Konrad von Marburg

Großinquisitor und Politiker From Wikipedia, the free encyclopedia

Konrad von Marburg (* um 1180 oder 1190; † 30. Juli 1233 bei Marburg) war ein hochmittelalterlicher Priester und Magister, Kreuzzugsprediger, später Inquisitor und Beichtvater Elisabeths von Thüringen, der späteren Heiligen Elisabeth.[1][2]

Konrad von Marburg: Detail eines Glasfensters in der Marburger Elisabethkirche

Biografie

Über Konrad von Marburg gibt es kaum biographische Hinweise. Herkunft, Familie und Geburtsjahr sind unbekannt; seine Benennung „von Marburg“ kann nach der Forschung nur vermutungsweise auf einen Geburtsort bezogen werden.[1] Auch über seinen geistlichen Stand sind nur Annahmen möglich; fest steht, dass er Priester war und den Magistertitel führte.[1]

Erstes Auftreten

Öffentliche Beachtung fand Konrad in den 1210er Jahren als Prediger.[3] Urkundlich begegnet er erstmals in einem Brief Papst Innozenz’ III. an Kreuzfahrer in der Bremer Kirchenprovinz vom 8. Januar 1216 als Kreuzzugsprediger.[1] Da er in den Quellen den Magistertitel führte und als gebildet galt, wird eine akademische Ausbildung angenommen.[1] Später wirkte er in verschiedenen deutschen Regionen als Prediger und wurde wiederholt mit kirchlichen Aufgaben betraut. Honorius III. wies ihm 1227 erneut die Bremer Diözese als Wirkungsfeld zu, um zur Teilnahme am Kreuzzug Friedrichs II. aufzurufen.[1]

Einfluss auf die Thüringer Landgrafenfamilie

Konrad stand in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu Landgraf Ludwig IV. von Thüringen und wurde Beichtvater von dessen Frau Elisabeth von Thüringen.[1][3] In diesem Amt förderte er Elisabeths strenge Frömmigkeit und asketische Lebensweise; Britannica beschreibt seine Behandlung Elisabeths als körperlich brutal.[3] Nach dem Tod Ludwigs auf dem Kreuzzug wurde Konrad von Papst Gregor IX. zum Beschützer Elisabeths und zur Wahrung ihrer Rechte gegenüber ihren Verwandten bevollmächtigt.[1]

Konrad setzte sich für die Herausgabe von Elisabeths Witwengütern ein und war an der Einrichtung eines Hospitals in Marburg beteiligt.[1] Nach Elisabeths Tod 1231 betrieb er ihre Heiligsprechung und verfasste zu diesem Zweck einen kurzen Lebensabriss. Diese Summa vitae gilt als älteste Lebensbeschreibung Elisabeths und ist eine wichtige Quelle zu ihrem Leben.[4]

Öffentliches Ansehen

Konrads Ansehen beruhte unter anderem auf seiner Tätigkeit als Prediger, seiner asketischen Lebensführung und seiner kirchlichen Beauftragung. Nach der NDB verschafften ihm Rednergabe, Eifer und Lebenswandel bedeutendes Ansehen bei Teilen der Bevölkerung, aber auch bei Päpsten, Bischöfen und Fürsten.[1]

Tätigkeit als Inquisitor

Papst Gregor IX. erweiterte am 11. Oktober 1231 Konrads Vollmachten und übertrug ihm die Befugnis, gegen Häretiker und ihre Anhänger in Deutschland vorzugehen.[1] Er gilt als einer der ersten Inquisitoren mit direktem päpstlichen Auftrag im Reich.[5] Unter Konrad nahm die Ketzerverfolgung in Deutschland an Umfang und Schärfe zu; seine Verfahren wurden bereits von Zeitgenossen als besonders hart wahrgenommen.[1][3] Etliche von ihm verfolgte Personen hielt er für Teufelsanbeter. Seine Berichte standen im Zusammenhang mit dem päpstlichen Schreiben Vox in Rama von 1233.[1]

Gerichtsverhandlung und Tötung

Konrads Vorgehen rief Widerstand unter Bischöfen, Fürsten und Adligen hervor.[3] 1233 klagte er Heinrich von Sayn der Häresie an. Eine Versammlung von Bischöfen und Fürsten in Mainz erklärte Heinrich jedoch für unschuldig.[3] Auf dem Rückweg von Mainz nach Marburg wurde Konrad am 30. Juli 1233 bei Marburg erschlagen.[1][3]

Rezeption seit dem 19. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es eine Welle von Veröffentlichungen zu Konrad von Marburg, Monographien, Dissertationen sowie Erbauungsschriften. Sogar ein Schauspiel als dramatische Bearbeitung des Themas ist erhalten: Konrad von Marburg, deutscher Ketzermeister und Großinquisitor: Trauerspiel in fünf Akten; frei nach der Geschichte bearbeitet von Hans Hagen (Leipzig 1890). Der Umfang betrug 100 Seiten. Dieses Modeinteresse flaute bald wieder ab. Nach der Jahrhundertwende erschienen noch vereinzelt Dissertationen. Im Nachkriegsdeutschland kam kaum ein Autor oder Verleger mehr auf die Idee, diesen Stoff zu bearbeiten, es sei denn mit Bezugnahme auf die Stadt Marburg oder akademisch auf das Verhältnis der Geschlechter. Als eine wichtige Nebenfigur erscheint Konrad jedoch in Wiebke von Thaddens Jugendroman Philipp zwischen Kaiser und König von 1989.

Als ein „Integrale“ des Mittelalters und „ein Opfer seines Fanatismus“ wurde Konrad 1914 in einer katholischen Zeitung beschrieben.[6] Er sei „ein strenger Mann, aber im Eifer blind“ gewesen.[6]

In der französischen Comic-Kurzserie Le troisième testament (1997–2003, in vier Teilen, deutsch als Das dritte Testament bei Carlsen) ist der Held ein ehemaliger Inquisitor „Conrad de Marbourg“ (deutsch „Konrad von Marburg“). Diese Abenteuer-Serie ist eine mittelalterliche Fantasiegeschichte.

2006 referierte der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter in der Urania in Berlin über die Rolle Konrads:

„So […] wacht [Konrad von Marburg] als Beichtvater über ihre strenge Askese und über ihre bedingungslose Hingabe als karitative Wohltäterin. Dabei verrät sein fanatischer erzieherischer Eifer, den er dabei an den Tag legt, dass er eigentlich für sich selbst kämpft. Er will Elisabeth dem Himmel und seiner Umgebung als sein eigenes besseres Selbst vorzeigen und seine Untaten durch sie absegnen lassen.“

Horst-Eberhard Richter: Folter und Humanität[7]

In dem 2007 in Eisenach uraufgeführten Musical Elisabeth – Die Legende einer Heiligen tritt Konrad in seiner Funktion als Elisabeths Beichtvater als männliche Hauptrolle in Erscheinung. Er wird von Chris Murray verkörpert.

Thomas Mann lässt Konrad von Marburg in seinem Roman Der Zauberberg durch den aufklärerisch gesinnten Protagonisten Lodovico Settembrini als namentliches Beispiel der „entmenschte[n] Greuel“ und „mordgierige[n] Unduldsamkeit“ seiner Epoche nennen. Diesen wird in einem weitläufigen Disput die „Vertilgungslust der Jakobiner“ gegenübergestellt.[8]

Siehe auch

Literatur

Quelleneditionen

  • Giuseppe Alberigo (Hrsg.): Conciliorum oecumenicorum decreta. Freiburg 1962.
  • James Fearns (Hrsg.): Ketzer und Ketzerbekämpfung im Hochmittelalter Göttingen 1968 (Historische Texte/Mittelalter; Band 8).
  • Ludwig Förg: Die Ketzerverfolgung in Deutschland unter Gregor IX. Ihre Herkunft, ihre Bedeutung und ihre rechtlichen Grundlagen. Berlin 1932 (Historische Studien 218), ND Vaduz 1965.
  • Othmar Hageneder u. a.: Die Register Innocenz' III.; Band 2: 2. Pontifikatsjahr, 1199/1200. Texte/bearbeitet von Othmar Hageneder, Werner Maleczek und Alfred A. Strnad, in: Publikationen des Österreichischen Kulturinstitut in Rom. Abt. 2, Quellen; Reihe 1, Rom; Wien 1979.
  • Dietrich Kurze: Anfänge der Inquisition in Deutschland in: Peter Segl (Hrsg.): Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter. Mit einem Ausblick auf das 20. Jahrhundert und einem Beitrag über religiöse Intoleranz im nichtchristlichen Bereich. Köln 1993 (Bayreuther Historische Kolloquien; Band 7).
  • Joannes Dominicus Mansi (Hrsg.): Sacrorum Conciliorum nova et amplissima Collectio. Band 23, ND Graz 1960.
  • Kurt Selge (Hrsg.): Texte zur Inquisition, Gütersloh 1967.
  • Emil Zenz (Hrsg.): Die Taten der Trierer. Gesta Treverorum. Band 3, Trier 1959.

Einzelnachweise

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