La Ferrassie
archäologische Stätte in Frankreich
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La Ferrassie ist eine archäologische Fundstätte westlich von Les Eyzies im Département Dordogne in Frankreich und gehört zum Umkreis der Frankokantabrischen Höhlenkunst. Der Abri von La Ferrassie entstand in oberjurassischen Kalksteinen des Périgord im Tal der Vézère. Nach den Ergebnissen neuer geoarchäologischer Untersuchungen handelte es sich ursprünglich nicht um einen offenen Felsüberhang, sondern eine teilweise eingestürzte Karsthöhle. Der heute sichtbare Abri entstand infolge des sukzessiven Einsturzes der Höhlendecke und nachfolgender Erosionsprozesse.[1]
Unter dem Felsdach des Abris wurden Schichten mit Artefakten des Moustérien, Châtelperronien, Aurignacien und Gravettien gefunden.[1] Von großer Bedeutung für die Erforschung des Neandertalers sind mehrere Skelette, die hier vor etwa 40.000 Jahren bestattet wurden.
Geschichte
Die Fundstätte wurde gegen Ausgang des 19. Jahrhunderts beim Ausbau der Landstraße D32 zufällig entdeckt. Sie zog sehr schnell das Augenmerk von Liebhabern der Ur- und Frühgeschichte auf sich, so beispielsweise Denis Peyrony, der hier seit 1896 zusammen mit Louis Capitan Grabungen unternahm. Zwischen 1909 und 1921 stieß Peyrony auf mehrere Gruben mit Bestattungen bzw. Knochen von Neandertalern. Capitan erwarb 1923 die Fundstätte, um sie später dem französischen Staat zu vermachen. Zur Verfeinerung der stratigraphischen Abfolge unternahm Henri Delporte zwischen 1968 und 1973 weitere Ausgrabungen. Dabei fand er 1969 nahe der Felswand eine weitere Bestattung La Ferrassie 8.
Lagebeschreibung
La Ferrassie gehört zur Gemeinde Savignac-de-Miremont und liegt in einem kleinen Seitental des Vézèretals etwa 5 Kilometer nördlich von Le Bugue. Die Stätte weist drei verschiedene Fundplätze auf, eine Höhle, einen kleinen Abri und den großen, berühmt gewordenen Abri. Der große Abri ist nach Süden ausgerichtet und befindet sich neben der D32.
Zu Beginn der Grabungen war der große Abri mit einer 10 Meter dicken Sedimentfolge vollkommen verfüllt. Gegen Ende der Arbeiten hatte Peyrony 100 Quadratmeter freigelegt und die Felswand erreicht. Er ließ für spätere Untersuchungen zwei Referenzprofile stehen, eines senkrecht und eines parallel zur Wand.
Stratigraphie

Die etwa 10 Meter mächtige Abfolge enthält Lagen aus dem Mittelpaläolithikum und dem Jungpaläolithikum. Sie war von entscheidender Bedeutung für die Definition der einzelnen Steinwerkzeugsindustrien des Jungpaläolithikums (Châtelperronien, Aurignacien und Gravettien).
Die an der Basis entdeckten Industrien wurden zur Typlokalität für das Moustérien des Typs Ferrassie, einer Fazies des Mittelpaläolithikums, charakterisiert durch relativ dünne Abschläge in Levalloistechnik, zahlreiche Schaber und Spitzen, relativ seltene gezähnte Klingen und das Fehlen von Faustkeilen. In diesen Lagen des Moustériens fanden sich die Neandertaler (siehe unten).
Auf das Moustérien folgen einige Lagen, die bereits dem Châtelperronien zugeschrieben werden, überdeckt von einem bedeutenden Niveau aus dem Aurignacien, das wie folgt unterteilt werden kann (von oben nach unten):
- Aurignacien II – rautenförmige Pfeilspitzen, gekrümmte Bohrer und erstmaliges Auftreten von Ritzzeichnungen auf Steinblöcken (mit vorrangiger Darstellung weiblicher Geschlechtsorgane).
- Aurignacien I – Pfeilspitzen mit gespaltener Basis, kielförmige Kratzer und abgeschnürte Klingen.
- Aurignacien 0.
Gekrönt wird die Abfolge von mehreren Lagen aus dem Gravettien.
Funde

Acht Skelette von Neandertalern (1 Mann, 1 Frau, 5 Kinder, 1 Fötus) in der Schicht des Moustérien bilden das prähistorische Gepräge dieses Platzes, da sie die ältesten Neandertalerbestattungen in Europa darstellen. Die Erwachsenen – ein rund 50 Jahre alter Mann La Ferrassie 1[2] und eine 25 bis 35 Jahre alte Frau La Ferrassie 2 – lagen in Ost-West-orientierten Gräben Kopf an Kopf am Westende. Etwas weiter rechts lagen ein etwa zehnjähriges Kind La Ferrassie 3 sowie ein Fötus und ein vielleicht 15 Tage altes Neugeborenes La Ferrassie 4, ebenfalls in Gräben beigesetzt. La Ferrassie 5 (gefunden 1920) ist ein etwa sieben Monate alter Fötus, La Ferrassie 6 (gefunden 1921) ein Kind von drei bis fünf Jahren. Ein von Boule 1924 gefundener Talus wurde von ihm als La Ferrassie 7 bezeichnet, es handelt sich jedoch um einen Knochen der Bestattung La Ferrassie 3.[3] La Ferrassie 8 wurde 1969 nahe der Felswand gefunden, es handelt sich um ein etwa zweijähriges Kind. Ein 2020 veröffentlichtes interdisziplinäres Projekt zu La Ferrassie 8 kam zum Ergebnis, dass Neandertaler ihre Toten zumindest gelegentlich bewusst bestatteten.[4]
Eine 2026 erschienene Studie, die Archivmaterial, Paläoproteomik und neue Radiokarbondaten kombiniert, kommt zu dem Ergebnis, dass die Ablagerung von La Ferrassie 1 wahrscheinlich zwischen 42.600 und 39.800 Kalenderjahren vor heute erfolgte und diese Datierung gut in den Zeitraum des Châtelperronien passt.[5]
Am Vorderrand der Grotte befanden sich drei leere Gräben, dahinter acht Tumuli. Unter einem dieser Hügel war ein etwa sieben Monate altes Kleinkind begraben. Im rechten Teil des Abris wurden sechs große Vertiefungen entdeckt, in einer befanden sich die Überreste eines dreijährigen Kindes. Den Schädel dieses Kindes hatte man abgetrennt, unter einer Steinplatte mit Schälchen deponiert. Er gilt daher als ältester Schalenstein[6] und möglicher Beleg für Menschenopfer bei den Neandertalern. Neben den Skelettfunden wurden ferner die bereits angesprochenen Gravierungen sowie Reste von Malereien entdeckt.
Im oberen Teil der Schichtenfolge stieß man dann auf kulturelle Hinterlassenschaften und Menschenreste des Cro-Magnon-Menschen. Die Stratigraphie von La Ferrassie war daher gleichsam bedeutend für die Stufengliederung des Aurignacien.
1979 wurde im Bereich der Fundstätte La Roche à Pierrot bei Saint-Césaire in Westfrankreich der Bestattungsfund eines Neandertalers (Saint-Césaire 1) gemacht – mit aus Muscheln hergestellten Perlen als Beigabe. Bereits länger bekannte Bestattungen, sämtlich unter Abris, stammen von La Chapelle-aux-Saints, Le Moustier und Le Régourdou.
Geologie
Die Sedimentfüllung des Grand Abri umfasst eine mehrere Meter mächtige Folge aus Frostschutt, Hangsedimenten, Löss, kolluvialen Ablagerungen und fossilen Bodenhorizonten, die während des Mittel- und Jungpleistozäns abgelagert wurden. Die Schichten dokumentieren den wiederholten Wechsel zwischen kalten periglazialen Phasen mit intensiver Frostverwitterung und wärmeren Interstadialen, in denen sich Böden entwickeln konnten.[7] La Ferrassie liefert Hinweise für die in Südfrankreich während des Ausgangs des Marinen Isotopenstadium (MIS) 3 und des Beginns von MIS 2 herrschenden, kontinentalen Umweltbedingungen.[8] Es lassen sich zyklische Sedimentfolgen unterbrochen von Bodenhorizonten erkennen, die möglicherweise Dansgaard-Oeschger-Klimazyklen zuzuordnen sind. Generell verlieren die Bodenhorizonte zum Hangenden an Mächtigkeit, dafür gewinnen anorganische Sedimentation und Frostphänomene zusehends an Bedeutung. Zwischen 35.000 bis 30.000 Radiokohlenstoffjahren entstanden im Liegenden Cambisole, die mit bedeutenden Tonverwitterungsprozessen und Dekalzifizierung zu assoziieren sind. Die Cambisole werden dann im Zeitraum 30.000 bis 28.000 Radiokohlenstoffjahren durch schwach entwickelte, karbonatreiche Humuslagen abgelöst. Zu Beginn von MIS 2 (des letzten Kältemaximums) kommt es zu einem fundamentalen Wechsel in der Hangschuttbildung: die vormaligen Schuttakkumulationen, verursacht durch eine intensive Lessivierung aufgrund von Schneefall, weichen jetzt mit Steinschutt umgürteten Solifluktionsloben, wie sie für halbwüstenartige, periglaziale Bedingungen bezeichnend sind.[9]
Literatur
- Antoine Balzeau, Dorothea Mylopotamitaki, Frido Welker, Laura Tassoni, Asier Gómez-Olivencia, Tiphaine Derrey, Sahra Talamo: Contextualising the La Ferrassie 1 Homo neanderthalensis skeleton through palaeoproteomic analysis and radiocarbon dating. In: Journal of Archaeological Science. Band 188, 26. Februar 2026, S. 106515, doi:10.1016/j.jas.2026.106515.
- Guillaume Guérin, Marine Frouin, Sahra Talamo, Vera Aldeias, Laurent Bruxelles, Laurent Chiotti, Harold L. Dibble, Paul Goldberg, Jean‐Jacques Hublin, Mayank Jain, Christelle Lahaye, Stéphane Madelaine, Bruno Maureille, Shannon J.P. McPherron, Norbert Mercier, Andrew Murray, Dennis Sandgathe, Teresa E. Steele, Kristina J. Thomsen, Alain Turq: A multi-method luminescence dating of the Palaeolithic sequence of La Ferrassie based on new excavations adjacent to the La Ferrassie 1 and 2 skeletons. In: Journal of Archaeological Science. Band 58, 26. Februar 2015, S. 147–166, doi:10.1016/j.jas.2015.01.019.
- Le grand abri de la Ferrassie. Fouilles 1968–1973. In: Henri Delporte u. a. (Hrsg.): Études quaternaires. Géologie, paléontologie, préhistoire, 7. Laboratoire de paléontologie humaine et de préhistoire, Paris 1984, ISBN 2-85399-034-6.
- B. Maureille: Les premières sépultures. Le Pommier / Cité des sciences et de l’industrie, 2004, ISBN 2-7465-0203-8.
- Michael M. Rind: Menschenopfer. Vom Kult der Grausamkeit. 2. Auflage. In: Kultur und Geschichte. Universitäts-Verlag, Regensburg 1998, ISBN 3-930480-64-6.