LÖWE (Waldentwicklungsprogramm)
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LÖWE (= Langfristige Ökologische Waldentwicklung) ist ein Waldentwicklungsprogramm der niedersächsischen Landesforstverwaltung, welches Anfang der 1990er Jahre ausgearbeitet wurde und bis heute eine Leitlinie in den Niedersächsischen Landesforsten darstellt. Es entstand unter dem Eindruck des damals zu beobachtenden Waldsterbens mit Rückgriff auf neuere Erkenntnisse der Waldökologie und positive ökonomische und ökologische Erfahrungen zahlreicher privater, kommunaler und staatlicher Forstbetriebe, die schon seit mehreren Jahrzehnten nach den Grundsätzen der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) bewirtschaftet wurden.

Hintergrund
Von Natur aus sind in den niedersächsischen Wäldern eher Laubbäume heimisch. Die sehr starke Nutzung verbliebener Waldflächen nach umfangreichen Rodungen während der vergangenen Jahrhunderte bewirkte aber eine deutliche Verlagerung in Richtung Fichte und Kiefer.[1] So sind im Harz bereits ab dem 17. Jahrhundert vorwiegend Fichten gepflanzt worden; die Lüneburger Heide wurde ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Kiefern wieder aufgeforstet. Eine Übernutzung der Wälder vor allem während des Zweiten Weltkrieges sowie die Kahlschläge seitens der britischen Besatzungsmacht zur Reparation[2] zwangen die Förster zu einer sehr schnellen Aufforstung, was vor allem durch Pflanzung von Fichten gelang.
In Niedersachsen verursachten in den 1960er und 1970er Jahren wiederholt schwere Stürme und Waldbrände die ökonomische Entwertung noch nicht erntereifer Bäume, den Verfall der Holzpreise und hohe Kosten für Beseitigung der Schäden und die nachfolgende Wiederaufforstung. Bereits nach dem Orkan Quimburga (November 1972) reifte in den Landesforsten der Gedanke, dass der Wald mehr mit der Natur und weniger gegen sie ausgerichtet sein muss, und es kam in einem Waldprogramm von 1974 zu ersten Veränderungen.[3] Der Eintrag besonders von Schwefeldioxid in die Waldböden (Saurer Regen) löste in den 1980er Jahren weitere besorgniserregende Verluste aus. In der Summe gaben diese Befunde Anlass zu verschärftem Nachdenken über den bisherigen „Schlagweisen Hochwald“ mit seinen überwiegend gleich alten Monokulturen besonders von Fichte und Kiefer. Neues Ziel sollte ein arten- und strukturreicher, ästhetischer und naturnaher Wirtschaftswald sein.[1]
Grundsätze
Maßgebend beteiligt bei der Entwicklung des LÖWE-Programms war der Forstwissenschaftler Hans-Jürgen Otto. Er konnte aber auch auf Erfahrungen seitens der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäßer Waldwirtschaft zurückgreifen, die seit den 1950er Jahren auf zahlreichen Flächen den Mischwald ohne Kahlschlagnutzung (Dauerwald) anstrebte.[3]
Der Bodenschutz soll vor allem durch standortgerechte Baumartenwahl verbessert werden. Durch die Entwicklung hin zum Mischwald entsteht eine Strukturvielfalt und Artenreichtum. Im kleineren, ökologisch zuträglichen Maße werden auch eingeführte Baumarten wie zum Beispiel die Douglasie gepflanzt. Wo bereits artenreiche und standortgemäße Bestände bestehen, soll möglichst Naturverjüngung zum Zuge kommen. Zu einem gesunden Waldgefüge mit hohem Artenreichtum gehört auch, dass der Bestand auch von unterschiedlich hohen Bäumen in möglichst allen Altersklassen bestockt wird. Dies wird auch dadurch unterstützt, in dem nun die Zielstärke Maßstab für die Holzernte ist. Das bedeutet, dass nur einzelne Bäume eines Bestandes entnommen werden und keine Kahlschläge mehr stattfinden. Seltene Habitatbäume werden erhalten und aus der wirtschaftlichen Nutzung herausgenommen. Wertvolle Bestände werden als Schutzgebiet ausgewiesen. Dabei sollen andere Nutzungen des Waldes, vor allem die Erholungsfunktion, möglichst nicht beeinträchtigt werden. Zum LÖWE-Programm gehört auch eine besondere Pflege der Waldränder als Übergangszone zwischen Wald und offener Landschaft. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird auf ein Minimum beschränkt. Durch Niedrighalten des Wildbestandes werden Verbissschäden besonders an den selteneren Baumarten minimiert. In der Forsttechnik werden Verfahren bevorzugt, die die Böden schont und ökologisch verträglich sind.
Umsetzung
In der Praxis wurde ein hoher Aufwand dahingehend eingesetzt, Laubbaumarten in die reinen Fichten- oder Kiefernbestände einzubringen. Dies erfolgte in der Regel unter Schirm, das heißt, die jungen Laubbäume wurden in bestehende Fichten- oder Kieferkulturen untergepflanzt.[4] Die sehr langsame Entwicklung der jungen Pflanzen im Dauerschatten und in Konkurrenz mit den hohen Nadelbäumen hat bewirkt, dass sie in derartigen Beständen besser vor Mäusefraß geschützt waren und so überhaupt eine Chance hatten, sicher anzuwachsen. Heute, über 20 Jahre später, gibt es zum Beispiel im Harz die Situation, dass die alten Fichten aufgrund von Borkenkäferbefall und extremer Trockenheit absterben, die jungen Buchen aber angewachsen sind und in den nächsten Jahren bei ausreichend Licht, Wasser und Nährstoffen die Flächen dominieren werden.
Zwischen 1991 und 2014 stieg der Mischwaldanteil der Niedersächsischen Landesforsten von 45 % auf 67 %; langfristig sollen 90 % angestrebt werden. Über 150 Mio. Bäume, vorrangig Eiche und Buche, wurden in dieser Zeit gepflanzt.[3]
Mit dem LÖWE-Programm war die Niedersächsische Landesforstverwaltung bundesweiter Vorreiter im Hinblick auf den Umbau in einen naturnäheren Wirtschaftswald. Das Programm stellte einen Philosophiewechsel in den Wirtschaftswäldern dar und fand mehrfach Nachahmer.[1]
Im Oktober 2007 wurde vom damaligen Bundeskabinett eine Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt verabschiedet. Diese sah vor, dass bis zum Jahr 2020 zehn Prozent der Waldfläche Deutschlands einer natürlichen Entwicklung überlassen werden sollten. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten fünf Prozent des öffentlichen Waldes dauerhaft aus der forstlichen Nutzung genommen werden.[5]
Von 1972 bis 2022 stieg der Anteil „naturbelassener Wälder“ in Niedersachsen von 0,3 auf 10 Prozent der Waldfläche.[6]
Weiterentwicklung
LOEWE+
Am 26. September 2017 beschloss die Niedersächsische Landesregierung die Weiterentwicklung des Programms LÖWE zum Programm LÖWE+. Durch LÖWE+ wurden die oben genannten Grundsätze zu verbindlicheren Handlungsanweisungen für Landesforsten.[7][8]
Niedersächsischer Weg
Am 25. Mai 2020 wurde von Vertretern
- des Landes Niedersachsen,
- der Niedersächsischen Ministerien für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz sowie für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz,
- des NABU Landesverbandes Niedersachsen e.V.,
- des BUND Landesverbandes Niedersachsen e. V.,
- des Landvolks Niedersachsen – Landesbauernverband e.V. sowie
- der Landwirtschaftskammer Niedersachsen
eine Vereinbarung mit der Bezeichnung „Niedersächsischer Weg“ beschlossen. Durch diese Vereinbarung verpflichten sich auch nicht-staatliche Akteure, die Vorgaben der Programme LÖWE (1991) und LÖWE+ (2017) einzuhalten.
Wälder in Niedersachsen umfassten 2017 rund 1,2 Millionen ha und damit ca. ein Viertel der Landesfläche. Mehr als 706.000 ha Wald (59 %) lagen in der Hand von Privatleuten, oft Landwirten und Forstgenossenschaften. 28 % waren Landeswald; dies entspricht knapp 336.000 ha. Rund 107.000 ha (8 %) waren Körperschaftswald, meist in der Hand von Städten, Gemeinden und Klosterforsten. Dem Bund schließlich gehörten 5 % des niedersächsischen Waldes (etwa 55.000 ha).[9]
Durch den Niedersächsischen Weg werden stärker die Multifunktionalität des niedersächsischen Waldes sowie seine Einbettung in benachbarte andere Landschaftsformen berücksichtigt. Die Niedersächsische Staatskanzlei operationalisierte die Schutzfunktionen des Waldes sowie der ihn umgebenden Landschaftsformen:
- Wasserschutz, da Waldböden auftreffendes Regenwasser filtern,
- Immissions-, Erosions-, Hochwasser-, Sicht- und Lärmschutz,
- Klimaschutz durch Speicherung von Kohlenstoffdioxid sowie
- Naturschutz durch die Bereitstellung von Lebensräumen für Flora und Fauna.[10]
Kritik
Veraltende Bestimmungen (ab 1991)
Karl Friedrich Weber, seinerzeit waldpolitischer Sprecher des BUND, zitierte im „Waldbrief 57“, veröffentlicht am 29. Januar 2022, eine an die niedersächsische Landesregierung adressierte Stellungnahme des BUND vom 21. März 2016. Als Beispiel für einen Anpassungsbedarf von Formulierungen im LÖWE-Programm nannte Weber das 1991 formulierte Ziel, „standortgerechte und artenreiche Wälder“ zu schaffen. Die Formulierung: Die Natur und Landschaft (und damit auch der Wald) seien „auf Grund ihres eigenen Wertes und als Grundlage für Leben und Gesundheit des Menschen auch in Verantwortung für künftige Generationen […] zu schützen“, müsse in das LÖWE-Programm aufgenommen werden. Als Oberziel jeder Langfristigen Ökologischen Waldentwicklung müsse explizit die Erhaltung des Naturkapitals, bestehend aus „Boden, Wasser, Luft, Tiere[n], Pflanzen, Lebensräume[n] und natürliche[n] Prozesse[n] im Sinne starker Nachhaltigkeit“ verbindlich gemacht werden.[11]
Im „Waldbrief 58“ vom 12. Februar 2022 kritisierte Weber, dass es sich gezeigt habe, dass „sich Anspruch und Wirklichkeit des LÖWE divergierend entwickelten. Es wurde nicht als ein Schutzprogramm verstanden, sondern als ein ökologisch genähertes und damit wirtschaftlich begründetes Nutzungsprogramm der Landeswälder. So wird verständlich, dass die ‚ökologische Fortschreibung‘ des LÖWE 2017 unter der rot-grünen Landesregierung weiterhin interessenbestimmt politisch unbemerkt gebeugt werden konnte.“[12]
Im „Waldbrief 57“ dokumentierte Weber die Forderungen des BUND hinsichtlich der Reform des LOEWE-Programms an die Adresse der Landesregierung, in „Waldbrief 58“ kommentierte er in einem Vorwort aus der Sicht des BUND die Entwicklung des LOEWE-Programms von 1991 bis 2021.
Nichteinhaltung eigener Vorgaben des Landes Niedersachsen
Eine besondere Bedeutung hat innerhalb des LOEWE-Programms das Verbot von Kahlschlägen. Dennoch wurden im Naturschutzgebiet Holzurburger Wald am Bederkesaer See im Landkreis Cuxhaven, einem Landesforst, im Winter 2005/2006 drei Hektar Alt- und Biotopbäume gefällt.[13]
Auch im FFH- und Vogelschutzgebiet Sundern soll es zwischen 2005 und 2008 laut BUND in einem niedersächsischen Landesforst Regelverstöße gegeben haben, und zwar gegen „Prinzipien einer pfleglichen Waldbewirtschaftung durch Entnahme von Alt- und Biotopbäumen sowie Überschreitung des Nachhaltshiebsatzes durch zu hohe Eingriffstärken“.[14]
Literatur
- Hartmut Kleinschmit, LÖWE-die langfristige Ökologische Waldentwicklung in: Niedersachsens Wälder im Wandel. Vom Raubbau zur Nachhaltigkeit, herausgegeben von den Niedersächsischen Landesforsten, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH & Co KG, Husum 2014, ISBN 978-3-89876-688-3
Weblinks
- Das LÖWE-Programm auf den Seiten der Niedersächsischen Landesforsten, abgerufen am 7. April 2021
- 25 Jahre LÖWE-Bilanz auf den Seiten der Niedersächsischen Landesforsten, abgerufen am 7. April 2021