Michael A. Fishbane

amerikanischer Judaist From Wikipedia, the free encyclopedia

Michael A. Fishbane (geboren 18. Februar 1943 in Cambridge (Massachusetts)[1]) ist ein US-amerikanischer Gelehrter des Judentums und der rabbinischen Literatur. Er wirkte bis zur Emeritierung an der University of Chicago, Divinity School für jüdische Studien. Zu seinen Hauptinteressen zählt die Geschichte der jüdischen Bibelauslegung und der jüdischen Theologie über die Jahrhunderte.

Leben und Wirken

Michael Fishbane wuchs in einem traditionellen jüdischen Familie, des konservativen Judentum der 1950er Jahre auf. Seine Großeltern mütterlicherseits prägten Fishbanes frühes jüdisches-religiöses Bewusstsein. Neben den traditionellen Tora-Kommentaren sprach Louis Maltzman mit seinem Enkel über die Judenverfolgung in Russland, seine Flucht nach Amerika um die Jahrhundertwende und darüber, was es bedeutete, jüdisches Leben wiederaufzubauen. In Fishbanes Familie waren die Bezugspunkte des Judentums eng mit Bildern von Krieg und Pogromen, Überleben und Bewahrung verknüpft. Seine Mutter war Bernice K. Fishbane, geborene Maltzman.[2] Sein Vater Philip Fischbane wurde im Kampf gegen den deutschen Nationalsozialismus am D-Day, 6. Juni 1944, in der Normandie verwundet und erst Tage später vom Strand gerettet.

Michael Fishbane erinnert sich, bereits in der Grundschule über sein Judentum nachgedacht zu haben; in seiner frühen Jugend legte er täglich Tefillin an. Zeitweise konnte er sich vorstellen, Rabbiner zu werden. Als er jedoch in der achten Klasse im Rahmen eines Schulprojekts örtliche Rabbiner interviewte, erlebte er diese Gespräche als wenig anregend. Nur wenige hätten intellektuelle oder spirituelle Motive für ihre Entscheidung zugunsten des Rabbinats genannt.[3]

Michael Fishbane studierte Judaistik, semitische Sprachen und Bibelwissenschaft, er erwarb seinen Ph.D. im Jahre 1971 an der Brandeis University im Fachbereich „Near Eastern and Judaic Studies“ mit einer Arbeit über biblische Magie und Terminologie. Er ist ein Schüler von Nahum Norbert Glatzer.[4]

Von 1962 an studierte Fishbane an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dort erweiterte er sein Spektrum jüdischer Studien deutlich. In einem Seminar von Gershom Scholem, das überwiegend von dessen Assistenten Ephraim Gottlieb geleitet wurde, setzte er sich erstmals intensiv mit der Kabbala auseinander. Die dort behandelten Texte unterschieden sich deutlich von den religiösen Prägungen seiner Herkunft aus Brooklyn und eröffneten ihm neue inhaltliche Perspektiven.

Zu den weiteren Lehrenden, bei denen er in Jerusalem studierte, gehörten Jehuda Amichai, Shlomo Pines und Ernst Simon. Rückblickend beschreibt Fishbane diese Studienzeit als eine prägende Begegnung.[5]

Lange Zeit war Fishbane als Dozent und Professor für Judaistik lehrend und forschend tätig. Zunächst an der Brandeis University, von 1969 bis 1990 und dann seit 1990 als Nathan Cummings Distinguished Service Professor of Jewish Studies an der University of Chicago, vor allem in der „Divinity School“ und in verwandten Fakultäten.[6] Fishbane (Ph.D., Brandeis University) ist ein anerkannter Experte für die Hebräische Bibel, insbesondere für sein Werk Biblical Interpretation in Ancient Israel und seine Arbeit zum Tanach der Jewish Publication Society (JPS). Er publizierte Schriften zum Midrasch, zur jüdischen Mystik, Mythologie und jüdischer Theologie. 2015 veröffentlichte Fishbane einen vielschichtigen, umfassenden Kommentar, der die gesamte Bandbreite jüdischer Interpretationen des Hohelieds, (hebräisch שִׁיר הַשִּׁירִים Šīr ha-Šīrīm) darstellt (Jewish Publication Society).

Fischbane ist mit Mona DeKoven Fishbane (geboren 1941)[7], einer Professorin für Psychologie, verheiratet. Ihre Kinder sind Elisha und Eitan P. Fishbane. Er wurde von der National Foundation For Jewish Culture mit dem „Lifetime Achievement in Textual Studies Award“ ausgezeichnet.[8] 2013 wurde er zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt.[9] Weitere Auszeichnungen waren im Jahre 1986 der „National Jewish Book Award Scholarship for Biblical Interpretation in Ancient Israel“ und 1994 der „National Jewish Book Award in the Jewish Thought category for The Kiss of God: Spiritual and Mystical Death in Judaism“.[10][11] Dreimal war er Fellow des Institute for Advanced Studies an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Von der Susquehanna University, der Universität Graz und u. a. 2019 von der Karls-Universität Prag erhielt er eine Ehrendoktorwürde.[12]

Wissenschaftliche Positionen

Fishbane zählt zu den prägenden Judaisten der Gegenwart, insbesondere durch seine Arbeiten zur innerbiblischen Exegese, zur rabbinischen Auslegungstradition und zur jüdischen Mystik. Methodisch bewegt er sich im Rahmen der historisch-kritischen Bibelwissenschaft und verbindet philologische Präzision mit redaktionsgeschichtlicher Analyse und literarischer Sensibilität. Zugleich betont er die religiöse Dimension der Texte und versteht sie nicht nur als historische Dokumente, sondern als Ausdruck fortdauernder Deutungsprozesse.

Zentral ist seine These der „innerbiblischen Exegese“, wonach spätere Texte der Hebräischen Bibel frühere Überlieferungen aufnehmen, interpretativ transformieren und theologisch weiterführen. Exegese erscheint damit nicht erst als rabbinisches Phänomen, sondern als ein bereits im biblischen Kanon selbst angelegter hermeneutischer Prozess. Darüber hinaus hebt Fishbane die kreative und spirituelle Dynamik rabbinischer und mystischer Literatur hervor. Seine Position lässt sich insgesamt als textorientiert, hermeneutisch reflektiert und traditionsbewusst charakterisieren. Er steht nicht für eine politische oder ideologische Richtung, sondern für einen wissenschaftlichen Ansatz, der moderne historisch-kritische Methoden mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit jüdischer religiöser Tradition verbindet, wie sie etwa auch im akademischen Umfeld der University of Chicago vertreten wurde, an der er lange Zeit lehrte.[13]

Nach Detlef Schneider-Stengel entfalte Fishbane seine jüdische Theologie als Offenbarungshermeneutik mit Ausgangspunkt in Ex 3,1–4,17 EU. Die Selbstoffenbarung Gottes als „Ich werde sein, wie ich sein werde“ (Ex 3,14 EU) deute er ontologisch prozessual: „Gottes Sein sei als zukunftsoffene, dynamische Wirklichkeit zu verstehen, die dem Sein stets Vorrang vor dem Nicht-Sein gebe.“ Theologisch impliziere dies eine Konzeption von creatio continua, in der göttliche Wirklichkeit als fortdauernde Lebenszusage erscheine.

Erkenntnistheoretisch bewege sich Fishbane im Horizont einer negativen Theologie: „Gott entziehe sich unmittelbarer Verfügbarkeit und sei nur indirekt im Vollzug menschlicher Erfahrung erschließbar.“ Theologie sei daher kein rein theoretisches Diskursunternehmen, sondern eine praxisbezogene Hermeneutik, die Gottes Wirkspuren in konkreten Lebensvollzügen deute. Angesichts historisch und kulturell divergierender Erfahrungshorizonte ergebe sich notwendig eine epistemische und diachrone Pluralität theologischer Positionen.

Anthropologisch fundiere Fishbane diesen Ansatz ganzheitlich: „Da der Mensch als Einheit von Geist und Leib zu verstehen sei, konstituiere sich Gotteserkenntnis sowohl im reflexiven Denken als auch in leiblich vermittelter Erfahrung.“ Sein theologisches Projekt sei integrativ angelegt und begreife unterschiedliche kulturelle Praxisfelder, so Wissenschaft, Kunst, Politik, als potenzielle Erkenntnisorte des Göttlichen. Daraus erwachse eine normative Ethik des Schalom: „Die Partizipation an Gottes schöpferischer Zukunft verpflichte zur konkreten Realisierung von Heil und Gerechtigkeit im sozialen Handeln.“[14]

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Biblical Interpretation in Ancient Israel. Oxford Clarendon Press, 1985.
  • Garments of Torah: Essays in Biblical Hermeneutics. Indiana University Press, 1989.
  • The Kiss of God: Spiritual and Mystical Death in Judaism. University of Washington Press, 1994.
  • The Exegetical Imagination: On Jewish Thought and Theology. Harvard University Press, 1998.
  • Biblical Text and Texture: A Literary Reading of Selected Texts. Oneworld Publications, 1998.
  • The JPS Bible Commentary: Haftarot. Jewish Publication Society, 2002.
  • Biblical Myth and Rabbinic Mythmaking. Oxford University Press, 2003.
  • Sacred Attunement: A Jewish Theology. University of Chicago Press, 2007.
  • The JPS Bible Commentary: Song of Songs. Jewish Publication Society, 2015
  • Fragile Finitude: A Jewish Hermeneutical Theology. University of Chicago Press, 2021
  • Einstimmung auf das Heilige. Eine jüdische Theologie. Herder, Freiburg / Basel / Wien 2023, ISBN 978-3-451-38980-1
  • Alan Brill: An Interview with Michael Fishbane vom 24. Juli 2014 auf kavvanah.blog
  • Revelation and Contemporary Jewish Theology with Professor Michael Fishbane.Richard S. Dinner Center for Jewish Studies at the Graduate Theological Union, 28. April 2021, auf youtube
  • Bibliographie auf semanticscholar.org

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI