Kate Harvey
englisch-britische Frauenrechtlerin, Physiotherapeutin und Sozialarbeiterin
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Katherine Felicia (Kate) Harvey, geborene Glanvill, Vorname teilweise auch Catherine, (* 13. November 1862 in Peckham, London; † 29. April 1946 in Hartfield, East Sussex) war eine englisch-britische Frauenrechtlerin, Physiotherapeutin und Sozialarbeiterin. Gehörlos und in jungen Jahren verwitwet, leitete sie zunächst ein Heim für Frauen und Kinder und später ein Heim für Kinder mit Behinderungen. Sie beteiligte sich in der Women’s Tax Resistance League und weigerte sich, Steuern zu zahlen, solange ihr das Wahlrecht verwehrt wurde. Sie war die erste Person, die wegen der Nichtzahlung der Sozialversicherungsbeiträge (zahlbar als stamp tax des Arbeitgebers) nach dem National Insurance Act 1911 inhaftiert wurde.
Leben
Harvey war die Tochter von Frederick Glanvill und Felicia Catherine La Thangue. Die Mutter starb, als Kate acht Jahre alt war (1870), und der Vater, als sie sechzehn war (1879).[1][2]
Sie heiratete Frank Harvey und hatte drei Töchter, bevor sie früh Witwe wurde.[3] Gezwungen, berufstätig zu sein, praktizierte sie Physiotherapie zu einer Zeit, in der diese wegen des körperlichen Kontakts von der spätviktorianischen Gesellschaft bis hin zur Diskussion im British Medical Journal skeptisch betrachtet wurde. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, mit der Entwicklung spezialisierter orthopädischer Kliniken, änderte sich das. Zudem betrieb Harvey in ihrem Wohnhaus in Bromley ein Heim für Kinder mit Behinderungen.[4][5]
Über die Wohltätigkeitsarbeit mit den behinderten Kindern lernte Harvey Charlotte Despard kennen, eine verwitwete Wohltätigkeitsarbeiterin, die in Wandsworth ein Heim für Arme betrieb. Die Frauen wurden eng befreundet. Despard vermerkte am 12. Januar 1912 in ihrem Tagebuch, dass dies the anniversary of our love sei. Die Formulierung führte zu Spekulationen über die Art der Beziehung der beiden Frauen; weitere klärende Hinweise gibt es aber nicht.[4]
Harvey trat dem Bromley‑Zweig der unter anderem von Despard 1907 gegründeten nicht-miltianten Women’s Freedom League (WFL) bei und wurde bis 1910 eines der führenden Mitglieder der Organisation.[6] Sie war Mitorganisation der Women’s Coronation Procession im Juni 1911. Despard, als Präsidentin der WFL, führte den Marsch an.[7] Bei der Volkszählung von 1911 beteiligte sich Harvey am Boykott der Suffragetten, und der Zähler vermerkte auf ihrem Formular: „Haus voller Suffragetten, die die Auskunft verweigern.“[4]
Nachdem Harvey Mitglied der Women’s Tax Resistance League geworden war, kam es ab 1911 zu einem langwierigen Konflikt mit dem Kent County Council,[8][9] weil sie sich weigerte, eine Stempelsteuer für ihren Gärtner zu zahlen.[5] The Vote, das Presseorgan der WFL, berichtete in den folgenden zwei Jahren fortlaufend über den Konflikt.[8] Nach mehreren Monaten wurde ein Haftbefehl gegen Harvey erlassen, und sie verbarrikadierte sich in ihrem Haus.[8][10] Da sie sich weiterhin weigerte, ohne Wahlrecht Steuern zu zahlen,[11] wurde nach acht Monaten die Barrikade durchbrochen und Teile ihres Eigentums beschlagnahmt, um die Steuer einzutreiben. Ein Jahr später, nachdem sie stärkere Barrikaden errichtet hatte und weiterhin nicht zahlte, durchbrachen Gerichtsvollzieher diese mit einem Rammbock.[5] Harvey wurde im August 1913 verhaftet und vor den Bromley Police Court gebracht, wo sie zur Zahlung von Geldstrafen nach dem National Insurance Act 1911 verurteilt wurde. Sie weigerte sich zu zahlen und wurde zu zwei Monaten Haft im Holloway Prison verurteilt,[12] wofür ihr die militante Women’s Social and Political Union die sogenannte „Holloway-Prison-Brosche“ verlieh.[3][5] Andere Suffragetten waren bereits für die Nichtzahlung verschiedener Steuern inhaftiert worden, sie war die erste wegen der verweigerten Sozialabgaben.[8][10] In Protesten gegen ihre Inhaftierung wurde auf die Ungleichheit hingewiesen, dass ihre Geldstrafen deutlich höher waren als jene, die Männern für dasselbe Vergehen auferlegt wurden.[10] Nach nur einem Monat Haft wurde Harvey aus gesundheitlichen Gründen entlassen.[5] Im November 1913 versuchten die Behörden, ihr Hab und Gut zu versteigern, um die Geldstrafen zu begleichen,[13] mussten die Auktion jedoch abbrechen, weil keine Gebote abgegeben wurden.[3][5]
Während des Ersten Weltkriegs setzten die meisten Suffragetten in einem Stillhalteabkommen mit der Regierung die Aktivitäten für das Frauenwahlrecht aus, doch Harvey wie Despard drängten weiterhin auf Reformen und waren zudem entschiedene Pazifistinnen.[5] Beide nahmen an der 7. Konferenz der International Woman Suffrage Alliance in Budapest teil. Beide waren auch in der Theosophie‑Bewegung aktiv.[8] Harvey wurde als „tief religiös“ beschrieben und erteilte den von ihr betreuten Kindern Religionsunterricht in einer Kapelle, die sie in ihrem Haus errichtet hatte.[3] 1916 kauften Harvey und Despard gemeinsam ein großes Haus, zwei Cottages und einen Holzschuppen auf knapp 5 ha Land nahe Hartfield am Rand des Ashdown Forest. Sie nannten die Einrichtung „Kurundai“ (nach einem Baum aus den Legenden zu Shiva) und richteten dort ein Krankenhaus mit 31 Betten für Frauen und Kinder ein.[3] Anfangs übernahm Despard die Kosten,[5] aber ab 1917 wurde die Theosophical Society beteiligt, und das Heim wurde in Brackenhill Theosophical Home School umbenannt. Es beherbergte Kinder aus zerrütteten Familien, uneheliche Kinder sowie kranke oder behinderte Kinder und stand unter der Leitung von Harvey.[7] 1920 zog die Theosophical Society ihre Unterstützung zurück und verlegte die Einrichtung in das Old Rectory in Letchworth, doch Harvey führte den Betrieb in Kurundai fort.[14][15] 1921 trennten sich Harvey und Despard nach neun gemeinsamen Jahren, als Despard nach Irland zog.[5] Harvey blieb alleinige Eigentümerin der Einrichtung; zwischen 1923 und 1928 wurde sie jedoch von der Invalid Children’s Aid Association als Erholungszentrum für Kinder mit rheumatischen Erkrankungen betrieben, und Harvey zog in ein nahegelegenes Haus namens Wroth Tyes.[3] 1928 übernahm Harvey erneut die Leitung und wandelte Kurundai in ein Internat um, das sie Brackenhill Open Air Home School nannte.[3][16] Als Freiluft‑Einrichtung legte sie den Schwerpunkt auf Vegetarismus und körperliche Ertüchtigung und bot den Kindern ein „naturnahes“ Leben, bei dem sie im Freien in verschließbaren Unterständen schliefen; nur bei extrem schlechtem Wetter wurden die Seiten der überdachten Behausungen geschlossen. Sie lebte weiterhin in Wroth Tyes gemeinsam mit der Schulleiterin Helen Smith. Die beiden Frauen führten die Schule bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als die Regierung das Anwesen für Kriegszwecke übernahm.[3]
Harvey starb am 29. April 1946 in Wroth Tyes in Hartfield, East Sussex, und vermachte Smith das Anwesen.[3][17]
Weblink
- Kate Harvey auf Spartacus Educational (englischsprachiger Artikel mit Portraitfoto)