Klassiker (Radsport)

verschiedene, traditionsreiche Radrennen From Wikipedia, the free encyclopedia

Als Klassiker werden im Straßenradsport besonders bedeutende und traditionsreiche Eintagesrennen bezeichnet.

Mailand–Sanremo: Das Hauptfeld in Diano Marina 2004
Flandern-Rundfahrt: Roger De Vlaeminck am Koppenberg
Paris–Roubaix: Carrefour de l’Arbre
Lüttich–Bastogne–Lüttich: Andy Schleck an der Côte de la Roche-aux-faucons
Lombardeirundfahrt: Gino Bartali, Sieger 1936

Obwohl der Begriff Klassiker im Radsport weder geschützt noch genau definiert ist, lassen sich doch mehrere traditionsbildende Faktoren benennen, die für das Prestige der Radrennen entscheidend sind:[1] das Jahr der Erstaustragung – möglichst vor dem Ersten Weltkrieg –, eine hohe Anzahl von Austragungen, ein während der verschiedenen Auflagen weitgehend unveränderter, von den Anforderungen typischer („klassischer“) Streckenverlauf,[2] die Anerkennung in der Öffentlichkeit und die Qualität der Siegerliste.

Radrennfahrer, die bei Klassikern erfolgreich sind, werden häufig als Klassikerjäger bezeichnet.

„Monumente des Radsports“

Als bedeutendste Klassiker werden die so genannten fünf „Monumente des Radsports“ angesehen. Diese wurden alle erstmals vor dem Ersten Weltkrieg ausgetragen und weisen einen Palmarès mit zahlreichen bekannten Siegern auf.

Charakteristik

Jedes dieser Rennen hat eine besondere Charakteristik:

  • Mailand–Sanremo („la Classicissima“ oder auch „la Primavera“)[3] an der italienischen Riviera wird häufig im Sprint oder nach einem Angriff am letzten Hügel entschieden.
  • Die Flandern-Rundfahrt („de ronde“ bzw. „vlaanderens mooiste“)[4] wird durch kurze, steile Anstiege auf Kopfsteinpflaster, den Hellingen, geprägt.
  • Paris–Roubaix („l’Enfer du Nord“ oder auch „La Reine des Classiques“)[5] ist völlig flach und bezieht seine besondere Schwierigkeit aus den ca. 50 Kilometern oftmals extrem groben Kopfsteinpflasterpassagen, den Pavés.
  • Das älteste Monument, Lüttich–Bastogne–Lüttich („la doyenne“),[6] wird in den wallonischen Ardennen mit zahlreichen steilen, meist kürzeren, teils aber auch bis zu vier Kilometer langen Anstiegen ausgetragen.
  • Während diese vier Klassiker im Frühjahr zu Beginn der Radsportsaison ausgetragen werden, folgt als eines der letzten Rennen der Saison die Lombardei-Rundfahrt („la classica delle foglie morte“),[7] welche auf bergstärkere Fahrer zugeschnitten ist.[8]

Bedeutung und Begriffsbildung

Bereits seit den 1930er Jahren wurden bedeutende Rennen in der französischen Presse gelegentlich als „Monumente“ bezeichnet, wobei sich insbesondere der Journalist Albert Baker d’Isy dieses Ausdrucks bediente. Unter anderem wurden von ihm die Tour de France,[9] Paris–Brest–Paris[10] oder Paris–Roubaix[11] so etikettiert. Auch in den 1950ern oder 1970er Jahren wurden Paris–Roubaix[12] oder die Tour de France[13] gelegentlich mit diesem Ausdruck bedacht.

Die heutige Einengung auf fünf spezifische Radrennen geht auf den ehemaligen UCI-Präsidenten Hein Verbruggen und die Schaffung des Rad-Weltcups zurück, die 1989 erfolgte. Dieser umfasste 10 bis 12 Eintagesrennen und sollte der Internationalisierung des Straßenradsports dienen. Den fünf „Monumenten“ war ein fester Platz im Weltcup zugedacht, während die übrigen Rennen damit rechnen mussten, bei Bedarf durch neue Veranstaltungen in anderen Ländern ersetzt zu werden.[14][15][16][17][18]

In der Praxis entfaltete der Begriff zunächst nur begrenzte Wirkung. Die Internationalisierung des Weltcups blieb hinter den Erwartungen zurück, so dass sein Rennprogramm stabiler als ursprünglich vorgesehen war und die Monumente sich gegenüber anderen Rennen kaum abheben konnten. Als Johan Museeuw 2002 Paris–Roubaix gewann, feierte er mit einer bekannt gewordenen Geste seinen zehnten Weltcupsieg und nicht etwa sein sechstes Monument.[19] Auch in der Berichterstattung wurde der Ausdruck „Monument“ teils synonym für jegliche Weltcuprennen wie Paris–Tours oder das Amstel Gold Race eingesetzt,[20][21] bzw. wie zuvor schon für die Tour de France.[22]

Als die UCI 2005 den Weltcup durch die UCI ProTour ersetzte, wurden die „fünf Monumente“ nicht mehr gesondert erwähnt,[23] nahmen im Reglement jedoch eine höhere Kategorie ein als die übrigen Eintagesrennen.[24] In der Nachfolge-Serie UCI WorldTour wurde der spezielle Status der Monumente zwischenzeitlich verwässert,[25] 2023 aber wieder hergestellt.[26]

Erst seit Anfang der 2010er Jahre[12] ist eine zunehmende Mediatisierung der „fünf Monumente“ seitens der UCI und in der allgemeinen Sportberichterstattung zu konstatieren, und damit einhergehend eine klare Eingrenzung des Begriffs auf eben diese Eintagesrennen. Das Prestige der Monumente führt in den Medien immer wieder zu Spekulationen, welche Fahrer im Laufe ihrer Karriere alle fünf Rennen gewinnen könnten.[27][28]

Palmarès

Seit Einführung des Begriffs hat es noch kein Fahrer geschafft, alle fünf Monumente zu gewinnen. Historisch gesehen gelang es jedoch drei Radrennfahrern, alle fünf später als „Monument“ bezeichneten Rennen mindestens einmal zu gewinnen. Alle drei stammen aus Belgien: Zunächst gelang dies Rik Van Looy, der zwischen 1958 und 1965 insgesamt acht Siege erreichte. Danach konnten Eddy Merckx (zwischen 1966 und 1976) sowie Roger De Vlaeminck (zwischen 1970 und 1979) alle Eintagesrennen gewinnen. De Vlaeminck gewann insgesamt elfmal bei einem Klassiker, Merckx gewann insgesamt 19 Mal (und bei jedem Rennen mindestens zweimal).

Weitere Informationen Rennen, erste Aus­tragung ...
Rennen erste
Aus­tragung
aktuelle
Distanz
Rekordsieger Termin
ItalienItalien Mailand–Sanremo 1907 291 km Belgien Eddy Merckx (sieben Siege) März
Belgien Flandern-Rundfahrt 1913 260 km Belgien Tom Boonen, Belgien Achiel Buysse, Schweiz Fabian Cancellara, Belgien Eric Leman, Italien Fiorenzo Magni, Belgien Johan Museeuw, Slowenien Tadej Pogačar und Niederlande Mathieu van der Poel (je drei Siege) April
FrankreichFrankreich Paris–Roubaix 1896 257 km Belgien Tom Boonen, Belgien Roger De Vlaeminck (je vier Siege) April
Belgien Lüttich–Bastogne–Lüttich 1892 258 km Belgien Eddy Merckx (fünf Siege) April
ItalienItalien Lombardei-Rundfahrt 1905 254 km Italien Fausto Coppi, Slowenien Tadej Pogačar (je fünf Siege) Oktober
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Andere Klassiker, Halbklassiker und moderne Klassiker

Allgemein zu den Klassikern wird auch Paris–Tours gezählt, obwohl der Name und die Strecke des Rennens einige Male wechselten.[29]

Eine Besonderheit stellt das in den Jahren 1891 bis 1988 ausgetragene Bordeaux–Paris dar, das über ca. 600 km führte, aber seit den 1960er Jahren an Bedeutung verlor.[30]

„Halbklassiker“

Strittig ist der Klassikerstatus u. a. für

Diese und andere Rennen werden oftmals „nur“ als „Halbklassiker“ angesehen,[31] da bei diesen Rennen einige der genannten Kriterien für klassischen Rennen ganz oder teilweise nicht vorliegen.

„Moderne Klassiker“

Für bedeutende Rennen neueren Gründungsdatums, wie die Clásica San Sebastián, Eschborn–Frankfurt und die mittlerweile für Profis eingestellte Meisterschaft von Zürich wird auch der Begriff moderne Klassiker verwendet;[32] hierzu könnte auch das 1966 erstmals ausgetragene Amstel Gold Race gezählt werden.

Frühjahrs- und Herbstklassiker

Die meisten Klassiker finden überwiegend während zweier zeitlicher Schwerpunkte statt:

Im März und April werden vor allem in Italien, Belgien und Nordfrankreich die sogenannten Frühjahrsklassiker ausgetragen, zu denen neben den Monumenten Mailand–Sanremo, Flandernrundfahrt, Paris–Roubaix und Lüttich-Bastogne-Lüttich auch Gent–Wevelgem,[33] Flèche Wallonne[34] und das Amstel Gold Race[35] gezählt werden. In jüngerer Zeit hat das erst 2007 entstandene Rennen Strade Bianche so viel Popularität erlangt, dass es von vielen Fahrer als „sechstes Monument“ angesehen wird.[36]

Die genannten Rennen finden zunächst im März in Italien statt, dann Ende März und in der ersten Aprilhälfte in Flandern sowie Nordfrankreich und in der zweiten Aprilhälfte in den belgischen Ardennen sowie in den südlichen Niederlanden. Die flämischen und französischen Rennen dieser Zeit werden auch „Kopfstein-Klassiker“ genannt, da sie durch häufige Kopfsteinpflasterpassagen (Pavés bzw. Kasseien) sowie steile und kurze Anstiege geprägt sind. Die letzte Phase der Frühjahrsrennen werden auch „Ardennen-Klassiker“ genannt, weisen längere Anstiege auf und sind eher für Bergfahrer geeignet. Aufgrund der Jahreszeit sind alle diese Rennen starken Wettereinflüssen ausgesetzt.

In der zweiten Jahreshälfte folgen die Herbstklassiker[37], zu denen man aufgrund der Austragungszeit Brussels Cycling Classic, Paris–Tours und die Lombardeirundfahrt zählen kann.

Deutsche und Schweizer Klassiker

Deutsche Klassiker

Rund um den Henninger-Turm 2005: an dritter Stelle der spätere Sieger Erik Zabel

In Deutschland werden als „Klassiker“ insbesondere folgende Radrennen bezeichnet:

Während „Rund um Berlin“, „Rund um die Hainleite“ und „Rund um Köln“ ihr Prestige vor allem aus ihrem Alter beziehen oder bezogen, wird dem Frankfurter Rennen dagegen der Klassikerstatus vor allem aufgrund seiner sportlichen Bedeutung zugeschrieben. Bei der Harzrundfahrt sind es die Schwierigkeiten der Harzer Berge sowie zu Beginn die immense Länge von über 300 bis 600 km mit Start in Hannover und Magdeburg. Ob diese Rennen als Klassiker oder Halbklassiker zu bezeichnen sind, ist ebenso wie bei anderen traditionsreichen deutschen und internationalen Rennen eine Frage der subjektiven Einschätzung.

Die Cyclassics Hamburg sind entgegen ihrem Namen und trotz ihrer Einordnung in die UCI WorldTour und der daraus folgenden exzellenten Besetzung kein Klassiker, da sie erst im Jahr 1996 erstmals ausgetragen wurden.

Schweizer Klassiker

Auch zahlreiche traditionsreiche Schweizer Eintagesrennen werden als Klassiker bezeichnet:

Breitensport-Klassiker

Von Veranstaltern und manchen Radsportenthusiasten werden auch bedeutende Breitensport-Veranstaltungen wie Radmarathons, Radtourenfahren und Jedermannrennen als Radklassiker bezeichnet. Beispiele:

Siehe auch

Wiktionary: Klassiker – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise und Anmerkungen

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