KZ-Außenlager Chemnitz
Außenlager des KZ Flossenbürg
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Das KZ-Außenlager Chemnitz war ein Außenlager des KZ Flossenbürg in Chemnitz und bestand vom 24. Oktober 1944 bis Ende April 1945. Über 500 inhaftierte Frauen aus den von den Nationalsozialisten besetzten Ländern mussten für die Astrawerke AG Chemnitz in Zwangsarbeit Metallteile für Flugzeuge und Gewehre herstellen.
Geschichte des Lagers
Die Astrawerke AG wurde 1921 gegründet und war eine Spezialfabrik für Addier- und Buchungsmaschinen. Im Zuge der Umwandlung von der zivilen zur Rüstungsproduktion stellte die Fabrik II bereits 1937 Waffenteile her und entwickelte Lochkartensysteme, die vom Amt für maschinelles Berichtswesen des Oberkommandos der Wehrmacht in Auftrag gegeben wurden. Am 1. Mai 1944 wurden die Astrawerke als nationalsozialistischer Musterbetrieb eingestuft, die Leiter hatten führende Rollen bei der Organisation der Rüstungsindustrie inne.
Die Bewachung der Gefangenen wurde bereits vor ihrer Ankunft organisiert. Der Lagerkommandant des KZ Flossenbürg sandte ein Telegramm an 26 weibliche Aufseherinnen, in dem er sie anwies, ihren Urlaub abzubrechen und sich sofort zum Dienst bei den Astrawerken zu melden. Das Telegramm wurde an zahlreiche Adressen in Sachsen sowie an Frauen in Magdeburg, Ostpreußen und Vorarlberg versandt. Die abrupte Unterbrechung ihres Urlaubs deutet darauf hin, dass das genaue Ankunftsdatum der Gefangenen nicht im Voraus bekannt war. Laut Zeugenaussage einer SS-Aufseherin wurden Mitte August 1944 etwa 40 weibliche Mitarbeiterinnen der Astra-Werke zur Ausbildung als SS-Wächterinnen zu einem Kurs im KZ Ravensbrück geschickt. Von dort aus wurde die Hälfte von ihnen in das Außenlager Leipzig-Schönau des KZ Buchenwald geschickt, um 500 jüdische Gefangene zu bewachen, die dort arbeiteten.[1]
Am 24. Oktober 1944 kam ein Transport von 510 weiblichen Gefangenen aus dem KZ Auschwitz in Chemnitz an. Der Transport bestand aus etwa 200 Russinnen, 150 Polinnen und Italienerinnen, viele davon Sloweninnen, 10 Jugoslawinnen und 5 Kroatinnen. Sie waren vor allem „politische“ Gefangene und zivile Arbeiterinnen sowie einige „Zigeuner“ und „Asoziale“. Laut Anforderungsbescheinigungen des KZ Flossenbürg an die Astrawerke wurde zunächst nur ein kleiner Teil der Frauen als Zwangsarbeiterinnen eingesetzt. Bis Ende Oktober stieg die Zahl der Zwangsarbeiterinnen von 161 auf 448 gestiegen; im November waren es durchschnittlich 480 Frauen; und Mitte Dezember wurden fast 500 Frauen zur Arbeit gezwungen.[2]
Lebens- und Arbeitsbedingungen
Die Frauen mussten sechs Tage pro Woche in zwei 12-Stunden-Schichten in zwei verschiedenen Werken arbeiten. Die Tagesschicht dauerte von 6 Uhr früh bis 18 Uhr, die Nachtschicht von 18 bis 6 Uhr. Etwa 280 Gefangene arbeiteten in der Hauptfabrik I in der Altchemnitzer Straße 41 und etwa 220 in der nahegelegenen Fabrik II in der Waplerstraße 1. Ab November 1944 machten die Gefangenen in der Fabrik I zwei Drittel aller dort in Zwangsarbeit tätigen Ausländer aus.[1]
Alle Frauen waren in Fabrik I im 5. Stock mit Gitterfenstern untergebracht und schliefen in dreistöckigen Etagenbetten auf Strohsäcken ohne Bettwäsche. Das Verlassen der Gebäude war verboten. In den unteren Stockwerken mussten sie Metallteile für Flugzeuge und Gewehre herstellen. Dabei kamen sie mit Chemikalien in Kontakt, die oft Vergiftungen verursachten. Die Arbeiten wurden durch deutsche Meister in Zivil überwacht. Zwei weibliche gefangene Ärztinnen und zwei Pflegerinnen waren von der Zwangsarbeit freigestellt. Zusätzlich gab es sieben Zimmerälteste.[1]
Laut zahlreichen Zeugenaussagen waren die Arbeitsbedingungen abgesehen von einigen Übergriffen durch SS-Aufseherinnen erträglich. Während die sanitären Einrichtungen relativ gut waren, gab es keine ausreichende Lebensmittelversorgung durch die Betriebsleitung. Pro Tag gab es eine Schnitte Brot, einen kleinen Würfel Margarine oder Marmelade. Morgens erhielten die Gefangenen einen halben Liter ungesüßten heißen Tee, mittags einen halben Liter Kohlrübensuppe und abends einen halben Liter ungesüßten schwarzen Kaffee. Nach dem Luftangriff auf Chemnitz am 4. und 5. März 1945 gab es für einige Tage nur Rote-Bete-Suppe.[3][1]
Die Zeugen gaben übereinstimmend an, dass es im Außenlager zu keinen Morden an den Gefangenen kam. Die Flossenbürger Nummernbücher geben zwei Todesfälle im März und April an. Am 12. Februar 1945 wurden sieben Frauen aus dem Lager in das KZ Ravensbrück verlegt, darunter mindestens eine schwangere Polin, sowie fünf Gefangene aus dem KZ-Außenlager Dresden Goehlewerk hierher verlegt.
Ab März 1945 sind fünf Fluchtversuche sowjetischer und polnischer Gefangener dokumentiert. In der Regel wurden die Frauen während der Luftangriffe in ihren Quartieren eingesperrt. Ein Zeuge berichtete, dass der Kommandoführer den Bitten der Gefangenen nachgab und ihnen erlaubte, in den Luftschutzkeller zu gehen.
Wachmannschaften
Kommandoführer war der 1894 in Ohrdruf geborene SS-Oberscharführer Willing. Er wurde von den Inhaftierten „Großvater“ genannt und trotz einiger gegenteiliger Zeugenaussagen als relativ menschlich im Umgang mit den Inhaftierten geschildert. Die Wachmannschaft bestand aus 30 SS-Aufseherinnen und acht SS-Angehörigen.[4]
Lagerräumung
Im April 1945 wurde das Lager geräumt und die Frauen per Bahn in das Außenlager Leitmeritz gebracht, wo sie vermutlich etwa eine Woche verblieben. Von dort mussten sie zu Fuß ins nahegelegene Außenlager Hertine marschieren, das kurz zuvor von etwa 500 jüdischen Gefangenen geräumt worden war; wegen eines Typhusausbruchs wurden die dortigen Inhaftierten nach Theresienstadt verlegt.[4] Einige Augenzeugen berichteten von Erschießungen von erschöpften und marschunfähigen Frauen. Die Gefangenen wurden noch etwa zwei Wochen gezwungen, Munition mit Sprengstoff zu befüllen. Die meisten SS-Wachmänner flüchteten vor den herannahenden sowjetischen Truppen. Die Inhaftierten Frauen wurden am 8. Mai 1945 durch Soldaten der der Roten Armee befreit.[1]
Nachkriegszeit und Gedenken
Nach Kriegsende kamen die Astra-Werke zunächst unter Treuhandverwaltung und wurden 1948 als Volkseigener Betrieb verstaatlicht. Der Firmengründer John Greve verließ Chemnitz und versuchte in Düsseldorf bei der Exacta Büromaschinen GmbH einen Neuanfang. Die ehemaligen Astra-Werke wurde nach vorübergehender Zusammenlegung mit der Büromaschinenabteilung der Wanderer-Werke seit 1954 als VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt fortgeführt.[5]
Das Werk I wird heute als Bildungseinrichtung genutzt, das ehemalige Verwaltungsgebäude ist der Amtssitz des Regierungsbezirks Chemnitz.
Am 13. April 2018 wurde in der Landesdirektion Sachsen eine Gedenktafel zur Erinnerung an die bei den Astra Werken beschäftigten Kriegsgefangenen, KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern eingeweiht.[6][7]