Maria Schilder

deutsche Zoologin (1898 – 1975) From Wikipedia, the free encyclopedia

Maria Schilder geb. Hertrich (* 4. August 1898 in München; † 30. Juli 1975 in Halle) war eine deutsche Chemikerin, hochschulpolitisch engagierte Studentin der Weimarer Republik und später eine international anerkannte Malakologin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Franz Alfred Schilder befasste sie über Jahrzehnte mit systematischen und biogeografischen Fragen an Kaurischnecken (Familie Cypraeidae) und Bänderschnecken (Gattung Cepaea aus der Familie der Helicidae) Sie entwickelte eigene statistische Verfahren, untersuchte umfangreiche Gehäusesammlungen und hielt Variationsmuster mit großer Genauigkeit fest.[1]

Schilder arbeitete nicht nur an gemeinsamen Publikationen mit, sondern forschte auch eigenständig. Ihre Position als „freie Mitarbeiterin“ an der Universität Halle war institutionell zwar eingeschränkt, doch trug sie maßgeblich zum wissenschaftlichen Gesamtschaffen des Ehepaars bei. Trotz der während des Nationalsozialismus erfahrenen Ausgrenzung aufgrund ihrer jüdischen Abstammung sowie späterer beruflicher Hürden in der DDR setzte sie ihre wissenschaftliche Tätigkeit kontinuierlich fort.[1] Ihr Werdegang verdeutlicht die Verbindung zwischen persönlichem Engagement, strukturellen Rahmenbedingungen und der häufig übersehenen Bedeutung von Frauen in der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts.

Leben

Maria Schilder, geborene Hertrich, wurde 1898 als einzige Tochter des Kommerzienrates Anton Hertrich, Direktor der Löwenbrauerei, und seiner Frau Emma Hertrich, geborene Rosenstock, geboren.[2] Nach dem frühen Tod des Vaters erhielt die Mutter das alleinige Sorgerecht eine im gesellschaftlichen Kontext der Zeit ungewöhnliche Entscheidung.[1]

Ab 1911 besuchte Schilder das Realgymnasium der Chamisso-Schule in Berlin-Schöneberg und legte dort 1917 das Abitur ab. Nach anfänglichem Interesse an der Philologie entschied sie sich aufgrund der begrenzten beruflichen Perspektiven für ein Chemiestudium an der Universität Frankfurt am Main.[2]

Während ihrer Studienzeit engagierte sie sich intensiv hochschulpolitisch. Zwischen 1920 und 1923 war sie Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, wirkte in einer demokratischen Studentengruppe, fungierte als Schriftführerin des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), war zweite Vorsitzende der „Freien Studentenschaft“ und leitete zudem das Studentische Wohnungswerks. Ihre Promotion schloss sie im März 1923 mit einer Dissertation zur Eisen- und Phosphorsäurebestimmung ab, die den Titel Quantitative Eisenbestimmung durch Fällung mit Jodat und Thiosulfat. Versuche zur Abtrennung der Phosphorsäure als Wismutphosphat trug.[2]

Nach ihrer Promotion arbeitete sie zunächst als Chemikerin in den Sendlinger Optischen Glaswerken in Berlin-Zehlendorf. Am 4. August 1924, am Tag ihres 26. Geburtstages, heiratete sie den Zoologen und Malakologen Franz Alfred Schilder. Noch im selben Jahr gab sie, wie damals üblich, ihre eigenständige Berufstätigkeit auf. Statt eines häuslichen Rückzugs wandte sie sich jedoch dem Forschungsgebiet ihres Mannes, der Malakologie, zu. Sie arbeitete zunächst als Mitarbeiterin und Privatassistentin ihres Ehemanns und später auch als eigenständige Forscherin.[3] Bereits in einem Vorwort aus dem Jahr 1925 würdigte Franz Schilder ihren Beitrag zur Systematik der Cypraeacea, insbesondere ihre Fähigkeit, komplexe taxonomische Zusammenhänge zu erkennen und zu strukturieren.[4]

Cepaea Hortensis

Das Leben des Ehepaars drehte sich fortan um die Untersuchung von Bänderschnecken (Gattung Cepaea aus der Familie der Helicidae) und Kaurischnecken (Familie Cypraeidae). Selbst Urlaubsreisen nutzten sie als Studienaufenthalte, um Exemplare in öffentlichen Sammlungen im In- und Ausland zu untersuchen.[1]

1925 zog das Ehepaar nach Naumburg. Am 1. März 1927 wurde dort die gemeinsame Tochter Franziska Maria Beate geboren. Gleichzeitig kam es zu einem langanhaltenden Zerwürfnis mit Franz Schilders Mutter Marie, das auf familiäre Spannungen sowie religiös-weltanschauliche Differenzen zurückgeführt wurde. Auch nach einer vorübergehenden Annäherung blieb das Verhältnis distanziert.[3]

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Maria Schilder aufgrund der Herkunft ihrer Mutter als „Halbjüdin“ eingestuft und staatlichen Repressionen ausgesetzt. Ihr Ehemann stand vor der Entscheidung, sich von ihr zu trennen oder auf seine Habilitation zu verzichten, und entschied sich für Letzteres.[1] Maria Schilder beschreibt später selbst, dass sie von der Gestapo überwacht und vom Arbeitsamt Naumburg ausschließlich für einfache Tätigkeiten zugewiesen worden sei. Eine drohende Einweisung in ein Arbeitslager konnte nur durch das Ende des Krieges verhindert werden.[3]

Auch die Tochter Franziska wurde 1944/45 zum Kriegshilfsdienst verpflichtet. Ihr ursprünglich geplantes Musikstudium musste sie zunächst aufschieben, konnte jedoch 1945 das Studium in Weimar beginnen und 1950 erfolgreich abschließen. Anschließend arbeitete sie bis zu ihrem frühen Tod 1961 als Musikerzieherin; sie blieb unverheiratet.[5]

Obwohl Franz Alfred Schilder dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstand, schloss er sich vermutlich aus Rücksicht auf seine Familie mehreren nationalsozialistischen Massenorganisationen an. Zwischen 1935 und 1945 gehörte er der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt an; ab 1939 war er zudem Mitglied der Deutschen Arbeitsfront sowie des Reichsluftschutzbundes, ohne jedoch aktive Funktionen zu übernehmen. Aufgrund der jüdischen Herkunft seiner Ehefrau blieb er während des Zweiten Weltkriegs vom Fronteinsatz verschont. Schilder äußerte sich zudem wiederholt öffentlich kriegskritisch und hoffte, vom Militärdienst ausgenommen zu werden.[3]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trat Maria Schilder zunächst der SPD bei (1946) und wechselte im selben Jahr in die SED. Ab 1948 war sie als Volontär-Assistentin am Zoologischen Institut der Universität Halle beschäftigt. Ein Konflikt ihres Ehemanns mit dem Institutsdirektor Ludwig Freund führte 1950 zur Beendigung ihrer Anstellung; im Anschluss erhielt das Ehepaar jedoch einen Forschungsauftrag des Volksbildungsministeriums. Schilder schilderte diese Phase später als persönlich belastend und von Demütigungen begleitet, obwohl ihre fachliche Eignung unbestritten gewesen sei.[5]

Erst mit einem späteren Wechsel in der Institutsleitung verbesserten sich ihre Arbeitsbedingungen. Ab 1958 war sie erneut als freie Mitarbeiterin an der Universität Halle tätig und wurde zunehmend auch in Publikationen namentlich berücksichtigt, wenngleich ihre Tätigkeit weiterhin überwiegend im Rahmen der gemeinsamen Forschungsarbeit mit ihrem Mann erfolgte.[3]

Ab 1950 lebten die Schilders in einer Privatwohnung in Halle, in der Schleiermacherstraße 12.[6] Ab 1958 wurde Maria Schilder in den Veröffentlichungen der Universität offiziell als „freie Mitarbeiterin“ geführt. Sie blieb weiterhin eng in die gemeinsame Forschungstätigkeit eingebunden, darunter in die umfangreiche Untersuchung der Bänderschnecken auf Hiddensee, bei der über 72.000 Gehäuse erfasst wurden. Die wissenschaftliche Arbeit des Paares blieb über die Jahre hinweg durchgängig intensiv.[7]

Trotz gesundheitlicher Belastungen – darunter ein Aufenthalt in der Universitäts-Nervenklinik im Jahr 1949 und eine schwere Operation 1951 – setzte Maria Schilder ihre Forschungsarbeit fort. Im selben Jahr wurde bei ihr eine Schwerbehinderung von 50 % festgestellt, hervorgerufen durch einen Unfall, der eine Gehbehinderung zur Folge hatte.[5]

Nach dem Tod ihres Ehemanns im Jahr 1970 ordnete sie dessen wissenschaftlichen Nachlass und bereitete die gemeinsame Publikation A Catalogue of Living and Fossil Cowries (1971) zum Abschluss vor, die als grundlegendes Referenzwerk zur Taxonomie und Bibliografie der Cypraeacea und Triviacea gilt. Maria Schilder starb am 30. Juli 1975 in Halle.[3]

Schaffen und Wirken

Obwohl Maria Schilder in Chemie promoviert hatte, wandte sie sich nach ihrer Heirat dem Forschungsgebiet ihres Mannes zu und arbeitete fortan in der Malakologie. Sie war maßgeblich an den Untersuchungen zu Cypraeen (Kaurischnecken) und Cepaeen (Bänderschnecken) beteiligt. Das Ehepaar Schilder trug sowohl zur biostatistischen Methodik als auch zur akademischen Lehre bei, unter anderem mit dem Lehrbuch der Allgemeinen Zoogeographie (1956).[3]

Neben ihren Forschungsarbeiten übernahm sie einen großen Teil der wissenschaftlichen Korrespondenz mit Fachkollegen und Sammlern, die Material für die Studien zur Bänderschnecke bereitstellten. Sie korrigierte zudem die Manuskripte ihres Mannes; ihre umfassenden Sprachkenntnisse waren dabei von besonderem Vorteil, da viele seiner Publikationen im Ausland erschienen. In einem Nachruf beschreibt Franz Alfred Schilder sie als den „guten Geist“, mit dem er sich beraten und mit dem er planen und arbeiten konnte.[8]

Das Ehepaar Schilder leistete bedeutende Grundlagenarbeit in der Malakologie, indem es auf Basis der Verbreitung von Weichtieren endemische Regionen im Indo-Westpazifik identifizierte. Gemeinsam untersuchten sie regionale Unterschiede in der Artenvielfalt, beschrieben zahlreiche geographisch klar abgegrenzte Unterarten und ordneten diese systematisch ein. In ihrer Studie Revision of the Genus Monetaria (Cypraeidae) prüften sie zudem, inwieweit die Bergmannsche Regel – nach der Individuen in kälteren Gebieten tendenziell größer werden – auf die Küsten Ost-Australiens anwendbar ist. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Kaurischnecken in den wärmeren nördlichen Regionen kleiner sind als in den südlicher gelegenen, kühleren Küstenabschnitten.[9]

Cepaea hortensis und Cepaea Nemoralis

Ein weiteres umfangreiches Forschungsprojekt führten die Schilders Anfang der 1950er Jahre auf der Ostseeinsel Hiddensee durch. Dort sammelten sie insgesamt rund 72.000 Gehäuse der Garten- und Hainschnirkelschnecken (Cepaea hortensis und Cepaea nemoralis).[10] Ziel war es, jede einzelne Schale präzise auszumessen, die Fundorte systematisch zu erfassen und die variablen Bänderungsmuster detailliert zu klassifizieren. Während eine vollständige Erhebung dieses Umfangs zuvor als kaum realisierbar galt, gelang es dem Ehepaar Schilder, diese Aufgabe erfolgreich umzusetzen.

Das wissenschaftliche Gesamtwerk des Ehepaars Schilder umfasst mehr als 400 Publikationen, die Beschreibung von 45 neuen Gattungen sowie 483 neuen Arten und Unterarten. Maria Schilder wurde in über fünfzig Arbeiten ihres Mannes ausdrücklich als Mitautorin genannt und veröffentlichte zudem eigene Schriften, darunter Die Kaurischnecke (1952). Dieses Buch erscheint bis heute im Druck; eine Neuauflage wurde 2008 veröffentlicht.[11] Ihr Einfluss zeigt sich auch in der Benennung der Kaurischnecke Annepona mariae im Jahr 1927, die ihr zu Ehren benannt wurde.[12]

In den letzten Lebensjahren widmete sich Maria Schilder der Ordnung des wissenschaftlichen Nachlasses ihres 1970 verstorbenen Ehemanns und arbeitete an der Fertigstellung der gemeinsamen Publikation A Catalogue of Living and Fossil Cowries: Taxonomy and Bibliography of Triviacea and Cypraeacea (Gastropoda, Prosobranchia) (1971).[1] Dieses Werk bündelt das über Jahrzehnte erarbeitete Wissen des Paares über Kaurischnecken und gilt als ihr zentrales wissenschaftliches Vermächtnis. In einem zeitgenössischen Nachruf heißt es dazu:

„Die Malakologen können sich glücklich schätzen, dass es ihm (zusammen mit seiner Ehefrau) noch in den letzten Lebensjahren trotz zunehmender Verschlechterung des Gesundheitszustandes gelang, die keineswegs immer leicht verständlichen, kaum überschaubaren, ständig verbesserten und in vielen Ländern publizierten Ergebnisse in einer grundlegenden Publikation zusammenzufassen.“[13]

In seinem Testament legte Franz Alfred Schilder fest, dass sowohl seine Sammlung von Porzellanschnecken als auch die europäischen Bänderschneckensammlungen – einschließlich der zugehörigen Kataloge, Karteien und Fachliteratur – als Vermächtnis an das Senckenberg-Institut in Frankfurt gehen sollten. Die Sammlungen, die er bereits während des Zweiten Weltkriegs dem Institut zugesagt hatte, sollten dort getrennt aufbewahrt und nicht in den allgemeinen Bestand eingegliedert werden. Für den Fall, dass eine Überführung nach Frankfurt dauerhaft nicht möglich sein sollte, bestimmte er das Zoologische Museum in Berlin als vorläufigen Verwahrort. Eine Übergabe an kleinere Einrichtungen, etwa das Zoologische Institut der Universität Halle, lehnte er mit der Begründung ab, dass dort keine ausreichende fachgerechte Betreuung gewährleistet sei.[3]

Nach dem Tod ihres Mannes konnte Maria Schilder keine größeren eigenständigen Forschungsprojekte mehr verfolgen; durch die testamentarische Verfügung, die das gemeinsame Forschungsmaterial regelte, endete ihre wissenschaftliche Tätigkeit faktisch mit seinem Tod.[3]

Die Sammlung des Ehepaars wird heute – entsprechend Schilders Testament – im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main aufbewahrt.[2]

Wikispecies: Maria Schilder – Artenverzeichnis

Einzelnachweise

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