Lev Tahor
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Lev Tahor (hebräisch לֵב טָהוֹר, „reines Herz“) ist eine von Shlomo Helbrans gegründete fundamentalistische jüdische Gemeinschaft. International bekannt wurde sie aufgrund zahlreicher Ermittlungen wegen Entführung, Vergewaltigung, Kindesmisshandlung, Zwangsehen, Menschenhandel sowie sexueller Ausbeutung Minderjähriger. Seit den frühen 1990er Jahren wechselte Lev Tahor mehrfach den Standort, meist um Ermittlungen von Jugend- und Strafverfolgungsbehörden zu entgehen. Nach dem Tod des Gründers Shlomo Helbrans im Jahr 2017 übernahmen sein Sohn Nachman Helbrans und andere Führungspersonen leitende Rollen.
Geschichte
Die Lev Tahor Jeschiwa wurde Mitte der 1980er Jahre in Israel durch Shlomo Helbrans gegründet, der innerhalb der Gruppe umfassende religiöse und soziale Autorität beanspruchte.[1][2][3] Nach einer israelischen Untersuchung wegen Verbindungen zur damaligen Islamischen Bewegung in Israel floh Helbrans 1990 mit etwa 20 Anhängern in die Vereinigten Staaten.[3] In den USA wurde Helbrans 1994 zu 4–12 Jahren Gefängnis wegen Entführung eines jüdischen Teenagers verurteilt,[4] aber nach einem Berufungsverfahren bereits zwei Jahre später aus dem Gefängnis entlassen, mutmaßlich aufgrund einer Vorzugsbehandlung durch den damaligen Gouverneur George Pataki.[5][6]
Helbrans und seine Frau Malka wurden aus den USA ausgewiesen und im Jahr 2000 nach Israel deportiert.[7] 2001 ließ er sich mit einer Gruppe von 30 Familien in Ste. Agathe in der Nähe von Montreal nieder. Er erklärte, in Israel verfolgt zu werden und wurde im Oktober 2003 als Flüchtling anerkannt.[8] In Kanada stand Lev Tahor über Jahre im Fokus der Jugendbehörden, insbesondere in Québec und Ontario. Eine Untersuchung der Commission des droits de la personne et des droits de la jeunesse (CDPDJ) aus dem Jahr 2015 stellte fest, dass zwischen 2006 und 2014 insgesamt 134 Kinder der Gemeinschaft durch die Jugendhilfe überprüft wurden und dass die staatlichen Stellen in mehreren Fällen verspätet oder unzureichend koordiniert reagierten.[9][10] Kanadische Medien dokumentierten seit 2013 mehrere Interventionen des Directeur de la protection de la jeunesse (DPJ), darunter gerichtliche Anordnungen zur Fremdplatzierung von Kindern sowie Fluchtbewegungen einzelner Familien ins Ausland, um laufenden Verfahren zu entgehen.[11]
Während des laufenden Berufungsverfahrens in Kanada flohen Lev Tahor-Anhänger nach Guatemala.[12][13] Ein Teil der Gruppe wurde in Trinidad und Tobago an der Weiterreise nach Guatemala gehindert und nach Kanada zurückgeschickt.[14] Rund 230 Mitgliedern der Gruppe gelang die Reise nach Guatemala, wo sie sich in San Juan La Laguna niederließen, einem kleinen Maya-Dorf etwa 100 Meilen westlich der Hauptstadt.[15] Im August 2014 jedoch forderten die Dorfvorsteher die Gruppe auf, das Dorf zu verlassen. Sie führten unüberbrückbare Differenzen an. Die Einheimischen hatten sich darüber beschwert, dass die Männer von Lev Tahor sich weigerten, den weiblichen Ladenbesitzerinnen die Hand zu geben, und dass die Sektenmitglieder nackt im See badeten.[16]
Im September 2016 führte die guatemaltekische Polizei auf Ersuchen der israelischen Behörden eine Razzia auf dem Gelände von Lev Tahor durch und verhaftete dessen Anführer wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch. Die Razzia veranlasste die Mitglieder, den Ort zu verlassen und an einen neuen Standort im Osten Guatemalas zu ziehen. Sie beklagten sich darüber, dass sie aufgrund ihres Glaubens verfolgt würden.[17][18]
Ein israelisches Gericht stufte Lev Tahor im April 2017 nach Auswertung der Akten als „gefährlichen Kult“ ein, der das Wohl von Kindern systematisch gefährde.[2][19] Shlomi Helbrans ertrank im Juli 2017 in Mexiko, wohin er und seine Gruppe einige Wochen zuvor vor den guatemaltekischen Behörden geflohen waren.[17]
2021 wurde die Gruppe von Guatemala daran gehindert, nach Mexiko auszureisen, von wo aus sie via Kurdistan nach Iran fliegen wollten. Auf Ersuchen israelischer und US-amerikanischer Beamter hatte Guatemala bereits vorgängig Mitglieder daran gehindert, das Land zu verlassen, als sie versuchten, in die Islamische Republik zu reisen.[20]
In den USA wurden im März 2022 die beiden Lev Tahor-Führungspersonen Nachman Helbrans und Meyer Rosner wegen der Entführung zweier Kinder aus Guatemala nach Mexiko zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.[21] Im Juni 2022 wurden auch Mordechay Malka und Matityau Malka im Zusammenhang mit den Entführung verurteilt.[22]
Bei einer von einem Bundesrichter angeordneten Razzia der Polizei wurden im September 2022 aus einem Dschungelgelände der Gruppe nördlich von Tapachula (Chiapas) mehrere Kinder und Jugendliche in eine Einrichtung des mexikanischen Sozialministeriums gebracht. Die Jungen und Mädchen seien rasch vom Rest der Gruppe getrennt worden, da befürchtet wurde, dass ihr Leben durch Mitglieder gefährdet sein könnte. Der dreijährige Sohn eines Israelis, der die Gruppe 2020 in Guatemala verlassen hatte, wurde dem Vater übergeben, welcher bei der Razzia anwesend war.[23] Er hatte bereits in Guatemala versucht, seinen Sohn zu befreien.[24] Wenige Tage später überwältigten rund 20 der in Huixtla festgehaltenen Mitglieder das Sicherheitspersonal der Haftanstalt und flüchteten in einem bereits wartenden Fahrzeug in Richtung Guatemala.[25][26]
Im Juli 2024 wurden drei Brüder und Lev Tahor-Führungspersonen zu langen Haftstrafen verurteilt. Yakov Weingarten und Shmiel Weingarten erhielten eine Gefängnisstrafe von je 14 Jahre und Yoil Weingarten eine Gefängnisstrafe von 12 Jahren.[27]
Im Dezember 2024 retteten guatemaltekische Behörden rund 160 Minderjährige aus einem Lager der Gemeinschaft. Der Gemeinschaft wurden Kinderhandel, Zwangsehen und andere Formen sexueller Gewalt vorgeworfen.[28][29] Uriel Goldman, einer der Führer von Lev Tahor, wies die Vorwürfe zurück.[30][31]
Im Juni 2025 wurde von El Salvador Jonathan Cardonaan nach Guatemala und Eliezer Rumpler an Israel ausgeliefert. Cardonaan wurde Vergewaltigung, Kindsmissbrauch und Menschenhandel vorgeworfen, Rumpler wurde wegen Misshandlung von Studenten gesucht.[32]
Im November 2025 überprüften kolumbianische Behörden in einem Hotel in Yarumal insgesamt 26 Personen der Gruppe, die Ende Oktober in Kolumbien eingereist war. Die Behörden nahmen 17 Minderjährige in Schutzgewahrsam. Fünf der Kinder standen auf internationalen Vermisstenlisten von Interpol.[33][34][35][36] Die Gruppe hatte geplant, sich in Antioquia niederzulassen.[37]
Religiöse Lehre und Riten
Lev Tahor präsentiert sich als streng religiöse Gemeinschaft, die eine „reine“ Form des Judentums anstrebt und moderne Einflüsse ablehnt.[31] Gebete dauern deutlich länger als in anderen ultraorthodoxen Gemeinden; das morgendliche Schacharit kann bis zu vier Stunden dauern.[38] Viele Lebensmittel werden innerhalb der Gemeinschaft selbst hergestellt; die Gruppe führt zusätzliche Reinheitsgebote ein, die über klassische jüdische Vorschriften hinausgehen.[2]
Kleidung
Charakteristisch ist die Kleidung der Frauen und Mädchen, welche schwarze Burkas über mehreren Lagen Unterwäsche tragen. Ihre Beine sind stets mit Strumpfhosen und Socken bedeckt, und sie müssen sogar im Haus Schuhe tragen. Die Mädchen tragen ab einem Alter von drei Jahren marineblaue Burkas.[38] Die Kleidung der Männer entspricht zwar äußerlich chassidischen Traditionen, wird aber ähnlich streng reglementiert.[2]
Zwangsheirat
Gerichtsakten dokumentieren arrangierte Ehen, teils zwischen sehr jungen Mädchen und deutlich älteren Männern. Ein israelisches Gutachten beschreibt die Verheiratung einer 13-Jährigen durch den Gründer.[2] US-Gerichte stellten fest, dass führende Mitglieder Minderjährige entführten, um „Kinderehen“ fortzuführen.[27][22]
Kindererziehung
Kinder werden nicht auf die Schule geschickt, sondern intern unterrichtet; Behörden in Kanada und Guatemala stellten erhebliche Defizite fest.[39] Ehemalige Mitglieder berichten von körperlicher Züchtigung, erzwungenen Versetzungen in fremde Haushalte und isolierenden „Disziplinierungsräumen“.[2] Eine Hilfsorganisation in Guatemala dokumentierte sexueller Gewalt gegen Minderjährige.[40]