Zigeuner

Bezeichnung für Sinti und Roma From Wikipedia, the free encyclopedia

Zigeuner ist eine historische Fremdbezeichnung für Sinti und Roma, die aufgrund ihrer diskriminierenden Konnotation als veraltet gilt. Die Bezeichnung wurde auch auf andere ethnische oder soziale Randgruppen ausgeweitet, die aufgrund ihrer Herkunft, Kultur oder Lebensweise von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt wurden.

In Deutschland und Österreich ist die Bezeichnung „Zigeuner“ seit dem Völkermord an den Sinti und Roma im Nationalsozialismus belastet. Aus diesem Grund weisen viele Sinti und Roma sowie Jenische diese Bezeichnung als sprachlichen Ausdruck des an ihnen verübten Völkermords zurück.

Bezeichnung

Wortherkunft

„Zigeuner“ ist eine Fremdbezeichnung, die von italienisch zingaro und ungarisch czigány ins Deutsche entlehnt wurde. Er ist in den europäischen Sprachen weit verbreitet (vergleiche etwa französisch tziganes), aber seine Herkunft ist unklar.[1] Im Frühneuhochdeutschen ist Zigeuner erstmals 1418 in München[2] und als Cigäwnär 1422 in einer handschriftlichen Notiz Tagebuch des Andreas von Regensburg[3] nachweisbar.

In einem Teil der Fachliteratur – so in Wolfgang Pfeifers Etymologischem Wörterbuch des Deutschen[4] – findet sich die Vermutung, das Wort sei eine Übernahme der mittelgriechischen Bezeichnung athingany für die Anhänger einer gnostischen Sekte, die vor allem in Phrygien, einer Landschaft im westlichen Anatolien, beheimatet war.[5] Athinganoi im Sinne des späteren „Zigeuner“ tritt seit dem 12. oder 13. Jahrhundert auf, zuerst mit noch unsicherem Bezug bei Theodoros Balsamon († nach 1195) für Schlangenbeschwörer und Wahrsager,[6] und dann mit klarem Bezug (o toùs kaì Aìgyptíous kaì Athingánous) bei Gregorios II. Kyprios (1283–1289 Patriarch von Konstantinopel).[7] Ob auch die Belege des 11. und 12. Jahrhunderts schon die Anwesenheit von Roma in Byzanz bezeugen oder aber auf Wahrsager anderer Provenienz zu beziehen sind, wird dabei in der Forschung diskutiert.

Daneben wird eine Herleitung von alttürkisch čïγay mit den Varianten čïγan und čïγany mit der Bedeutung „arm, elend“ vorgeschlagen, die über das ungarische Wort cigány vermittelt worden sei.[8] Laut Elmar Seebold, Verfasser mehrerer Auflagen des Etymologischen Wörterbuchs der deutschen Sprache, ist diese Herleitung „semantisch ansprechend, formal problematisch“.[1]

Der Lübecker Chronist Hermann Korner behauptete im frühen 15. Jahrhundert, sie würden sich selbst als Secani bezeichnen,[9] was eine latinisierte Form von Cigány und ähnlich ist.

Lediglich auf Lautähnlichkeit beruht eine Herleitung aus dem 19. Jahrhundert, die das Wort auf eine „verstoßene“, die „sanskritische Tochtersprache Sindhi“ sprechende Bevölkerungsgruppe namens Cangar (Tschangar) im heutigen Punjab in Indien bezieht.[10]

„Zigeuner“ wurde in der Literatur des 19. Jahrhunderts mitunter verballhornend als „Zieh-Gauner“, also „(umher-)ziehender Gauner“, gedeutet worden, was Theodor Christian Tetzner 1835 aufgrund der Unbedarftheit der Ableitung kritisiert wurde.[11]

Andere Bezeichnungen

In frühneuhochdeutscher Zeit waren auch die Bezeichnungen Tatern oder Tattare bekannt, die eigentlich die Tataren meint.[1]

Auch die Bezeichnung Heidenen oder Heider (also „Heiden“) wurden historisch verwendet.[12] In Theodor Storms Werk Der Schimmelreiter wurden „Zigeuner“, die von den einheimischen Nordfriesen geopfert werden sollten, als Slowaken bezeichnet.

Ein weiterer gesamteuropäischer Gruppenname wird von Ägypten als Herkunftsland hergeleitet. Er wird überwiegend als Ableitung aus dem Ortsnamen Gyp(p)e, ein Berg auf dem Peloponnes, gedeutet, der seit den 1480er Jahren in mehreren Reiseberichten bezeugt ist. Es habe demnach dort vor der Stadt Modon (heute: Methoni) eine Siedlung namens „klein Egypten“ gegeben. Sie sei von „Egyptianern genant Heyden“ bzw. von „Suyginern“ bewohnt gewesen.[13] In der ersten Periode ihres Auftretens in Europa bezogen Romagruppen sich auf diesen Herkunftsmythos und bezeichneten sich als ägyptische Pilger. Als solche erhielten sie Almosen und Schutzbriefe.[14] „Ägypter“ wurde zu einer europaweiten Bezeichnung: so spanisch Gitano, französisch Gitan, englisch Gypsy, griechisch γύφτος (gyftos), serbisch cipside, türkisch çingene.[15] Der Artikel „Ziegeuner“ in Johann Heinrich Zedlers Universallexicon – der einflussreichsten deutschsprachigen Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts – bezeichnet „Egyptier“ als den am häufigsten („vornehmlich“) im Deutschen auftretenden Gruppennamen.[16]

Französische und spanische Bezeichnungen sind bohémiens und bohemios („Böhmen, Böhmische“). Ihre Bedeutung hat sich auf die Angehörigen eines Künstlertums, die bohème, ausgeweitet, das als abseits bürgerlicher Vorstellungen lebend empfunden wird.

Sprachgebrauch in der Mehrheitsgesellschaft

„Zigeuner“ und „zigeunerische Lebensform“

Obwohl die Mehrheit der Roma in Südosteuropa seit Jahrhunderten und in Mitteleuropa spätestens seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ortsfest lebt, gilt Nomadentum weiterhin oft als „zigeunerische Lebensform“. Die Lebensformen einer Minderheit der Roma wurde verallgemeinert und der Mehrheit zugeschrieben.[17] Es leben jedoch überall auf der Welt Menschen, die nicht an einen Ort gebunden sind. Das gibt es auch bei vielen Ethnien, die sonst sesshaft sind. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisierte die pauschale Darstellung als „Nomaden“. „Nomaden“ spreche den Menschen ihre Heimatrechte ab und suggeriere, „Zigeuner“ bildeten eine archaische „Stammesgesellschaft“, die in die moderne Umgebungsgesellschaft nicht integrierbar sei. Die Angehörigen der Minderheit seien aber realer Teil der Gesellschaft und nähmen als solche an ihrer Entwicklung teil.[18]

Der Gebrauch als Schimpfwort[2] kann sich auch auf Personen beziehen, die nicht zu ethnischen oder sozialen Minderheiten angehören, deren Erscheinungsbild, privates Umfeld oder Lebensstil jedoch mit angeblichen Merkmalen dieser Bevölkerungsgruppen assoziiert wird. Die Autoren Karola Fings und Ulrich F. Opfermann bemerken hierzu: „Vor dem Hintergrund der beiden unterschiedlichen Definitionen spricht die Literatur von einem »doppelten Zigeunerbegriff«. Er ist uneindeutig und widersprüchlich. Mit »Roma« lässt sich »Zigeuner« nicht übersetzen, denn die soziografische Begriffsbestimmung schließt diejenigen Roma aus, die die zugeschriebene Lebensweise real nicht praktizieren, während die ethnische Begriffsbestimmung jene Menschen aus dem »Zigeunertum« ausschließt, die als Nicht-Roma die zugeschriebene »zigeunerische« Lebensweise ebenfalls aufweisen.“[19] „Darüber hinaus kann es problematisch sein, wenn Eigenbezeichnungen nur als eine Art wortwörtlicher Übersetzung der Fremdbezeichnungen verwendet werden – und der Rassismus in einem neuen Gewand fortlebt.“[20]

19. und 20. Jahrhundert

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verloren die Bezeichnung in Künstlerkreisen, bei einigen Intellektuellen und in Teilen des Bildungsbürgertums ihre negative Konnotation. Ursache dafür war die „Zigeunermode“, die als Gegenentwurf zur Lebensrealität der aufstrebenden Industrienationen entstand. Die Verklärung eines von allen gesellschaftlichen Zwängen freien und „fröhlichen Zigeunerlebens“ als Idealbild einer individualistischen Lebensweise und libertären Gesinnung durch die Vertreter der „Zigeunerromantik“ änderte jedoch nur wenig an den Lebensbedingungen der so bezeichneten Bevölkerungsgruppen. Da die Bezeichnung sowohl positiv („Zigeunermusik“, „Zigeunermoll“) als auch negativ gemeint sein konnte, wurde in späteren Diskursen auch die Ansicht vertreten, dass ihr Gebrauch kontextabhängig zu werten sei.

Die Semantik von „Zigeuner“ bewegte sich lange zwischen einem kulturalistisch oder biologisch bestimmten völkischen und einem soziografischen Inhalt. Im zweiten Fall konnten auch Nicht-Roma gemeint sein: So wurde seit dem 19. Jahrhundert gelegentlich das Etikett „weiße Zigeuner“ auf die aus mehrheitsgesellschaftlicher Sicht „nach Zigeunerart lebenden Landfahrer“ und seit etwa 1900 das der „Kulturzigeuner“ auf mehrheitsgesellschaftliche nonkonformistische Künstler („Bohemiens“)[21] angewendet. Die soziografische Zuschreibung beinhaltete gleichwohl nicht anders als die ethnische die Typisierung der Betroffenen als „gemeinschaftsschädlich“ und als „entartet“.

Die Nationalsozialisten rassifizierten die Bezeichnung und kategorisierten nach unterschiedlichen Graden der „Blutsmischung“ in „stammechte Zigeuner“, „Zigeunermischlinge“ und „Nichtzigeuner“, wie bei den Nürnberger Gesetzen. Die „Rassenforschung“ und die nationalsozialistischen Verfolgungsbehörden verwendeten spätestens seit den ausgehenden 1930er Jahren die Bezeichnung „Zigeuner“ als ethnische Kategorie, auf der zahlreiche diskriminierende Vorschriften basierten, bis hin zu den Deportationslisten für Auschwitz. Deshalb ist die Bezeichnung heute diskreditiert. Viele Angehörige der Minderheit verstehen das Wort gleichsam als Überschrift über eine lange Verfolgungsgeschichte mit dem schließlichen Völkermord an den Sinti und Roma.[22]

Sprachgebrauch innerhalb der Minderheiten

Im Rahmen einer Studie, die zwischen 2007 und 2011 durchgeführt wurde, gaben 95 % der Befragten an die Bezeichnungen Sinti und Roma zu verwenden. Weitere 7 % wandten die Bezeichnung Zigeuner auf sich selbst an. Zur Fremdbezeichnung als „Zigeuner“ antworteten 57 % dies sei immer ein Problem, 26 % es kommt darauf an und 15 % dies sein kein Problem.[23]

1978 äußerte Vincent Rose, Vorsitzender des damaligen Verbandes der Cinti Deutschlands, bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, dass er „Cinto“ genannt werden möchte, da „Zigeuner“ diskriminierend sei.[24] In den 1980er Jahren wurden verschiedene Interessenvertretungen wie der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, die Rom und Cinti Union (Hamburg) und die die Jugendorganisation Amaro Drom gegründet, welche die Fremdbezeichnung ebenfalls als rassistisch ablehnen.[25] Das gilt auch für den Rom e. V. in Köln, der von Nichtroma getragen wird.[26]

Zur alltäglichen Sprachpraxis stellte eine Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre entstandene Untersuchung zum rheinischen Schaustellermilieu, in dem vor allem Sinti traditionell eine gewichtige Rolle spielen, fest, dass „von den Zigeunern selbst […] das Wort kaum akzeptiert“ werde. „Vielmehr bezeichnen sich die […] Vaganten selbst je nach Sippenzugehörigkeit als ròm ‚Mann, Zigeunermensch‘ … oder als sinte ‚Zigeuner‘“.[27]

Der Kölner Musiker Markus Reinhardt, Großneffe von Django Reinhardt, bezeichnet sich selbst als „deutschen Zigeuner“. Der Zigeunerbaron, Gräfin Mariza, Csardasfürstin sei die Musik der deutschen „Zigeuner“, das könne nicht umbenannt werden.[28] Die Bezeichnungen „Sinti und Roma“ hält er für politisch überkorrekt.[29] „Es gibt viel mehr Stämme als nur die Sinti und die Roma – wo bleiben die Kalderasch, die Manouche? Zigeuner ist für mich ein Überbegriff für alle.“[30][31]

Die Sinti Allianz Deutschland – ein Zusammenschluss von Sinti und der Lovara – akzeptiert die Bezeichnung. Sie bemisst ihre Verwendbarkeit nach der Sprecherabsicht. Die Mitteilung der Gruppennamen wird von manchen traditionalistischen Sinti – hier ordnet sich die Sinti-Allianz ein – auch als Verstoß gegen das Verbot betrachtet, mit und vor Nichtroma auf Romanes zu kommunizieren, so dass sie es dann vorziehen, auf „Zigeuner“ auszuweichen. Zwischenzeitlich revidierte die Sinti-Allianz ihre Selbstbeschreibung und sprach von sich statt als von einem „Zusammenschluss deutscher Zigeuner“ von „Sinti“, „Lovara“, „Roma“ (2013).[32] 2020 schrieb die Sinti Allianz Deutschland, es gäbe Leute, die glaubten, dem Antiziganismus entgegenzuwirken, indem sie die Namen von Saucen etc. ändern. Die Sinti Allianz Deutschland lehne diese Form der Sprachhygiene sowie jegliche Form der Sprachüberwachung ab. Die Mehrheit ihrer Mitglieder hielte die „Saucendiskussion“ für unwürdig. Da es keinen von allen Völkern der Roma und Sinti akzeptierten neutralen Überbegriff gibt, könne auf die eineinhalb Jahrtausende alte historische Bezeichnung „Zigeuner“ nicht verzichtet werden, sofern sie wertfrei benutzt wird. Eine Zensur oder Ächtung der Bezeichnung „Zigeuner“ dürfe es nicht geben.[33]

Selbstbezeichnung von Jenischen

Die von Jenischen dominierte und 1975 gegründete Schweizer Radgenossenschaft der Landstraße verwendete in den ersten beiden Jahrzehnten ihrer Aktivität „Zigeuner“ als Selbstbezeichnung für die Angehörigen „ein[er] gemischte[n] Gemeinschaft von Sinti, Romani und Jenischen“, diese von den „übrigen Fahrenden in der Schweiz, Schausteller[n], Jahrmarkthändler[n], Chilbi[= Kirmes/Kirtag]- und Zirkusleute[n]“ abgrenzend.[34] 1993 verlangte eine von der Radgenossenschaft initiierte Petition, die schweizerische zigeunerische Minderheit offiziell anzuerkennen.[35]

Seit der Mitte der 1980er Jahre grenzen sie sich von den Roma ab und erklärt die Jenischen zu einem eigenen jenischen Volk,[36] das als nationale Minderheit 2016 unter als Jenische von den staatlichen Behörden anerkannt worden ist. Seit Mitte der 1990er Jahre setzt sich die Radgenossenschaft vermehrt für die Verwendung der Selbstbezeichnung „Jenische“ ein. Die Genossenschaft fahrendes Zigeuner-Kultur-Zentrum , benutzt die Bezeichnung Zigeuner und ist eine jenische Genossenschaft, mit dem Kulturprogramm Zigeuner-Kultur-Tage auf.[37] Das Sachbuch Zigeunerhäuptling von Willi Wottreng über den jenischen Präsidenten der Radgenossenschaft, verwendet die Bezeichnung „Zigeuner“ als Selbstbezeichnung.[38] Auch die jenische Schweizer Schriftstellerin Isabella Huser, Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, hat ein Buch mit dem Titel Zigeuner veröffentlicht und bezeichnet sich selbst als „Zigeunerin“.[39]

Geschichte der Selbstbezeichnungen

1793 schrieb Johann Erich Biester, es sei „die Frage, wie nennt ein Volk sich selbst, bei historisch-etymologischen Untersuchungen wichtig. Wie also nennen sich die Zigeuner? Mit Recht antwortet man: Roma oder Romma in der mehreren Zahl, Rom in der einfachen.“[40] Auch „Sinte“ war ihm geläufig, und „Romni“ ist im regionalen Dialekt belegt.[41] In der Tsiganologie tauchten die Selbstbezeichnungen bei Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann im 18. Jahrhundert und später bei Heinrich von Wlislocki im 19. Jahrhundert auf. 1920 erklärte Gustav Freytag, die „Zigeuner“ würden sich „Sinte“ nennen, und mit der Romany Tschib verfüge „der Rom, wie er sich selbst nennt“ über eine eigene Sprache.[42]

Fremd- und Selbstbezeichnung im öffentlichen Diskurs der Gegenwart

Bis etwa 1980 dominiert in deutschsprachigen Titeln und Texten das Wort „Zigeuner“. Ein Wandel setzte mit der Bürgerrechtsbewegung der 1970er-Jahre ein. Um die gewohnte Sichtweise auf die Minderheit zu verändern, konfrontierte die Bürgerrechtsbewegung die Mehrheitsgesellschaft mit ungewohnten Bezeichnungen. Dies symbolisiert einen Bruch mit der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, steht für die Anerkennung der Minderheit als eigenständige Größe und fordert von der Mehrheitsgesellschaft eine nichtdiskriminierende Sichtweise ein.[43] Die Selbstbezeichnungen Roma und Sinti haben andere Bedeutungen als die Fremdbezeichnung. Sie lassen sich daher nicht mit diesen gleichsetzen, sondern lösen sie mit eigenständigen Inhalten ab. Exemplarisch für diesen Prozess stehen das 1979 von Tilman Zülch von der Gesellschaft für bedrohte Völker herausgegebene Buch In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt – zur Situation der Roma (Zigeuner) in Europa sowie der 1980 von der Friedrich-Naumann-Stiftung herausgegebene Tagungsband Sinti in der Bundesrepublik – zur Rechtlosigkeit verurteilt?.

Die Bezeichnung „Zigeuner“ ist inzwischen aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verschwunden, beispielsweise aus dem der Justiz, Verwaltung, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Politik (Stand: 2010).[44] Auch in den Medien wird er kaum noch verwendet.

Für die Auseinandersetzung mit historischen Quellen oder Diskriminierungstatbeständen, welche die Fremdbezeichnung verwenden, werden zwei Vorschläge gemacht. Entweder kann die Bezeichnung durchgestrichen werden, also Zigeuner oder in Analogie zum N-Wort zum „Z-Wort“ abgekürzt werden. Der Anfangsbuchstabe erinnert nach Isidora Randjelović an den nationalsozialistischen Sprachduktus.[45][46] Das „Duo-Z“ von Tornado Rosenberg und Rudko Kawczynski verwendet dagegen den Anfangsbuchstaben.[47]

Rechtsvorschriften

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (2006) und die Einrichtung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2006) haben Aufmerksamkeit und Sensibilität gerade für alltägliche Formen der Diskriminierung heraufsetzen können.[48]

Eine ähnliche Funktion wie das AGG in Deutschland hat beim Umgang mit der Bezeichnung „Zigeuner“ und den damit verknüpften Inhalten in Österreich das mehrfach novellierte und EU-Richtlinien angepasste Bundes-Gleichbehandlungsgesetz (B-GBG) von 1993.[49] Ein Beispiel für die Anwendung des Gesetzes ist die Entscheidung der Gleichbehandlungskommission im Bundeskanzleramt 2005 gegen ein Schild „Kein Platz für Zigeuner“ eines privaten Campingplatzbetreibers. Sie kam zu dem Schluss, dass das Schild „sowohl diskriminierend als auch belästigend“ sei und dass die Bezeichnung „‚Zigeuner‘ diskriminierend im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes“ sei.[50]

Politik, Verwaltung, gesellschaftliche Institutionen und Gruppen

Es besteht heute im gesellschaftlich-politischen Diskurs ein Bewusstsein für die negative Bedeutung der Bezeichnung „Zigeuner“. So stieß zum Beispiel auch die frühere Bezeichnung „Katholische Zigeuner- und Nomadenseelsorge in der Bundesrepublik und in West-Berlin“ im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz auf Kritik. 2010 beendete die Deutsche Bischofskonferenz ihre bisherige Praxis und änderte den Namen ihrer Einrichtung in „Katholische Seelsorge für Roma, Sinti und verwandte Gruppen“. Der bisherige Name stehe nicht mehr im Einklang mit dem üblichen Sprachgebrauch und werde von Betroffenen als missverständlich oder diskriminierend empfunden.[51] An dieser Bezeichnung hielt der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, der sich an der weltkirchlichen Bezeichnung orientierte, trotz Kritik der Öffentlichkeit sowie der Dienststelle selbst, lange fest. Erst unter Reinhard Kardinal Marx wurde 2014 der spezifischen deutschen Situation Rechnung getragen und die Dienststelle in die „Katholische Seelsorge für Roma, Sinti und verwandte Gruppen“ umbenannt. Deren besonderes Anliegen ist es heute bei öffentlichen Veranstaltungen auf die negative Konnotation der Bezeichnung „Zigeuner“ hinzuweisen.

Die deutschen Polizeibehörden verwenden Ersatzbezeichnungen für „Zigeuner“. So trug die 1899 in München eingerichtete Zentrale Zigeunernachrichtendienst, die im Nationalsozialismus „Zigeunerpolizeileitstelle“ hieß, 1980 den Namen „Landfahrerstelle“.[52] Eine weitere deskriptive Bezeichnung ist „Mobile ethnische Minderheit“ (MEM).[53] Allerdings sind auch dies Fremdbezeichnungen. Beispielsweise gibt in Baden-Württemberg die Polizei seit 1992 in öffentlichen Erklärungen nicht mehr an, welcher ethnischen Gruppe Verdächtige angehören. Damit sollen „auch im amtlichen Sprachgebrauch die Grundrechte der Menschen, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu Volksgruppen, im vom Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vorgegebenen Rahmen gewahrt und geschützt werden“.[54] Der Zentralrat der Sinti und Roma warf den Behörden in einer Stellungnahme von 2005 vor, durch die Kennzeichnung von Beschuldigten als „‚angeblich reisende Sippe‘, ‚gewöhnlich umherreisende Personengruppe‘ oder ‚mobile ethnische Minderheit‘“, dem Rassismus Vorschub zu leisten.[55]

Wissenschaft

Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch tritt die Bezeichnung mitunter noch auf, wird aber regelmäßig in Anführungszeichen gesetzt oder doch mindestens mit dem Hinweis versehen, als Quellenbegriff, also nicht-affirmativ zitierend, eingesetzt zu werden. Unterschieden wird bei reflektiertem Gebrauch im Fachdiskurs zwischen dem „Begriff ‚Zigeuner‘ als Objekt-Begriff aus der Perspektive der Verfolgungsinstanzen“ und dem „Subjekt-Begriff der Betroffenen“ (2008).[56] Das Etikett „Zigeuner“ enthalte „ganz unabhängig von den Absichten eines individuellen Sprechers mindestens für den Adressaten eine deutliche Abwertung“. „Abwertung“ sei „der wesentliche Inhalt der Geschichte dieses Begriffs“. Die abwertende Semantik lasse sich nicht aus der Bezeichnung lösen, sie konserviere und tradiere sie (2007).[57]

Demgegenüber äußerte der Historiker Eberhard Jäckel 2005, dass „Zigeuner“ nicht abwertend sei, wenn es gut gemeint sei.[58]

Der Ethnologe Bernhard Streck legte Wert darauf, seine Forschungsrichtung Tsiganologie statt als „Zigeunerforschung“ oder „Zigeunerkunde“ zu bezeichnen. Diese Bezeichnungen seien durch die NS-Rassenforschung diskreditiert. Streck und seine Schule vertraten ein dezidiert soziografisches ethnienübergreifendes Konzept, das an den Konstrukten „Dissidenz“ und „Nomadismus“ ausgerichtet ist, sich der Definition verweigert[59] und als einzige Gemeinsamkeit von gleichermaßen als „Zigeuner“ bezeichneten indigenen Gruppen in Osteuropa, Asien und Afrika, die ethnisch nichts mit Roma zu tun haben, und den Gruppen der Roma ein schillerndes „spannungsreiche[s] Verhältnis zur jeweiligen Mehrheitsgesellschaft“ sieht.[60] In der Forschung stößt dieser Ansatz auf Kritik.[61]

Journalismus

In den deutschsprachigen Medien wird die Bezeichnung immer seltener benutzt. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma reicht jedes Jahr am 7. Dezember beim Deutschen Presserat Beschwerden wegen diskriminierender Darstellungen von Roma ein. In den Jahren 1995 bis 2002 reichte er gegen insgesamt 381 Zeitungsartikel Beschwerden ein, weil allgemein Verdächtigte als „Zigeuner“, „Sinti/Roma“, „Landfahrer“ oder mit anderen synonym verwendeten Markierungen wie „MEM“ (für „mobile ethnische Minderheit“) belegt worden waren. 2004 waren es 52 Zeitungsartikel.[62] 2007 erreichten den Presserat noch 39 Beschwerden.[63] Bei einem erheblichen Anteil der Zuschreibungen handelte es sich laut Presserat um in ein Medium von anderen Sprechern übernommene nichtaffirmativ gemeinte Zitierungen.[62] Wie oft in den Beschwerden die Bezeichnung „Zigeuner“ kritisiert wurde, ist nicht bekannt. Obwohl auch 2009 noch Beschwerden vorlagen[64] äußerte der Presserat die Beschwerden hätten in den letzten Jahren weiter abgenommen.[65]

In der Zeit und der Tageszeitung war im Zeitabschnitt von 1995/96 bis 2003, „Roma“ die am häufigsten verwendete Form war, und dreimal so häufig auftrat wie „Sinti“, während „Zigeuner“ einen Anteil von 20 bis 30 % hatte. Die Zählung in der Zeit von 2003 ergab, dass das Wort „Zigeuner“ abgesehen von der Erwähnung in Texten über das Wort selbst und in der Geschichtsforschung sonst nur noch in romantisierenden, positiven Verwendungen in der Literatur und Musik oder im übertragenen Sinn („Leben wie ein Zigeuner“) verwendet wurde.[66]

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, widersprach 2013 der Befürchtung, „Zigeuner“ könne sich wieder einzubürgern. Die Selbstbezeichnungen würden respektiert. Sein Verband müsse dem Presserat nur noch selten Fälle antiziganistischer Berichterstattung melden. Die gelegentliche „provokative“ Verwendung der Bezeichnung wie zum Beispiel 2013 in einem Buchtitel des Autors Rolf Bauerdick lasse sich nicht verallgemeinern.[67]

Wirtschaft

Im Zuge der Antirassismusdebatte nach dem Tod des Schwarzen George Floyd erklärten im August 2020 zwei Lebensmittelhersteller in Österreich, Markennamen zu ändern: Der Knabbergebäckhersteller Kelly’s gab an, die nach 6-Speichen-Rädern geformten „Zigeunerräder“ in „Zirkusräder“ umbenennen zu wollen, ohne deren Geschmack zu ändern. Knorr (Mutterkonzern: Unilever) benannte die „Zigeunersauce“ neu „Paprikasauce Ungarische Art“.[68]

Sinti und Romafeindlichkeit

Die Abwendung von „Zigeuner“ im politischen und medialen Raum hat eine Ausnahme: Organisationen und Medien am rechten Rand bevorzugen nach wie vor „Zigeuner“.[69] Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte sind jedoch selbst hier nicht ohne Auswirkung geblieben. Auch in rechtspopulistischen Medien ist mittlerweile von „Roma“ die Rede oder es wird politische Korrektheit vorgetäuscht, indem „Zigeuner“ in Anführungszeichen gesetzt wird.[70]

2002 lehnten 58 % der Deutschen nach einer Umfrage von Infratest im Auftrag des American Jewish Committee „Zigeuner“ als Nachbarn ab.[71] 2011 ergab eine Umfrage des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung 44 % Zustimmung für die Behauptung: „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“, und 40 % Zustimmung für: „Ich hätte Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten“.[72]

Alltagssprache

Der aus den 1920er Jahren bekannte,[73] Spruch „Zick, zack, Zigeunerpack“ wird von manchen deutschen Fußballfans zur Verunglimpfung von Fans der gegnerischen Teams verwendet[74][75] und veranlasste 2025 den DFB Strafen an einen Verein auszusprechen.[76] Der Spruch ist auch Namensgeber für Faschingsvereine.[77]

Literatur

  • Anita Awosusi (Hrsg.): Stichwort: „Zigeuner“. Zur Stigmatisierung von Sinti und Roma in Lexika und Enzyklopädien. (= Schriftenreihe des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, 8). Wunderhorn, Heidelberg 1998, ISBN 3-88423-141-3.
  • Stephan Bauer: Von Dillmanns Zigeunerbuch zum BKA: 100 Jahre Erfassung und Verfolgung der Sinti und Roma in Deutschland. Siedentop, Heidenheim 2008, ISBN 978-3-925887-27-7 (zugleich Dissertation, Universität Osnabrück 2007).
  • Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-42263-2.
  • Hans Richard Brittnacher: Leben auf der Grenze. Klischee und Faszination des Zigeunerbildes in Literatur und Kunst. Wallstein, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1047-6.
  • Alexandra Graevskaia: Zigeuner. In: Bente Gießelmann, Robin Heun, Benjamin Kerst, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hrsg.): Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe. Wochenschau Verlag, Schwalbach 2015, ISBN 978-3-7344-0155-8, S. 340–354.
  • Stefani Kugler: Kunst-Zigeuner. Konstruktionen des „Zigeuners“ in der deutschen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (= Literatur, Imagination, Realität. Band 34). Wissenschaftlicher Verlag, Trier 2004, ISBN 3-88476-660-0 (zugleich Dissertation, Universität Trier 2003).
  • Anja Lobenstein-Reichmann: Zur Stigmatisierung der „Zigeuner“ in Werken kollektiven Wissens am Beispiel des Grimmschen Wörterbuchs. In: Herbert Uerlings, Iulia-Karin Patrut (Hrsg.): „Zigeuner“ und Nation. Repräsentation, Inklusion, Exklusion. Frankfurt 2008, ISBN 978-3-631-57996-1, S. 589–629.
  • Leo Lucassen: Zigeuner. Die Geschichte eines polizeilichen Ordnungsbegriffes in Deutschland 1700–1945. Böhlau, Köln 1996, ISBN 3-412-05996-X.
  • Thomas Schares: Sprechen über Roma in deutschsprachigen (rumänischen) Medien (= Kronstädter Beiträge zur Germanistik. Neue Folge. Heft 2). Karl Stutz, Passau 2013, ISBN 978-3-88849-162-7, S. 109–128.
  • Frank Reuter: Der Bann des Fremden. Die fotografische Konstruktion des „Zigeuners“. Wallstein, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1578-5.
  • Ramona Mechthilde Treinen, Herbert Uerlings: Vom „unzivilisierten Wandervolk“ zur „diskriminierten Minderheit“: „Zigeuner“ im Brockhaus. In ebd., S. 631–696.
  • Rüdiger Vossen, Wolf Dietrich, Michael Faber, Michael Peters (Hrsg.): Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies. Zwischen Verfolgung und Romantisierung. Katalog zur Ausstellung im Hamburgischen Museum für Völkerkunde. Ullstein 1987, ISBN 3-548-34135-7.
Wiktionary: Zigeuner – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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