Kölner Rathauspropheten
Gruppe von 8 Holzskulpturen im Museum Schnütgen, Köln (Inv.-Nr. Loan 2012-001 a-h)
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Die Acht Propheten aus dem Kölner Rathaus, kurz Kölner Rathauspropheten, sind eine Gruppe von acht unterlebensgroßen Skulpturen aus Eichenholz aus dem 15. Jahrhundert. Sie waren über Jahrhunderte in verschiedenen Räumen des Kölner Rathauses aufgestellt, zuletzt im Hansasaal, wo sie historisch als symbolische „Ratgeber“ für die Ratsmitglieder dienten. Sie zählen zu den wenigen erhaltenen Werken profaner mittelalterlicher Kunst, und sie erinnern an die bürgerliche Neuordnung der Stadtverfassung im Jahr 1396.[1.1] 1448 wurde ihr Aufstellungsort, die „Prophetenkammer“, erstmals schriftlich erwähnt, woraus auf eine Entstehung der Skulpturen vor dieser Erwähnung geschlossen wurde. Erstmalige dendrochronologische Untersuchungen ergaben, dass die Plastiken frühestens um 1440 entstanden sein können.

Die Originale sind seit 2012 als Leihgabe im Museum Schnütgen ausgestellt (Inv.-Nr. Loan 2012-001 a–h), während im Hansasaal eigens angefertigte 3D-Repliken in Originalgröße stehen.
Beschreibung
Die Skulpturengruppe besteht aus acht rundplastischen, farbig gefassten Figuren aus Eichenholz mit einer Höhe von 113 bis 117 Zentimetern.[2] Jede einzelne Figur wurde aus einem massiven Eichenstamm hergestellt, der rund 80 Zentimeter Durchmesser hatte.[3]
Sieben der schlanken Figuren sind bärtig, eine bartlos; alle tragen bodenlange, üppig fließende Gewänder und weiche Mützen als Kopfbedeckung. Die Gewand- und Bewegungsformen sind dabei sehr abwechslungsreich gestaltet, bei einigen mit geöffnetem Umhang, andere haben kreisförmig ausladende oder parallele Faltenwürfe. Auch wenden sich die Propheten in ihrer Bewegung individuell in verschiedene Richtungen. Auch ohne Kenntnis der ursprünglichen Farbfassungen haben sie eine starke räumliche Präsenz und Dynamik.[4]
Während der Kunsthistoriker Reiner Dieckhoff 1988 bei den Skulpturen, die für ihn einen „Anflug von Melancholie“ ausstrahlten, die Gemeinsamkeiten der Gruppe hervorhob und sie trotz gewisser individueller Züge eher als Typen denn als Individuen beschrieb,[2] erkannte die Kunsthistorikerin Iris Metje 2018 zwar die Gemeinsamkeiten, sprach ihnen aber auch einen individuellen Charakter zu.[5]
Jede der Figuren hält je ein Spruchband mit lateinischen Inschriften in den Händen. Die Farbfassungen des Skulpturen sind ebenso wie die der Spruchbänder mehrfach erneuert worden, dadurch haben heute zwei von ihnen denselben Text.[6]
- Propheten mit Inschriften
- 1: „Zuerst suchet das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“
- 2: „Das gemeine Beste ist dem Persönlichen immer vorzuziehen“*
- 3: „Nimm langsam Rat, dann eil zur Tat“
- 4: „Das gemeine Beste ist dem Persönlichen immer vorzuziehen“
- 5: „Die Unversehrtheit der Vernunft überwindet diejenigen die (das Gesetz) abzuschaffen wünschen“
- 6: „Es ist billig, dass ein Meister des Totschlags durch sein eigenes Handwerk umkomme“
- 7: „Es soll keiner aus dem Rat schwatzen“
- 8: „Wer für die Gemeinschaft stirbt, soll ewig leben“

Die aktuellen Inschriften wurden zuletzt 2012 wie folgt publiziert:[6][5]
- Primum querite regnum dei et iustitiam eius (Zuerst suchet das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit);
- Utilitas publica private semper est preferenda (Das gemeine Beste ist dem persönlichen immer vorzuziehen);
- Oportet operari consiliata velociter consiliare (Nimm langsam Rat, dann eil’ zur Tat);
- Utilias publica private est semper preferenda (Das gemeine Beste ist dem persönlichen immer vorzuziehen);
- Derogare cupientes vincit integritas rationis (Die Unversehrtheit der Vernunft überwindet diejenigen, die [das Gesetz] abzuschaffen wünschen);
- Equ[u]um est necis artifi cem arte perire sua (Es ist billig, dass ein Meister des Totschlags durch sein eigenes Handwerk umkomme);
- Fidum sit reipublice co[n]sistor[ium] sile[n]tique salubritate immun[it]um (Es soll keiner aus dem Rat schwatzen);
- Q(ui) p(ro) re publica perieru[n]t perpetuo vivere intelligunt(u)r (Wer für die Gemeinschaft stirbt, soll ewig leben).
Wer die Inschriften verfasst oder ausgewählt hat, ist nicht überliefert, jedoch sind sie eine Mischung von Zitaten aus Bibel, klassischer Literatur oder philosophischen Diskursen seit dem 13. Jahrhundert – daran sei dem Historiker Max Plassmann zufolge erkennbar, dass es sich um einen gebildeten Menschen gehandelt haben müsse, etwa aus dem Umfeld der Universität zu Köln.[7]
Geschichte und politische Funktion
Umfeld: Historisches Rathaus
Die Geschichte der Propheten ist eng verbunden mit der Geschichte des Historischen Rathauses und dem damit verbundenen stadtbürgerlichen Selbstverständnis in Köln.
Das Rathaus befand sich in direkter Nachbarschaft zum Kölner Judenviertel, wo die seit der Spätantike hier lebende jüdischen Gemeinschaft ihr Zuhause hatte. Die Kölner antijüdischen Pogrome im Pestjahr 1349 und die endgültige „ewige“ Verbannung der jüdischen (Rest-)Gemeinde im Jahr 1424 waren Voraussetzungen für die Anlage eines Rathausplatzes, einer Ratskapelle und bauliche Erweiterungen des Rathauses auf den nun „freigewordenen“ Grundstücken.

Im Jahr 1396 hatte sich die in 22 so genannte Gaffeln organisierte Bürgerschaft mit dem Verbundbrief eine neue Stadtverfassung gegeben, die bis zur französischen Besatzung 1796 in Kraft bleiben sollte. Als Zeichen der neuen städtischen Hoheit erbaute man 1407 bis 1414 einen Rathausturm. In dessen ersten Stock wurde die Ratskammer als neuer Sitzungssaal eingerichtet. Turm und der Saalbau des alten Rathauses wurden nach 1424 durch einen neuen, zweigeschossigen Bau verbunden. Der schriftliche Bericht eines Gesandten Friedrichs III. über einen Besuch im Kölner Rathaus erwähnt am 30. Oktober 1448 erstmals die Prophetenkammer (camera prophetarum), die als Übergang zur Ratskammer (heute: Senatssaal) diente.[8][9]
Propheten als politisches Idealbild bürgerlicher Herrschaft
Städtische Rathäuser als Wahrzeichen der kommunalen Selbständigkeit gewannen in dieser Zeit zunehmend an Bedeutung. Bereits im 14. Jahrhundert führte man in mehreren Hansestädten religiöse Bildprogramme ein, bei denen biblische Motive zur Rechtfertigung politischer Macht herangezogen wurden.

Während die im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts entstandene Figurengruppe der Neun Helden im Langen Saal in ihrer Ikonografie einen Rückgriff auf Ritter und Könige zur Legitimierung der städtischen Patrizierherrschaft bildeten, deuteten die alttestamentarischen Propheten mit ihren Spruchbändern auf die neuen ethischen Grundsätze der bürgerlichen Stadt.[10] Ihre Autorität zog man nun auch in weltlicher Hinsicht als Vorbilder für ein „verpflichtendes politisches Idealbild der Zeit“ heran, etwa Gerechtigkeit, Gleichheit im Recht und Eintracht.[2] Die wohl früheste Darstellung von Propheten in dieser Funktion fand sich seit den 1360er Jahren als Wandmalerei im Hansasaal des Kölner Rathauses.[11] Fünf davon erhaltene Fragmente werden inzwischen im Wallraf-Richartz-Museum aufbewahrt.[12] Beim Umzug des Rats vom Langen Saal (seit dem 18. Jh.: Hansasaal) in die neue Ratskammer im Turm konnten diese Wandmalereien naturgemäß nicht mit „umgezogen“ werden. Sie dürften durch einen Wanddurchbruch an der Nordseite des Saals auch stark beschädigt worden sein,[13.1] so dass lange Zeit angenommen wurde, dass die Beauftragung der neuen Figurengruppe in diese Zeit fiel.

Die Propheten dienten jedoch nicht nur dem Schmuck und der repräsentativen Ausgestaltung des Rathauses, sondern auch der „virtuellen Herstellung von Öffentlichkeit“[7]. Während die 23 Ausfertigungen des Verbundbriefes, der „als Garant für Ruhe, Frieden und Sicherheit“[7] dienen sollte und somit auch eine große Symbolkraft hatte, als schriftliches – und durchaus fragiles – Dokument kaum öffentlich wahrgenommen wurde,[7] mahnten die Propheten die Herrschenden im Rathaus plastisch an ihre Pflichten.[7]
Die Ratsherren mussten die „Prophetenkammer“ auf dem Weg zum Ratssaal durchqueren und passierten dabei die Figuren der Propheten. In einer Arbeit von 2013 untersuchte Plassmann weitere mögliche Funktionen der Prophetenkammer; dabei vermutete er, dass nur ein sehr eingeschränkter Personenkreis diesen Raum betreten durfte, denen auch durch die beeindruckende Größe der Figuren das Gefühl vermittelt werden sollte, dass die Ratsherren dem Gemeinwohl verpflichtet seien.[7] Noch im 17. Jahrhundert war die Prophetenkammer etwa mit einer Doppeltür versehen, die von einem Türsteher bewacht wurde, so dass zufällig Vorbeikommende keinen Blick in die Kammer und auf die Propheten werfen konnten. Dass die Prophetenkammer als besonders geschützter Raum galt, wird aus den Berichten zu Unruhen 1481/82 deutlich: Am Rosenmontag 1482 drangen einige Männer in die Prophetenkammer ein und setzten dort Ratsherren und -bedienstete fest. Die Anführer wurden später mit dem Tode bestraft, andere Protestierende mit lebenslanger Verbannung, die unter anderem explizit wegen des Eindringens in die propheten kamer begründet wurde.[7]
300 Jahre bis zum Bedeutungsverlust

Wie die Figuren in der Prophetenkammer aufgestellt waren, ist nicht bekannt, doch wird vermutet, dass sie zunächst in zwei Vierergruppen, architektonisch eingerahmt, den Eingang zur Ratskammer flankierten. Um 1600 standen sie – belegt durch ein zeitgenössisches Manuskript – frei auf Holzpfeilern an der Treppe zur Ratskammer.[2]
Eduard Trier vollzog 1952 in seiner Dissertation die Standorte der acht Holzfiguren nach: Bis in das 18. Jahrhundert hinein verblieben die Propheten an der Treppe zur Ratskammer, dann begannen ihre „Irrfahrten“[13.2]. In den 1720er Jahren wurde die Ratskammer völlig neu gestaltet und barock ausgestattet.[4] Die Propheten, anscheinend inzwischen als „altertümlich“ angesehen, wurden in den eher noch mittelalterlichen Hansasaal versetzt, der deshalb in der Folge oftmals fälschlicherweise Prophetenkammer genannt worden sei.[13.2] Dort könnten sie zwischen den Fenstern auf Konsolen gestanden haben.[13.2] Ihre Funktion als Ratgeber und Mahner der Ratsherren dürfte zu diesem Zeitpunkt verloren gegangen sein.[4]
Historisierende Umbauten und Bedeutungswandel der Propheten
Im Rahmen des umfassenden Umbaus der Rathausgebäude durch Julius Carl Raschdorff in den 1860er Jahren, die unter historisierenden Vorzeichen stand, wurde das Verbindungsgebäude mit der Prophetenkammer „von der Grundmauer auf“[13.2] neu aufgebaut. Raumaufteilung und Geschosshöhen wurden verändert, und die Treppe zum Ratssaal sowie der Durchgang zum alten Hansasaal fielen weg. Die Propheten erhielten eine grundlegend veränderte Fassung und Vergoldung, die sie dem mittelalterlichen Original, wie man es sich vorstellte, näher bringen sollte.[4] Sie kehrten nun auch in die Prophetenkammer zurück, wo sie zunächst auf Gipskonsolen angebracht wurden.[13.2]
Der bereits wenige Jahrzehnte später, zum Ende des 19. Jahrhunderts von Stadtbaumeister Friedrich Carl Heimann vorgenommene, neugotische Umbau des Rathauses leitete einen weiteren Bedeutungswandel der Propheten ein: Einige Raschdorff-Maßnahmen wurden zurückgenommen und die Geschosse wieder so angepasst, dass der Durchgang zum Hansasaal und die Treppe zum Ratssaal wieder hergestellt werden konnten. Der Raum erhielt eine hölzerne Ausstattung mit Wandvertäfelungen, die Propheten – die während der Baumaßnahmen vorübergehend ins Treppenhaus ausgelagert worden waren – wurden abermals bunter und erhielten neue, von Richard Moest eigens geschnitzte Konsolen aus Holz.[11] Die neue Wertschätzung des mittelalterlichen Hansasaals veränderte auch die Rolle der Propheten: Anstelle der alten Gemeinwohl-Symbolik belegten die Jahrhunderte alten Ausstattungsstücke nun die spätmittelalterliche Blütezeit der freien Reichsstadt Köln.[4]
- Umgestaltung Prophetenkammer 1937/39
- vorher
- nachher
20./21. Jahrhundert: Umzüge, Auslagerung, Musealisierung
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Rathaus durch den Architekten Heinrich Bartmann in Zusammenarbeit mit dem Konservator Hans Vogts auf eine Weise umgestaltet, die zeitgemäß sein und sich gegenüber der Vergangenheit „behaupten“ sollte. In der Prophetenkammer wurden die Holzeinbauten radikal entfernt und nur die Konsolen vom Ende des 19. Jahrhunderts im Depot des Denkmalkonservators aufbewahrt.[8]
- Austausch im 21. Jahrhundert
- Originale im Museum Schnütgen ab 2011
- Vorstellung der Repliken im Hansasaal 2019
Bis zur kriegsbedingten Auslagerung ab 1939 standen die Propheten nun „zu vieren nebeneinander auf Konsolen an den Schmalseiten der Kammer, d.h. an der Südseite über der Tür zum Hansasaal und zu zweit neben der Tür zur Ratskammer“[13.2]. Nach dem Krieg lagerten sie bis mindestens Mitte der 1950er Jahre mit den Objekten aus dem Schnütgen-Museum in Schloss Alfter.[13.3]
Seit 1972 – dem Jahr der Wiedereröffnung des im Krieg zerstörten Rathauses – waren die Skulpturen an der Nordwand des Hansasaales angebracht,[11] bevor sie 2011 aus konservatorischen Gründen ins Museum Schnütgen überwiesen wurden. An ihrer Stelle wurden 2019 maßstabsgetreue, 3D-gedruckte Repliken aufgestellt.[14] Im Museum Schnütgen haben sie einen zentralen Platz auf der Westempore von St. Cäcilien.
Datierung und kunsthistorische Einordnung
Datierungsgeschichte
Die Datierungsansätze der Propheten erfolgten bis ins 21. Jahrhundert in der Regel durch stilkritische Vergleiche mit anderen rheinischen Skulpturen, verbunden mit der Zuordnung zu Kölner historischen Ereignissen.
Aus der ersten schriftlichen Erwähnung der Prophetenkammer 1448 schloss man seit Paul Clemen[15] auf eine Entstehung der Skulpturen vor diesem Zeitpunkt und nach der Fertigstellung des Ratsturmes um 1414.[5] Die meisten kunsthistorischen Publikationen schlossen sich dem an, so sah beispielsweise Eduard Trier 1957 eine Datierung etwa 1407 bis 1414 in Übereinstimmung mit seinen stilkritischen Überlegungen.[16] Dass sie allerfrühestens mit der neuen Stadtverfassung 1396 entstanden sein können, gilt durch die inhaltlichen Parallelen zum Verbundbrief ebenfalls als folgerichtig.[11][6] Ulrike Surmann hielt noch 1996 auch eine engere zeitliche Verbindung mit der Entstehung des Verbundbriefes für möglich.[10]
Zu den genannten Methoden zur Datierung kamen ab 2013 die kunsttechnologischen Untersuchungen der Restaurierungswissenschaftlerin Sarah Grimberg. Die im Rahmen ihrer Masterarbeit durchgeführte dendrochronologische Analyse an den Standflächen von sechs Prophetenskulpturen bewies 2013 eine Fertigung erst nach 1428. Unter Einbeziehung weiterer Faktoren, die bei Dendrochronologie eine Rolle spielen, etwa die Entfernung von Splintholz am verwendeten Stamm sowie die ausladenden Gewänder der Figuren, an denen keine Untersuchung stattfinden kann, die aber weitere Jahresringe enthalten, datierte Grimberg die Skulpturen um 1440.[1.2]
Die neuen Erkenntnisse zur Datierung entkoppeln ihre Entstehung vom Zeitpunkt des Ratsturmbaus. Als alternativer Anlass für die Beauftragung werden die sogenannten Kölner Statuten von 1437 herangezogen.[9]
Künstlerisches Umfeld und kunsthistorische Einordnung
Der Name des Künstlers oder der Werkstatt der Skulpturengruppe ist unbekannt. Die Propheten werden dem „Internationalen Stil“ (auch: Weicher Stil) zugeordnet und Einflüsse aus dem Umfeld von André Beauneveu und Carl Sluter vermutet.[5][6] Gegenüber ihren gemalten Vorgängern im Rathaus zeigen sie zwar einen klaren inhaltlichen Bezug, es wird jedoch in der Gestaltung eine deutlich gewandelte Vorstellung von „weisen Männern“ deutlich.[11]
Ein Werkstattzusammenhang wird vielfach mit einem Gabelkreuz in der Kölner Kirche St. Mauritius (1414–1429[17] oder 1415–1420[18]) gesehen.[19][17] Eduard Trier, der den wohl ausführlichsten Stilvergleich durchführte, ordnete 1953 außerdem eine Madonna in Neuss zur Werkstatt der Rathauspropheten, sie sei für kölnische Madonnen sehr ungewöhnlich und habe eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit den Propheten, bis hin zum ungewöhnlichen Werkstoff Eichenholz. Darüber hinaus sah er deutliche Parallelen mit der Madonnenskulptur des „Palandter Altars“ sowie einer Eichenholzmadonna (A 841[20]) und dem Torso einer Steinmadonna im Museum Schnütgen.[21]
- Stil- und Werkstattzusammenhänge
- Gabelkreuz in St. Mauritius (1415/20 oder 1414/29)
- Madonna mit Kind,[22] St. Quirinus, Neuss
- Madonna vom Palandter Altar (1429), Kolumba, Köln
- Madonna mit Kind aus der Kartäuserkirche (1426–1427), Museum Schnütgen, K 159
Ein weiterer Vergleich lässt sich mit südniederländischen Skulpturen desselben Typus ziehen, etwa den Prophetenfiguren vom Brüsseler Rathaus. Trier sieht die Bildhauer aus Köln und Brüssel womöglich als „Alters- und Gesinnungsgenossen“.[21] Ein weiterer Prophetenzyklus, bei dem wiederum Reiner Dieckhoff eine Nähe zu den Kölner Propheten sieht, stammt aus der Sainte-Chapelle in Bourges.[23]
- Prophetenzyklen
- Prophetenfiguren (1401/1421), ehemals Brüsseler Rathaus, jetzt Musée de la Ville de Bruxelles
- Prophetenfiguren von der Sainte-Chapelle in Bourges (1390–1420), André Beauneveu zugeschrieben, Musée du Berry, Bourges
Trier fasste seine stilistischen Vergleiche dahingehend zusammen, dass der Künstler die Rathauspropheten zwar einerseits aus der Kölner Plastik mit ihrem weichen Stil entwickelt habe, andererseits aber auch den Einfluss aus Brabant genutzt habe – beides konservative Strömungen, denen er jedoch seinen eigenen Stempel aufgedrückt habe. Der Künstler sei also, so paradox das auch klinge, als „fortschrittlicher Konservativer“ zu beschreiben.[21]
Überarbeitungen und Zustand
Der aktuelle Zustand der Figuren ist von einer „monoton wirkende[n] gedämpfte[n] Farbigkeit“,[4] die die ursprünglichen Fassungen kaum nachvollziehbar macht.

Die frühen Veränderungen an den Skulpturen sind nicht dokumentiert[4], für neuere wurde in der Denkmaltopographie von 1930 festgehalten, dass man die damals aktuelle Fassung von 1865 entfernt und eine Renaissancefassung mit gotischer Musterung der Gewänder freigelegt habe.[15] Es lässt sich vermuten, dass Überarbeitungen mit räumlichen Veränderungen im Rathaus in zeitlicher Verbindung standen. Dabei wurden immer alle Skulpturen zusammen überarbeitet, der Gruppenkontext also nie aufgehoben.[4]
Die kunsttechnologischen Untersuchung ab 2013 ermittelte mindestens zwölf[1.3] Farbfassungen: Die Originalfassung aus dem 15. Jahrhundert war in großen Flächen – die Mäntel außen, Mützen, Schriftbänder – in glänzendem Bleiweiß ausgeführt. Die Untergewänder und einige Mützendetails waren rot lackiert und das Mantelfutter azuritblau. Akzente im Haar und an den Säumen waren vergoldet.[4] Man muss sich die Propheten im Original also mit wallenden weißen Mänteln und Mützen vorstellen.

Die Veränderungen des 16. und 17. Jahrhunderts fügten weitere Farben an Mützen, Gewändern und dem Untergrund der Schriftrollen hinzu. Die weiße Farbe der Mantelaußenseiten blieb jedoch weitestgehend erhalten und erhielt Applikationen aus Pressbrokat (ein Brokat-Imitat mit vergoldeten Zinnfolien).[1.4] Als die Propheten beim Umbau des Rathauses in den 1720er Jahren in den Hansasaal umzogen, wurden die Fassungen mutmaßlich etwas aufgefrischt und farblich vereinheitlicht.
Das 19. Jahrhundert war geprägt von zwei maßgeblichen Rathausumbauten und der Rückkehr der Skulpturen in die Prophetenkammer. 1865 wurden sie in diesem Zusammenhang „mittelalterlich“ überarbeitet, was eine kräftig farbige Fassung in Rot, Dunkelgrün und Blau zur Folge hatte, die sich bei jedem der Propheten unterschiedlich verteilte. Die zweite, neugotische Überarbeitung der Figuren in den 1890ern war noch „bunter“: hellgrün, violett und diverse dekorative Muster kamen hinzu, außerdem wurden die Bärte vergoldet.[4] Die eigentlich mittelalterlichen weißen Gewänder waren in diesen historistischen Versionen der Propheten verschwunden.
Im 20. Jahrhundert wiederum lehnte man diese historistischen Veränderungen ab und nutzte um 1930 „rigorose“ Methoden mit Schleif- und Lösungsmitteln, um diese fast vollständig zu entfernen, wobei alle Fassungen stark beschädigt wurden. Danach wurden sie neu und ergänzend bemalt. Alle nachfolgenden Arbeiten hatten hauptsächlich schadensbegrenzenden und ausbessernden Charakter, mit dem Ergebnis des heutigen Zustands.[4]
Literatur
- Hans Vogts, Fritz Witte: Die profanen Denkmäler. In: Paul Clemen (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln. 7. Band, IV. Abteilung. Schwann, Düsseldorf 1980, ISBN 3-590-32102-4, S. 227–228 (Erstausgabe: 1930).
- Eduard Trier: Die Propheten-Figuren Des Kölner Rathauses. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Band 15, 1953, ISSN 0083-7105, S. 79–102, JSTOR:44653620.
- Eduard Trier: Die Prophetenfiguren des Kölner Rathauses II: Ein Beitrag zur Profan-Ikonographie des Mittelalters. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Band 19, 1957, ISSN 0083-7105, S. 193–224, JSTOR:24655385.
- Thomas Hensoldt: 114 – 121 Acht Propheten aus dem Kölner Rathaus. In: Dagmar Täube, Miriam Verena Fleck (Hrsg.): Glanz und Größe des Mittelalters. Hirmer, München 2011, ISBN 978-3-7774-4531-1, S. 364–365.
- Max Plassmann: Zur Funktion der Prophetenkammer im Kölner Rathaus. In: Rheinische Vierteljahrsblätter. Band 77. Bonn 2013, S. 59–72.
- Walter Geis: Die Propheten als Rechtssymbole. In: Walter Geis, Ulrich Krings (Hrsg.): Köln: Das gotische Rathaus und seine historische Umgebung (= Stadtspuren. Denkmäler in Köln). Band 26. J.P. Bachem Verlag, Köln 2000, ISBN 3-7616-1391-1, S. 439–458.
- Sarah Grimberg: Die mittelalterlichen Kölner Rathauspropheten. Vergleichende kunsttechnologische Untersuchungen des farbig gefassten Skulpturenensembles (= Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung. Nr. 30). 2016, S. 83–108.
- Iris Metje: Acht Propheten aus dem Kölner Rathaus. In: Moritz Woelk, Manuela Beer (Hrsg.): Museum Schnütgen – Handbuch zur Sammlung. Hirmer, München 2018, ISBN 978-3-7774-2893-2, S. 240–241.
- Astrid Lang, Iris Metje: Die Propheten und ihre „Kammer“: Objekt, Raum und Rezeption am Beispiel der Kölner Rathauspropheten. In: G. Möller, A. Lang et al. (Hrsg.): »Absolutely Free«? - Invention und Gelegenheit in der Kunst. Bd. 163, 2020, S. 115–152.