Kollapsologie

Studie über den Zusammenbruch der Industriezivilisation und was darauf folgen könnte From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Kollapsologie ist ein interdisziplinärer Forschungsstrang innerhalb der Sozialwissenschaften, der davon ausgeht, dass der Kollaps von Industriegesellschaften nicht mehr zu vermeiden ist. Deshalb setzt sie sich mit den Bedingungen und Folgen gesellschaftlicher Zusammenbrüche auseinander. Hierbei konzentriert sich die Kollapsologie insbesondere auf den Kollaps von Gesellschaften infolge des Klimawandels.

Ein Schaubild, das darstellt, wie sich die Folgen der globalen Erwärmung negativ auf Gesellschaften auswirken können
Die globale Erwärmung hat unterschiedliche Folgen, die zur Destabilisierung von Gesellschaften beitragen können

Vor allem innerhalb der Klimabewegung werden die Thesen der Kollapsologie kontrovers diskutiert. In der Folge entstand im deutschsprachigen Raum die „Kollapsbewegung“, die dazu aufruft, sich gemeinsam auf den Kollaps vorzubereiten.

Begriffsbestimmung

Kollaps

Heute wird die Frage nach der Wahrscheinlichkeit eines umfassenden gesellschaftlichen Zusammenbruchs insbesondere im Kontext der Klimakrise diskutiert.[1][2][3] Dabei hat sich im deutschsprachigen Raum auch der Begriff „Klimakollaps“ etabliert.[4][5] Kollaps bedeutet jedoch nicht, dass es durch ein plötzliches Ereignis zu einem Ende der Menschheit kommt. Es handelt sich eher um eine länger andauernde Periode, in der sich ein System grundlegend wandelt und ehemals selbstverständliche Funktionen nicht mehr erfüllt. In Bezug auf einen Klimakollaps könnte sich dies beispielsweise in Störungen von Lieferketten, einem Ausbleiben von Wirtschaftswachstum oder dem temporären bis dauerhaften Wegfall öffentlicher Dienstleistungen infolge von höheren Temperaturen und/oder schweren Naturkatastrophen äußern.[6][7.1]

Kollapsologie

Der Neologismus Kollapsologie wurde 2015 von Pablo Servigne und Raphaël Stevens in ihrem Buch Comment tout peut s'effondrer (in der deutschen Übersetzung unter Wie alles zusammenbrechen kann erschienen) geprägt. Servigne und Stevens sind der Ansicht, dass ein Zusammenbruch aller Industriegesellschaften noch in diesem Jahrhundert unvermeidlich sei. Sie definieren Kollapsologie als die wissenschaftliche Untersuchung des Zusammenbruchs von Industriegesellschaften und was darauf folgen mag.[7.2] Der Soziologe Joe P. L. Davidson erkennt zwei Grundprämissen, auf denen die Kollapsologie aufbaut: Dass der Zusammenbruch von Industriegesellschaften höchstwahrscheinlich ist und dass nach dem Kollaps eine erstrebenswerte Zukunft erreicht werden kann.[8.1]

Den größten Einfluss auf wissenschaftliche und öffentliche Debatten hat die Kollapsologie im französischsprachigen Raum.[9] Personen, die darüber hinaus einen gesellschaftlichen Zusammenbruch infolge einer eskalierenden Klimakrise für unausweichlich halten, sind z. B. der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen[10] und der deutsche Klimaaktivist Tadzio Müller.[1] Als ein Vorläufer der Kollapsologie wird das Konzept der Deep Adaption des Umweltwissenschaftlers Jem Bendell gesehen, in dem dieser dazu auffordert, die Resilienz von Gesellschaften in Bezug auf die negativen Folgen des Klimawandels gezielt zu steigern.[11][12]

Forschungsgegenstand

Apokalyptische Erzählungen, die ein nahes Ende der Welt vorhersagen, sind seit Jahrhunderten bekannt. Im Unterschied zur Eschatologie stützt sich die Kollapsologie aber nicht auf religiöse Lehren, sondern auf wissenschaftliche Daten, die darauf hindeuten, dass die Menschheit aktuell eine Vielzahl planetarer Grenzen überschreitet. Verschiedene klimawissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass der Klimawandel katastrophale Konsequenzen für die Menschheit haben könnte.[13][14][15] Doch auch wenn es einen wissenschaftlichen Konsens zum anthropogenen Klimawandel gibt, kann anhand wissenschaftlicher Methoden nicht ermittelt werden, ob bzw. wann der Klimawandel zum Kollaps von Gesellschaften führen wird.[16] Kollapsologen identifizieren drei Faktoren, die es ihrer Meinung nach dennoch höchstwahrscheinlich machen, dass Industriegesellschaften in Zukunft zusammenbrechen werden: die Abhängigkeit der Industriegesellschaften von Wirtschaftswachstum, welches aber nur durch den Verbrauch von endlichen fossilen Energien aufrechterhalten werden könne, die fatalen Folgen des großflächigen Verlusts von Biodiversität und die immense Komplexität der Systeme zur Nahrungs-, Energie- und Trinkwasserversorgung, die diese anfällig für Störungen mache.[7.3] Daraus leiten sie ab, dass es sinnvoller sei, sich auf den Kollaps vorzubereiten, anstatt vergeblich zu versuchen, ihn zu verhindern.[7.4][1.1] Forschungsarbeiten im Feld der Kollapsologie setzen sich daher insbesondere mit der Imagination von Zukünften auseinander, in denen der Kollaps von Gesellschaften nicht ausgeblendet, sondern aktiv miteinbezogen wird. Im Fokus steht dabei, wie Menschen auch in Phasen gesellschaftlichen Zusammenbruchs handlungsfähig bleiben und ein einigermaßen gutes Leben führen könnten. Als besonders vielversprechend werden hierbei solidarische Netzwerke erachtet, innerhalb derer sich Menschen in Krisenzeiten untereinander helfen und Ressourcen teilen.[17][18]

Ein weiterer Untersuchungsgegenstand der Kollapsologie ist der Begriff der Hoffnung. Wenn man annimmt, dass der Klimakollaps unvermeidbar sei, lässt sich die verbreitete Hoffnung, durch eine sozial-ökologische Transformation die globale Erwärmung auf ein erträgliches Niveau zu begrenzen, nicht mehr aufrechterhalten. Kollapsologische Arbeiten suchen deshalb nach alternativen Konzepten von Hoffnung, die versuchen, dem deprimierenden Kollaps die Suche nach der „besten Katastrophe“ entgegenzustellen.[19][20]

Kollapsbewegung

Im deutschsprachigen Raum wird neben der Kollapsologie auch von einer „Kollapsbewegung“ gesprochen. So fand etwa im August 2025 in Brandenburg in Anlehnung an die bekannten Klimacamps das erste „Kollapscamp“ statt. Teilnehmende konnten dort z. B. an Selbstverteidigungskursen teilnehmen oder lernen, welche Lebensmittel auf Balkonen angebaut werden können.[21] Die meisten Mitglieder der Kollapsbewegung rekrutieren sich aus der Klimabewegung. Sie sind nach einer Hochphase der Bewegung im Jahr 2019 von ausbleibenden Erfolgen enttäuscht und blicken mit Sorge auf die aktuellen politischen Entwicklungen.[22] Die Klimaaktivistin Lisa Poettinger bezweifelt allerdings, dass es sich bei der Kollapsbewegung um eine soziale Bewegung im engeren Sinne handelt.[23]

Um künftigen Krisen zu begegnen, werben Aktivisten der Kollapsbewegung für solidarisches Preppen. Dieses aus Schweden stammende Konzept hat zum Ziel, dass sich Gruppen von Personen zusammenfinden, gemeinsam Lebensmittelvorräte anlegen und sich im Katastrophenfall gegenseitig helfen. So soll der staatliche Katastrophenschutz ergänzt werden. Das solidarische Preppen wird auch als Abgrenzung zum herkömmlichen Preppen verstanden, bei dem es vorrangig um individuelle Vorsorge geht und das vor allem mit der extremistischen Szene assoziiert wird. Solidarisches Preppen soll im Unterschied dazu eine gemeinsame Tätigkeit sein, bei der darüber hinaus auf den Schutz von Menschen geachtet wird, die besonders vulnerabel sind.[24][25]

Kritik

Vorwurf des „Doomismus“

Kritikern zufolge sind Kollapsologen dem Doomismus (vom englischen Doomer, eine Person, die die nahende Apokalypse verkündet) verfallen. Sie sehen die Akzeptanz des Klimakollaps kritisch, weil diese Gefahr laufe, in Fatalismus umzuschlagen und so Menschen dazu zu bringen, zu früh aufzugeben und ihr Engagement für eine wirksame Klimapolitik zu beenden.[26][27] Die Soziologin Jennifer Stevens kritisiert darüber hinaus insbesondere Pablo Servigne und Raphaël Stevens. Ihr zufolge beruhen deren Analysen auf einem unterkomplexen Verständnis des Kapitalismus. Reale Produktionsverhältnisse würden von Servigne und Stevens ausgeblendet. Stattdessen würden sie sich bei ihren Prognosen lediglich auf ihre Intuition verlassen, was dazu führe, dass ihre Eliten- und Konsumkritik zu vage bleibe und daher eine hohe Anschlussfähigkeit für Verschwörungserzählungen biete.[28]

Leerstellen

Gesellschaftliche Zusammenbrüche sind kein neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte. So führte etwa der europäische Kolonialismus zum Zusammenbruch verschiedener indigener Gesellschaften wie etwa der der Maya. In der jüngsten Vergangenheit führten zudem der Bürgerkrieg in Syrien und der Bürgerkrieg im Jemen zum Kollaps der dortigen Gesellschaften.[29] Kritiker werfen der Kollapsologie vor, diese Kollapse weitestgehend zu ignorieren und daher eurozentrisch zu sein.[8.2]

Der Philosoph Pierre Charbonnier kritisiert zudem den Glauben, der Kollaps würde eine Welt hinterlassen, die vollständig neu gestaltet werden könnte. Er hält es für wahrscheinlicher, dass nach einem Kollaps nur ein Bruchteil der betroffenen Menschen die Kapazitäten und Ressourcen aufbringen kann, um an der Etablierung einer neuen Ordnung zu arbeiten. Folglich würde der Kollaps Gewinner und Verlierer produzieren.[30]

Literatur

  • Frank Adloff: Gesellschaftlicher Kollaps und Kollapsologie. In: Simone Rödder, Youssef Ibrahim (Hrsg.): Schlüsselwerke der sozialwissenschaftlichen Klimaforschung. transcript, Bielefeld 2022, ISBN 978-3-8376-5666-4, S. 339–347, doi:10.14361/9783839456668-056.
  • Thomas Köhler, Theresa Leisgang, Gerriet Schwen, Gunther Seckmeyer (Hrsg.): Klima, Kollaps, Kommunikation. Perspektiven auf das Climate Endgame. HsH Applied Academics, Hannover 2024, ISBN 978-3-69018-001-6, doi:10.25968/opus-3276.
  • Pablo Servigne, Raphaël Stevens: Wie alles zusammenbrechen kann. Handbuch der Kollapsologie. Übersetzt von Lou Marin. Mandelbaum, Wien 2021, ISBN 978-3-85476-920-0.
  • Pablo Servigne, Raphaël Stevens, Gauthier Chapelle: Another End of the World is Possible. Living the Collapse (and Not Merely Surviving It). Übersetzt von Geoffrey Samuel. John Wiley & Sons, Hoboken (New Jersey) 2020, ISBN 978-1-5095-4465-3.

Einzelnachweise

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