Lothar Bohmüller
deutscher Jurist und Bibliothekar
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Leben und Wirken
Lothar Bohmüller absolvierte eine Ausbildung zum Industriekaufmann in seiner Heimatstadt Jena, bevor er 1942 zum Kriegsdienst eingezogen wurde und als Soldat der Luftwaffe viereinhalb Jahre an der Front und in Gefangenschaft verbrachte.[1] Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er 1946 in den Dienst der Deutschen Volkspolizei und wurde Mitglied der SED. Bis 1970 war er zudem stellvertretender Hauptabteilungsleiter im Ministerium des Innern. Daneben studierte er Rechtswissenschaft an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft und promovierte am 16. Februar 1962 mit einer Gemeinschaftsarbeit (zusammen mit Helmut Schönberg) zum Thema Der Beitrag der Ständigen Kommissionen Innere Angelegenheiten, Volkspolizei und Justiz in den Stadt- und Landkreisen zur Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nach seiner Habilitation 1965 mit einer Schrift zur Zurückdrängung und Überwindung von Störungen der Ordnung und Sicherheit wurde Bohmüller am 15. August 1970 zum Direktor der Universitätsbibliothek Jena ernannt.[2] In diesem Amt führte er den von seiner Vorgängerin Annemarie Hille eingeleiteten Prozess zur Bildung eines einschichtigen Bibliothekssystems „behutsam, aber konsequent“ fort.[3] Im Jahr 1979 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt.[4] Darüber hinaus war er Vorsitzender der Hochschulgruppe Urania an der Universität Jena. Am 31. März 1990 ging er in den planmäßigen Ruhestand; auf Initiative der Mitarbeiter folgte ihm der parteilose Konrad Marwinski, sein langjähriger Stellvertreter, nach.[5] Bohmüller lebte zuletzt in Stadtroda.[1][6]
Bohmüller trat auch durch Beiträge zur Geschichte der Universitätsbibliothek Jena, insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus, hervor. So publizierte und interpretierte er die Diensttagebücher des Direktors Theodor Lockemann aus den Jahren 1933 bis 1944 zunächst auszugsweise im Zentralblatt für Bibliothekswesen[7] – eine laut Jürgen Hönscheid „in dieser Form für die DDR einzigartige Quellenedition“, die er 1989 gemeinsam mit Konrad Marwinski im Sammelband Die Universitätsbibliotheken Heidelberg, Jena und Köln unter dem Nationalsozialismus vollständig veröffentlichte.[8] Die Präsentation der Ergebnisse der Edition in einer Konferenzschrift zu Bibliotheken während des Nationalsozialismus[9] nahm Walter Barton indes zum Anlass, Bohmüller scharf zu kritisieren: „In diesem Band erhält leider Lothar Bohmüller […] Gelegenheit, für die nationalsozialistische Zeit das zu kritisieren, was er unter dem real existierenden Sozialismus im Amt selber praktizierte: weltanschauliche Aussonderung von Literatur, Unterdrückung des Geistes und Inhumanität.“[10] Dahingegen reüssiert die Arbeit bei Christine Koch; ihr zufolge biete sie „dem Leser auf einer fundierten Quellenbasis interessante und neue Einblicke in den Bibliotheksalltag, wobei dem Diensttagebuch dabei ein unschätzbarer Wert beizumessen“ sei. Bohmüller und Marwinski hätten einen „wichtige[n] Beitrag zur regionalen Erforschung einzelner Bibliotheken im Nationalsozialismus“ geleistet.[11]
Schriften (Auswahl)
- mit Alfred Meyer, Otto Adam: Die Wiedereingliederung Strafentlassener in das gesellschaftliche Leben und die Erziehung kriminell gefährdeter Bürger. Ministerium des Innern, Berlin 1970.
- mit Otto Adam: Zur Praxis der sozialistischen Leitungstätigkeit an wissenschaftlichen Bibliotheken. Methodisches Zentrum für Wissenschaftliche Bibliotheken beim Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen, Berlin 1977.
- mit Władysław A. Serczyk (Hrsg.): Bibliothek und Universität. Erfahrungen aus Kraków und Jena. Jagiellonische Bibliothek, Krakau; Universitätsbibliothek, Jena 1979.
- Aus den Tagebüchern der Direktoren der Universitätsbibliothek Jena. Ein Beitrag zur Geschichte der Universitätsbibliothek Jena. Universitätsbibliothek, Jena 1986.
- mit Konrad Marwinski: Bibliotheksalltag 1820. Aus den Diensttagebüchern des Jenaer Universitätsbibliothekars Georg Gottlieb Güldenapfel und seiner Mitarbeiter. Universitätsbibliothek, Jena 1988, ISBN 3-910014-04-6.
- mit Konrad Marwinski: Die Universitätsbibliothek Jena von 1933 bis 1945. In: Ingo Toussaint (Hrsg.): Die Universitätsbibliotheken Heidelberg, Jena und Köln unter dem Nationalsozialismus. Saur, München 1989, ISBN 3-598-10858-3, S. 91–287.
Literatur
- Mitarbeiterkollektiv der Universitätsbibliothek Jena: Prof. Dr. Lothar Bohmüller zum 65. Geburtstag. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen. Band 103, Nr. 3, 1989, S. 138 f.
- Dirk Breithaupt: Bohmüller, Lothar. In: Rechtswissenschaftliche Biographie DDR. Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Berlin 1993, S. 205 f., doi:10.22032/dbt.47987.