Leprosenhospital Kinderhaus
Leprosorium in Münster
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Das Leprosenhospital Kinderhaus ist ein ehemaliges Leprosorium in der westfälischen Stadt Münster. Es ist namensgebend für den Stadtteil Kinderhaus. Obwohl es bereits seit dem zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts keine Leprakranken mehr beherbergte und zunächst in ein Kinderheim, dann in ein Altersheim umgewandelt wurde, hat sich der Name bis in unsere Zeit erhalten. Im Denkmalverzeichnis der Stadt Münster ist es als "Leprosorium" geführt, obwohl, gemäß Beschreibung sich von diesem nur der Name Kinderhaus, ein Bauteil mit Mauer und das Grundstück mit Wallhecken erhalten haben. Die jetzt noch erhaltenen Gebäude stammen aus der Nachfolgezeit. Diese sind in den Denkmalschutz einbezogen und beinhalten mehrere Wohnungen, ein Lepramuseum und ein Heimatmuseum.[1]

Geschichte




Im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts errichteten die Bürger Münsters an der Straße nach Rheine mehrere Hütten für Leprakranke etwa vier Kilometer nördlich der Stadt.[2] Das Gelände wurde im Osten und Süden von einer Mauer begrenzt und im Westen und Norden durch den Kinderbach, der damals weiter südlich verlief und „Jodefeldbeke“ genannt wurde.
1333 wurde das Leprosorium erstmals urkundlich erwähnt, als die vom Erbmann Udo von der Tinnen 1326 eingerichtete Stiftung die bischöffliche Elaubnis erhielt sich am heutigen Ort niederzulassen.[2][3] Die historische Bezeichnung „der kinderen hus“ (Kinderhaus) für das Leprosenhospital bezieht sich nicht auf Minderjährige, sondern auf die Leprakranken, die damals als „Kinder im Feld“ bezeichnet wurden. Damit wurde ausgedrückt, dass sie so hilfsbedürftig wie Kinder und aus den Wohnbereichen der Gesunden ausgegrenzt waren.[4]
Die Stiftung wurde durch zwei vom Stadtrat bestellten Provisoren (Verwalter) vertreten.[5] Als Amtshaus für ihre Visitationen wurde 1405 ein eingeschossiges Provisorenhaus in der Südostecke des Geländes errichtet, das 1584 erweitert und zweigeschossig ausgebaut wurde.
Bischof Ludwig II.bestellte 1342 einen Seelsorger für die Leprosen. 1449 wurde neben dem Hospital eine Leprosenkirche gebaut, die als rechtes Kirchenschiff der heutigen Kirche erhalten ist. Sie war mit zwei Altären ausgestattet, die der hl. Elisabeth und der hl. Gertrud geweiht wurden.[4] Bereits um 1586 ist ein vor der Kirche stehendes Lazarushäuschen nachgewiesen, wo Passanten für die Leprakranken Spenden hinterlegen konnten. Der jetzige Bau wurde 1618 errichtet.[6]
Im 16. Jahrhundert konnten in dem Hospital bis zu neun Leprakranke gleichzeitig versorgt werden. Im 17. Jahrhundert ging die Zahl der Leprafälle deutlich zurück. 1676 gab es erstmalig seit der Gründung eine Zeit ohne Leprosen in dem Spital. Auch in der Folge waren nur wenige Leprosen hier untergebracht. 1703 ist letztmals ein Leprakranker in dem Hospital erwähnt.[7]
1661 übernahm Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen die bisher städtisch verwaltete Stiftung und änderte ihre Zwecke. Er ließ ein Werk- und Erziehungshaus für verwahrloste Jugendliche errichten, das bis 1675 dieser Funktion diente. Er änderte auch das Patrozinium der zugehörigen Kirche von den für Pflege und Barmherzigkeit zuständigen Gertrud und Elisabeth auf den "Ziehvater" Josef. 1684 wurde es in ein städtisches Armenhaus umgewandelt. Es wurde seither als Pfründnerhaus bezeichnet. Das ehemalige Wohnhaus der Leprakranken, im heutigen Garten Richtung Kinderbach, wurde 1840 wegen Baufälligkeit abgerissen. Vom ursprünglichen Leprosorium verblieblieben nur Teile der Umfassungsmauer.
Die Änderung der Sozialgesetzgebung änderte den Charakter der Armenhäuser. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Wohnungen auch an kinderreiche Familien vermietet. Nach dem Zweiten Weltkrieg beherbergte es auch Menschen die ausgebombt waren. Zuletzt waren es vornehmlich alte Menschen.
Dies schlug sich auch in baulichen Veränderungen nieder. Waren es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch 34 einzelne Zimmer für jeweils eine Person, wurden diese mehr und mehr zusammengelegt, so dass zunächst Ehepaare, später auch ganze Familien einzogen. Es gab mehrere Gemeinschaftsräume, Abstellräume und Waschküchen. Die Gemeinschaftstoiletten befanden sich als Trockentoiletten in Schuppen beidseits des Hauses. 1954 wurden 14 Toiletten im Haus eingebaut. Ursprünglich gab es nur zwei Keller. Der älteste war schon beim Bau des Provisorenhauses im 15. Jahrhundert angelegt. Der andere bei dessen Umbau 1584. Das an diesen ältesten Bauteil angebaute Werkhaus war zunächst nicht unterkellert. In den 1930erJahren wurde unterhalb des östlichen Eingangs des Pfründnerhauses ein weiterer Keller geschaffen. Er sollte als Lagerraum und Luftschutzkeller genutzt werden. Im äußeren Zugangsbereich ist er mit einer Splitterschutzmauer versehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Keller zu Heizungskeller erweitert.[8]
Elektrischer Strom wurde 1938 eingerichtet. Der Streit um die Stromumlage unter den einzelnen Bewohnern wurde erst 1954 mit dem Einbau getrennter Stromzähler beigelegt.[9]
Die Räume im Pfründnerhaus waren bis 1850 bis auf die Gemeinschaftsräume unbeheizt. Ab dann wurde jeder Bewohner aufgefordert beim Einzug seinen eigenen Holzofen mitzubringen. Diese blieben beim Tod eines Bewohners im Haus, um mit der Zeit auch ärmeren Bewohnern einen Ofen zur Verfügung zu stellen. 1935 stellte das Wohnungsamt fest, dass sich zwei Holzöfen aus dem 17. Jahrhundert im Pfründnerhaus befanden, die in das Stadtarchiv überwiesen werden sollten. Erst 1967 wurde eine Zentralheizung installiert.[10]
Fließend Wasser stand bis in die späten 1980er nur in den Gemeinschaftsräumen zur Verfügung. Es gab also ein Gemeinschaftsbad, Wasser zum Waschen, Kochen und Putzen musste mit Eimern in die Wohnungen gebracht werden. Ab 1990 wurde beschlossen, dass freiwerdende Räume nicht mehr vermietet werden.[11]
Änderungen der Stiftungssatzung nach 1969 ermöglichten auch den „Bau, Bereitstellung und die Unterhaltung von Wohnungsmöglichkeiten, Betreuungseinrichtungen und Hilfsangeboten.“[12] Das Pfründerhaus stand nicht mehr im Mittelpunkt des Stiftungszwecks. Moderne Altencentren und -wohnungen und auch 288 Wohnungen in Coerde wurden jetzt an neuen Standorten gebaut.
Im Januar 1986 eröffnete das Lepramuseum in freigewordenen Räumen des ehemaligen Provisorenhauses, 1989 folgte das Heimatstübchen des Bürgervereins im vorderen Teil des Pfründnerhauses. 1993 folgte das Heimatmuseum. Gleichzeitig wurde der Sanierungsbedarf des Hauses immer offensichtlicher. Fassadenrenovierung, aufwendige Unterhaltungsarbeiten an der Fachwerkkonstruktion. Als nur noch zwei Frauen im Pfründnerhaus wohnten, entschloss sich die Stiftung die Immobilie zu verkaufen, da sie argumentierte, dass der Unterhalt von zwei Museen und der Denkmalschutz nicht mehr dem eigentlichen Stiftungszweck entsprachen.
Ende 2001 wurde das Haus an das städtische Wohnungsunternehmen Wohn + Stadtbau verkauft. Das Haus wurde mit eingeworbenen Zuschüssen, Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und erheblichen Eigenmitteln der Wohn + Stadtbau saniert. Die Museumsflächen wurden verkleinert und fünf Mietwohnungen eingerichtet.[13] Hiermit endete die Zeit der Liegenschaft als Hospital im Sinne seiner Gründung. Die Erinnerung wird durch die von der Stadt gewährte Denkalmeigenschaft und die beiden Museen wachgehalten.
Beschreibung
Das Gelände des Leprosenhospitals liegt im Norden des Stadtteils Kinderhaus westlich der Kirche St. Josef auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Straße Kinderhaus.
Von den historischen Bauten erhalten sind die Umfassungsmauer aus dem 14. Jahrhundert, das Provisorenhaus von 1405/1584, das Pfründnerhaus von 1661 und das gegenüber dem Hospital vor der Kirche liegende gehörende Lazarushäuschen von 1618.
Das Provisorenhaus, das heute mit dem Pfründnerhaus eine langgestreckte Einheit bildet, ist ein zweigeschossiger Bau mit Satteldach.
Denkmalschutz
Das Leprosenhospital ist seit dem 7. Juli 1986 unter der Nummer 668/1 in der Denkmalliste der Stadt Münster eingetragen mit der Anmerkung: "Das ehemalige Leprosenhaus ist aus stadt-, siedlungs-, sozial- und medizingeschichtlichen sowie bauhistorischen Gründen denkmalwert."[1]
Literatur
- Mirko Crabus: Kinderhaus im Mittelalter. Das Leprosorium der Stadt Münster. (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster). Aschendorff, Münster 2013, ISBN 978-3-402-14552-4.
- Gesellschaft für Leprakunde e.V. in Zusammenarbeit mit der Bürgervereinigung Kinderhaus e.V. (Hrsg.): Kinderhaus 1920 - 2020. Das ehemalige Leprosorium der Stadt Münster im Übergang in die Gegenwart. Johann Burlage, Münster 2020.
Weblinks
- Münster IV - Kinderhaus. In: lepramuseum.de. Gesellschaft für Leprakunde.
- Leprosorium Kinderhaus. In: uni-muenster.de. Universität Münster.
- Kranke versorgen. In: muenster.de. Stadtarchiv Münster.
- Armenhaus Kinderhaus (Leprosenstiftung). In: archive.nrw.de/. Landesarchiv NRW.
- Leprosenhaus, Leprosenhof, Leprosorium, Siechenhaus. In: lwl.org. LWL-Medienzentrum (Fotosammlung, teils historische Ansichten).
- Klaus Henning, Ralf Klötzer: Münster-Kinderhaus - Daten zur Geschichte. In: Gesellschaft für Leprakunde (Hrsg.): Leprosorien in Deutschland. Mai 2020 (Online [PDF; 226 kB]).