James Lindsay, 26. Earl of Crawford
englischer Astronom, Politiker, Büchersammler, Philatelist
From Wikipedia, the free encyclopedia
James Ludovic Lindsay, 26. Earl of Crawford und 9. Earl of Balcarres KT, FRS, FRAS (* 28. Juli 1847 in Saint-Germain-en-Laye, Frankreich; † 31. Januar 1913 in London) war ein britischer Peer, Astronom, Politiker, Büchersammler und Philatelist. Bis zum Tod seines Vaters im Jahr 1880 führte er den Höflichkeitstitel Lord Lindsay. Er war von 1874 bis 1880 konservativer Abgeordneter des House of Commons für den Wahlkreis Wigan und gehörte anschließend als Earl dem House of Lords an. Als Astronom gründete er das private Dun Echt Observatory auf Dunecht House und trug 1888 mit einer Stiftung von Instrumenten und Büchern wesentlich zur Neugründung des Royal Observatory Edinburgh bei. Als Bibliophiler setzte er die Bibliotheca Lindesiana fort; seine philatelistische Literatursammlung, die Crawford Library, gehört heute zu den British Library Philatelic Collections. 1921 wurde Crawford postum als einer der „Väter der Philatelie“ auf der Roll of Distinguished Philatelists geehrt.[1][2][3][4]

Leben
Lindsay wurde am 28. Juli 1847 in Saint-Germain-en-Laye geboren. Er war der einzige Sohn von Alexander William Lindsay, 25. Earl of Crawford und 8. Earl of Balcarres, und dessen Ehefrau Margaret Lindsay, einer Tochter von Lieutenant-General James Lindsay of Balcarres.[1] Er wurde am Eton College erzogen, hielt sich anschließend kurz am Trinity College der University of Cambridge auf und trat danach in die Grenadier Guards ein. Nach seiner Wahl ins Unterhaus schied er aus der Armee aus.[1]
1869 heiratete Lindsay Emily Florence Bootle-Wilbraham, eine Tochter von Colonel Edward Bootle-Wilbraham. Aus der Ehe gingen eine Tochter und sechs Söhne hervor.[1] Sein ältester Sohn David Alexander Edward Lindsay folgte ihm 1913 als 27. Earl of Crawford und 10. Earl of Balcarres nach. Ein weiterer Sohn, Ronald Lindsay, war später britischer Diplomat und von 1930 bis 1939 Botschafter des Vereinigten Königreichs in den Vereinigten Staaten.
Lindsay starb am 31. Januar 1913 in seinem Londoner Wohnsitz 2 Cavendish Square, nachdem er am Vortag bei einer Sitzung der Trustees des British Museum schwer erkrankt war. Er wurde in der alten Kapelle von Balcarres House in Fife beigesetzt.[1]
Astronomie

Crawford war früh an Astronomie interessiert. 1870 organisierte er in Cádiz eine Beobachtungsstation zur Beobachtung einer Sonnenfinsternis und unterstützte dabei eine von der britischen Regierung entsandte Expedition.[1] 1872 richtete er auf dem Familienbesitz Dunecht House in Aberdeenshire ein eigenes Observatorium ein, das Dun Echt Observatory. Er berief David Gill an das Observatorium und stattete es mit modernen Instrumenten aus.[1][2] Später wirkte dort auch Ralph Copeland, der 1876 die Leitung des Observatoriums übernahm.[1]
1874 reiste Crawford mit Gill und Copeland nach Mauritius, um den Venustransit zu beobachten. Die Beobachtungen wurden zwar durch Wolken beeinträchtigt, lieferten aber nach zeitgenössischer Darstellung wichtige Daten zur Bestimmung von Längengraden und zur Methode der Sonnenparallaxenbestimmung.[1] Ergebnisse der Arbeiten erschienen in den Dunecht Observatory Publications, die lange als wichtige Quelle astronomischer Informationen galten.[1]
1888 übergab Crawford seine Teleskope, astronomischen Instrumente und die Fachbibliothek seines Observatoriums dem Staat, um ein verbessertes Observatorium in Edinburgh zu ermöglichen.[1] Das Royal Observatory Edinburgh beschreibt diese Stiftung als entscheidenden Beitrag zur Rettung des alten Observatoriums auf Calton Hill vor der Schließung und zur späteren Verlegung auf Blackford Hill. Das neue Royal Observatory Edinburgh wurde 1896 eröffnet.[2]
Bibliotheca Lindesiana

Crawford setzte die bibliophile Arbeit seines Vaters fort. Die Familienbibliothek in Haigh Hall bei Wigan wurde unter dem Namen Bibliotheca Lindesiana bekannt und entwickelte sich zu einer der bedeutendsten privaten Bibliotheken Großbritanniens.[5][6] Sie umfasste Handschriften, frühe Drucke, Orientalia, französische Revolutionsliteratur, Proklamationen, Flugschriften, bibliografische Werke und weitere Spezialbestände.[1][5]
Crawford veröffentlichte eine Reihe von Katalogen, Handlisten, Kollationen und bibliografischen Arbeiten unter dem Titel Bibliotheca Lindesiana.[1] 1901 verkaufte er einen großen Teil der Handschriftensammlung an Enriqueta Rylands für die John Rylands Library in Manchester.[6] Die University of Manchester beschreibt die von Alexander Lindsay und James Ludovic Lindsay aufgebaute Bibliotheca Lindesiana als eine der größten privaten Bibliotheken, die im viktorianischen Großbritannien entstanden; sie umfasste nach dieser Darstellung etwa 6000 Handschriften.[6] Eine Reihe englischer und orientalischer Handschriften zur Entwicklung der Schrift schenkte Crawford der Free Library in Wigan.[1]
Das British Museum beschreibt Crawford als Wissenschaftler und Peer, der die von seinem Vater begonnene Sammlungstätigkeit fortsetzte und außerdem eine große Sammlung von Handschriften und anderem Material zu Napoleon aufbaute.[5]
Philatelie und Crawford Library
Crawfords philatelische Bedeutung liegt vor allem in seiner philatelistischen Literatursammlung. 1901 erwarb er die Bibliothek philatelistischer Literatur von John Kerr Tiffany aus St. Louis, dem ersten Präsidenten der American Philatelic Society.[3] Diese Sammlung bildete den Grundstock der späteren Crawford Library. Crawford erweiterte sie bis zu seinem Tod durch wichtige Ergänzungen.[3]
Der Katalog der Sammlung wurde von Edward Denny Bacon bearbeitet und erschien 1911 als Catalogue of the Philatelic Library of the Earl of Crawford, K.T. bei der Philatelic Literature Society. Zugleich erschien das Werk auch als Band VII der Bibliotheca Lindesiana unter dem Titel A Bibliography of the Writings General, Special and Periodical Forming the Literature of Philately.[3] Die Smithsonian Libraries führen Crawford, Bacon, Tiffany, die Philatelic Literature Society und das British Museum als beteiligte Personen beziehungsweise Institutionen und weisen darauf hin, dass die Sammlung nach Crawfords Tod dem British Museum vermacht wurde.[3]
Die Crawford Library gelangte nach Crawfords Tod 1913 an das British Museum und befindet sich heute in der British Library.[3] David R. Beech behandelte 2016 in einem Supplement des London Philatelist die Geschichte, Erschließung und Digitalisierung der Crawford Library.[7] Die Crawford-Medaille, ein Literaturpreis der Royal Philatelic Society London für bedeutende philatelistische Buchpublikationen, ist nach Crawford benannt.[8]
Crawford war Präsident der Philatelic Society, London, der späteren Royal Philatelic Society London.[1] 1921 wurde sein Name postum als einer der „Väter der Philatelie“ auf der Roll of Distinguished Philatelists aufgenommen.[4]
Politik und öffentliche Ämter
Lindsay gehörte der Conservative Party an. 1874 wurde er für den Wahlkreis Wigan in das House of Commons gewählt. Er behielt den Sitz bis 1880, als er nach dem Tod seines Vaters die Titel Earl of Crawford und Earl of Balcarres erbte und ins House of Lords wechselte.[1][9]
Crawford wurde 1878 Fellow der Royal Society und war 1878 und 1879 Präsident der Royal Astronomical Society.[1] 1885 wurde er Trustee des British Museum. Außerdem präsidierte er zeitweise die Royal Photographic Society, die Philatelic Society und die Camden Society.[1] 1896 wurde er als Knight Companion in den Distelorden aufgenommen.[1]
Sammlungen und Nachlass
Crawfords Sammlungstätigkeit war ungewöhnlich breit. Neben astronomischen Instrumenten und Fachliteratur, philatelistischer Literatur und Handschriften sammelte er unter anderem Proklamationen, Flugblätter, Dokumente der Französischen Revolution und Napoleonicawerke.[1][5] Teile dieser Sammlungen gelangten in öffentliche Einrichtungen, darunter das British Museum, die British Library, die John Rylands Library, die National Library of Scotland und die Cambridge University Library.[1]
Die National Portrait Gallery führt Crawford als „Astronomer and book collector“ und weist mehrere Porträts beziehungsweise verwandte Bildnisse nach, darunter Fotografien von Camille Silvy und Karikaturen von Leslie Ward.[10]
Literatur
- Nicolas Barker: Bibliotheca Lindesiana. The Lives and Collections of Alexander William, 25th Earl of Crawford and 8th Earl of Balcarres, and James Ludovic, 26th Earl of Crawford and 9th Earl of Balcarres. Roxburghe Club, London 1977.
- Stanley M. Bierman: The World’s Greatest Stamp Collectors. Fell Publishers, Hollywood, Florida 1990, ISBN 0-8119-0668-X, S. 193–212.
- David R. Beech: The Crawford Library of Philatelic Literature at the British Library and for the World in Digital Form. In: The London Philatelist. Band 125, Nr. 1433 Sup., März 2016.
- Peter Fischer: Viktor Suppantschitsch und ein Earl Crawford. In: Deutsche Briefmarken-Zeitung. Nr. 19/2012, S. 24.
- John Hodgson: Class Acts: The Twenty-Fifth and Twenty-Sixth Earls of Crawford and their Manuscript Collections. Dissertation, University of Manchester, Manchester 2017.
- Wolfgang Maaßen: Wer ist wer in der Philatelie. Band 1: A–D. 3. Auflage. Phil Creativ, Schwalmtal 2011, ISBN 978-3-932198-92-2, S. 246–249.
- Ron Negus: The Earl of Crawford, K.T. (1847–1913). A Short Biographical Sketch. Supplement zu The London Philatelist. Band 111, Nr. 1301 Sup., Royal Philatelic Society London, London 2002.
- Grosses Lexikon der Philatelie. 1. Auflage. Albert Kürzl Verlag, München 1923, S. 148.
Weblinks
- Lord Lindsay im historischen Hansard
- James Ludovic Lindsay, 26th Earl of Crawford and 9th Earl of Balcarres in der National Portrait Gallery
- Crawford Collection beim Royal Observatory Edinburgh
- Catalogue of the philatelic library of the Earl of Crawford, K.T. bei den Smithsonian Libraries and Archives
- James Ludovic Lindsay, 26th Earl of Crawford beim British Museum
- James Ludovic Lindsay im Dictionary of National Biography, Supplement 1927