Maßtheorie in topologischen Vektorräumen

Fortsetzung der Maßtheorie in topologischen Vektorräumen From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Maßtheorie in topologischen Vektorräumen bezeichnet die Fortsetzung der Maßtheorie in topologischen Vektorräumen. Solche Räume sind häufig unendlichdimensionale Räume, doch viele Resultate der klassischen Maßtheorie werden auf endlichdimensionalen Räumen formuliert und können nicht direkt übertragen werden. Dies wird schon deutlich beim Lebesgue-Maß, welches auf allgemeinen unendlichdimensionalen Räumen nicht existiert.

Einführung

Im Artikel werden ausschließlich topologische Vektorräume betrachtet, welche auch die Hausdorff-Eigenschaft besitzen. Vektorräume ohne Topologie sind mathematisch nicht sehr interessant, weil Begriffe wie die Konvergenz und Stetigkeit dort nicht definiert sind. Es gibt heute viele Bücher über die Maßtheorie in topologischen Vektorräumen, als Standardreferenz gilt aber immer noch das 1973 erschienene Buch von Laurent Schwartz.[1]

Das nachfolgende Beispiel zeigt, dass in unendlichdimensionalen Räumen die Konstruktion von Maßen nicht immer analog wie in den endlichdimensionalen Räumen durchgeführt werden kann.

Ein Gegenbeispiel

Sei ein separabler, reeller Hilbert-Raum mit gegeben. Weiter sei ein gaußsches Maß auf , das heißt

wobei das Lebesgue-Maß auf bezeichnet.

Versucht man jedoch, diese Definition auf einen unendlichdimensionalen Hilbert-Raum zu übertragen, so scheitert dies. Sei eine Orthonormalbasis von und betrachte die zugehörigen Zufallsvariablen definiert durch Die sind unabhängige, standardnormalverteilte Zufallsvariablen und nach dem starken Gesetz der großen Zahlen gilt

für -fast sicher alle und somit .[2]

Die Lösung besteht darin, das gaußsche maß über die Einbettung des Hilbertraums in einen Banachraum mit schwächerer Norm zu konstruieren, wodurch sich ein σ-additives Gaußmaß direkt auf der Borel-σ-Algebra von definieren lässt. Dies ist die Grundidee hinter den abstrakten Wiener-Räumen. Alternativ kann man ein Gaußmaß auf unendlichdimensionalen Räumen zunächst auf zylindrischen Mengen definieren und es anschließend unter geeigneten Bedingungen σ-additiv auf der Borel-σ-Algebra erweitern.

Abwesenheit des Lebesgue-Maßes

In unendlichdimensionalen topologischen Vektorräumen tritt ein fundamentales topologisches Problem auf. Ein topologischer Vektorraum ist genau dann hausdorff und lokalkompakt, wenn er endlichdimensional ist. Dies hat zur Konsequenz, dass auf einem solchen Raum im Allgemeinen kein analoges Lebesgue-Maß existiert. Man kann zeigen, dass wenn eine hausdorffsche topologische Gruppe ist und ein nicht-triviales links-invariantes Radon-Maß auf existiert, dann muss lokalkompakt sein.[3] Da jeder topologische Vektorraum eine topologische Gruppe ist, existiert ein solches Maß nur auf endlichdimensionalen Räumen.

Es lassen sich allerdings analoge Maße konstruieren, wenn man die Eigenschaften des Lebesgue-Maßes (σ-Endlichkeit, σ-Additivität usw.) abschwächt oder Translationen auf kleinere Mengenräume beschränkt, beispielsweise auf Zylindermengen. Gaußsche Maße werden häufig als Ersatz verwendet, da sie auf vielen unendlichdimensionalen lokalkonvexen Räumen existieren und σ-additiv sowie positiv auf offenen Mengen sind, jedoch nur quasi-invariant unter Translationen. Sie existieren allerdings nicht auf allen Räumen, weshalb zylindrische Maße oft bevorzugt werden.

σ-Algebren

Sei ein topologischer Vektorraum, seine Topologie, der algebraische Dualraum und der topologische Dualraum. In topologischen Vektorräumen existieren drei prominente σ-Algebren:

  • die borelsche σ-Algebra : wird durch die offenen Mengen aus erzeugt.
  • die zylindrische σ-Algebra : wird durch den Dualraum erzeugt.
  • die bairesche σ-Algebra : wird durch alle stetigen Funktionen erzeugt. Die bairsche σ-Algebra wird auch mit notiert.

Es gilt folgender zusammenhang

wobei offensichtlich ist.

Zylindrische σ-Algebra

Seien und zwei Vektorräume über . Man sagt und befinden sich in Dualität, wenn eine Bilinearform existiert. Dadurch wird der Raum zum Raum der Funktionale auf und zum der Raum der Funktionale auf . Sei nun .

Für ein und nennt man eine Menge der Form

eine Zylindermenge oder schlichtweg Zylinder. Falls offen ist, dann nennt man diese Menge offene Zylindermenge respektive offener Zylinder.

Die Menge aller Zylinder notieren wir mit und die Menge aller offenen Zylinder mit notiert. Beide bilden eine Algebra und sie erzeugen dieselbe σ-Algebra . Die Menge aller (offenen) zylindrischen Mengen

bilden eine Algebra und wird (offene) zylindrische Algebra genannt. Die kleinste σ-Algebra, welche sie erzeugt, nennt man zylindrische σ-Algebra und man notiert sie mit . Es spielt keine Rolle, ob man offene Zylinder oder allgemeine Zylinder wählt, die resultierende zylindrische σ-Algebra ist dieselbe.[4]

Falls ein Raum von stetigen Funktionalen ist, dann ist ein offener Zylinder eine offene Menge, weil die Funktion stetig ist. Folglich gilt dann und die Inklusion

In den meisten Standardapplikationen wählt man , dann ist die zylindrische σ-Algebra die kleinste σ-Algebra, sodass jedes stetige lineare Funktional auf messbar ist.

Bairesche σ-Algebra

Die bairsche σ-Algebra ist die kleinste σ-Algebra, so dass alle stetigen Funktionale stetig sind. Die Elemente der bairsche σ-Algebra nennt man Baire-Mengen und sind nicht zu verwechseln mit Mengen, welche die Baire-Eigenschaft haben.

Die bairsche σ-algebra wird auch von den Nullmengen erzeugt, es gilt

da und stetig sind.

Ein paar Eigenschaften zur baireschen σ-Algebra:

  • Seien und zwei topologische Räume mit bairschen σ-algebras und . Wenn stetig ist, dann ist die Funktion -messbar.[5]
  • Sei eine Familie topologischer Räume mit dem Produktraum , dann gilt . Wenn zusätzlich separabel und metrisierbar sind, dann gilt .[6]

Warum man nicht ausschließlich mit der borelschen σ-Algebra arbeitet

Wir haben gesehen, dass die zylindrische σ-Algebra durch offene Zylinder erzeugt wird. Die zylindrische σ-Algebra enthält alle abzählbaren Vereinigungen von offenen Zylinder, hingegen ist die borelsche σ-Algebra eine σ-Algebra direkt auf der Topologie , und diese enthält alle beliebigen Vereinigungen von offenen Zylinder. Man muss sich bei der borelschen σ-Algebra somit auch mit überabzählbaren Vereinigungen rumschlagen.

Für nicht separable Räume gilt im Allgemeinen deshalb kann es passieren, dass die Vektoraddition bezüglich nicht messbar ist. Für zwei Zufallsvariablen und heißt das also, dass die Summe keine Zufallsvariable mehr ist. Für die zylindrische σ-Algebra gibt es solche messbaren Probleme nicht, denn es gilt .

Im Allgemeinen möchte man eine σ-Algebra wählen, die einerseits genügend viele Mengen enthält, um praktisch arbeiten zu können, andererseits aber nicht so groß ist, dass zu viele Mengen messbar werden. Im Zusammenhang mit Integralen von stetigen Funktionen ist es schwierig oder sogar unmöglich, diese auf beliebige Borel-Mengen anzuwenden.[7] In vielen topologischen Räumen stimmen die σ-Algebren allerdings überein.

Gleichheiten zwischen den σ-Algebren

  • Sei ein polnischer Raum und eine Familie von stetigen Funktionen, welche die Punkte trennt, dann gilt
[8]
Beweis

Wenn abzählbar ist: Sei eine abzählbare Basis von offenen Mengen in . Dann definiert man für jedes und das Urbild , welches per Definition in liegt. Da die Familie die Punkte in separiert, kann man zeigen, dass sie auch erzeugt.[9] Wenn überabzählbar ist, nimmt man eine abzählbare Untermenge und zeigt, dass diese dieselbe σ-Algebra erzeugt.
  • Sei ein topologischer Vektoraum und sei die schwache Topologie, dann ist die zylindrische σ-algebra exakt die bairesche σ-algebra von .[10]
  • Sei ein separabler metrisierbarer lokalkonvexer Raum und die schwache Topologie. Dann sind die drei σ-algebren , und equivalent unter den Topologien und .[11]

Maße

Eine Möglichkeit, ein Maß auf einem unendlichdimensionalen Raum zu konstruieren, besteht darin, das Maß zuerst auf endlichdimensionalen Räumen zu definieren und es anschließend als projektives System auf unendlichdimensionale Räume zu erweitern. Dies führt zu dem Begriff des zylindrischen Maßes, der gemäß Israel Moissejewitsch Gelfand und Naum Jakowlewitsch Wilenkin von Andrei Nikolajewitsch Kolmogorow stammt.[12] Zylindrische Maße sind per Definition σ-additiv auf allen endlichdimensionalen Unterräumen.

Zylindrische Maße

Sei ein topologischer Vektorraum über und der algebraische Dualraum. Weiter sei ein Vektorraum von linearen Funktionalen auf , das heißt , und die zylindrische Algebra.

Eine Mengenfunktion

heißt zylindrisches Maß, falls für alle endlichen Mengen mit und zylindrischen σ-Algebren die Restriktion

eine σ-additive Funktion ist, das heißt ist ein Maß.[13]

Sei , ein zylindrisches Maß auf hat die schwache Ordnung (oder ist vom schwachen Typ ), falls der -te schwache Moment existiert, das heißt

für alle [14]

Radon-Maße

Jedes Radon-Maß besitzt einen topologischen Träger. Jedes Radon-Maß induziert ein zylindrisches Maß, die Umkehrung ist im Allgemeinen aber nicht richtig.[15] Die von Laurent Schwartz eingeführte Radonifikation ist eine Methode um zylindrische Maße in Radon-Maße zu verwandeln. Seien und zwei lokalkonvexe Räume, dann ist ein -radonisierender Operator, wenn für ein zylindrisches Maß vom Typ auf das Bildmaß ein Radonmaß vom Typ auf ist. Wenn dann spricht man einfach von -radonisierenden Operatoren.[16][17][18]

Erwartungswert und Kovarianzoperator

Sei ein Maß mit schwacher Ordnung auf dem topologischen Vektorraum . Dann existiert der Erwartungswert falls für jedes stetige Funktional

gilt.

Sei nun mit schwacher Ordnung , dann ist der Kovarianzoperator von definiert durch

für .[19][20] Das heißt also ist ein Element des Bidualraums, das heißt ein Funktional auf , und es gilt

Erweiterung der zylindrischen Maße

Um σ-additive zylindrische Maße zu erzeugen, gibt es verschiedene Ansätze. Für allgemeine Wahrscheinlichkeitsmaße gibt es den Erweiterungssatz von Kolmogorov und für gaußsche Maße das von Leonard Gross eingeführte Konzept des abstrakten Wienerraums. Für allgemeine Maße gibt es die Radonifikation und den Satz von Minlos-Sasonow. Letzterer sagt, dass ein zylindrisches Maß eine σ-additive Erweiterung hat, wenn die Fourier-Transformierte stetig in der Sasonow-Topologie oder Gross-Sasonow-Topologie ist.[21] Solche Topologien nennt man ausreichend.[22]

Satz von Sazonow-Badrikian

Sei eine balancierte, konvexe, beschränkte und abgeschlossene Teilmenge eines lokalkonvexen Raums . Dann bezeichnet den von erzeugten Unterraum von . Eine balancierte, konvexe, beschränkte Teilmenge eines lokalkonvexen Hausdorff-Raums wird eine Hilbert-Menge genannt, wenn der Banachraum eine Hilbertraumstruktur besitzt, d. h. die Norm in von einem Skalarprodukt abgeleitet werden kann und vollständig ist.[23] Der Satz von Sazonov–Badrikian lautet:

Sei ein quasivollständiger lokalkonvexer Hausdorff-Raum und sein Dualraum, ausgestattet mit der Topologie der gleichmäßigen Konvergenz auf kompakten Teilmengen von . Angenommen, jede Teilmenge von ist in einer balancierten, konvexen, kompakten Hilbert-Menge enthalten. Dann gilt, eine positiv definite Funktion auf ist genau dann die Fourier-Transformierte eines Radon-Maßes auf , wenn stetig bezüglich der mit der Topologie von assoziierten Hilbert-Schmidt-Topologie ist.[24]

Literatur

  • Laurent Schwartz: Radon Measures on Arbitrary Topological Spaces and Cylindrical Measures (= Notes by K.R. Parthasarathy, Tata Institute of Fundamental Research Lectures on Mathematics and Physics). Oxford University Press, London 1973, S. 299 (englisch).
  • Wladimir I. Bogatschow und Oleg G. Smoljanow: Topological Vector Spaces and Their Applications. Hrsg.: Springer Cham. 2017, ISBN 978-3-319-57116-4.
  • David H. Fremlin: Measure Theory, Volume 4: Topological Measure Spaces. Hrsg.: Torres Fremlin. Band 4, 2003, ISBN 0-9538129-4-4.

Einzelnachweise

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