Kolonialgeschichte der Stadt Köln
Bedeutung Kölns für den deutschen Kolonialismus
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Köln war zu Zeiten des Imperialismus eine der wichtigen Handelsstädte des Deutschen Kaiserreichs, als solche war sie das rheinische Zentrum für Expeditionen und wissenschaftlichen Kolonialismus.

Institutionen und Akteure
Kolonialvereine

Seit 1905 war die Stadt Köln mit einem Beitrag von jährlich 100 Mark Mitglied des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees (K.W.K.).[1] Im geschäftsführenden Ausschuss des K.W.K. waren unter anderen Richard Hindorf, Direktor der Rheinischen Handeï-Plantagen-Gesellschaft, und Max Esser, Gründer der Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft Victoria vertreten.[2]
1914 zählte das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee 1231 körperschaftliche Mitglieder. Auch folgende Kölner Unternehmen sind in einer Auflistung zu finden:[1]
- Bertuch & Co.
- Franz Clouth, Rheinische Gummiwarenfabrik, G.m.b.H. (Nippes)
- Gasmotorenfabrik Deutz
- Kölnische Gummifäden-Fabrik, vorm. Ferd. Kohlstadt & Co. (Deutz)
- W. Leyendecker & Cie. (Ehrenfeld)
- Maschinenbauanstalt Humboldt (Kalk)
- J. Pohlig, Act. Ges. (Zollstock)
- Gebrüder Stollwerck
Im Jahr 1884, zu Beginn der aktiven reichsdeutschen Kolonialpolitik, entstand die Kölner Ortsgruppe des Westdeutschen Vereins für Colonisation und Export mit anfänglich rund 100 Mitgliedern.[3] Die Jahrhundertwende brachte viele Neugründungen im Bereich der Handelshochschulen und Technischen Hochschulen mit sich, in Köln beispielsweise das heutige Hansagymnasium, die Handelshochschule und die Handelskammer, die alle Mitglieder der Deutschen Kolonialgesellschaft waren.
Um das allgemeine Interesse der Bevölkerung an kolonialen Themen zu befriedigen, wurden diese an den Hochschulen als ergänzende Pflichtveranstaltungen eingeführt.[4] Die Verbindung zwischen Kölner Wissenschaft und deutschem Kolonialismus wurde weiter durch Verträge gesichert. Auch weite Teile des Lehrpersonals der Handelskammer, der Handelshochschule und anderer Einrichtungen gehörten der Deutschen Kolonialgesellschaft an, z. B. Christian Eckert, Kurt Wiedenfeld, Paul Moldenhauer, Oskar Jäger, Heinrich Geffcken, Otto Wilhelm Thomé und Richard Hindorf. Im „Oberen Gesellschaftssal“ des „Römergang“ fanden sich am Abend des 19. Oktober 1888 zahlreiche Bürger unterschiedlichster sozialer Herkunft ein, um die Gründung der Kölner Unterabteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft zu vollziehen.[5]

Bedeutung für den Kolonialismus in Köln hatten vor allem August Reichensperger, Viktor C. Eduard Schnitzler, Gustav Michels, Eugen und Hans Langen und die Familie Leverkus. Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister Kölns und zusätzlich Geschäftsführender Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft von 1931 bis 1933, später Bundeskanzler, meinte einst:
„Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die grosse Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärtsstrebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.“[6]
Kölnischen Zeitung und Kolonialpropaganda

Die Kölnische Zeitung existierte zu Beginn des deutschen Kolonialismus bereits annähernd hundert Jahre und war als Informationsquelle fest im bürgerlichen bzw. nationalkonservativen Lager verankert. Wie der allgemeine Tenor in der westlichen Gesellschaft zur Jahrhundertwende waren auch die Artikel der Kölnischen Zeitung aus heutiger Sicht rassistisch, nationalistisch und euphemistisch. Der Redakteur der Zeitung, Prosper Müllendorf begleitete die Handelshochschule Köln auf der Ostafrika-Expedition von 1908 und referierte über „Das französische Kolonialreich in Westafrika“, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika, den „Geschädigten in DSW“, „Deutschlands nächste Pflichten in Südwest“, „Deutsch-Südwestafrika zur Zeit des Herero-Aufstandes“, „den Verkehrsmitteln des Kongostaats“, „Überblick über Entwicklung der afrikanischen Kolonien“, „Die neueste Entwicklung DOAs“, „Technik und Waren in DOA“ und „die Entwicklung in Britisch-Ostafrika“. Hugo Zöller hielt Vorträge für die Prokolonialen im Gürzenich zu „Land und Leuten von Samoa“; von Mach, ebenfalls Redakteur des Blattes trug über „eine deutsche Aufgabe in Transvaal“ vor.[7]
Die Kölnische Zeitung konnte es sich mit ihrem Redakteur Hugo Zöller als eine der wenigen deutschen Zeitungen leisten, einen Korrespondenten in die Kolonien zu entsenden. Der damalige „koloniale Journalismus“ bestand in der Regel aus reinen Kopien von Artikeln aus führenden Zeitungen oder wurde aus zweiter Hand, etwa über Reisende, Händler oder Missionare, akquiriert.[8] In Anbetracht dessen, war der enthusiastische Kolonialfreund Zöller ein Glücksfall für die Kölnische Zeitung. Sie schickte ihren Redakteur 1879 auf kolonialwissenschaftliche Studienreise und 1884 bis 1885 nach Westafrika, um an der Seite des Reichskommissars Gustav Nachtigall aktiv an der Aneignung neuer Gebiete teilnehmen zu können. Zöller selbst beschrieb seinen Stil offen als „colonialpolitische Agitation“[9] die man als intensive Form politischer Propaganda verstehen kann. Die Art der Zöller’schen Propaganda unterschied sich dabei je nach politischer Situation. Naturgemäß musste er sich vor der aktiven Expansion des Deutschen Kaiserreichs anderer propagandistischer Mittel bedienen als während der deutschen Kolonialzeit, während des Ersten Weltkriegs und der darauf folgenden Zeit des kolonialen Revisionismus.
Missionsbewegung

Die Stadt Köln war schon seit der Antike ein katholisches Zentrum nördlich der Alpen. Es liegt daher nahe, dass sich Missionare auch von dieser Stadt ins koloniale Afrika aufmachten. So wurde dort im Jahre 1888 der Afrika-Verein deutscher Katholiken (AVdK) gegründet. Den Vorsitz des Vereins hatte über Jahre hinweg der Kölner Domkapitular Franz Karl Hespers inne, welcher ebenfalls Mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft war. Der AVdK stand unter dem Schutz des Kölner Erzbischofs und war angeregt durch die von Kardinal Lavigerie in Frankreich ins Leben gerufene „Antisklavereibewegung“.[10] Das Ziel des AVdK war „die Civilisation der Neger durch Bekehrung zum Christenthum“. Zunächst beschränkte man sich auf Deutsch-Ostafrika, später weitete man das Engagement auf die anderen Kolonien aus.[10] Paul zu Lukuledi aus der Missionarsstation von St. Peter vermerkte:
„An der Nordgrenze unserer Präfectur fand ich überall das Haupthinderniß der ostafrikanischen Missionen – nämlich eine äußerst spärliche Bevölkerung. Vielfach war erst am Abend, nach sechs- bis achtstündigem Marsche durch unbebautes und unbewohntes Pori ein kleines Dörfchen zu finden mit ein paar Dutzend Negern, meistens halbverhungerte, gespensterhafte Gestalten, aus deren hohläugigem Gesichte mich eine Noth anstarrte, wie man sich in Europa kaum eine vorstellen kann.“[10]
Der von der katholischen Kirche seit 2003 als heilig verehrte Daniele Comboni warb in Köln für die Afrikamission und erfuhr hierfür von der AVdK direkte Unterstützung.[11] Am 18. Mai 1920 wurde der AVdK aufgelöst. Die neokolonialen Gedanken zur Erneuerung des Vereins fast vierzig Jahre darauf wurden jedoch nie umgesetzt.[10] Neben dem AVdK bestanden auch ein Evangelischer Afrikaverein und die Rheinische Missionsgesellschaft.
Ostafrika-Expedition der Kölner Handelshochschule 1908

Die drei Professoren Paul Moldenhauer (Versicherungswissenschaften), Heinrich Geffcken (öffentliches Recht) und Kurt Wiedenfeld (Staatswissenschaften) machten sich in der vorlesungsfreien Zeit 1908 (2. August. bis 15. Oktober 1908) mit 25 Studenten, einem Arzt und ihrem Expeditionsleiter, dem Studiendirektor der Handelshochschule, Christian Eckert und dessen Frau auf, Afrika, als erste akademische Institutionen Deutschlands, wissenschaftlich zu „erobern“. Als Berichterstatter für die mit dem Reichskolonialamt geplante „Kolonialfahrt“ war Prosper Müllendorff für die Kölnische Zeitung, das wichtigste prokoloniale Blatt Deutschlands, Teil der Expedition.[4] Christian Eckert begründete die Fahrt wie folgt:
„So mußte es als bedeutsame Aufgabe, gerade für eine junge Kaufmannshochschule erscheinen, zu versuchen, ob sie zu bescheidenem Teil das Verständnis für die gegenwärtigen Aufgaben und Zukunftsprobleme, wie sie in überseeischen Gebieten uns gestellt sind, zu fördern vermöchte. In der Erkenntnis, daß die Kolonialfragen vor allem der aufstrebenden kaufmännischen Jugend verdeutlicht werden müssen […]. Eine solche Kolonialfahrt bot zugleich den Vorteil, nachdrücklich das Augenmerk darauf lenken zu können, wo deutscher Fleiß im Ausland bereits Erfolg errungen, und Ausschau zu halten, wo die Tatkraft unserer Kaufleute und Industriellen, sich künftig noch stärker erproben kann. […]“[12]
Der erste Abschnitt der Expedition war Britisch-Ostafrika einschl. Uganda, zu ihm wurde von Neapel aus losgezogen; es ging mit dem Dampfer Markgraf der Deutschen Ost-Afrika-Linie nach Mombasa und von dort mit der Ugandabahn nach Kisumu zu einer 10-tägigen Rundreise um den Viktoriasee. Von dort ging es dann über Nairobi zurück nach Mombasa, um dann mit dem Regierungsdampfer Kaiser Wilhelm II nach Tanga, wo der Abschnitt Deutsch-Ostafrika begann, abzulegen. Zusätzlich standen noch Usambara, Sansibar und Morogoro auf dem Programm, bevor von Dar es Salaam aus die Rückreise angetreten wurde.
Kolonialismus im Karneval
Die prokoloniale Kölnische Zeitung hatte kurz vor der Karnevalssession 1884/1885 die Reiseberichte des Geografen und Ethnologen Wilhelm Joest herausgebracht, diese erfreuten sich großer Aufmerksamkeit unter der Kölner Bürgerschaft. Joest hatte über den Zeitraum eines Jahres das südöstliche Afrika bereist; zusätzlich fallen in das Jahr viele bedeutende Ereignisse der deutschen Kolonialpolitik (Deutsch-Südwest-Afrika wird gegründet, Carl Peters begründet die Gesellschaft für deutsche Kolonisation, die Kongo-Konferenz findet statt). Das Zugmotto der Session lautete: „Held Carneval als Colonisator“; sämtliche Rosenmontagsteilnehmer waren mit schwarzer Schuhcreme als „Neger“ verkleidet. Auf dem Titelblatt der Session wird die „Colonia Agrippina“ mit der neu gewonnenen „Colonia Anna Bequema“ in Bezug gesetzt, hinter „Anna Bequema“ verbirgt sich „Angra Pequeña“, der alte portugiesische Name der Küstenregion in Südwest-Afrika, der späteren „Lüderitzbucht“.[13] Über das mit Pickelhauben bekleideten „Amazonen-Musikkorps“ schrieb die Kölnische Zeitung:
„Sie gewähren einen drastisch-komischen Anblick, diese halbwilden gezähmten weiblichen Musikanten, und erst der musikalische Genuss, er ist himmlisch!.“[13]
Völkerschauen in Köln
Im Kölner Zoo sind acht Völkerschauen dokumentiert:
- 1878 die „Eskimo“-Völkerschau von Carl Hagenbeck: „Okabab und seine Familie“ (3 Männer, eine Frau und zwei Mädchen)[14.1]
- 1889 die „Somali“ von Joseph Menges (27 Personen)[15.1]
- 1906 Hagenbecks Indien-Völkerschau (71 Personen)[14.2]
- 1910 die Samoa-Völkerschau der Brüder Marquardt (26 Personen)[14.3]
- 1912 Marquardts „Beduinen-Karawane“ (47 Personen sowie 44 Tiere)[14.4]
- 1931 die Neukaledonenschau von J. M. Sochon (41 Personen)[14.5]
- 1931 die Sara-Kaba-Völkerschau von Willy Siebold (13 Personen)[14.6]
- 1932 die Aschanti-Völkerschau von John Smith (20 Personen)[14.7]
Völkerschauen wurden auch an anderen Orten gezeigt, etwa in Castans Panopticum, das es in Köln zwei Mal gab: erstens nahe des Zoos an der Riehler Frongasse und auch auf der Hohe Straße.
- 1884 die Völkerschau der „Aborigines“ von Robert A. Cunningham (7 Personen)
- 1890 die Samoa-Völkerschau von Robert A. Cunningham (8 Personen)
- 1890, 1898, 1900 und 1908 die Völkerschau der „Amazonen von Dahomey“ (30 bis 80 Personen)
- 1896 und 1900 die Samoa-Völkerschau von Carl Marquardt (26 Personen)
- 1899 und 1902 die Togolesen von John Calvert Nayo Bruce
Einige Schauen fanden auch an anderen Orten statt:
- 1880 die Völkerschau der Nubier von Carl Hagenbeck (15 Personen, in Richlers Hof)
- 1885 die Singhalesen-Völkerschau von Carl Hagenbeck (45 Personen, im Restaurant Kaisergarten)
- 1914 das „Kongo-Dorf“ im Vergnügungspark der Kölner Werkbundausstellung[16.1]
- 1928 das „Kongo-Kamerun-Dorf“ von John Smith im Rahmen der Pressa[16.1]
Völkerschau der „Eskimos“ im Kölner Zoo 1878

Im Frühjahr 1878 fand eine von Carl Hagenbeck veranstaltete Völkerschau der Inuit „Okabak und seine Familie“ im Kölner Zoo statt. Die Familie bestand aus sechs Personen. Drei Männer: Okabak (36 Jahre alt), Kojange (28 Jahre alt) und Ruft (41 Jahre), eine Frau mit Namen Juliane (32 Jahre alt) und zwei Töchter, Ane (32 Monate alt) und Eakrine (20 Monate alt).[17]
Okabak und seine Familie kamen am 1. Februar 1878 aus Paris begleitet von einem Dolmetscher im Kölner Zoo an. Sie waren auf Tournee und hatten bereits mehrere Stationen hinter sich. Die „Eskimo“-Familie erhielt eine feste Bezahlung und auch Münzgeschenke von Besuchern als Belohnung für ihre Vorstellung. Der Kölner Zoo stellte für sie eine angeblich naturgemäße Umgebung bereit, die aus einer Hütte und vielen bereitgestellten Werkzeugen und Gegenständen bestand. Diese Hütte war zunächst unbeheizt, wurde dann aber beheizt nachdem eines der Kinder erkrankt war. Später erkrankten außerdem die Frau der Familie und zwei der Männer an einer Lungenentzündung. Um dann noch weitere Vorstellungen bringen zu können, wurde der Aufenthalt bis Ende der ersten Märzwoche verlängert, damit nach der Genesung die Vorstellung noch fortgesetzt werden konnte. Ihre Abreise erfolgte dann am Ende wie geplant, vermutlich am Ende der ersten Märzwoche.[14.8]
Die Inuit-Völkerschau lockte zahlreiche Besucher an und brachte dem Zoo und Hagenbeck einen hohen Gewinn ein. Die Zuschauer waren interessiert an der neuen, „fremden“ Kultur und sahen sich nicht nur die Menschen, sondern auch die Ausstellungen, der, für diese Kultur typischen, Geräte und Waffen an.
„Seit der Anwesenheit der Eskimos im Zoologischen Garten erfreut sich das besagte Etablissement trotz der schlechten Zeiten einer sehr großen Frequenz von Seiten des Publikums und zwar nicht allein an Sonntagen , sondern auch während der Woche. Die Ausstellung der Industriegegenstände, Geräte, welche sich im Raubtierhause befindet, ist von besonderem Interesse, weshalb man denn auch hier stets stets einer großen Zahl Schaulustiger begegnet“[18]
Auch die Zeitungen dieser Zeit äußerten sich weitgehend positiv zu der Völkerschau der Eskimos im Kölner Zoo. In den Artikeln lässt sich zwar auch deutlich der Rassismus, den Ureinwohnern gegenüber erkennen. Dennoch werden die Eskimos als „zivilisiert“ und „angepasst“ beschrieben.
„Wir hatten in letzter in Köln einen chinesischen Hexenmeister, singende Neger aus den Vereinigten Staaten und sehen jetzt im Zoologischen Garten eine Eskimo Familie mit ihren Naturwohnungen und Geräten; an Gelegenheit fehlte es daher nicht , sich mit allerlei fremden Volk zu beschäftigen. Richtige Wilde haben wir freilich nicht hier gehabt, denn die Neger waren feine Knaben der afrikanischen Sonne, noch sind die Eskimos von dem Schlage jener Bestien, welche Franklin und so manchen tapferen Nordpolfahrer erschlugen um sich ihrer Schätze zu bemächtigen. Unsere Eskimos sind in der dänischen Mission gezähmt sind lutherische Christen und wissen, dass Geld kein Heu, Bier kein verächtliches Getränk ist; aber wie zahm oder wie wild, sie sind Vertreter jener Rassen, die dort einst Jagd und Fischfang trieben […]“[19]
Die Singhalesen im Kaisergarten 1885

Im Juli des Jahres 1885 wurde im Kaisergarten, einem ehemaligen Biergarten in der Nähe des Zoos, von Carl Hagenbeck eine Völkerschau veranstaltet, in welcher 45 Singhalesen (33 Männer, 8 Frauen und 4 Kinder)[20] sowie 12 Elefanten und einige Zebus[21] zur Schau gestellt wurden. Für die Völkerschau wurde ein großer Aufwand betrieben, wie in der Ausgabe der Kölner Nachrichten vom Samstag, den 30. Mai 1885 zu lesen war:
„Herr Zimmermeister Knoop von hier beschäftigt seit etwa Vier Tagen ungefähr 50 Zimmerleute, welche in der kurzen Zeit zwar schon bedeutend gewirkt haben, sich aber noch sehr beeilen müssen, um die Arbeiten bis Mittwoch fertig zu stellen ; diese Anlagen kosten Herrn Hagenbeck allein schon über 7000 Mark. Der ganze Teil vom Pavillon aus bis zum Wege nachdem Fort X. ist mit einer über 600 Meter langen Barriere umzäunt, welche bei einem Meter Höhe den Raum einschließt ,in welchem die Singhalesen sich aufhalten werden.[…] Auch für die Schlangen, welche der Wärme bedürfen , ist gesorgt; die selben bringt man in dem heizbaren Glaspavillion hinter der Halle unter. In dem vorderen größeren Teile der Absperrung, an der Stelle […] wird eine gedeckte Halle von 20 Meter Breite und 50 Meter Höhe errichtet, in der sich die Singhalesen bei schlechtem Wetter aufhalten und außerdem ihre Tänze und sonstige Übungen ausführen sollen. Zu beiden Seiten der Halle werden große Zuschauertribünen erbaut, von denen die eine 1200, die andere 800 Personen fassen wird.“[22]
In der Presse wurde die ethnische Gruppe der Singhalesen als den europähischen Völkern entwicklungstechnisch unterlegen dargestellt[23] aber auch als „keinesweges zu den ‚wilden‘ [zählend] […], sondern eine bereits Jahrtausende alte Kultur“ besitzend.[24]
Die „Amazonen von Dahomey“ 1890 bis 1908

1890 wurde erstmals die Völkerschau der „Amazonen aus Dahomey“ im Castans Panopticum in Riehl zur Schau gestellt. Die Gruppe war bis 1908 insgesamt viermal in unterschiedlicher Besetzung in Köln zu sehen. Der Kölner Stadt-Anzeiger schrieb über die „Soldaten im Unterrock“: „Die Kriegerinnen sind schlaue, zumeist wohlgebildete kastanienbraune Gestalten, nur eine oder zwei haben eine lichtere, einige auch dunklere Farbe. Sie tragen eine Art Mieder, welches die Brust bedeckt und mit kleinen weißen Kauri-Muscheln verziert, Amulette, die am Halse und auf der Brust getragen werden, gehören mit zu dem Schmuck der schwarzbraunen Damen.“[25]
Die sechzehnjährige Jambga starb 1898 an einer Lungenentzündung im Kölner Bürgerhospital in der Cäcilienstraße. Sie wurde unter großer Aufmerksamkeit der lokalen Presse auf dem Melatenfriedhof beigesetzt: „Gestern nach Allerseelen fand auf dem Friedhof zu Melaten ein seltenes Begräbnis statt. Eine Amazone der Truppe, die in Castans Panopticum ihre Vorstellung gibt, war vorige Woche plötzlich an Lungenentzündung erkrankt. Der behandelnde Arzt ordnete Unterbringung in das hiesige Bürgerhospital an. Die Krankheit verschlimmerte sich und am Samstag raffte der Tod das sonst kräftige Mädchen dahin. […] Auf Montag war die Beerdigung angesetzt.“[26]
Samoaner 1890 bis 1900
In Köln fanden insgesamt vier Samoa-Völkerschauen von R.A. Cunningham und den Brüdern Marquardt statt. Über die erste Samoa-Völkerschau berichtete die Kölnische Zeitung ausführlich:
„Die hier anwesenden acht Samoaner sind durchgängig hübsche, kräftige Gestalten und fünf Fuß vier bis zehn Zoll groß. Sie haben schmale Hüften, breite Schultern und starke, muskulöse, aber wohlgeformte Glieder. Die bronzefarbigen Körper sind stark geölt und von den Hüften bis zu den Knieen tättowirt, indeß mit einem bunten Gewandstück aus Maulbeerbast bedeckt. Einige Leute haben einen recht intelligenten Gesichtsausdruck, und ihre Köpfe sind mit einem prächtigen, schwarzbraunen Haarbusch geziert. Wir haben hier keine „Wilden“ im vollen Sinne des Wortes vor uns; das Christenthum ist bei den Samoanern schon seit langem eingeführt, und außerdem steht dieser Volksstamm in lebhaftem Verkehr mit den auf den Inseln lebenden Europäern und Americanern. Daß die Samoaner-Truppe auch schon von der europäischen Cultur beleckt ist, beweist der Anflug von Schnurrbart in den sonst glatt rasirten Gesichtern sowie ihre Gewohnheit, nach Schluß der Vorstellung von den einzelnen Anwesenden durch einen freundlichen Händedruck sich zu verabschieden. Die ersten Programm-Nummern bilden vom Trommelschlag begleitete Kriegsgesänge, wobei sie auch ihre körperliche Geschmeidigkeit durch lebhafte Arm- und Kopf-Bewegungen an den Tag legen. Ihr Tanz besteht aus phantastischen Schritten, bald rückwärts, bald vorwärts sich drehend und wendend, wobei wiederum die Handbewegung mit militairischer Genauigkeit ausgeführt werden. Eine sehr interessante Nummer ist das Stockfechten, welches mit wilder Leidenschaft und doch mit erstaunlicher Genauigkeit ausgeführt wird. Ein Samoaner zeigte auch eine große Gewandtheit im Messerschwingen und könnte darin manchem europäischen Jongleur Concurrenz bieten. In dieser Samoaner-Truppe hat Köln eine neue Sehenswürdigkeit erhalten.“[27]
Neukaledonische Völkerschau 1931 im Kölner Zoo

Die Völkerschau der Neukaledonier im Kölner Zoo fand vom 11. Juni bis 13. Juli 1931 statt und stellte insgesamt 32 Männer und 9 Frauen von den Loyalty‑Inseln und aus Neukaledonien zur Schau.[14.9] Die Veranstaltung wurde unter Bezeichnungen wie „Kannibalen aus der Südsee“ und „35 prächtige Gestalten von den Loyalty‑Inseln“ beworben.[28]
„Kannibalen aus der Südsee zum ersten Mal in Europa. 35 prächtige Gestalten von den Loyalty-Inseln“ hieß es in einer Anzeige des Kölner Zoos vom 12. Juni 1931.[28] Die Teilnehmer lebten während der Schau in Hütten aus Stroh und Bambus, die zwischen dem Eisbärfelsen und dem Seehundbecken errichtet worden waren und eine exotisierte Südseekulisse darstellen sollten.[29] Trotz der öffentlichen Darstellung als vermeintliche „Kannibalen“ berichteten zeitgenössische Medien zugleich, dass die gezeigten Personen Französisch sprachen, in Missionsschulen ausgebildet worden waren, christlichen Konfessionen angehörten und normale europäische Nahrung wie Reis, Früchte und Fleisch zu sich nahmen.[30] Die Presse beschrieb die Gruppe häufig in exotisierender und rassistischer Weise, etwa als „kaffeebraune, schlanke, kräftig‑schöne Gestalten“, und hob insbesondere eine junge Frau hervor, die angeblich europäischen Schönheitsidealen entspreche.[31] Gleichzeitig berichteten Journalisten überrascht von als „zahm“ beschriebenen Interaktionen zwischen den Darstellern, höflichen Gesprächen auf Französisch und alltäglichen Tätigkeiten wie Kochen oder Fußballspielen.[30]
Die Schau umfasste Vorführungen wie Kriegstänze, Musik und Baumklettereien, daneben aber auch ein neuartiges öffentliches Begleitprogramm: Der Organisator Hauchecorne ließ einen langen Film über die Auftritte der Gruppe produzieren, aus dem zusätzliche Werbefilme erstellt wurden, und bezeichnete das Unternehmen selbst als erfolgreiche „Propagandaunternehmung“.[14.10] Der Zoo erhob einen Sondereintritt von 0,50 Reichsmark, ließ Schulklassen aufgrund des angeblich hohen „wissenschaftlichen Werts“ der Schau einladen und veranstaltete zum Abschluss am 13. Juli ein „Nachtfest der Kannibalen“.[30] Die Völkerschau erzielte einen erheblichen Publikumsandrang; an einem einzigen Tag wurden bis zu 27.000 Besucher verzeichnet.[28]
Sara-Kaba-Völkerschau 1931 im Kölner Zoo

Die Sara-Kaba, ethnologisch den Sara-Völkern zugehörig, sind eine ethnische Gruppe in Zentralafrika. Im deutschsprachigen Raum wurden Sara-Kaba nahezu ausschließlich durch Völkerschauen bekannt.[32] Die Siebolds zeigten zwischen 1930 und 1932 die Sara-Kaba-Völkerschau, in der Mitglieder der Gruppe in deutschen Zoos ausgestellt wurden, darunter 1931 in Köln.
Die Menschen wurden als exotische Attraktionen inszeniert und auf ihre Körpermerkmale reduziert, insbesondere auf Lippenmodifikationen bei Frauen mit tellerförmigen Holzscheiben.[32] Diese Praktiken wurden in zeitgenössischen Presseberichten negativ bewertet, wobei kolonial-rassistische Stereotype reproduziert wurden. „Eine einzige Tatsache macht sie ein wenig anziehender: sie gehören zu einer Völkergruppe, die als einzige unter fünf verwandten nicht der Menschenfresserei huldigt.“, so ein Zeitungsartikel des Kölner Lokaler Anzeiger 1931.[33] Heutzutage werden diese Abbildungen als Zeichen strukturellen Rassismus angesehen.[34] Sie reflektieren mehr die europäische Unterhaltungskultur und kolonialen Machtdynamiken als die Gesellschaft der Sara-Kaba.[35]
Koloniales Erbe: Erinnerungsorte in Köln
Im Nippeser Norden liegt das sogenannte „Afrika-Viertel“ (auch Klein Afrika, Heia Safari-Viertel oder Neger-Viertel), in der in Köln stark vertretenen neokolonialen Bewegung der 1930er Jahre wurde es so (mitsamt den Straßennamen) getauft. Die Gustav-Nachtigal-Straße, die Namibiastraße (ehemals Carl-Peters-Straße), die Usambarastraße (ehemals Lüderitzstraße), die Togostraße, die Kamerunstraße und die Tangastraße sind entsprechende Reminiszenzen.[36]
In (Neu)ehrenfeld erinnern die Gravenreuthstraße, die Lansstraße, die Iltisstraße, die Takustraße, der Takuplatz, das Takufeld und die Wißmannstraße an die imperialistischen Zeiten des Deutschen Reiches.[37] 2024 beschloss die Bezirksvertretung Ehrenfeld die Umbenennung von Wißmannstraße und Gravenreuthstraße, wozu Vorschläge aus der Bevölkerung gesammelt wurden.[38]
Andere Orte in Köln mit vergleichbaren Namen sind die Heinrich-von-Stephan-Straße (Bilderstöckchen), das Konrad-Adenauer-Ufer (Altstadt/Nord), die Mohrenstraße (Altstadt/Nord), die Moltkestraße (Neustadt/Süd und Rodenkirchen), die Robert-Koch-Straße (Lindenthal und Pesch), die Wilhelmstraße (Nippes) und die Geschwister-Scholl-Realschule (ehemals nach Karl Freiherr von Gravenreuth benannt).[37]
Literatur
- Lothar Pützstück: „Exotenzauber vor Stadtmauer und Haustür“. Völkerschauen im Kölner Zoo 1878–1932. In: Zeitschrift des Kölner Zoo, Jg. 40 (1997), Nr. 4, S. 151–157.
- Marianne Bechhaus-Gerst: Köln und die Kolonien, in: Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialismus hierzulande – Eine Spurensuche in Deutschland. Sutton Verlag, Erfurt 2007, ISBN 978-3-86680-269-8, S. 11–18.
- Marianne Bechhaus-Gerst, Anne-Kathrin Horstmann (Hrsg.): Köln und der Deutsche Kolonialismus. Eine Spurensuche, Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2013. 286 Seiten
- Anne-Kathrin Horstmann: Wissenschaftlicher Kolonialismus zwischen Theorie und Praxis: Die Ostafrika-Expedition der Kölner Handelshochschule 1908. (PDF) Beiträge zur Kölner Afrikawissenschaftlichen Nachwuchstagung (KANT II). Marilena Thanassoula, Kathrin Kolossa, Claudia Baasner, Peter André Rodekuhr, Marc Seifert, Nico Nassenstein, Anne-Kathrin Horstmann, Christoph Vogel, Larissa-Diana Fuhrmann, abgerufen am 29. Januar 2014.
Mitgliederverzeichnisse Deutsche Kolonialgesellschaft
- Verzeichniss der Mitglieder am 1. Januar 1901. (PDF) Deutsche Kolonialgesellschaft, Abteilung Köln, 1. Januar 1901, abgerufen am 25. Januar 2014.
- Verzeichnis der Mitglieder Dezember 1903. (PDF) Deutsche Kolonialgesellschaft, Abteilung Köln, Dezember 1903, abgerufen am 25. Januar 2014.
- Verzeichnis der Mitglieder Oktober 1906. (PDF) Deutsche Kolonialgesellschaft, Abteilung Köln, Oktober 1906, abgerufen am 25. Januar 2014.
- IX. Jahresbericht, März 1918 bis März 1919. (PDF) Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft, Abteilung Köln, März 1919, abgerufen am 29. Januar 2014.