Johann Ernst Pistoris
deutscher Oberhofrichter und Prinzipalgesandter bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden
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Johann Ernst Pistoris von Seußlitz und Hirschstein (auch Hans Ernst von Pistoris; * 20. März 1605 auf Burg Hirschstein; † 13. Mai 1680 in Seußlitz) war ein kursächsischer Jurist, Hofbeamter und Diplomat. Er vertrat Kursachsen 1646/47 als Prinzipalgesandter auf dem Westfälischen Friedenskongress in Osnabrück und Münster und amtierte ab 1655 als Oberhofrichter am Oberhofgericht Leipzig.[1][2]


Herkunft und Ausbildung
Pistoris entstammte der sächsischen Juristenfamilie Pistoris, die ursprünglich „Becker“ hieß, ihren Namen in der Humanistenzeit latinisierte und 1521 in den Reichsadelsstand erhoben wurde.[1][3] Er war ein Sohn Hartmanns II. von Pistoris (1573–1622) und der Katharina von Haugwitz aus dem Hause Kleeberg (1578–1653). Sein Großvater war der kursächsische Geheime Rat Hartmann Pistoris (1543–1603), der das ererbte Seußlitz mit dem hinzugekauften Schloss und Gut Hirschstein vereinigte; sein Urgroßvater der herzoglich-sächsische Kanzler Simon Pistoris (1489–1562).[3]
Gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm (1601–1675) studierte Pistoris ab 1618 Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig.[1]
Grundbesitz
Nach dem Tod des Vaters 1622 zog sich die Erbteilung mit den Brüdern wegen der Verschuldung des Nachlasses über Jahre hin. Seit 1624 war Pistoris Herr auf Radeburg, seit 1627 alleiniger Erbe des väterlichen Rittergutes Seußlitz, des Vorwerks Radewitz, des Gutes Zunschwitz und der übrigen ihm verbrieften Liegenschaften. 1629 wurden ihm diese Güter gemeinsam mit seinem Bruder Hartmann „zur gesamten Hand“ verliehen.[1]
Laufbahn im kursächsischen Dienst
Um 1635 trat Pistoris in den kursächsischen Staatsdienst; 1639 wurde er zum Hofrat bestallt, 1645 zum Hof-, Justitien- und Appellationsrat in Dresden ernannt.[1][2] Nach 1650 stand er dem Appellationsgericht als Präsident vor, 1655 wurde er als Oberhofrichter nach Leipzig berufen, um 1660 übernahm er das Amt des Amtshauptmanns von Pegau und Borna.[1]
Westfälischer Friedenskongress 1646/47
Kurfürst Johann Georg I. entsandte Pistoris zusammen mit dem Juristen Johann Leuber zu den bereits fortgeschrittenen Friedensverhandlungen nach Osnabrück; Pistoris führte dabei den Rang des Prinzipalgesandten, Leuber den des Sekundärgesandten. Nach Empfang von Vollmachten, Pässen und Instruktion am 27. März 1646 reiste die Gesandtschaft über Meißen, Leipzig, Naumburg, Mühlhausen, Göttingen und Herford und traf am 5./15. April 1646 in Osnabrück ein. Sie umfasste insgesamt 34 Personen – neben den beiden Gesandten Edelleute mit besonderen Aufträgen, adelige Pagen sowie Dienstpersonal.[1]
Die Hauptaufgabe des Prinzipalgesandten lag im Zeremoniell der Kontaktaufnahme mit den übrigen Kongressteilnehmern: zunächst mit Kurmainz und Kurbrandenburg – wobei die Instruktion untersagte, den Exzellenztitel zu geben oder anzunehmen –, sodann mit den schwedischen Gesandten und, seit der ersten Reise nach Münster am 8. Juli 1646, mit den Franzosen, den kaiserlichen Vertretern und den katholischen Reichsständen. Am 26./27. April 1646 nahmen Pistoris und Leuber erstmals an der Plenarversammlung der Reichsstände teil; bis zum 27. April 1647 waren sie bei elf Sitzungen des Kurfürstenrats anwesend, Pistoris auf der Deputierten-, Leuber auf der Gelehrtenbank. In Osnabrück hatten beide zugleich das Kursachsen zustehende Direktorium im Corpus Evangelicorum wahrzunehmen, dem Zusammenschluss der lutherischen und reformierten Reichsstände.[1]
Für diese Aufgaben standen der Gesandtschaft keine ausreichenden Mittel zur Verfügung, weshalb die Visiten und Gegenvisiten – etwa mit dem schwedischen Bevollmächtigten Johan Axelsson Oxenstierna – auf das Notwendigste beschränkt blieben. Pistoris bat schließlich selbst um seine Entlassung; am 27. Juni 1647 befahl der Kurfürst aus finanziellen Erwägungen seine Rückreise. Leuber vertrat Kursachsen danach allein und mit stark verringertem Aufwand.[1] Anlässlich des Friedensschlusses stiftete Pistoris seiner Patronatskirche in Seußlitz ein vergoldetes Kommuniongefäß und eine vergoldete Weinkanne; beide Stücke sind verloren.[1]
Weitere Gesandtschaften
1653/54 vertrat Pistoris Kursachsen als Prinzipalgesandter auf dem Reichstag in Regensburg und wirkte an der Abfassung des Jüngsten Reichsabschieds mit. 1655/56 nahm er für Kursachsen am Reichsdeputationstag in Frankfurt am Main teil.[1]
Letzte Jahre und Nachleben
Pistoris pflegte seit seiner Studienzeit ausgeprägte bibliophile und gelehrte Neigungen und vermehrte die von seinem Urgroßvater Simon Pistoris angelegte Bibliothek beträchtlich. Auch im Alter blieb die Jagd eine bevorzugte Beschäftigung; 1677 bewarb er sich erfolgreich um die Niederjagd im waldreichen kurfürstlichen Amt Leisnig. Am 16. Juni 1680 wurde er in der Familiengruft in Seußlitz bestattet. Das steinerne Grabmonument, das seine Söhne ihm errichten ließen, ist nicht erhalten.[1]
Bildnisse
Als Kongressteilnehmer wurde Pistoris 1648 von Anselm van Hulle porträtiert. Nach dieser Vorlage entstanden Kupferstiche von Pieter de Jode und von Brusekom; der Stich de Jodes erschien unter anderem in der Sammlung Pacificatores Orbis Christiani (Rotterdam 1697, Blatt 71). Ein weiteres Bildnis überliefert das Theatrum Europaeum (Band 6, S. 564).[1][3] Die Kartusche des Stiches bezeichnet ihn als Legatus Primarius des Kurfürsten von Sachsen bei den Friedensverhandlungen; als Devise führte er Virtutem fortuna iuvat.[1]
Familie
Am 6. September 1636 heiratete Pistoris Katharina von Köckeritz aus dem Hause Lampertswalde (1613–1666), mit der er dreizehn Kinder hatte.[1] Ein 1673 geborener Hartmann von Pistoris, der letzte Angehörige der Familie auf Seußlitz, wanderte mit seiner Frau Sophie Eleonore von Lüttichau in die Steiermark aus, wo die Familie bedeutende Hammerwerke im Raum Mürzzuschlag besaß. Dessen Enkel Franz Xaver (1734–1792) erhielt für seine Verdienste um das Eisenwesen den österreichischen Adel; die Familie nannte sich fortan Pistoris Edle von Adelfeld.[4]
Siehe auch
Literatur
- Anna Miksch: Pistoris auf Seußlitz, Johann Ernst von. In: Heinz Duchhardt, Gerd Dethlefs, Hermann Queckenstedt: „… zu einem stets währenden Gedächtnis“. Die Friedenssäle in Münster und Osnabrück und ihre Gesandtenporträts (= Osnabrücker Kulturdenkmäler. Band 8). Rasch, Bramsche 1998, S. 252 f.
- August Ritter von Eisenhart: Pistoris von Seuselitz, Simon. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 26, Duncker & Humblot, Leipzig 1888, S. 186–194.
- Pistoris, Johann Ernst. In: Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste. Band 28, Leipzig 1741, Sp. 534.
- Fritz Dickmann: Der Westfälische Frieden. 7. Auflage. Aschendorff, Münster 1998, S. 451, 500.
- Gottfried August Arndt: Archiv der sächsischen Geschichte. Band 2, Leipzig 1785, S. 47–231; Band 3, Leipzig 1786, S. 42–180.
Weblinks
- Johann Ernst von Pistoris im Internetportal „Westfälische Geschichte“
- Acta Pacis Westphalicae digital mit Biogramm Pistoris auf Seußlitz, Hans Ernst von