Joachim Schaefer
römisch-katholischer Theologe, Pädagoge und freier Journalist
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Joachim Schaefer (* 1961 in Koblenz)[1][2] ist ein deutscher römisch-katholischer Diplomtheologe, Pädagoge und freier Journalist.
Biografie
Joachim Schaefer wuchs in Koblenz auf und studierte nach dem Abitur katholische Theologie. Während eines Studienaufenthalts in Chile kam er mit der Befreiungstheologie in Kontakt, deren Schwerpunkt auf der Option für die Armen seine spätere Arbeit prägte.[2][3] Nach Abschluss des Studiums entschied er sich gegen das Priesteramt und wurde als Pastoralreferent im Bistum Limburg tätig, wo er seit 1992 und seit 1999 in der katholischen Domgemeinde Unsere Liebe Frau in Wetzlar beschäftigt ist.[2] Seit den 2000er Jahren verbindet Schaefer seine kirchliche Tätigkeit mit medienpädagogischer und politischer Bildungsarbeit. Filmisch setzt er sich seit 2008 mit Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und zivilgesellschaftlichem Engagement auseinander und dokumentiert dazu Versammlungen und Aktionen, zunächst vor allem im mittelhessischen Raum.[4] Aufgrund seines Engagements „gegen rechts“ wurde seine Familie 2010 Opfer eines rechtsextremen Brandanschlags.[5][6] Schaefer unterrichtet das Fach Religion an einer Förderschule in Wetzlar.[2] Er ist geschieden und Vater von fünf Kindern.[6]
Projekt hessencam
Das Jugendmedienprojekt hessencam ist in Wetzlar angesiedelt und der katholischen Domgemeinde Unsere Liebe Frau zugeordnet. Es ging aus dem Projekt „Jugendnetz Wetzlar“ hervor, das im Stadtteil Westend gegründet worden war und 2012 im Zusammenhang mit der Dokumentation des Hessentags in hessencam umbenannt wurde. Seit 2011 baute es Schaefer kontinuierlich zu einem überregional beachteten Projekt der Jugend- und Erwachsenenbildung aus.[6][7][3] Inhaltlich beschäftigt sich das Projekt mit Themen wie Integration, Demokratie, Intoleranz, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Heimatverlust.[8] Da sich Hans-Jürgen Irmer (CDU) und Boris Rupp (ehemals REP-, dann CDU-, später FWG- und heute FDP-Mitglied) sich bei der Bistumsleitung beschwert hatten, wurde das Projekt auf Anordnung von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst 2011 verboten, jedoch nach dessen Rücktritt 2012 wieder erlaubt.[5]
Schaefer dokumentiert mit hessencam auch Veranstaltungen und Versammlungen aus dem rechtsextremen und rechtspopulistischen Spektrum. Bei potentiell gefährlichen Demonstrationen werden Jugendliche nicht vor Ort eingesetzt;[2] stattdessen erfolgt die Auswertung des Materials im Rahmen medienpädagogischer Nachbereitung und politischer Bildungsarbeit.[9] Der Fokus liegt dabei auf der Dokumentation von politischem Engagement, wie z. B. durch das Filmen von Demonstrationen und politischen Aktionen. Mit den ersten Anti-Corona-Demonstrationen begann Schaefer, die Veränderung der Gesellschaft zu dokumentieren und wurde damit überregional bekannt.[10]
Schaefer filmt bundesweit, ist vernetzt, sammelt Informationen und beliefert diverse Sender mit seinem Material.[4] Die produzierten Filme und Beiträge werden auf Plattformen wie YouTube, Instagram, X und Twitch veröffentlicht bzw. gestreamt. Mit fast 4700 produzierten Videos und über 7,5 Millionen Klicks erreicht das Projekt eine breite Öffentlichkeit. Hessencam kooperiert eng mit der Wetzlarer „Schule an der Brühlsbacher Warte“ und ist Mitglied im Verband „Jugendpresse Hessen“.[8] Das Projekt basiert auf ehrenamtlicher Arbeit und finanziert sich durch Spenden.
Investigative Arbeit und rechtliche Kontroversen
Bei einer AfD-Veranstaltung 2022 in Friedberg entstanden Aufnahmen, die zeigen, wie der AfD-Politiker Uwe Schulz Schaefer körperlich angriff.[11] Schulz erhielt daraufhin eine Abmahnung des AfD-Bundesvorstandes. Schulz behauptete daraufhin, sich provoziert gefühlt zu haben, und bestritt jegliche Gewaltanwendung.[12] 2023 ging ein am Rande einer AfD-Veranstaltung in Geilshausen bei Gießen entstandenes Video in den sozialen Medien viral.[13] Die Aufnahme enthielt die Aussage eines Veranstaltungsbesuchers, der sich selbst auf dem Weg dorthin offen als „Nationalsozialist“ bezeichnete.[14] Ein anderer Besucher zog einen Vergleich mit NS-Kriegsverbrecher und KZ-Lagerarzt Josef Mengele, bezogen auf den SPD-Bundestagsabgeordneten Felix Döring, der an der dortigen Gegendemonstration teilnahm. Döring erstattete daraufhin Anzeige.[15][16][17][18][19][20] Die Staatsanwaltschaft Gießen leitete jedoch Ermittlungen nicht gegen die Personen im Video, sondern gegen Schaefer ein. Ihm wurde ein Verstoß gegen das Kunsturhebergesetz vorgeworfen, da er angeblich unerlaubt gefilmt habe. Dies führte zu heftiger Kritik seitens des Deutschen Journalistenverbands, der von einem unberechtigten Eingriff in die Pressefreiheit sprach.[21] Die Polizei Mittelhessen wurde ebenfalls kritisiert, dass sie aktiv nach Zeugen suchte und dabei mit der AfD kooperiert habe.[21] Die Einstellung der Ermittlungen begründete die Staatsanwaltschaft Gießen mit einer Ausnahmeregelung im Kunsturhebergesetz.[22] Wenige Tage nach der AfD-Veranstaltung in Geilshausen deckte Schaefer auf, dass bei einer Veranstaltung in der Wetzlarer Stadthalle prominente CDU-Mitglieder, wie der ehemalige Bundes- und Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Irmer und der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen bei der sogenannten Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz[23], einem Netzwerk-Treffen[24] rechtskonservativer und rechter Gruppen organisiert von Klaus Kelle und einem Kollektiv aus Werteunion e. V., Altlas-Initiative und Bürger für Thüringen[25] mit AfD-Mitgliedern kooperierten. Für Irritation sorgte ein Videoausschnitt, in dem Irmer Schaefer als „rotlackierten Faschisten“ bezeichnet und es schien, als würde Irmer die Kamera aus der Hand Schaefers schlagen.[26]
Auszeichnungen
- 2022: Charlotte-Petersen-Medaille[27]
Literatur
- Einsatz juristischer Mittel gegen Journalist:innen: Der Fall Joachim Schäfer. In: Europäisches Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (Hrsg.): Feindbild Journalist:in. Angst vor der Selbstzensur, Nr. 8. Leipzig 2024, S. 37–39 (ecpmf.eu [PDF]).