Kirchenschlaf

Einschlafen während der Messe in der Kirche, Übernachtung in der Kirche From Wikipedia, the free encyclopedia

Kirchenschlaf bezeichnet das Einschlafen von Gottesdienstbesuchern während religiöser Veranstaltungen in Kirchen oder anderen sakralen Räumen. Das Phänomen ist seit der Antike literarisch belegt und wurde in verschiedenen Epochen unterschiedlich bewertet. Während es in der Frühen Neuzeit häufig als religiöses Fehlverhalten interpretiert wurde, verschob sich die Wahrnehmung in der Aufklärung hin zu einer stärkeren Betonung der Verantwortung der Predigtpraxis.

Historische Belege

Paulus erweckt den Eutychus

Als frühestes literarisches Zeugnis wird eine Erzählung aus der Apostelgeschichte (Apg 20,7–12[1]) herangezogen. Dort wird berichtet, dass der junge Eutychus während einer nächtlichen Predigt des Apostels Paulus einschlief und aus einem Fenster stürzte. Nach der Darstellung des Textes wurde er anschließend durch den Apostel wieder zum Leben erweckt.

In der Spätantike waren Kirchenräume vielfach nur mit Sitzplätzen für Bischöfe und Presbyter ausgestattet. Augustinus von Hippo forderte daher, auch für Katechumenen Sitzgelegenheiten bereitzustellen, um Ermüdung während längerer Unterweisungen zu vermeiden[2].

Kirchenschlaf in der Frühen Neuzeit

Im 17. und 18. Jahrhundert erschienen zahlreiche Predigten und Erbauungsschriften, in denen das Einschlafen während des Gottesdienstes als religiöses Fehlverhalten bewertet wurde. Begründet wurde dies unter anderem damit, dass schlafende Zuhörer die Predigt nicht wahrnehmen und somit das verkündete Wort nicht aufnehmen könnten. Zudem wurde argumentiert, dass der Schlaf während des Gottesdienstes als Ausdruck mangelnder Ehrfurcht gegenüber Gott zu verstehen sei und damit gegen die Sonntagsheiligung verstößt.

In einzelnen frühneuzeitlichen Kirchen- und Landesordnungen finden sich Hinweise auf Maßnahmen zur Verhinderung des Kirchenschlafs[3]. Kirchendiener wurden beauftragt, schlafende Gemeindemitglieder mit Stäben oder ähnlichen Hilfsmitteln zu wecken. Im schwäbischen Raum ist dafür die Bezeichnung „Kirchendussler“ überliefert.

Rezeption in der Aufklärung

Im Zuge der Aufklärung veränderte sich die Bewertung des Kirchenschlafs. Statt moralischer Verurteilung rückte verstärkt die Verantwortung der Prediger in den Vordergrund. Zeitgenössische Autoren forderten verständlichere und lebensnahe Predigten, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erhöhen. In polemischen Schriften jener Zeit wurde Kirchenschlaf teilweise als Ausdruck einer als überholt empfundenen Frömmigkeit interpretiert[4].

Gegenwart

In der heutigen Homiletik spielt der Kirchenschlaf kaum noch eine eigenständige Rolle. Dies wird unter anderem mit der verkürzten Dauer moderner Predigten in Verbindung gebracht. Gleichwohl wird gelegentlich weiterhin über das Einschlafen von Gottesdienstbesuchern berichtet.

Literatur

  • Torsten Krannich: „Hilff, daß mein Geist dem gar schläffrigen Fleisch beständig wiederstehe“. Kirchenschlaf im pastoraltheologischen Schrifttum der Frühen Neuzeit. In: Ernst-Wilhelm Gohl; Torsten Krannich (Hrsg.): Weisheit und Widerspruch. Eine Dankesgabe an die Ulmer Prälatin Gabriele Wulz. Evangelischer Verlag Stuttgart, Stuttgart 2025, S. 189–216 (online).

Einzelnachweise

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