Mehr als nur Atome
Sachbuch von Sabine Hossenfelder
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Mehr als nur Atome: Was die Physik über die Welt und das Leben verrät ist ein im Jahr 2023 auf Deutsch erschienenes populärwissenschaftliches Sachbuch der Physikerin Sabine Hossenfelder. Es erschien 2022 im englischen Original unter dem Titel Existential Physics: A Scientist's Guide to Life's Biggest Questions und beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen nach der Beschaffenheit der Welt aus der Perspektive der modernen Physik sowie den Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis.
Motivation
Nach eigenen Angaben wollte Hossenfelder mit dem Buch ein Gegengewicht zu der ihrer Ansicht nach verbreiteten Darstellung der Physik in Bildung und populärwissenschaftlichen Medien schaffen. Diese werde häufig einseitig als technokratische, stark mathematisch geprägte Disziplin dargestellt, die sich auf Teilchenbeschleuniger und ähnliche Anwendungen konzentriere. Mit Existential Physics wollte sie zeigen, dass die Physik zugleich grundlegende existenzielle Fragen berührt – etwa danach, wie das Universum funktioniert, wie es entstanden ist und woraus die Welt letztlich besteht.[1]
Nach ihrer Erklärung will sie Lesern vor Augen führen, wie viel die Wissenschaft bereits über das Universum weiß, wie vieles davon jedoch auf Spekulation beruht und wo gelegentlich schlicht Irrtümer oder Fehlinterpretationen auftreten.[2]
Darüber hinaus beschäftigt Hossenfelder die Frage, wie weit menschliches Wissen grundsätzlich reichen kann und welche Rolle die Mathematik dabei spielt. Nach eigener Aussage interessiert sie weniger die Anwendung bestimmter mathematischer Methoden als die grundsätzliche Frage, was sich mithilfe mathematischer Modelle überhaupt über die Welt aussagen lässt.[2]
Inhalt
Im Buch untersucht Hossenfelder grundlegende Fragen nach Ursprung und Struktur der Wirklichkeit, nach Zeit, Bewusstsein, freiem Willen und dem Sinn menschlicher Existenz aus naturwissenschaftlicher Perspektive. Sie betont die Grenzen physikalischer Erkenntnis, hält aber daran fest, dass Aussagen über solche Themen nur im Einklang mit empirisch gesichertem Wissen getroffen werden sollten.
Hossenfelder beschreibt, dass nach der Relativitätstheorie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen existieren und Zeit als Teil einer vierdimensionalen Raumzeit verstanden werden kann – ein Konzept, das als Blockuniversum bezeichnet wird. Kosmologische Modelle zum Ursprung und Ende des Universums bewertet sie kritisch, sofern sie über den Bereich überprüfbarer Hypothesen hinausgehen. Die Zunahme von Entropie erklärt sie als Ursache irreversibler Prozesse wie des Alterns und als Grundlage für die Erfahrung einer gerichteten Zeit.
Das Bewusstsein versteht Hossenfelder als Ergebnis physikalischer Prozesse, die ohne Annahme einer nichtmateriellen Seele erklärbar sind. Spekulative Konzepte wie Paralleluniversen oder eine simulierte Realität lehnt sie mangels empirischer Belege ab. Den freien Willen deutet sie als Illusion, da menschliche Entscheidungen von physikalischen Prozessen bestimmt oder vom Zufall beeinflusst seien; moralische Verantwortung bleibe jedoch als gesellschaftlich sinnvolles Konzept bestehen.
In Gesprächen mit Physikern wie Tim Palmer, David Deutsch, Roger Penrose und der Wissenschaftsjournalistin Zeeya Merali werden ergänzende Positionen zu Fragen nach der Rolle der Mathematik, der Berechenbarkeit des Bewusstseins und der theoretischen Möglichkeit, Universen zu erschaffen, vorgestellt. Im abschließenden Teil hebt Hossenfelder hervor, dass manche moderne physikalische Theorien spekulative Züge religiöser Weltdeutungen annehmen, wenn sie sich von empirischer Überprüfbarkeit lösen. Zugleich versteht sie die wissenschaftliche Erkenntnissuche als Ausdruck des menschlichen Strebens, das Universum und damit sich selbst zu begreifen.
„Ja, wir sind kleine Haufen von Atomen, die auf einem blassblauen Punkt im äußeren Spiralarm einer bemerkenswert unscheinbaren Galaxie herumkrabbeln. Aber zugleich sind wir soviel mehr als nur Atome.“
Rezeption
In der Fachzeitschrift Publishers Weekly wurde das Buch als kluge Übersicht bezeichnet, in der Hossenfelder zeige, was die Physik zu Fragen der menschlichen Existenz beitragen könne. Die Rezension hebt ihren präzisen Schreibstil hervor und bezeichnet einige ihrer Schlussfolgerungen als provokativ. Empfohlen wurde das Buch insbesondere für Leser mit Grundkenntnissen der Physik.[3]
Laut Kirkus Reviews bleibt Unsinn in populären Diskussionen weiterhin präsent. Hossenfelders Buch könne Lesern Orientierung dabei bieten, gute von schlechten Erklärungen zu unterscheiden, und beschreibt es als meinungsstarkes Werk mit überzeugenden Argumenten. Es wird zusammen mit David Deutschs Buch Der Anfang der Unendlichkeit (The Beginning of Infinity) als Quelle für die Auseinandersetzung mit komplexen wissenschaftlichen und philosophischen Fragen genannt.[4]
In ihrer Rezension in Science lobt Lisa Aziz-Zadeh Hossenfelders klare Trennung von wissenschaftlich überprüfbaren und unwissenschaftlichen Ideen. Aziz-Zadeh merkt an, dass das Buch vor allem aus der Perspektive der Physik geschrieben sei und daher andere wissenschaftliche Disziplinen unberücksichtigt lasse. Das Werk stelle dennoch einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen aus physikalischer Sicht dar.[5]
In Spektrum der Wissenschaft beschreibt Stefan Gillessen Mehr als nur Atome als anspruchsvoll und merkt an, dass den Argumenten nicht immer leicht zu folgen sei. Die Lektüre sei dennoch lohnend, da Hossenfelder sorgfältig zwischen experimentell belegten Fakten und spekulativen oder mythologischen Vorstellungen unterscheide. Kritisch merkt er an, dass die experimentellen Grundlagen etwas zu kurz kämen und das Buch an einigen Stellen ein höheres physikalisches Vorwissen voraussetze.[6]
Erstausgaben
- Sabine Hossenfelder: Existential Physics: A Scientist’s Guide to Life’s Biggest Questions. Viking Press, New York 2022, ISBN 978-1-9848-7945-5.
- Sabine Hossenfelder: Mehr als nur Atome: Was die Physik über die Welt und das Leben verrät. Siedler, München 2023, ISBN 978-3-8275-0166-0 (Übersetzung aus dem Englischen von Monika Niehaus und Bernd Schuh).
Weblinks
- Wolfgang Stieler: Youtuberin und Forscherin Hossenfelder: „Sinn ist nichts, was man in der Physik suchen darf“. In: t3n. 5. November 2024.
- Skeptic: Free Will and Determinism from a Physicist’s Perspective (Sabine Hossenfelder) auf YouTube, abgerufen am 17. Oktober 2025 (englisch; Hossenfelder im Interview zum Buch mit Michael Shermer).
- Stephanie Bastek: When Science Is Not the Answer. In: The American Scholar. 12. August 2022 (englisch).