Mathilde Wibaut

niederländische Politikerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Mathilde Wibaut-Berdenis van Berlekom (geboren 14. März 1862 in Middelburg; gestorben 22. April 1952 in Amsterdam) war eine niederländische Politikerin und Feministin.

Mathilde Wibaut

Leben

Floor und Mathilde Wibaut

Mathilde Berdenis van Berlekom wurde am 14. März 1862 in Middelburg geboren. Sie war die Tochter des Allgemeinmediziners Johan Pieter Berdenis van Berlekom und von Josina van den Broecke. Sie wuchs in einer fortschrittlichen Arztfamilie auf und ihr Vater hielt für alle seine acht Kinder, auch der Töchter, eine gute Ausbildung und Berufsausbildung für wichtig. So machte sie eine Ausbildung zur Lehrerin. Sie arbeitete kurz als Assistenzlehrerin und begann dann eine spezielle Ausbildung als Niederländischlehrerin. Als sie 16 Jahre alt war, lernte sie den Holzhändler Florentinus Marinus Floor Wibaut (1859–1936) kennen. Für eine Ehe fühlte sie sich noch zu jung, auch weil sie dann keine weitere Karriere im Bildungsbereich hätte machen können. Sie verlobten sich zunächst, um sich näher kennenzulernen, und sie heirateten erst sieben Jahre später, am 6. Mai 1885. Sie bekam vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, auch weil sie verhütete. So hatte sie, nachdem die Kinder alt genug für die Betreuung durch eine Haushälterin waren, Zeit, sich ihrer selbstgewählten Aufgabe zu widmen, sie wollte das Selbstbewusstsein von Frauen stärken und diese für den Sozialismus begeistern.[1]

Sie engagierte sich in politischen und sozialen Bereichen. Dabei lag ihr Fokus auf der politischen Emanzipation und der persönlichen Entwicklung von Arbeiterinnen. Mathilde Wibaut wurde 1895 Vorsitzende der Middelburger Ortsgruppe des Vereins für das Frauenwahlrecht. Das Amt gab sie vier Jahre später auf, da sie den Kampf für das Frauenwahlrecht für unvereinbar mit dem Kampf für das allgemeine Wahlrecht hielt. Sie hatte sich diesem gemeinsam mit ihrem Mann verschrieben, als beide 1897 in die Sociaal Democratische Arbeiders Partij (SDAP) der Vorgängerpartei der Partij van de Arbeid eintraten. Den Frauenverein „Samen Sterk“ (Gemeinsam stark) gründete sie 1902. Die Aufgabe des Vereins war es, Arbeiterinnen durch Vorträge und Informationsmaterialien zu verschiedenen Themen weiterzubilden. Um dieses Ziel zu erreichen, gründete sie auch eine Hauswirtschaftsschule und eine Kinderbibliothek in Middelburg.[1]

Frauenpolitik

Die Familie Wibaut zog 1904 nach Amsterdam. Dort wollte Floor Wibaut, der als Unternehmer ein beträchtliches Vermögen erwirtschaftet hatte, in die Kommunalpolitik. Mathilde engagierte sich in Amsterdam ehrenamtlich in der SDAP. Für sie waren politische Bildung und Propaganda auch für die Ehefrauen der Parteimitglieder wichtig. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründete sie den Amsterdamer Sozialdemokratischen Frauenpropagandistenclub (SDVC). Frauen, die in diesem ersten sozialistischen Frauenclub Mitglied wurden, waren auch gleichzeitig Mitglieder in der SDAP. Den SDVC leitete Mathilde Wibaut von seiner Gründung bis 1931. Der Vorstand bestand fast ausschließlich aus Frauen der Oberschicht. Im Jahr 1907 begann Mathilde Wibaut, ein landesweites Netzwerk der Frauenvereinigungen aufzubauen, und sie koordinierte 1908 die Zusammenarbeit innerhalb des Bundes Sozialdemokratischer Frauenklubs (BSDVC) und stand diesem bis 1935 vor. Zunächst bestand der Bund aus zwölf Ortsgruppen und hatte einige hundert Mitglieder, später gab es über zweihundert Ortsgruppen und Tausende Mitglieder. Dies war auch ein Grund für den steigenden Frauenanteil in der SDAP von 10 % auf später 32,5 %. Ihre Zeitung, De Proletarische Vrouw (Die proletarische Frau), hatte fast dreißigtausend Abonnenten. Wibaut war bis 1940 eng in die Redaktion eingebunden. Ihr lag dabei die Beilage Ons Kinderblaadje (Unser Kinderblatt) sehr am Herzen. Auch waren ihr der Aufwand und die Kosten bewusst, die den Frauen durch die Teilnahme an den Treffen entstanden, und so wurde zu ihrem 25-jährigem Jubiläum als Vorsitzende des BSDVC im Jahr 1933 der Thiele-Wibaut-Fonds gegründet, um die entstehenden Reisekosten zu decken.[1]

Die SDAP erkannte den BSDVC erst 1914 als unabhängige Parteiorganisation an. Dies war der Überzeugung von Mathilde Wibaut geschuldet, die der Meinung war, dass Frauen ihre Interessen in einer eigenen Organisation vertreten müssten. Sie kämpfte bis 1919 für das Frauenwahlrecht und erklärte 1906, dass dieses Ziel unabhängig vom allgemeinen Wahlrecht für Männer sei. Die SDAP übernahm die Position erst, nachdem eine Petition für das Frauenwahlrecht von 1910/1911 von über hunderttausend Frauen unterzeichnet worden war.[1]

Wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen

Als in den 1920er und 1930er Jahren die Erwerbstätigkeit von Frauen außerhalb des Hauses vermehrt durch staatliche Maßnahmen eingeschränkt wurde und die Entlassung verheirateter Beamtinnen gefordert wurde, wehrte sich Mathilde Wibaut vehement gegen diese Änderungen. Erwerbsarbeit sicherte nicht nur ein eigenes Einkommen für Frauen, sondern erweiterte auch ihre soziale Sicht. Dabei setzte sie sich auch allgemein für kürzere Arbeitszeiten ein, damit auch Männer mehr Zeit für die Betreuung ihrer Kinder hätten. Wibaut setzte sich auch auf Frauenfriedensmärschen für Abrüstung und Frieden ein, dies auch gegen die Parteilinie der SDAP, die 1937 bereits eine andere Position vertrat. Die BSDVC war Mitglied der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“.[1]

Sexuelle Selbstbestimmung

Für Mathilde Wibaut hatten Frauen ein Recht auf Selbstbestimmung, auch in sexuellen Beziehungen. In ihrem Buch Worden Huwelijk (1932), welches sie gemeinsam mit ihrem Mann verfasst hatte, wurde das vorherrschende Moralverständnis hinterfragt. In der sozialistischen Gesellschaftsform, die die Wibauts anstrebten, waren andere gesellschaftliche Normen nötig. Eine Ehe aus Gründen der wirtschaftlichen Sicherheit lehnten sie ab. Ihr Ideal war eine „freien Verlobung“ oder „Probeverlobung“, in der Geschlechtsverkehr mit Verhütungsmitteln erlaubt wäre, der dann eine bewusste Ehe folgen würde, als Verbindung zwischen gleichberechtigten Partnern, „ohne Herrschaft oder Unterdrückung“. In einer solchen Ehe sollten Kinder nach Wunsch geboren werden. Sie lehnten außereheliche Beziehungen nicht ab, respektierten das Recht der Frau auf Mutterschaft und setzten sich für die Gleichstellung unverheirateter Mütter in der Gesellschaft ein. Das Buch war rational und optimistisch, doch es löste großes Entsetzen, Widerstand und heftige Debatten in religiösen wie auch in den eigenen, sozialdemokratischen Kreisen aus. Sie wurden jedoch im Arbeiterjugendzentrum gerne beide weiter als Gastredner eingeladen. 1930 und auch nach dem Tod ihres Mannes 1936 engagierte sich Mathilde Wibaut im Vorstand des niederländischen Zweigs der Weltliga für sexuelle Reform. Der Verein strebte die Änderung des Eherechts zur Gleichstellung der Frau an.[1]

Deutsche Besetzung

Der BSDVC löste sich mit dem Beginn der Deutschen Besetzung der Niederlande auf und ging in den Untergrund. Mathilde Wibaut zog sich aus der Politik zurück. Sie meldete sich nach der Befreiung der Niederlande gelegentlich zu Wort. Sie setzte sich mit einigen ihrer Positionen nach der Gründung der Partij van de Arbeid (PvdA) auseinander. Sie votierte 1949 gegen den Ausschluss von Mitgliedern, die zuvor der Kommunistischen Partei angehört hatten. Sie lehnte auch die Verteidigungs- und Außenpolitik der Partei konsequent ab. Sie publizierte noch bis kurz vor ihren Tod, um ihre Überzeugungen zu vertreten.

Mathilde Wibaut starb am 22. April 1952 in Amsterdam.

Einzelnachweise

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