Maria Seidenberger
deutsche Fotolaborantin
From Wikipedia, the free encyclopedia
Maria Seidenberger (* 6. Juli 1927 in Deutenhofen; † 25. November 2011 in Hebertshausen) war eine deutsche Fotolaborantin, die durch ihre Entwicklung von Fotos aus dem KZ Dachau bekannt wurde.
Leben
Maria Seidenberger war das zweite Kind des Arbeiters Georg Seidenberger und seiner Ehefrau Katharina, geb. Kellerer.[1] Ihre Mutter stammte aus Dachau.[2.1] Sie hatte einen zwei Jahre älteren Bruder. Die Familie lebte in einem Einfamilienhaus in Hebertshausen an der Münchner Straße. Zu dem Grundstück gehört ein weitläufiger Garten, einige Hühner, zwei Katzen sowie etwa 200 Bienenstöcke.[1]
1931 sind sie in ihr Haus eingezogen, schafften es aber nur, weil sie Schulden aufnahmen. Sie waren sehr arm und hatten kaum Geld für die Schule. 1933 war ihr Vater arbeitslos.[2.2] Sie lebten von der Bienenzucht bzw. dem Honig.[2.3]
Ihr Vater war ein überzeugter Sozialist, trat aber immer wieder in die SPD ein und dann wieder aus. Zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus 1933 war er kein Parteimitglied, was ihn wahrscheinlich vor einer Verhaftung bewahrt hat. Ihre Mutter war ebenfalls politisch aktiv, trat jedoch nie der Partei bei. Ihr Vater hat schon früh und immer wieder gesagt: „Mit dem Hitler, da kommt der nächste Krieg“.[1] 1933 stand ihre Mutter am Fenster und Maria sah, wie sie weinte, als die KZ-Häftlinge an ihrem Haus vorbei ins Lager gebracht wurden, denn die Mutter kannte einige der Gefangenen persönlich.[2.4]
Als Maria 1933 im Alter von sechs Jahren eingeschult wurde, trug sie im Gegensatz zu den meisten ihrer Klassenkameradinnen keine deutschen Zöpfe, sondern einen kinnlangen Bob. Auch später, als sie der nationalsozialistischen Organisation Bund Deutscher Mädel angehörte, blieb ihre Frisur unverändert.[3] Sie feierte 1936 ihre erste Kommunion, der katholische Glauben spielte durchaus eine Rolle innerhalb der Familie.[1]
Ihr Interesse für Fotografie wurde durch ihren Bruder und dessen Freund geweckt; im Alter von 13 Jahren begann sie ihre Ausbildung[2.5] als Fotolaborantin bei der Münchner Firma Soennecken & Co, dort arbeitete sie später auch.[1] Im November 1944 wurde sie zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. In den letzten Kriegsmonaten war sie bei Telefunken in Dachau angestellt.[1]
Tätigkeit
Maria Seidenberger hat bei Aufnahmen, die für einen Kunden in München abgezogen worden waren, auch eigene Abzüge gemacht.[2.6] Es handelt sich um stark abgemagerte, nackte Insassen des Konzentrationslagers Dachau. Eine andere Reihe zeigt gehenkte russische Partisanen und unter den Galgen teilweise grinsende Soldaten. Diese Dokumentaraufnahmen wurden dem tschechischen Journalisten Karel Kašák auf sein Ersuchen hin übergeben.[1] Für ihre Fotografien hatte sie manchmal die Kamera vom Freund ihres Bruders geliehen bekommen. Ihr Bruder hat ebenfalls eine billige Kamera, als er eingezogen wurde, bekam sie zeitweise seine Kamera.[2.7]
Der Journalist Karel Kašák war im KZ Dachau Teil eines kleinen Kunst-Teams, das beauftragt wurde, Zeichnungen für ein umfassendes Werk über Pflanzenbilder zu erstellen. Mit einer Kamera, die ihm von der Geschäftsführung zur Verfügung gestellt wurde, fertigte er zudem unerlaubte Fotos an. In der Regel handelte es sich um Fotografien von Mitgefangenen, die für deren Angehörige bestimmt waren. Er war auf der Suche nach einer diskreten und zuverlässigen Methode, um seine Bilder vom KZ zu entwickeln und drucken zu lassen.[1]
Kašák lebte 1941 außerhalb des KZs mit seinen Kollegen in einer eigenen Baracke. Er durfte sich im Radius von fünf Kilometer um das Lager frei bewegen, so konnte er unbemerkt zu den Seidenbergers.[2.8] Ein Nachbar, der im KZ als Gärtner tätig war, stellte für Kašák eine Verbindung zu den Seidenbergers her. Am 14. Mai 1944 dokumentierte Kašák in seinem Tagebuch das erste Treffen.[3] Maria Seidenberger war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt, sie erklärte sich bereit, seinem Wunsch nach sporadischem Entwickeln, Abziehen und Vergrößern seiner Fotografien nachzukommen.[2.9]
Zudem warf sie in München gelegentlich illegale Briefe teilweise auch mit Bildern von KZ-Häftlinge in Briefkästen ein. An die 30 bis 40 solcher Briefe hat Seidenberger damals ins sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren gesendet.[1] Die Absender waren alle Fantasieadressen.[2.10] In etwa gleicher Anzahl trafen die Rücksendungen dann bei den Seidenbergers ein, da Kašák ihre Adresse als Anlaufstelle angegeben hatte.[1]
Im Haus der Seidenberger wurden so genannten „Feindsender“ bzw. der Londoner Rundfunk gehört[2.11]. Das war durch eine Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen strengstens verboten und konnte man mit Zuchthaus bestraft werden. Auch Kašák konnte ab und an zuhören, er gab die gehörten Informationen z. B. über den Frontenverlauf weiter. Die aktuellen Informationen von der Front waren für die Häftlinge von großer Bedeutung.[1]
In den letzten Monaten des Krieges verbargen die Seidenbergers nicht nur Kašáks Tagebuch, seine Briefe und Zeichnungen, sondern auch das Erbe des in der Dachauer KZ-Haft verstorbenen Jaroslav Simsa, einem renommierten christlichen Publizisten jener Zeit. Nach dem Krieg übergab die Familie sämtliche Hinterlassenschaften seiner Witwe, darunter auch mehrere heimlich verfasste theologische Schriften.[1] Die Fotos von Kašák wurden kurz vor Kriegsende in Bienenstöcken versteckt.[2.12]
Als kurz vor dem Ende des Krieges Tausende von Gefangenen auf einen Todesmarsch gezwungen wurden, hielt Seidenberger dies mit ihrer Kamera fest. Die mittlerweile 18-Jährige erkannte sofort die Notwendigkeit, diesen Wahnsinn zu dokumentieren und für die Nachwelt festzuhalten. Auch diese Handlung hätte sie in erhebliche Schwierigkeiten bringen können, falls sie von einer der Wachen bemerkt worden wäre. Eine Fotografie vom 26. April 1945 dokumentiert, wie Marias Mutter am Gartenzaun gekochte Kartoffeln an die ausgehungerten Häftlinge austeilt.[1]
Die Gefangenen auf dem Todesmarsch waren ausgemergelt, auf dem Weg wurde Brot aus den Fenstern geworfen.[2.13] Da sie kein Brot hatten, kochten ihre Mutter und sie Kartoffeln. Ihre Mutter stellte sich anschließend nach draußen und verteilte sie. Zunächst machte Maria Bilder, wie ihre Mutter die Kartoffeln verteilte.[2.14] Dann löste sie ihre Mutter ab. Ein Wachmann, der die Häftlinge begleitete, drohte ihr, sie könne gleich mit marschieren, wenn sie nicht verschwindet.[2.15]
Nach Kriegsende
Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen Kašák und Seidenberger eine romantische Beziehung.[1] Nach dem Ende des Krieges zog sie mit ihm nach Prag. Erst dort erfuhr sie, dass der 20 Jahre ältere Mann bereits eine Frau und Kinder hatte.[3] In Prag arbeitete sie ebenfalls als Fotolaborantin.[2.16]
Seidenberger blieb 14 Jahre lang in der tschechischen Hauptstadt. Danach zog sie erneut bei ihren Eltern ein und kümmerte sich bis zu deren Tod um sie.[3] Ihre Mutter starb 1988, ihr Vater zwei Jahre später.[2.17] Der Kontakt zu Kašák riss ab, er starb 1991.[4]
Sie blieb ledig und bekam keine eigenen Kinder.[3]
Seidenberger gab 2010 Wendy Lower ein Interview für das United States Holocaust Memorial Museum, im Rahmen des Projektes „Perpetrators, Collaborators, and Witnesses: The Jeff and Toby Herr Testimony Initiative“, ein Projekt ,das Aussagen nichtjüdischer Zeugen dokumentiert.[5]
Maria Seidenberg starb am 25. November 2011 in ihrem Heimatdorf.[6] Ihre letzte Ruhestätte fand sie im Familiengrab auf dem Hebertshausener Friedhof. Seitdem legen immer wieder Menschen Steine auf ihr Grab, diese Handlung ist ein Element einer jüdischen Tradition, die den Verstorbenen Ehre erweist.[3]
Widmungen
Der Dachau-Preis für Zivilcourage wurde im Jahr 2005 das erste Mal verliehen, er wurde von Maria Seidenberger entgegengenommen, die nur selten über ihre Erfahrungen in der Kriegszeit sprach.[3]
Im Zeitraum von Juli bis September 2024 wurden Details zu Seidenbergers Lebensgeschichte in der Ausstellung Frauen im Widerstand – damals wie heute in der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau vorgestellt. Diese Ausstellung thematisierte die Widerstandskämpferinnen gegen das NS-Regime.[7]
In Neustadt in Holstein gab es die Ausstellung Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, von Ende Oktober bis Ende November 2025 wurde hierbei auch an Seidenberger erinnert, der auch ein eigener Vortrag gewidmet wurde.[8]
Maria Seidenberger wurde mit einer Aufnahme in die FrauenOrte Bayerns geehrt, die direkt vom Bayerischen Staatsministerium getragen werden.[9]
Weblinks
- Interview mit Maria Seidenberger auf portal.ehri-project.eu
- Maria Seidenberger auf bayerns-frauen.de