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Ludwig Heinrich Jungnickel

österreichischer Maler und Illustrator From Wikipedia, the free encyclopedia

Ludwig Heinrich Jungnickel (* 22. Juli 1881 in Wunsiedel; † 14. Februar 1965 in Wien) war ein deutsch-österreichischer Maler und Illustrator, der vor allem durch seine Tierbilder bekannt wurde.

Leben

Ludwig Heinrich Jungnickel wurde als viertes Kind des Bahnbeamten Georg Jungnickel und seiner Frau Johanna Kunigunde in Wunsiedel (Oberfranken) geboren. 1885 zog die Familie nach München, wo Jungnickel ab 1896 die Kunstgewerbeschule besuchte.

Ausbildung

Nach dem Tod seiner Mutter unternahm er zusammen mit seinem jüngeren Bruder ausgedehnte Bergwanderungen, die sie bis nach Österreich führten. 1897 gelangten sie nach Rom, wo Jungnickel durch den Verkauf von Zeichnungen an Touristen seinen Lebensunterhalt und den seines Bruders sicherte. Der italienische Archäologe Orazio Maruchi ermöglichte es ihm, in den Sammlungen des Vatikans Kopien von den dortigen Bildern anzufertigen. Deren Qualität war so gut, dass man ihm eine Ausbildung zum Kirchenmaler vorschlug. Zu diesem Zweck wurde Ludwig Heinrich Jungnickel Zögling im Kloster Tanzenberg bei Klagenfurt.

1899 zog er nach Wien und schrieb sich an der Wiener Akademie in der Allgemeinen Malerschule bei Christian Griepenkerl ein, Studium bei August Eisenmenger und Julius Schmid. Um 1900 war er für den Kölner Schokoladeproduzenten Ludwig Stollwerck mit Entwürfen für Stollwerck-Sammelbilder tätig.[1] Nach der Rückkehr von einer Ungarnreise inskribierte er sich 1902 bei Alfred Roller an der Kunstgewerbeschule des k. k. Museums für Kunst und Industrie.[2] 1905 ging Jungnickel nach München an die Akademie der bildenden Künste zu Professor Marr und kehrte 1906 an die Wiener Akademie der bildenden Künste (William Unger) zurück.

Karrierebeginn und erste Anerkennung

Der künstlerische Durchbruch gelang ihm durch die Veröffentlichung von Bildern in Schablonenspritztechnik, die er nach der Kunstzeitschrift The Studio erfunden hatte. 1906 stellte er an der Wiener Secession aus, deren Mitglied er aber nie wurde. Als Mitarbeiter der Wiener Werkstätte entwarf er Gläser, Vasen, Stoffe, Tapeten, Teppiche, Gebrauchsgrafiken und Postkarten. Das Palais Stoclet, das nach Entwürfen von Josef Hoffmann in Brüssel erbaut wurde, bietet zusammen mit der Wiener Werkstätte zahlreichen Künstlern, darunter Gustav Klimt und Jungnickel, die Möglichkeit, an einem gemeinschaftlichen Werk zu arbeiten. Jungnickels wohl bedeutendstes Werk sind die Entwürfe für einen Tierfries, der für ein Kinderzimmer im Palais Stoclet geschaffen wurde.

Jungnickel gelingt es, sich der sogenannten „Klimt-Gruppe“ anzuschließen – einer Künstlervereinigung, die sich nach der Abspaltung von der Secession formiert hatte und zu der auch Egon Schiele gehörte. In der Kunstschau 1908 in Wien stellte Ludwig Heinrich Jungnickel seine ersten Farbholzschnitte aus, denen 1909 eine Serie von Farbholzschnitten von Tieren aus dem Tiergarten Schönbrunn folgte.

Für seine Farbholzschnitte wurde Jungnickel internationale Anerkennung zuteil. Bei der Internationalen Kunstausstellung 1911 in Rom erhielt er den Grafikerpreis, in Amsterdam die goldene Medaille. In Leipzig wurde ihm 1914 die Staatsmedaille der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Grafik Bugra verliehen und 1915 in San Francisco die Silber- und Bronzemedaille der Internationalen Ausstellung.

Reisen und künstlerisches Schaffen

1911 erhielt Ludwig Heinrich Jungnickel die Professur an der Fachklasse für Graphische Kunst in Frankfurt. Im gleichen Jahr präsentierte er Farbholzschnitte mit Ansichten von Frankfurt, die in Fachkreisen enthusiastisch aufgenommen wurden. Ein Jahr später – 1912 – kehrte er nach Wien zurück und beschäftigte sich mit Tapetenentwürfen, der Gestaltung von Exlibris und fertigte weitere Tierholzschnitte an. Studienreisen führten Ludwig Heinrich Jungnickel 1912 nach Bosnien und in die Herzegowina und 1914 nach Ungarn. Hauptthema auf diesen Reisen waren Menschen (Porträts, Volksszenen und Akte).

Grabstätte von Ludwig Jungnickel

Während des Ersten Weltkriegs wechselte Ludwig Heinrich Jungnickel von den grafischen Arbeiten verstärkt zu Zeichnungen mit Kohle, Kreide und Bleistift. Ende 1915 leistete er ein halbes Jahr lang Militärdienst im Deutschen Kaiserreich, wurde dabei aber nicht an der Front eingesetzt. 1917 fertigte er eine Mappe mit sechs Farbholzschnitten Tiere der Fabel, die später um 24 Farblithografien zur Illustration der Äsopschen Tierfabeln des klassischen Altertums erweitert wurden und 1919 beim Verlag Schroll in gebundener Form erschienen. 1918 erhielt Ludwig Heinrich Jungnickel die österreichische Staatsbürgerschaft. Das Italienische Skizzenbuch mit 40 Lithografien erschien 1921 und 1922 im Haybach-Verlag Wien L. H. Jungnickel – Studien aus der Spanischen Hofreitschule. In den 1920er Jahren unternahm er zahlreiche Reisen, die ihn nach Deutschland, Holland, Italien und Jugoslawien führten. In Italien und Jugoslawien entstanden vor allem Bilder von Küstenlandschaften. Er schuf aber auch weiterhin Tierbilder.

Die Erfahrungen, die Jungnickel durch seine Arbeiten für die Wiener Werkstätte sammelte, flossen ab 1926 in seine Tätigkeit als Keramik-Designer ein. Zunächst arbeitete er für die Gmundner Keramik, bevor er nach der Abspaltung zur Nachfolgefirma Schleiss-Keramik wechselte. Trotz kriegsbedingter Unterbrechungen setzte sich seine Zusammenarbeit bis in die 1950er Jahre fort und mündete in etlichen keramischen Einzelstücken.[3]

Jungnickel war auch Schüler am Bauhaus in Weimar, denn die 1919 veröffentlichte Jahresmappe der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Wien „Studierende des Bauhauses“ enthält als Blatt 2 seine Lithografie Reitschule. Ab 1924 war Ludwig Heinrich Jungnickel Mitglied des Wiener Künstlerhauses, wo er sich regelmäßig an Ausstellungen beteiligte. 1930 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für bildende Kunst und die Goldene Ehrenmedaille der Genossenschaft der bildenden Künstler Wien. Ab den 1930er Jahren verbrachte Ludwig Heinrich Jungnickel die Sommer meist in Kärnten, wo er Anschluss an andere Künstler fand, und die Wintermonate im Mittelmeerraum.

1933 wurde Jungnickel Mitglied im Rotary Club Villach, der nach dem Anschluss 1938 von den Nationalsozialisten zwangsaufgelöst wurde.[4] 1936 nahm er an der Biennale in Venedig teil. 1937 zeigte er seine Werke in München, Paris, Zürich, Bern und den USA. In München nahm er an der Großen Deutschen Kunstausstellung 1937 teil, wo seine Zeichnung Dalmatinischer Esel zu sehen war. Im selben Jahr erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis für bildende Kunst.

Leben im Exil und späte Rückkehr

Jungnickels Reisen in die Balkanländer hatten für sein Leben ab 1939 eine entscheidende Bedeutung. Als der Präsident des Wiener Künstlerhauses seinen Ariernachweis nicht weitergab und er daraufhin denunziert wurde, entschloss er sich zur Emigration. Zunächst zog er nach Split, bevor er sich in Opatija niederließ. Dort versuchte er vergeblich, die Angelegenheit mit den Behörden schriftlich zu klären. Wegen staatsfeindlicher Betätigung wurde er angeklagt. Währenddessen räumte die Gestapo eines seiner Ateliers, was zum Verlust vieler seiner frühen Werke führte. Nach mehreren Jahren in Opatija, wo er sich mit dem Verkauf selbst gezeichneter Ansichtskarten über Wasser hielt, gelang es Freunden 1952, seine Rückkehr nach Österreich zu ermöglichen. Zunächst lebte er in Villach, in den 1960er Jahren in Wien.

Nach seinem Tod wurde Ludwig Heinrich Jungnickel auf dem Kalksburger Friedhof (Gr. 12, Nr. 33) in Wien-Liesing beigesetzt.

Ehrungen

Gedenktafel in der Grünbergstraße 31 in Wien-Meidling

So wie schon in der Zwischenkriegszeit erhielt Ludwig Heinrich Jungnickel auch in der Nachkriegszeit zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen. Vom österreichischen Bundespräsidenten erhielt er eine Ehrengabe auf Lebenszeit (1955), von der Gesellschaft der bildenden Künstler in Wien den „goldenen Lorbeer“ (aus Anlass des 75. Geburtstags 1956), die Bronzemedaille für Verdienste um die Republik Österreich und einen Förderpreis (1957), die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien (1961) und 1964 wurde er Ehrenmitglied des Wiener Künstlerhauses.

Werke (Auszug)

  • Rauchende Grille, Farbholzschnitt, 1910.[5]
  • Das Gewitter, Tempera auf Papier, 1913, 51,8 × 51 cm, signiert „L.H. JUNGNICKEL 13“, Österreichische Galerie Belvedere
  • Die Sintflut, Öl auf Leinwand, um 1913, 100 × 110 cm, signiert „L.H. / JUNGNICKEL“, Österreichische Galerie Belvedere
  • Erbeutete Geschütze vor dem Heeresmuseum, 1917/18, Heeresgeschichtliches Museum, Wien
  • Kuhstall, Öl auf Leinwand, 1919, 60 × 76,5 cm, signiert „L.H. / JUNGNICKEL 19“, Österreichische Galerie Belvedere
  • Bucht von Neapel, Öl auf Leinwand, um 1920, 104,5 × 68 cm[6]
  • Kämpfende Hähne, Öl auf Leinwand, 1921, 92,5 × 91 cm, signiert „L. H. JUNGNICKEL 21“, Österreichische Galerie Belvedere[7]

Ausstellungen

Literatur

  • Selma Krasa: Jungnickel, Ludwig Heinrich. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 10. Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 689–690 (deutsche-biographie.de).
  • Ilse Krumpöck: Bahnbrecher der Moderne. Frühwerke einer prominenten Künstlergeneration, in: Viribus Unitis. Jahresbericht 2000 des Heeresgeschichtlichen Museums, Wien 2001, S. 67–72.
  • Ilse Spielvogel-Bodo: L. H. Jungnickel – Ein Leben für die Kunst. Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt 2000, ISBN 3-85366-870-4.
  • Peter A. Weber, Erich Maier, Günther Fritz: Jungnickel. Villach 1993.
  • Claus Jesina: Jungnickel, Ludwig Heinrich. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 78, De Gruyter, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-023183-0, S. 516 f.
  • Katharina Zetter-Karner und Christa Zetter (Hrsg.): Ludwig Heinrich Jungnickel. Katalog anlässlich der Verkaufsausstellung Ludwig Heinrich Jungnickel, Graphisches Atelier Neumann, Wien, ISBN 978-3-9504825-5-3
Commons: Ludwig Heinrich Jungnickel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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