Lasst sie Kuchen essen!

From Wikipedia, the free encyclopedia

Lasst sie Kuchen essen! ist eine pseudohistorische Anekdote (AaTh 1446), die fälschlich mit der französischen Königin Marie-Antoinette in Zusammenhang gebracht wird. Die offizielle Geschichtsschreibung kennt die angebliche Episode weder als tatsächlichen Vorfall noch als erwiesen in den zahlreichen Schmähschriften und -liedern, die über die Königin im Umlauf waren. Die Kernaussage des AaTh 1446 ist der als Ausdruck von Unwissenheit oder zynischer Leichtfertigkeit interpretierbare Vorschlag, ein fehlendes Grundnahrungsmittel (Brot) durch eine feinere, teurere Speise zu ersetzen.[1] Vergleichbare Kommentare ignoranter Edelfrauen sind in Deutschland bereits im Jahrhundert der Reformation verzeichnet, wo arme Menschen aus Hungersnot um Essen bitten, Fürstin oder Gräfin aber meinen, sie seien zu faul zu essen oder sich etwas zu kaufen. Des Weiteren werden diesem Erzähltyp fälschlicherweise unverblümte Empfehlungen subsumiert, etwas Ungenießbares zu essen. Im deutschsprachigen Raum wurde die Anekdote durch Erich Kästners 1931 erschienenes Kinderbuch Pünktchen und Anton bekannt, worin die Unwissenheit der Königin über Hunger und Armut sie das Leben kostet.[2][1]

Marie-Antoinette im Hofkleid, Ölgemälde von Elisabeth Louise Vigée Le Brun
Marie-Antoinette; Kunsthistorisches Museum, Wien.

Entstehung

AaTh 1446 ist möglicherweise aus der Verbindung mit internationalen Redewendungen entstanden, die teilweise seit dem Mittelalter belegt sind, wie die spanische „A mengua (falta) de pan, buenas son tortas“. Oder aus den Niederlanden „Bij gebrek aan brood eet men korstjes van pasteien“ (Mangels Brot isst man die Krusten von Fleischpasteten.)[1]

Zuordnungen

Auch anderen Persönlichkeiten, darunter Sophie von Frankreich wurde die Phrase, Süßes statt Brot zu essen, in den Mund gelegt.[3]

Archer Taylor präsentierte 1968 eine entschuldigende Variante, dernach es sich um ein Picknick der Hofgesellschaft gehandelt haben soll, wo die Königin ihren Gästen alternativ Kuchen für eine mangelnde Brotsorte angeboten haben soll. Wahlweise wird die Aussage auf ihre achtjährige Tochter übertragen. Taylor kann jedoch nicht sagen, woher diese "Erinnerung" stammt, man kann daher annehmen, dass diese Picknickszene amerikanischen oder angloamerikanischen Ursprungs ist.[2]

Das Zitat des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau aus dem Jahr 1765 aus dem sechsten Buch des Werks Die Bekenntnisse erwähnt lediglich eine nicht genau benannte Prinzessin:

« Enfin je me rappelai le pis-aller d’une grande princesse à qui l’on disait que les paysans n–avaient pas de pain, et qui répondit : Qu’ils mangent de la brioche. (Endlich erinnerte ich mich des Auskunftsmittels einer großen Prinzessin, der man sagte, die Bauern hätten kein Brot, und die antwortete: »Sie können ja Kuchen essen.«) »

Jean-Jacques Rousseau: Die Bekenntnisse[4][5]

Die Prinzessin, auf die sich Rousseau bezieht, kann nicht Marie Antoinette gewesen sein. Sie war zum Zeitpunkt der Niederschrift zehn Jahre alt und Rousseau hätte sie nicht als „große Prinzessin“ bezeichnet. Allerdings wurden die Bekenntnisse erst in den 1780er Jahren veröffentlicht und zu diesem Zeitpunkt war Marie Antoinette bereits Ehefrau des französischen Thronfolgers, wodurch eine Zuschreibung des Zitats auf Marie Antoinette möglich schien; belegt ist aber keine derartige Verknüpfung.

1841 schrieb der Journalist Alphonse Karr in einer seiner satirischen Revuen erst:

« Diese Bemerkung erinnert an das angebliche Zitat von Marie Antoinette: Wenn es kein Brot gibt, werden wir Brioche essen. »

Alphonse Karr: Les Guêpes[6]

1843 korrigierte Karr sich allerdings, da ihm inzwischen ein Werk aus dem Jahr 1760 bekannt geworden sei, das den Satz der Herzogin der Toskana zuschreibe.[7]

Antonia Fraser verweist in ihrem Werk darauf, dass die Zuschreibung an Marie Antoinette erst später erfolgt sei, um die Oberschicht des Ancien Régime als realitätsfern und habgierig anzuprangern.[8]

In den Memoiren von Madame de Boigne wird allerdings der Name der Prinzessin genannt: Es handele sich um Victoire von Frankreich, eine der Töchter von Ludwig XV., und im Gegensatz zu Jean-Jacques Rousseaus verkürzter Darstellung nimmt die Anekdote von Madame de Boigne dem Satz den abfälligen Unterton. Außerdem ist hier nicht von Brioche die Rede, sondern von der Pastetenkruste, (die in jener Epoche wertlos war, da Pastetenteig ursprünglich nicht zum Verzehr gedacht war, sondern lediglich zum Schutz der Pastete beim Garen[9]):

« Madame Victoire war nicht besonders schlagfertig, aber von äußerster Güte. Sie war es, die in einer Zeit der Hungersnot, als man über das Leid der Unglücklichen sprach, denen es an Brot mangelte, mit Tränen in den Augen sagte: „Aber mein Gott, wenn sie sich doch nur damit abfinden könnten, Pastetenkruste zu essen!“ »

Madame de Boigne: Mémoires de la Comtesse de Boigne[10]

Auch in anderen Kulturen finden sich vergleichbare Zuschreibungen. So soll der chinesische Kaiser des 3. Jahrhunderts, Jin Huidi, als ihm berichtet wurde, dass sein Volk keinen Reis mehr zu essen habe, geantwortet haben: „Warum essen sie denn kein Fleisch?“.[11]

Rezeption

Abgeleitet von dem Marie Antoinette zugeschriebenen Ausspruch, entstand das Musical Let ’Em Eat Cake, wobei an einer Stelle im Musical der Schlachtruf der Protagonisten „Let ’Em Eat Caviar“ lautet.[12]

Das Thema wurde im Theaterstück Marie-Antoinette oder Kuchen für alle! aufgegriffen. Die Komödie wurde 2022 im Schillertheater in Berlin uraufgeführt (Regie Leonhard Koppelmann und Peter Jordan).[13]

Detailbild einer Demonstration, zentral ein Protestplakat, rote Farbe, darauf ein Politiker der amerikanischen republikanischen Partei und der Satz Let them eat cake
Demonstration vor dem Kapitol von Wisconsin am 12. März 2011 mit dem Satz Let them eat cake

Das zynische französische Zitat S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche („Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“) wird bis heute verwendet, um ironisch eine soziale Ungerechtigkeit oder Entfremdung der Herrschenden vom Volk zu charakterisieren.[14]

Literatur

  • Christine Shojaei Kawan: Kuchen: Laßt sie K. essen! (AATh 1446), in: Rolf Wilhelm Brednich u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Band 8. Berlin: Walter de Gruyter, 1996, Sp. 536–541.
  • Véronique Campion-Vincent und Christine Shojaei Kawan: Marie-Antoinette et son célèbre dire : deux scénographies et deux siècles de désordres, trois niveaux de communication et trois modes accusatoires. In: Annales historiques de la Révolution française. 2002, doi:10.4000/mots.19418.
  • Bernd Ingmar Gutberlet: »Sollen sie doch Kuchen essen« Verleumdungen, Fälschungen und Verschwörungsmythen der Geschichte. Europa Verlag, 2022, ISBN 978-3-95890-499-6.
  • Holger Kreitling: Der Kuchen der Marie Antoinette, in: Die Welt, 22. Mai 2011

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI