Meike Spitzner
deutsche Verkehrswissenschaftlerin
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Meike Annamarie Spitzner (* 17. Juni 1957 in Köln) ist eine deutsche Verkehrswissenschaftlerin, die eine der Begründerinnen der feministischen Verkehrsforschung in Deutschland[1] und im Bereich der feministischen Nachhaltigkeitsforschung tätig ist.
Leben und Wirken
Spitzner studierte nach dem Abitur am Kölner Genoveva-Gymnasium ab 1975 an der Universität zu Köln zunächst Mathematik und Geschichte, dann Sozialwissenschaften und Geschichte für das Lehramt. Bis zum Staatsexamen arbeitete sie bereits von 1975 bis 1984 als Hilfskraft in der Bundesanstalt für Straßenwesen, von 1984 bis 1987 beim Ingenieurbüro Steuerwald, Schönharting.[2]
Von 1988 bis 1990 war Spitzner bei der Fraktion der Grünen im deutschen Bundestag angestellt, wo sie die Bereiche Raumordnung, Städtebau, Wohnungspolitik und Verkehr koordinierte. Zudem war sie die Koordinatorin im 1989 gegründeten bundesweiten Netzwerk „Frauen in Bewegung“.[2] Als Fraktionskoordinatorin verantwortete sie etwa die Große Anfrage Emanzipation vom Auto – das Recht der Frauen auf eine Verkehrswende.[3] Auch bündelte sie die zivilgesellschaftliche Opposition gegen den Transrapid.[4] Zudem war sie von 1988 bis 1998 eine der drei Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Verkehr von Bündnis 90/Die Grünen.
1991 holte Ernst Ulrich von Weizsäcker Spitzner an das in Gründung befindliche Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, wo sie ab 1993 den Arbeitsbereich „Feministische Ansätze zur Verkehrsvermeidung“ leitete. Dort erarbeitete sie Hilfestellungen und Maßnahmen für eine ökologisch verträgliche Mobilität in Stadtregionen und eine Verkehrsvermeidung aus einer gleichstellungsorientierten Perspektive.[2] Zugleich entwickelte sie als Erste die Analyse der Mobilität in der Reproduktionsarbeit[5], fokussierte bald auf die „Krise der Versorgungsökonomie“ und erarbeitete theoretische Ansätze dazu sowie politische Lösungsstrategien.[2] Weiterhin befasste sie sich mit den Verbesserungsmöglichkeiten der Grundlagen und Verfahren der Nahverkehrsplanung.[6]
Nach einer Umstrukturierung des Instituts 2003, bei der die bisherige Verkehrsabteilung aufgelöst wurde, wurde Spitzner wissenschaftliche Koordinatorin für Gender in der Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik, der sie dann angehörte. Folglich arbeitete sie nun auch zu Fragen der Energie, des Stadtumbaus und der internationalen Klimapolitik.[2] Unter anderem trug sie zur Weiterentwicklung des Gender Impact Assessment als wissenschaftliches Analyse- und Politikinstrument bei.[7] Weiterhin arbeitete sie zur Überwindung des Androzentrismus in Forschung, Planung und Poltik durch genderresponsive Ansätze[8] und zu Fragen einer sozial-ökologischen Suffizienzpolitik.[9] Die Generaldirektion Forschung und Innovation der EU-Kommission berief sie 2018 als Expertin in die Horizon-2020-Expertise-Gruppe Gendered Innovations / Innovation through Gender, in der sie bis 2020 die Subgroup 3 Climate Change, Energy, Environment, Agriculture leitete.[10] Seit 2024 berät sie über ihr unabhängiges Büro genderrespo: Verkehr, Klima, Energie – genderresponsiv.
Der wissenschaftliche Vorlass von Spitzner wurde 2024 ins Archiv des FrauenMediaTurms in Köln[2] bzw. ins Archiv Grünes Gedächtnis bei der Heinrich-Böll-Stiftung aufgenommen.
Schriften (Auswahl)
- Ute Bader, Paul Beeckmans, Dirk Oblong, Helga Rock, Meike Spitzner: Welche Freiheit brauchen wir? Zur Psychologie der AutoMobilen Gesellschaft. Elefantenpress, Berlin 1989.
- Emanzipation vom Auto – Das Recht der Frauen auf eine soziale, ökologische und feministische Verkehrswende. In: Alternative Kommunalpolitik Heft 1/91, S. 57–60.
- Bewegungsfreiheit für Frauen – Aspekte integrierter kommunaler Verkehrsplanung. In: Dieter Apel, Helmut Holzapfel u. a. (Hg.): Handbuch der kommunalen Verkehrsplanung. Berlin 1993.
- Strukturelle Verkehrsvermeidung – Reduzierung von Verkehrserzeugung. Analyse und Handlungsfelder einer ökologischen Verkehrswende aus der Perspektive feministischer Verkehrsforschung. In: Judith Buchen u. a. (Hg.): Das Umweltproblem ist nicht geschlechtsneutral. Feministische Perspektiven. Dokumentation der Ringvorlesung „Frauen und Umweltschutz“ der TU Berlin. Bielefeld: Kleine Verlag, S. 202–234.
- Meike Spitzner / Gabi Zauke: Rückblick und aktuelle Bilanz der Einmischung von Frauen in Verkehrswissenschaft, -planung und -politik. In: Deutscher Städtetag, Kommission „Frauen in der Stadt“ (Hg.): Frauen verändern die Stadt – Arbeitshilfe 2: Verkehrsplanung. DST-Beiträge zur Frauenpolitik, Reihe L (1995), H. 3, S. 140–153.
- Frauen in Bewegung – bundesweites Netzwerk (Hg.) (1997): Regionalisierung des öffentlichen Nahverkehrs – Eine Chance für Frauen? Handreichung für die Nahverkehrsplanung aus feministischer Sicht. Hg. v. Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen. Bonn
- Meike Spitzner/Ute Beik: Reproduktionsarbeitsmobilität. Theoretische und empirische Erfassung, Dynamik ihrer Entwicklung und Analyse ökologischer Dimensionen und Handlungsstrategien. In: Meike Spitzner, Markus Hesse, Helmut Holzapfel (1999): Entwicklung der Arbeits- und Freizeitmobilität. Rahmenbedingungen von Mobilität in Stadtregionen. Forschungsberichte Bd. 5. Wuppertal: Forschungsverbund "Ökologisch verträgliche Mobilität". ISBN 3-929944-21-9. Wuppertal, S. 41–140.
- Krise der Reproduktionsarbeit – Kerndimensionen der Herausforderungen eines öko-sozialen Strukturwandels. Ein feministisch-ökologischer Theorieansatz aus dem Handlungsfeld Mobilität, in: Ines Weller et al. (Hg.): Nachhaltigkeit und Feminismus. Neue Perspektiven – alte Blockaden, Bielefeld, 1999, S. 151–165.
- Distanz zu Leben, Arbeit und Gemeinschaft? Über den «göttlichen Ingenieur» und die Verkehrswissenschaft im konstruierten Raum, in: Uta von Winterfeld, Adelheid Biesecker, Barbara Duden, Meike Spitzner (Hg.): Vom Zwischenruf zum Kontrapunkt. Frauen, Wissenschaft, Natur; ein Frauenkongreß. Bielefeld, 1997, S. 53–84.
- Sabine Hofmeister, Meike Spitzner (Hg.): Zeitlandschaften. Perspektiven öko-sozialer Zeitpolitik. Stuttgart/Leipzig 1999.[11]
- Zukunftsoffene Entwicklung als Problem gesellschaftlicher Raum-Zeit-Verhältnisse. Annäherungen an ein Zusammendenken physischer und sozialer Dimensionen mit Blick auf Geschlechterverhältnisse, in: Andreas Nebelung, Angelika Poferl, Irmgard Schultz (Hg.): Geschlechterverhältnisse – Naturverhältnisse. Feministische Auseinandersetzungen und Perspektiven der Umweltsoziologie, Opladen 2001, S. 197–225.
- Christine Färber, Meike Spitzner, Joachim Geppert, Susanne Römer: Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Stadtentwicklungspolitik des Bundes. Langfassung. Expertise im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen. Hg. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Bonn 2003.
- Netzgebundene Infrastruktursysteme unter Veränderungsdruck – Genderanalyse am Beispiel Öffentlicher Personennahverkehr. netWORKS-Papers Nr. 13. (2005)
- How Global Warming is Gendered. In: Ariel Salleh (Hg.): Eco-Sufficiency and Global Justice. Gender & Ecological Economics. Sidney/London: Pluto Press, S. 218–229.
- Meike Spitzner, Clemens Wustmans, Matthias Zeeb: Wenn Arbeit nicht ist, was wir dachten, kann Grundsicherung nicht bleiben, was sie ist. In: Jörg Göpfert (Hg.): Nachhaltige Grundsicherung: Armut überwinden - Lebensgrundlagen erhalten. Horizonte 21 - Umwelt, Energie, Sicherheit, Band 7. Potsdam: Universitätsverlag 2017, S. 175–203.
- Meike Spitzner, Sandra Buchmüller: Energiesuffizienz – Transformation von Energiebedarf, Versorgungsökonomie, Geschlechterverhältnissen und Suffizienz: Bericht zum emanzipativen Suffizienz-Ansatz, zur neuen genderreflektierten Methodik und Auswertung einer Fokusgruppendiskussion (2016)
- Johannes Thema, Stefan Thomas, Michael Kopatz, Meike Spitzner, Felix Ekardt: Energiesuffizienzpolitik mit Schwerpunkt auf dem Stromverbrauch der Haushalte (2017).
- Meike Spitzner, Diana Hummel, Immanuel Stieß, Gotelind Alber, Ulrike Röhr: Interdependente Genderaspekte der Klimapolitik. Gendergerechtigkeit als Beitrag zu einer erfolgreichen Klimapolitik: Wirkungsanalyse, Interdependenzen mit anderen sozialen Kategorien, methodische Aspekte und Gestaltungsoptionen. UBA-Texte 30/2020 (2020)
- Eine Frage der Wirkungszusammenhänge: Geschlechtergerechte und transformative Klimapolitik. Politische Ökologie 162 (2020): 128–131.
- Für emanzipative Suffizienz-Perspektiven. Green New Deal statt nachhaltiger Bewältigung der Versorgungsökonomie-Krise und Verkehrsvermeidung? Prokla 202 (2021): 95–114.
- Warum sind Männer anders unterwegs als Frauen? Wie Androzentrismus die klimarelevante Verkehrswende blockiert. In: IAA 2021 – Rassismus, Kolonialismus, Sexismus und Faschismus am Beispiel der Automobilindustrie verstehen! Studienreihe Zivilgesellschaftliche Bewegungen – Institutionalisierte Politik No. 42 / 2021. München: Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern, S. 12–14.
- Gender – Verkehr – Klima. Strategien zur Transformation. In: GeoAgenda 2025/03 "Gender.Raum.Klima". Neuchatel: ASG Association Suisse de Geographie, S. 11–15.
Literatur
- Katja Crnoja: Meike Spitzner. In: Digitales Deutsches Frauenarchiv. 2. Dezember 2025.