Lothar Kolditz

deutscher Chemiker und Politiker (SED), MdV From Wikipedia, the free encyclopedia

Lothar Kolditz (* 30. September 1929 in Albernau, Amtshauptmannschaft Schwarzenberg, Sachsen; † 7. Mai 2025[1][2] in Fürstenberg/Havel) war ein deutscher Chemiker, Hochschullehrer und Politiker. Nach Tätigkeiten als Hochschul- und Universitäts-Professor war er von 1980 bis 1990 Direktor des Zentralinstituts für Anorganische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR. In der DDR übte Kolditz, der parteilos blieb, hohe staatliche und gesellschaftliche Funktionen aus. Er war von 1981 bis 1989 Präsident des Nationalrates der Nationalen Front, von 1982 bis 1990 Mitglied des Staatsrates der DDR und von 1986 bis 1990 Abgeordneter der Volkskammer in der Kulturbund-Fraktion.

Lothar Kolditz (2007)

Leben

Familie und Ausbildung

Lothar Kolditz spricht als Präsident des Nationalrates der Nationalen Front auf dem Pfingsttreffen der Jugend in Eisenach, 1982

Kolditz wurde in Albernau in der heutigen Gemeinde Zschorlau im Erzgebirge geboren als Sohn des Tischlers Paul Kolditz und seiner Ehefrau Ella, geborene Bauer. Von 1941 bis 1948 besuchte er das Gymnasium in Aue (Sachsen).

Nach dem Abitur studierte Kolditz von 1948 bis 1952 Chemie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit Abschluss als Diplom-Chemiker. Seine Diplomarbeit Über Kaliumborfluoridtetraschwefeltrioxyd und die Darstellung von Trisulfurylfluorid entstand unter Anleitung von Hans-Albert Lehmann. Hier wurde er 1954 auch zum Dr. rer. nat. promoviert; die Dissertation Über Polyarsenatophosphate wurde unter Anleitung des Lehrstuhlinhabers Erich Thilo (1898–1977) angefertigt. Anschließend habilitierte sich Kolditz 1957 mit einer Arbeit Über Verbindungen von fünfwertigem Phosphor, Arsen und Antimon mit Fluor und Chlor.

Kolditz war seit 1951 verheiratet mit Ruth, geb. Schramm; das Ehepaar hatte zwei erwachsene Töchter und lebte in Steinförde.

Hochschul- und Universitäts-Professor

Nach seiner Habilitation erhielt er 1957 eine Berufung zum Professor mit Lehrauftrag für anorganische und Radiochemie an die Technische Hochschule für Chemie Leuna-Merseburg. Im Jahre 1959 wurde Kolditz an die Friedrich-Schiller-Universität Jena berufen. Dort war er bis 1962 als Nachfolger des emeritierten Franz Hein (1892–1976) Professor für anorganische Chemie und Direktor des Anorganisch-Chemischen Instituts.

Im Jahre 1962 kehrte Kolditz zurück an die Humboldt-Universität Berlin, zunächst als Professor mit Lehrstuhl und Direktor des Ersten Chemischen Instituts (1962–1968). Von 1965 bis 1968 war er zugleich Prorektor für Naturwissenschaften der Humboldt-Universität. 1969 erfolgte seine Wahl als Korrespondierendes Mitglied in die Deutsche Akademie der Wissenschaften. Nach der 3. Hochschulreform des Jahres 1968 übernahm er von 1971 bis 1979 als Direktor die Sektion Chemie der Humboldt-Universität. 1972 wurde er zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR gewählt.

Akademie-Professor

Von 1980 bis 1990 war Kolditz an der Akademie der Wissenschaften der DDR als Direktor des Zentralinstituts für Anorganische Chemie (ZIAC) in Berlin tätig. Das ZIAC war 1971 entstanden durch Vereinigung des 1952 gegründeten Instituts für anorganische Chemie und des 1951 gegründeten Instituts für angewandte Silicatforschung. Mit der Auflösung der Akademie der Wissenschaften der DDR und somit auch des ZIAC zum 31. Dezember 1991 ging Kolditz in den Vorruhestand.

Politisches Wirken

Lothar Kolditz (links) als Präsident des Nationalrates der Nationalen Front auf einer Beratung der Vorsitzenden der Blockparteien mit dem Generalsekretär des ZK der SED, 1982

Im September 1971 wurde Lothar Kolditz in die Wahlkommission der DDR zur Wahl der Volkskammer und der Bezirkstage am 14. November 1971 berufen.[3] Von September 1980 bis Oktober 1981 war er als Nachfolger von Josef Stanek Vorsitzender des Bezirksausschusses Berlin der Nationalen Front.

Am 30. Oktober 1981 wurde Kolditz zum Präsidenten des Nationalrates der Nationalen Front und im Juli 1982 auch zum Mitglied des Staatsrates der DDR gewählt. Ferner war er von 1983 bis 1990 Mitglied des Präsidiums des Zentralvorstandes der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und von 1986 bis 1990 Mitglied des Präsidialrates des Kulturbundes der DDR.

Zur Volkskammerwahl 1986 überreichte Lothar Kolditz als Präsident des Nationalrats der Nationalen Front im Mai 1986 den Wahlvorschlag der Nationalen Front an den Vorsitzenden der Wahlkommission der Republik, Egon Krenz.[4] Der Wahlvorschlag erhielt nach dem amtlichen Ergebnis 99,94 % Zustimmung. Damit wurde Lothar Kolditz auch selbst in die Volkskammer gewählt, der er als Mitglied der Kulturbund-Fraktion als parteiloser Abgeordneter bis zum Ende der Wahlperiode 1990 angehörte.

Während der Wende und friedlichen Revolution in der DDR nahm Kolditz noch am 13. Oktober 1989 an einer Beratung über aktuelle Aufgaben bei der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft in der DDR mit Erich Honecker und den Vorsitzenden der Blockparteien Teil. Während Manfred Gerlach, Vorsitzender der LDPD, auf kritische Formulierungen im anschließenden Kommunique drängte, stimmte Kolditz mit den anderen drei Parteivorsitzenden den Ausführungen Honeckers uneingeschränkt zu.[5] Am 7. Dezember 1989 musste Kolditz dann als Präsident des Nationalrats der Nationalen Front zurücktreten.[6] Ein neuer Präsident wurde nicht mehr gewählt; die Nationale Front wurde in der Folge aufgelöst.

Aktives Mitglied der Leibniz-Sozietät

Lothar Kolditz bei der Leibniz-Sozietät (2014)

Im Ruhestand lebte Kolditz in Steinförde, das 2003 als Ortsteil in die Stadt Fürstenberg/Havel eingemeindet wurde, wo er 2025 starb.

Kolditz fand nach der Wiedervereinigung schließlich einen neuen Wirkungskreis in der 1993 gegründeten Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, die die Traditionen der aufgelösten Akademie der Wissenschaften der DDR in personeller Kontinuität fortführt. Er war seit 1993 Mitglied der Leibniz-Sozietät. Im Jahre 1996 wurde er stellvertretender Sekretar der Klasse Naturwissenschaften. Von Mitte 2000 bis Anfang 2009 war er Vizepräsident der Leibniz-Sozietät. Für sein Wirken wurde er mit der Ehrenurkunde der Leibniz-Sozietät ausgezeichnet.

Er veröffentlichte zahlreiche Beiträge in den Sitzungsberichten Leibniz-Sozietät und in der Internetzeitschrift Leibniz Online.

Forschungsschwerpunkte und publizistische Tätigkeit

Seit seiner Promotion 1954 an der Humboldt-Universität beschäftigte sich Kolditz mit Radiochemie und der Chemie der Halogene, besonders der des Fluors:

  • Halogenchemie: Untersuchung reiner und gemischter Halogenide, von Oxo- und Thio-fluoro-Komplexen; Kinetik von Halogenierungsreaktionen (z. B. der Gasphasenfluorierung in Gegenwart geeigneter Katalysatoren); Verwertung einheimischer Rohstoffe und Abprodukte
  • Festkörperchemie: Reaktivität von Festkörpern bei der Zersetzung von Halogeno- und Oxo-Komplexen.

Im Zentralinstitut für Anorganische Chemie (ZIAC) der AdW wurden unter Leitung von Kolditz seit 1980 als Forschungsschwerpunkte neben der Halogenchemie die Phosphorchemie, die Silicatchemie und die Entwicklung moderner Glas- und Keramikwerkstoffe betrieben. Beispielsweise wurden auf Fluorcarbonbasis Blutersatzstoffe entwickelt, außerdem Schmierstoffe und selbstschmierende chemisch verankerte Überzüge auf Metallen.

Die publizistische Tätigkeit von Kolditz umfasst etwa 350 Originalveröffentlichungen in Fachzeitschriften, 37 Patente sowie weit über 200 Kolloquiumsvorträge im In- und Ausland bzw. Plenar- und Hauptvorträge auf nationalen und internationalen Tagungen. Er war langjähriges Mitglied in den Redaktionskollegien mehrerer Zeitschriften: 1971–1991 Journal of Fluorine Chemistry, 1981–1991 Chemie der Erde, 1960–1962 Urania, 1964–1990 Wissenschaft und Fortschritt, 1960–1990 Mitherausgeber der Zeitschrift für Chemie, 1983–1987 ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift für anorganische und allgemeine Chemie (damaliger Chefredakteur Günther Rienäcker), 1988–1990 Chefredakteur dieser Zeitschrift.

Für die deutsche Übersetzung der Dissertation von Akademiemitglied Elena Ceaușescu, der Gemahlin des rumänischen Staats- und Parteichefs Nicolae Ceaușescu, welche 1987 unter dem Titel Stereospezifische Polymerisation von Isopren im VEB Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie erschien, steuerte Kolditz das Vorwort bei.[7]

Veröffentlichungen (Auswahl)

Buchpublikationen

  • Radiochemie. In: Gustav Hertz: Lehrbuch der Kernphysik, Band III, Angewandte Kernphysik. B. G. Teubner Verlagsgesellschaft, Leipzig 1962.
  • Hrsg.: Włodzimierz Trzebiatowski: Lehrbuch der anorganischen Chemie. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1963, 6. Auflage 1970 (Übersetzung aus dem Polnischen).
  • Halides of Arsenic and Antimony. In: H. J. Emeleus und A. G. Sharpe (Hrsg.): Advances in Inorganic Chemistry and Radiochemistry. Vol. 7. Academic Press, New York/London 1965.
  • Halides of Arsenic and Antimony. In: Gutmann (Hrsg.): Halogen Chemistry. Vol. 2. Academic Press New York/London 1967.
  • Hrsg.: Anorganikum: Lehr- und Praktikumsbuch der anorganischen Chemie; mit einer Einführung in die physikalische Chemie. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1967, 12. Auflage 1989; Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig-Berlin-Heidelberg, 13. Auflage 1993. Russische Übersetzung: Mir Verlag, Moskva 1984.
  • Verbindungen von Niob und Tantal. In: Niedenzu, Lexington, Kentucky (Hrsg.): Houben-Weyl, Methodicum Chimicum. Band VIII. Georg Thieme Verlag, Stuttgart und Academic Press, New York/London 1974 (auch engl. Ausgabe Compounds of Nb and Ta).
  • mit Günter Kauschka: Austauschreaktionen. In: Neuere Entwicklungen der anorganischen Chemie. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1974.
  • Hrsg. und Mitautor: Anorganische Chemie. (Lehrbuch). Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1978, 3. Auflage 1990. Polnische Übersetzung, Warschau 1994.
  • mit Jurij Alexandrovič Buslaev und Eleonora Alexandrovna Kravčenko: Nuclear quadrupole resonance in inorganic chemistry. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1987.
  • Perfluorohalogenoorgano Compounds of Main Group Elements. In: Gmelin Handbook of Inorganic and Organometallic Chemistry. 8th Edition, 2nd Supplement, Vol. 1. Springer Verlag 1994.
  • Die Lindenuniversität 1945 bis 1990 – Wiederaufbau, Konsolidierung und Turbulenzen in der Chemie, das Prorektorat für Naturwissenschaften. In: Wolfgang Girnus und Klaus Meier (Hrsg.): Die Humboldt-Universität Unter den Linden 1945 bis 1990. S. 239–248. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2010.
  • Preparation of Fluorine-Containing Molecular Halides and Heteropolar Salts with Elements of Group 15 and Niobium and Tantalum Halides; Fluoro and Fluorohydroxy Complexes of As, Sb and Sn. In: ed. by Herbert W. Roesky: Efficient Preparations of Fluorine Compounds. A John Wiley & Sons, Inc. Publication 2013, S. 108–120.

Zeitschriftenbeiträge

Veröffentlichungen in internationalen Zeitschriften sowie besonders in der Zeitschrift für anorganische und allgemeine Chemie und in der Zeitschrift für Chemie.

Mitgliedschaften, Ehrungen und Auszeichnungen

Literatur

Siehe auch

Einzelnachweise

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