige sozialwissenschaftlich orientierte kriminologische Institut in der Bundesrepublik Deutschland. Es wurde im Jahr 2000 am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg gegründet. 2016 wurde das Institut aufgelöst und zum Fachgebiet Kriminologische Sozialforschung am Fachbereich Sozialwissenschaften der WiSo Fakultät der Universität Hamburg. Auch dieses wurde zum Sommersemester 2025 aufgelöst und in das Fachgebiet Soziologie integriert.[1]

Der „Pferdestall“: das Universitätsgebäude, in dem das IKS ab dem Jahr 2002 beheimatet war

Am Institut wurden zwei postgraduale Studiengänge angeboten, das viersemestrige Diplomstudium Aufbaustudium Kriminologie mit dem Abschluss Diplom-Kriminologe (ab 2005–2022: Master Internationale Kriminologie) und das Kontaktstudium Kriminologie (seit 2007: Weiterbildender Masterstudiengang Kriminologie). Mittlerweile wird nur noch der Weiterbildungsmaster angeboten.

Zur Einordnung

Materialband für ein Seminar am IKS (Sommersemester 2005). Oben rechts sieht man das Institutslogo.

Grundsätzlich kann kriminologische Forschung in Deutschland auch außerhalb des Labels „kriminologisches Institut“ oder „Lehrstuhl für Kriminologie“ betrieben werden. So steht es Professoren der Sozialwissenschaften und der Psychologie frei, ihren in der Nähe zur Kriminologie gelegenen Forschungsinteressen nachzugehen. Alexander Baur nennt dies „eine Kriminologie ohne Kriminologie im Namen“.[2] Allerdings sind, so Arthur Kreuzer im Jahr 2012, nach vielen Kürzungen nur noch wenige entsprechende Lehrstühle übrig geblieben.[3]

In den englischsprachigen Ländern ist es üblich, dass Kriminologie von Sozialwissenschaftlern betrieben wird; in Deutschland sind jedoch aus historischen Gründen ansonsten die kriminologischen Lehrstühle und Institute meist an den juristischen Fakultäten angesiedelt.[4] Auch an der Universität Hamburg gab es neben dem IKS stets auch kriminologische Lehre und Forschung an der juristischen Fakultät – aktuell (2026) eine Fachgruppe Strafrecht und Kriminologie an der juristischen Fakultät mit einer regulären Professur sowie einer Juniorprofessur für Kriminologie.[5]

Die institutionelle und personelle Verankerung des IKS in den Sozialwissenschaften machte das Institut[6] sowie die an ihm angebotenen Studiengänge[7] in der deutschen universitären Kriminologie einzigartig.

Vom Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie zum IKS

1984: Das Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie

Troplowitzstraẞe, Hamburg: hier waren das Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie und das neugegründete IKS bis 2002 ansässig.

Die Vorgeschichte des IKS begann 1984 mit der auf Initiative der Kriminologieprofessorin Lieselotte Pongratz eingerichteten Institution „Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie“. Diese war zunächst am Fachbereich 17 (Rechtswissenschaft II – Reformierte Juristinnen- und Juristenausbildung) verankert[8] und wurde vom Soziologen Fritz Sack geleitet. Der 1974 eingerichtete Fachbereich Rechtswissenschaft II stand in der Tradition einer reformierten Juristenausbildung und setzte verstärkt auf eine Berücksichtigung der Sozialwissenschaften. Dieser Bezug wurde durch die Verzahnung mit dem stark sozialwissenschaftlich geprägten Aufbaustudium Kriminologie noch einmal bekräftigt.[9] Der Fachbereich bestand bis 1998.[10]

Im Rahmen einer Gemeinsamen Kommission waren von Beginn an mehrere Fachbereiche (Rechtswissenschaft I, Rechtswissenschaft II, Medizin, Philosophie, Sozialwissenschaften, Erziehungswissenschaft und Psychologie) an der Organisation und Konzeption beteiligt.[11] Nachdem das „Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie“ 1984 zunächst als Modellprojekt gestartet worden war, wurde es 1988 in eine reguläre Einrichtung der Universität Hamburg umgewandelt.[12] Im gleichen Jahr – 1988 – kam Sebastian Scheerer als zweiter ordentlicher Professor für Kriminologie hinzu.[13] Nach der Emeritierung Fritz Sacks übernahm Sebastian Scheerer sodann auch die Leitung des Aufbau- und Kontaktstudiums Kriminologie. Sowohl Fritz Sack als auch Sebastian Scheerer hatten sich in Soziologie habilitiert.[14]

Bis Mitte der Neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts befanden sich die Räumlichkeiten in der Jungiusstraße.[15][16] Danach war das Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie bis 2002 in der Troplowitzstraße im Stadtteil Hoheluft ansässig.[17][18]

2000: Gründung des IKS

Im Jahr 2000 – genauer gesagt: ab dem 1. Oktober 2000 – wurde aus dem Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie offiziell das Institut für Kriminologische Sozialforschung – Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie und wurde organisatorisch dem damaligen Fachbereich Sozialwissenschaften zugeordnet.[19] Zum ersten geschäftsführenden Direktor des IKS wurde der Leiter des Aufbau- und Kontaktstudiums Kriminologie Sebastian Scheerer. Die Räumlichkeiten verblieben zunächst unverändert in der Troplowitzstraße. Im Jahr 2002 erfolgte der Umzug an den Allende-Platz 1 (Pferdestall).[20]

Angebotene Studiengänge

Lehre am IKS vor Bologna: Semesterplan für das Aufbaustudium Kriminologie (Sommersemester 2004)
Lehre am IKS nach Bologna: Semesterplan für den Masterstudiengang Internationale Kriminologie (Sommersemester 2007)

Am IKS und seiner Vorgängerinstitution wurden von 1984 an sowohl das Postgraduiertenstudium „Aufbaustudium Kriminologie“ mit dem Abschluss „Diplom-Kriminologe/Diplom-Kriminologin“ als auch das weiterbildende „Kontaktstudium Kriminologie“ angeboten.[21] Es handelte sich um das bundesweit erste autonome Studienangebot für angehende Kriminologen.[22] Die Gemeinsame Kommission für das Aufbau- und das Kontaktstudium Kriminologie sollte den interdisziplinären Charakter des Studiums sicherstellen.[23] Ab dem Wintersemester 2005/2006 (Aufbaustudium) bzw. dem Wintersemester 2007/2008 (Kontaktstudium) wurden die beiden Studiengänge des Instituts im Rahmen der Bologna-Reform auf die zwei Masterstudiengänge Master Internationale Kriminologie (120 ECTS) einerseits und Weiterbildender Masterstudiengang Kriminologie (60 ECTS) andererseits umgestellt.[24]

Sowohl der postgraduale Diplomstudiengang Aufbaustudium Kriminologie als auch der Nachfolgestudiengang M.A. Internationale Kriminologie waren um die beiden Themenschwerpunkte Policing und Gewalt herum konzipiert. Beim M.A. Internationale Kriminologie standen diese beiden Schwerpunkte unter der Perspektive „Governing Security“.[25]

Mit der Einrichtung des IKS am Fachbereich Sozialwissenschaften (2000) wurde Kriminologie zudem zu einem möglichen Promotionsfach (Dr. phil).[26]

Die „Ordnung für das Aufbaustudium Kriminologie und das Kontaktstudium Kriminologie“ blieb durch die Verlagerung der beiden Studiengänge und die Errichtung des Instituts ausdrücklich unberührt.[27]

Forschung und Lehre

Sebastian Scheerer, geschäftsführender Direktor des IKS von 2000 bis 2016

Von Beginn an galt es als Ziel der Mitarbeiter des Aufbau- und Kontaktstudiums Kriminologie, die Kriminologie in Deutschland als eine autonome, von der Rechtswissenschaft unabhängige sozialwissenschaftliche Disziplin – Fritz Sack zufolge als eine Strafrechtssoziologie – zu etablieren. Insbesondere dürfe sich eine wissenschaftliche Kriminologie ihr Objekt (also: das Phänomen Kriminalität) nicht unmittelbar von der gesellschaftlichen, insbesondere der strafrechtlichen Praxis vorgeben lassen.[28] Da zunächst Fritz Sack die Leitung der Institution „Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie“ innehatte, stand der Etikettierungsansatz (Labeling Approach) mit Schwerpunkt auf die Analyse von sozialen Prozessen der Definition, der gesellschaftlichen Reaktion und Verarbeitung im Vordergrund.[29] Unter der Ägide des neuen Leiters und ersten IKS-Direktors Sebastian Scheerer wurde diese Fokussierung auf die Labeling-Perspektive sodann teilweise – aber nicht vollständig – aufgebrochen und um zusätzliche Dimensionen wie die Terrorismusforschung[30], Phänomene der Makrokriminalität und um eine Auseinandersetzung mit dem kriminologischen Abolitionismus erweitert. Die ebenfalls am Institut tätige Soziologin Susanne Krasmann – zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin, später als Professorin – brachte Forschungen zu den Themenfeldern Recht und Wissen, Critical Security Studies, Sichtbarkeitsregime, Kontrolltechnologien & Gouvernementalität der Gegenwart in die Arbeit des Instituts mit ein. Weitere hauptberuflich Lehrende waren Gabriele Löschper (bis 2002[31]), Werner Lehne und Bettina Paul.[32]

Im Rahmen von DFG-Forschungsprojekten wurden von den Institutsdirektoren und am Institut tätigen Professoren zuletzt u. a. folgende Themenfelder erforscht:

  • Franz Exner (1881–1947) und die deutsche Kriminologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts[33]
  • Der „überwachte“ Bürger zwischen Apathie und Protest. Zur Genese neuer staatlicher Kontrolltechnologien und ihren Effekten auf Einstellungen und Verhalten der Bevölkerung[34]
  • Punitivität – Erscheinungsformen und Genese[35]
  • Biometrie als ‚soft surveillance’. Die Akzeptanz von Fingerabdrücken im Alltag“[36]

Schließung des Instituts und Abwicklung des Studienganges Internationale Kriminologie

Nach der Auflösung des IKS im Jahr 2016[37] bot zunächst das Fachgebiet Kriminologische Sozialforschung in Nachfolge des IKS die oben genannten beiden Masterstudiengänge unverändert an.[38] Programmdirektorin und Vorsitzende des Prüfungsausschusses beider Studiengänge war Christine Hentschel.

Der Masterstudiengang Internationale Kriminologie wurde ab dem Wintersemester 22/23 eingestellt, um den Lehrbetrieb bis 2027 sukzessive abzubauen. Dies führte zu erheblichen Protesten. Eine im Kriminologischen Journal abgedruckte Stellungnahme gegen die Abwicklung des Studienganges stellte nochmals dessen Sonderstellung und seine konsequente sozialwissenschaftliche Anbindung heraus. Zudem wurde auf die internationale Vernetzung der Hamburger Kriminologie verwiesen, die sich unter anderem in Kooperationsprogrammen wie dem „Doctorate in Cultural and Global Criminology“ niederschlage.[39] Auch in der allgemeinen Presse wurde die Schließung kritisch beleuchtet. Sowohl die TAZ, die den gefährdeten Studiengang als in Deutschland einzigartig bezeichnete als auch das Hamburger Abendblatt berichteten und kommentierten entsprechend.[40][41] Seitens der Stadt Hamburg wurde darauf verwiesen, dass sich die Zahl der hauptamtlich Lehrenden in der Kriminologie mittelfristig auf eine Person reduzieren würde.[42] Die TAZ konstatierte, es gebe zu wenig Lehrpersonal und zu wenig Geld. Aber warum dann nicht in den Studiengang investiert werde und neue Lehrende eingestellt würden, werde seitens der Universität nicht beantwortet. Seitens der Universität hieß es laut der TAZ lediglich: „Die Einrichtung und Einstellung von Studiengängen gehört zu den routinemäßigen Aufgaben einer Universität.“[43]

Bekannte Absolventen

Literatur

  • Gabi Löschper: Das Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie. In: Jörg-Martin Jehle (Hrsg.), Kriminologie als Lehrgebiet. Kriminologische Aus-, Fort- und Weiterbildung in verschiedenen Studienfächern und Berufsfeldern, Wiesbaden 1992, S. 173–198.
  • Christian Wickert, Christina Schlepper, Simon Egbert, Katrin Bliemeister: Kriminologie studieren in Hamburg. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 96 (2013), S. 270–275.

Einzelnachweise

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