Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Jährliches Filmfestival in Oberhausen, Deutschland From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, gegründet 1954, gelten als das älteste Kurzfilmfestival der Welt und sind seit 1960 über die FIAPF akkreditiert.[1] Das Festival organisiert einen internationalen, einen deutschen und einen internationalen Kinder- und Jugendfilmwettbewerb sowie den MuVi-Preis für das beste deutsche Musikvideo, und seit 2009 den NRW-Wettbewerb für Produktionen aus Nordrhein-Westfalen.[2]

Logo der Kurzfilmtage seit 2015
Eröffnung der 72. Kurzfilmtage: v. l. n. r. Apostolos Tsalastras, Madeleine Bernstorff, Gonca Türkeli-Dehnert, Susannah Pollheim, Thorsten Berg

Das Festival betreibt eine gut ausgestattete Video-Library, führt einen nichtkommerziellen Kurzfilmverleih und verfügt über ein Archiv von Kurzfilmen aus über 70 Jahren Filmgeschichte. Die 72. Ausgabe findet vom 28. April bis 3. Mai 2026 statt. Beim Festival werden über 500 Filme pro Ausgabe gezeigt. Dazu gibt es ein Forum mit über 1000 akkreditierten Fachbesuchern. Die verschiedenen Jurys vergeben Preise mit über 40.000 Euro Preisgeld.[3]

Geschichte

Zeitungsartikel von 1960 zur FIAPF-Akkredierun des Festivals 1960

Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen wurden 1954 vom Leiter der Oberhausener Volkshochschule, Hilmar Hoffmann, in Zusammenarbeit mit dem Filmclub Oberhausen unter dem Namen „1. Westdeutsche Kulturfilmtage“ gegründet. Die Veranstaltung sollte einen bildungspolitischen Auftrag erfüllen, „Kulturfilm – Weg zur Bildung“ war das Motto des ersten Festivals, gezeigt wurden 45 Filme aus der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten.

1958 wurde bei den 4. Westdeutschen Kulturfilmtagen das Motto „Weg zum Nachbarn“ eingeführt, unter dem das Festival bis einschließlich 1997 stattfand. 1959 wurde das Festival umbenannt in „Westdeutsche Kurzfilmtage“. Oberhausen erwarb sich bald einen politischen Ruf, vor allem, da man viele Filme aus dem Ostblock nur in Oberhausen sehen konnte, ein Umstand, der zum raschen Aufstieg der Kurzfilmtage und zu ihrem Ruf als „Mekka des Kurzfilms“ beitrug. Doch schon in den 1950er Jahren sah man in Oberhausen auch Arbeiten von jungen Filmemachern aus dem Westen wie François Truffaut, Norman McLaren, Alain Resnais, Bert Haanstra oder Lindsay Anderson. Beim vierten Festival 1958 waren zum Beispiel 190 Filme aus 29 Ländern im Programm vertreten.

Voller Saal im Festivalkino Lichtburg Filmpalast Oberhausen bei den Kurzfilmtagen 2019
50-Pf-Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1979 anlässlich des 25-jährigen Jubiläums

1962 wurde beim achten Festival das Oberhausener Manifest verkündet, mit dem junge deutsche Filmemacher, unter ihnen Alexander Kluge, Peter Schamoni und Edgar Reitz, den alten Film für tot erklärten und ihren Anspruch verkündeten, den neuen deutschen Film zu schaffen.[4]

Das Oberhausener Manifest, verkündet 1962 bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen

Die 1960er Jahre gipfelten 1968 im Skandal um Hellmuth Costards Film Besonders wertvoll, in dem ein sprechender Penis Kritik am 1967 neu aufgelegten Filmförderungsgesetz übte. Die Festivalleitung nahm aufgrund eines Einspruchs der Staatsanwaltschaft den Film aus dem offiziellen Programm, woraufhin viele deutsche Filmemacher ihre Arbeiten aus dem Festival zurückzogen. Die Kurzfilmtage gingen mit geändertem Reglement (unter anderem ein öffentliches Auswahlverfahren für deutsche Filme) aus der Krise hervor.

In den 1970er Jahren war die Frauenbewegung ein großes Thema – in Oberhausen zeigten junge Filmemacherinnen wie Chantal Akerman oder Helma Sanders-Brahms ihre ersten Filme. Mit dem Kinderkino führten die Kurzfilmtage 1978 eine neue Festivalsektion ein. Die 1970er Jahre sahen außerdem eine Welle von Festivalneugründungen: Aus den Kinos verdrängt, fand der Kurzfilm neue Abspielformen im Festivalbereich.

In den späten 1980er Jahren war die Entwicklung der Kurzfilmtage eher geprägt durch die stufenweise Integration von Video und Neuen Medien. Mit dem Wegfall des Ost/West-Konflikts, der die ersten Jahrzehnte des Festivals geprägt hatte, verblasste Oberhausens Rolle als „Fenster zum Osten“. In den Vordergrund rückte nun das Profil des Festivals als Mittler und Wegbereiter zwischen Kurzfilm und Werbeclip, Musikvideo, Industriefilm und Videokunst – oft unter dem Sammelbegriff Avantgarde zusammengefasst.

1990 wurde das Festival in Internationale Westdeutsche Kurzfilmtage umbenannt. Seit 1991 trägt es den Namen Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. Im gleichen Jahr führten die Kurzfilmtage den bundesweit ersten Wettbewerb für deutsche Kurzfilme ein. Seit 1993 zeigen die Kurzfilmtage Film und Video gleichberechtigt in den Wettbewerben. 1999 führten die Kurzfilmtage den weltweit ersten Preis eines Filmfestivals für Musikvideos ein, den MuVi, der bis heute ausschließlich an Regisseure für die visuelle Qualität der Clips verliehen wird.[5] Mit dem Aufkommen der Videokunst haben außerdem immer mehr Arbeiten von Künstlern den Weg in die Festivalprogramme gefunden.

Heute zeigt Oberhausen Kurzfilme und Videos von unterschiedlichster formaler, kultureller und sozialer Herkunft. Große, thematisch angelegte Sonderprogramme greifen jährlich wechselnde Themen auf, zuletzt unter anderem „Memories Can’t Wait. Film Without Film“ (2014), „Solidarität als Störung“ (2021/22), „Against Gravity. The Art of Machinima“ (2023) oder „Umwege zum Nachbarn. Der Film der DDR in Oberhausen“ (2025). Zum Festival gehören unter anderem auch die Video-Library mit einer großen Auswahl aktueller internationaler Kurzfilme, einzelnen Künstlern gewidmete Profil-Programme, Markt-Screenings für experimentelle Kurzfilmverleiher und die Diskussionsreihe „Podium“.

2020 organisierten die Kurzfilmtage aufgrund der Corona-Pandemie die erste rein digitale Ausgabe eines Filmfestivals in Deutschland: Vom 13. bis 18. Mai 2020 fand die 66. Ausgabe vollständig online statt. Dabei wurden 2.500 Festivalpässe verkauft und es gab Nutzer in knapp 100 Ländern. Auch im Jahr 2021 folgte eine rein digitale Festival-Ausgabe. Mit zehn Tagen war das Festival fast doppelt so lang wie üblich und präsentierte erstmals drei neue Online-Wettbewerbe (Internationaler Online-Wettbewerb, Deutscher Online-Wettbewerb, Internationaler MuVi-Preis). Im Jahr 2022 kehrten die Kurzfilmtage mit einer hybriden Ausgabe in die Kinos zurück. Seit 2023 finden die Kurzfilmtage wieder nur in den Kinos statt. Während des Festivals finden die meisten Veranstaltungen im Lichtburg Filmpalast und dem Kino im Walzenlager statt.

Infolge des Hamas-Angriffs auf Israel rief Festivalleiter Lars Henrik Gass zu einer Pro-Israel-Demonstration in Berlin auf. Dabei bezeichnete er Pro-Palästinenser als „Neuköllner Hamasfreunde und Judenhasser“. Dies führte zu einer anonymen Online-Petition, die sich gegen die „Dämonisierung“ palästinensischer Positionen durch Gass aussprach und zum Boykott der Kurzfilmtage Oberhausen aufrief. Die Petition wurde von über 1900 namentlich genannten Filmschaffenden unterzeichnet.[6] Gass sagte später in einem Interview, dass er konkret Freudenfeiern nach dem Angriff gemeint habe und nicht pauschal Palästinenser stigmatisieren wollte. Gass sprach in Bezug auf die Petition von „Repression“ und „Diffamierung“.[7][8] Zum Jahr 2025 trat er als Festivalleiter der Kurzfilmtage Oberhausen zurück, ohne Bezug auf die vorangegangene Kontroverse zu nehmen.[9]

Außerhalb des Festivals unterhalten die Kurzfilmtage einen nicht-kommerziellen Kurzfilmverleih sowie ein Archiv, in dem Kurzfilme aus über 70 Jahren Filmgeschichte lagern.[10]

Wettbewerbe und Preise

Im Internationalen Wettbewerb werden um die 50 Filme aus um die 40 Länder ausgewählt. Die Jury vergibt den Großen Preis der Stadt Oberhausen (8.000 Euro), den Hauptpreis (4.000 Euro), einen Förderpreis (1.500 Euro) und nominiert einen Kurzfilm für den Europäischen Filmpreis.[11] Die Jury des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen vergibt einen ersten Preis (5.000 Euro) und einen zweiten Preis (3.000 Euro). Im Deutschen Wettbewerb werden bis zu 20 Filme mit deutscher Produktion ausgewählt. Die Jury vergibt einen Hauptpreis (5.000 Euro), einen Förderpreis (1.500 Euro) und den 3satNachwuchspreis (2.500 Euro) inklusive Ausstrahlung bei 3sat.[12] Im NRW-Wettbewerb werden um die zehn im Bundesland produzierte Filme gezeigt. Die Jury vergibt einen Hauptpreis (1.000 Euro) und einen Förderpreis (500 Euro). Die WDR Westart-Zuschauerjury vergibt einen Zuschauerpreis (750 Euro).[13]

Im Kinder- und Jugendfilmwettbewerb werden seit 1978 um die 40 Filme aus über 25 Ländern gezeigt. Die Kinderjury vergibt einen Hauptpreis (1.000 Euro) und einen Förderpreis (1.000 Euro). Die Jugendjury vergibt ebenfalls einen Hauptpreis (1.000 Euro) und einen Preis für den überraschendsten Film (1.000 Euro).[13] Auch aus dem Kinder- und Jugendwettbewerb wird ein Ökumenischer Preis (1.500 Euro) vergeben. Eine Erwachsenen-Jury nominiert einen Film für den Europäischer Filmpreis als bester Kurzfilm.[14]

Zusätzlich gibt es einen FIPRESCI-Preis und einen Preis der Ökumenischen Jury (2.000 Euro). An Filme aus den beiden Hauptwettbewerben wird der ZONTA-Preis (1.000 Euro) vergeben.[13]

Der MuVi-Preis wird seit 1999 an das beste Musikvideo vergeben. Produzenten und Regisseure aus Deutschland können bis zu fünf Beiträge einreichen, von denen eine Auswahlkommission zehn bis zwölf für das Festival auswählt. Aus den Filmen wählt die Jury einen ersten Preis (2.000 Euro) und einen zweiten Preis (1.000 Euro) aus. Zusätzlich wird ein mit 500 Euro dotierter Online-Publikumspreis verliehen.[15][16]

Die Kurzfilmtage sind ein „qualifying festival“ für die Kurzfilm-Academy Awards in allen Kategorien sowie für die BAFTA Awards.

Zitate

Wim Wenders: „Hier habe ich meine erste Zigarette geraucht. Hier habe ich bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen jahrelang jeden Film gesehen, mich alljährlich gefreut auf die Tage in Oberhausen. Diese Ereignisse waren für mich, für meinen Entschluss Filme zu machen, wichtig.“[17]

Roman Polański: „Der Kurzfilm ist ein großartiger erster Schritt für einen jungen Filmemacher. So habe ich angefangen, und Oberhausen war eine wichtige Station meiner Entwicklung zum Regisseur.“[18]

Leiter

Literatur

  • Klaus Behnken (Red.): kurz und klein. 50 Jahre Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. Hatje Cantz, Ostfildern 2004, ISBN 3-7757-1323-9.
  • Wolfgang J. Ruf: Ein Wimmelbild der Erinnerungen – Westdeutsche Kurzfilmtage Oberhausen 1975 - 1985. In: Gespenster der Freiheit, Mai 2024.
  • Wolfgang Ruf : Wozu noch immer ein Festival des Kurzfilms in Oberhausen? Anmerkungen zu den Westdeutschen Kurzfilmtagen. In: Hans Günther Pflaum (Hrsg.): Jahrbuch Film 79/80. Berichte, Kritiken, Daten. Carl Hanser Verlag, München / Wien 1979, ISBN 3-446-12851-4, S. 155–162.
  • Ralph Eue, Lars Henrik Gass (Hrsg.): Provokation der Wirklichkeit. Das Oberhausener Manifest und die Folgen. edition text + kritik, Richard Boorberg Verlag, München 2012, ISBN 978-3-86916-182-2.
  • Andreas Kötzing: Kultur- und Filmpolitik im Kalten Krieg. Die Filmfestivals von Leipzig und Oberhausen in gesamtdeutscher Perspektive 1954–1972. Wallstein Verlag, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8353-1264-7.
  • Dietrich Kuhlbrodt: DEFA-Filme in Oberhausen. Rückblick auf fünfzig Jahre. In: apropos: Film 2005 – Das Jahrbuch der DEFA-Stiftung, Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-86505-165-0, S. 106–118.
  • Lars Henrik Gass, Christian Höller, Jessica Manstetten (Hrsg.): After YouTube. Gespräche, Portraits, Texte zum Musikvideo nach dem Internet. Strzelecki Books, Köln 2018, ISBN 978-3-946770-27-5.

Einzelnachweise

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