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Israelitischer Friedhof Dessau

jüdischer Friedhof in Sachsen-Anhalt From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Israelitische Friedhof Dessau ist ein jüdischer Begräbnisort in Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt und der älteste erhaltene Friedhof der Stadt[1] sowie einer der ältesten erhaltenen in der Region Anhalt.[2] Er liegt in einem von den Straßen Am Leipziger Tor, Stenesche Straße und Helmut-Kohl-Straße begrenzten 16.000 Quadratmeter großen Areal.[3] Der Friedhof besteht seit den 1680er Jahren, wurde bis 1942/1943 und wird seit 1994 wieder belegt.

Heutiger Eingang mit Trauerhalle (links) (2021)

Geschichte

Historischer Eingangsbereich (2014)
Neuer Eingang (2021)

Im Jahr 1674 erbaten die seit 1672 in Dessau ansässigen Juden einen Begräbnisplatz, der ihnen mit Erlaubnis des Fürsten Johann Georg II. 1687 zugesprochen wurde.[2][4][5] Der jüdische Friedhof wurde außerhalb der Stadt vor dem Leipziger Tor in der Kienheide angelegt. Auch jüdische Kaufleute, die beim Besuch der Leipziger Messe gestorben waren, wurden dort vor 1814 beigesetzt,[6] da Leipzig bis ins 19. Jahrhundert die Ansiedlung von Juden und die Anlage eines jüdischen Friedhofs verbot.[7][8]

Im Jahr 1695 wurde der Begräbnisplatz erstmals vergrößert und 1712 mit einer Mauer umgeben. In den Jahren 1715 und 1718 erwarb die jüdische Gemeinde angrenzende Gebäude und Areale. 1902 konnte die Gemeinde ein größeres Gelände zur Erweiterung des Friedhofs mit Mitteln aus dem beträchtlichen Nachlass des Barons Moritz von Cohn[1] bzw. aus der Stiftung seiner Tochter Julie von Cohn-Oppenheim kaufen. Außerdem wurden von diesem Geld ein Pförtnerhaus/Gärtnerhaus und eine Remise für den Leichenwagen erbaut. Der Friedhof erhielt mit einem eisernen Gitter eine Abtrennung zur Straße. Im Jahr 1906 wurde nach Entwürfen des Architekturbüros Cremer & Wolffenstein, die auch die Dessauer Synagoge planten, zwischen Gärtnerhaus und Remise eine von einem goldenen Davidstern gekrönte imposante Trauerhalle mit Kupferdach errichtet.[5][6] Außer dem alten Eingang von der Stadtmauer her[9] wurde dort ein weiterer Zugang von der Steneschen Straße kommend angelegt.[3][4] Für die eisernen Tore wurden Ornamente in Form von Davidsternen eingearbeitet.

Bis in die 1930er Jahre standen auf dem Dessauer Friedhofsgelände etwa 2.000 Grabsteine,[7] darunter die von bekannten Persönlichkeiten mit Beziehungen und Verbindung zur Stadt.[3][4]

Zeit des Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Friedhof im November 1938 während der Novemberpogrome geschändet und weitgehend zerstört,[1][10] die Trauerhalle wurde niedergebrannt, nachdem die SA den goldenen Davidstern und das kupferne Dach entfernt hatte.[3][4][6] Nach 1938 wurden die meisten Grabsteine entwendet und als Baumaterial benutzt.[7][11]

Während des Zweiten Weltkrieges wurden sämtliche Metallteile und -verzierungen von den Grabsteinen entfernt und für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen.[3] Auch das Moses-Mendelssohn-Denkmal wurde zerstört und verschrottet. Das ursprünglich 1890 in den Anlagen vor dem Bahnhof aufgestellte Denkmal – eine Büste auf einem Sockel in einer Brunnenanlage – war 1933 von den Nationalsozialisten entfernt und auf dem Friedhof abgestellt worden.[4][5] Quer durch den Friedhof und die Gräberfelder wurden Splittergräben ausgehoben und die Gräber dadurch verwüstet.[9]

Nach 1945

Gedenktafel

Mit Einmarsch der Roten Armee wurde der Friedhof so weit wie möglich aufgeräumt und verschleppte Grabsteine zurückgebracht.[11] Die Trümmer der niedergebrannten Trauerhalle wurden beseitigt.[4] Neben dem Eingang des Friedhofs wurde eine bronzene 50 mal 30 Zentimeter große Gedenktafel angebracht mit der Inschrift „Durch Naziterror wurde der Dessauer israelitische Friedhof am 9. November 1938 geschändet. Nach der Zerschlagung des Faschismus ließ der 1. Sowjetische Stadtkommandant die Grabsteine bergen. Da der ursprüngliche Standort vieler Grabsteine nicht mehr zu ermitteln war, wurden diese an der hinteren Friedhofsmauer abgelegt.“[12][13]

Zu DDR-Zeiten wurde an der Stelle der Splittergräben eine Wasserleitung durch das Friedhofsgelände verlegt.[9] Ein Teil der Friedhofsfläche wurde später für den Bau einer Straße abgetrennt.[3] Aufräumarbeiten wurden ab 1970 durch Jugendliche im Rahmen der Aktion Sühnezeichen durchgeführt.[4] In den 1980er Jahren wurde der Friedhof mit kommunaler, kirchlicher und privater Hilfe rekonstruiert,[13] die alten Friedhofswege wurden wieder hergestellt und der Brunnen restauriert.

Mahnmal und Gedenkmauer aus geschändeten Grabsteinen (2013)

Ab 1992 wurde versucht, die zahlreichen Grabsteine und Grabsteinfragmente, die bis dahin auf den Wiesen lagerten, wieder zusammenzusetzen. Da sich von den meisten der hauptsächlich aus dem 18. Jahrhundert stammenden Steine die Standorte nicht mehr rekonstruieren ließen, wurden sie 1996 als Gedenkmauer zusammengefügt und in die Umfassungsmauer einbetoniert.[11][14][15] Nicht mehr identifizierbare Fragmente wurden in ein Mahnmal in Form eines Davidsterns eingearbeitet.[4][8]

Zwei der zur Trauerhalle gehörenden noch erhaltenen Säulen sind an ihrem alten Standort aufgestellt. Dazwischen stehen in den 1930er Jahren hergestellte Repliken der Grabsteine von Bela Rachel Wahl sowie ihrer Tochter Jente, zwei Mitgliedern der bekannten Dessauer Familie Mendelssohn.[3]

Weiternutzung und Erhalt

Nach dem Zuzug jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Dessau ab 1992 gründete sich 1994 die jüdische Gemeinde Dessau neu,[5] die ihre Bestattungen seit 1995 auf dem historischen Friedhof durchführt.[8] Bis 2018 wurden etwa 70 neue Grabsteine errichtet.[16] Das Pförtnerhaus/Gärtnerhaus und die Remise für den Leichenwagen blieben erhalten.[6] Das Gärtnerhaus wird heute von einem Steinmetz als Wohn- und Arbeitsplatz genutzt, die frühere Remise wurde zu einer kleinen Trauerhalle umgebaut,[3][4] um die Bestattungen gemäß den jüdischen Gesetzen durchführen zu können.[1] Durch einen Flächentausch zwischen der Jüdischen Gemeinde zu Dessau und der Stadtverwaltung wurde 2018 die Anlage einer 1.200 Quadratmeter großen Erweiterungsfläche für etwa 120 weitere Gräber in der Nähe der Ludwigshafener Straße möglich. Auf diesem Areal werden nichtjüdische Partner jüdischer Menschen bestattet.[4][16]

Der Friedhof ist als Baudenkmal im Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt erfasst. Im Rahmen der digitalen Dokumentation der jüdischen Friedhöfe Sachsen-Anhalts wurden die Grabsteine zwischen März und Mai 2026 fotografiert und erfasst. Einerseits soll das Projekt die digitale Bewahrung der Grabsteininschriften vor Verfall und Zerstörung durch Verwitterung, Naturereignisse und antisemitische Angriffe sicherstellen und andererseits dem Aufbau einer digitalen, zentralen, öffentlich zugänglichen Dokumentationsstelle dienen.[17][18]

Vandalismus

Hinweistafel an der Außenmauer (2021)

Die mehr als einen Kilometer lange Außenmauer des Friedhofs ist wiederkehrend von Graffiti-Schmierereien betroffen.[19] Nachdem im Oktober 2021 die am Eingang des Friedhofs angebrachte bronzene Gedenktafel gestohlen wurde,[12] ließ die jüdische Gemeinde sie im November 2021 durch eine Tafel aus Kunststoff ersetzen.[20]

Anfang Mai 2022 wurde die in die Außenmauer des Friedhofs eingelassene Hinweistafel mit Davidstern und der Inschrift „Israelitischer Friedhof“ mit beleidigenden, antisemitischen Texten in englischer und arabischer Sprache beschmiert,[21][22] Ende Januar 2025 mit den Buchstaben „SA“ und „SS“.[23][24]

Grabstätten

Der älteste erhaltene Grabstein des Friedhofs stammt aus dem Jahr 1694. Die meisten Grabsteine bestehen aus Sandstein und sind stark verwittert. Einige sind mit dem Symbol der Segnenden Priesterhände verziert oder mit Levitenkanne und Schüssel als Bezug zu den Leviten. Auffällig sind die aus Granit gefertigten, ursprünglich mit Metallornamenten verzierten und gut erhaltenen hohen Grabsteine der Eheleute Itzig Hirsch Cohn und Marianne Cohn (geb. Nathan) und ihres Sohnes Moritz von Cohn. Davor steht auf einem Sockel eine übergroße Graburne für Julie von Cohn-Oppenheim, die Tochter von Moritz von Cohn.[9]

Mitte des 19. Jahrhunderts waren alle Grabsteine aus Sandstein durch einen Steinmetz mit einer eingeschlagenen Nummerierung versehen worden. Die Listen mit den Nummerierungen und den Namen der Beigesetzten sind erhalten geblieben, so dass sich die Steine teilweise einer bestimmten Person zuordnen lassen, wenn auch nicht der ursprüngliche Standort.[9]

Aus der Zeit ab 1933 finden sich nur wenige Grabsteine in einem kleinen Gräberfeld, da ein Großteil der jüdischen Gemeinde vor dem wachsenden Antisemitismus emigrierte bzw. später im Holocaust deportiert und in den Vernichtungslagern umgebracht wurde.[14]

Auf dem Friedhof bestattete Personen (Auswahl):

Grabmale von Itzig Hirsch Cohn, Marianne Cohn (geb. Nathan), Moritz von Cohn (v. l. n. r.) (2013)
Grabstein von Hermann Cohn (2017)
  • Moses Benjamin, Hoffaktor (um 1661–1729)[13]
  • Das Ehepaar Moses Bodenthal (1824–1914) und Fanny Bodenthal (1831–1926)[4]
  • Das Ehepaar Itzig Hirsch Cohn und Marianne Cohn (geb. Nathan)[4]
  • Baron Moritz von Cohn[4]
  • Baronin Julie von Cohn-Oppenheim, Tochter von Moritz von Cohn
  • Hermann Cohn[14]
  • Auguste Cohn (geb. Eitig) (1848–1897) und Heinemann Cohn (1840–1921)[4]
  • David Heumann, Kantor und Religionslehrer in Dessau (1880–1929)[11][15]
  • Die Eheleute Mendel Heymann und Bela Rachel Wahl (Eltern von Moses Mendelssohn) sowie ihre Tochter Jente. Erhalten sind die Originalgrabsteine von Mendel Heymann und Bela Rachel Wahl sowie die in den 1930er Jahren gefertigten Repliken der Steine von Bela Rachel Wahl und Jente.[3] Der originale Grabstein von Mendel Heymann ist in die Gedenkmauer eingefügt und wurde erst später identifiziert.[14]
  • Saul Wahl, der Vater von Bela Rachel Wahl, Händler, Messehändler in Leipzig und Gelehrter. Ein Fragment seines Grabsteins liegt neben dem an der Friedhofsmauer angelehnten originalen Grabstein seiner Tochter.[9]
  • Louis Hagelberg, Kaufmann und Gemeindeältester (–1863)[13]
  • Das Ehepaar Bernhard Hagelberg, Kaufmann und Mitglied des Anhaltischen Landtages (1825–1882) und Marie Hagelberg (geb. Groß) (1830–1880)[13]
  • Georg Hirschfeld, herzoglicher Hofzahnarzt, Vorsteher der Chewra Kadischa und Friedensrichter[4][11]
  • Hugo Jacoby, Kaufmann (1875–1935)[15]
  • Eheleute Jacob Samuel Jacobson, Kaufmann (1844–1930) und Regine (geb. Goldschmidt) (1849–1918)[15]
  • Hermann Linz (-1922)[4]
  • Aurelia Lipsky (geb. Salinger) (–1935)[15]
  • Walter Lipsky (1885–1907)[15]
  • David Löwenstein, Kaufmann (1859–1937)[15]
  • Eheleute Moses Mottek (1860–1941) und Lena Mottek (1859–1941)[15]
  • Moses Philippson, Schriftsteller, Lehrer, Übersetzer und Verleger
  • Susette Wallerstein (geb. Philippson) (–1894)[11]
  • Rosa Protter (geb. Joseph)[4]
  • Otto Rosenbaum (1852–1923)[4]
  • Karl Rothschild (1865–1911)[4]
  • Marianne Rothschild (geb. Silberschmelzer) (1837–1914)[4]
  • Eheleute Hugo Sonnenthal, Geheimer Kommerzienrat, Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde, (1845–1921) und Adele Sonnenthal (geb. Lipmann) (1853–1929)[13]
  • Max Tuchmann (1869–1932) und Otto Tuchmann (1878–1930)[4]
  • Anna Valentin[4]
Commons: Jüdischer Friedhof (Dessau) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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