Mongolisches Khanat
historischer Staat
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Das Bogd-Khanat der Mongolei bzw. Mongolische Khanat war zwischen 1911 und 1915 sowie erneut von 1921 bis 1924 ein Staat in der Äußeren Mongolei. Am 30. November 1911 gründeten die Mongolen eine provisorische Regierung. Am 29. Dezember 1911 erklärten die Mongolen ihre Unabhängigkeit von der zusammenbrechenden Qing-Dynastie nach dem Ausbruch der Xinhai-Revolution. Sie setzten den 8. Bogd Gegeen, die höchste Autorität des tibetischen Buddhismus in der Mongolei, als theokratischen Herrscher ein, der den Titel Bogd Khan oder „Heiliger Herrscher“ annahm. Der Bogd Khaan war der letzte Khagan der Mongolen. Zwischen 1915 und 1921 geriet die Mongolei jedoch wieder unter die Oberherrschaft Chinas. Schließlich vertrieben die Mongolen unter dem Einfluss des russischen Bürgerkriegs mit der Hilfe einer von Roman von Ungern-Sternberg angeführten Streitmacht 1921 die chinesischen Kriegsherren, und die Mongolei erlangte unter der Führung der Kommunisten ihre Unabhängigkeit zurück. Drei Jahre bestand das Khanat danach noch als konstitutionelle Monarchie, bevor die Mongolische Volksrepublik ausgerufen wurde.
| Mongolisches Khanat | |||||
| 1911–1915 1921–1924 | |||||
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| Amtssprache | Mongolisch | ||||
| Hauptstadt | Ulaanbaatar | ||||
| Staats- und Regierungsform | Theokratie, Absolute Monarchie Konstitutionelle Monarchie | ||||
| Staatsoberhaupt | Bogd Khan | ||||
| Regierungschef | Premierminister | ||||
| Parlament(e) | Großer Staats-Chural (1914–1919) | ||||
| Einwohnerzahl | ca. 1 Mio. | ||||
| Währung | Tael, Mongolischer Dollar | ||||
| Vorgängergebilde | Qing-Mongolei | ||||
| Abgelöst von | Volksrepublik Mongolei | ||||
Geschichte
1911–1915: Unabhängigkeit von der Qing-Dynastie

Mit dem Zusammenbruch der Qing-Dynastie im Jahr 1911 ergriff die äußere Mongolei die Gelegenheit, ihre Unabhängigkeit zu proklamieren. Im Frühjahr 1911 überzeugten einige prominente mongolische Adlige, darunter Prinz Tögs-Ochiryn Namnansüren, den Jebtsundamba Khutukhtu (Bogd Gegeen), den höchsten Lama der Gelugpa im Buddhismus in der Mongolei, eine Versammlung von Adligen und geistlichen Würdenträgern einzuberufen, um über die Unabhängigkeit von China zu beraten.[1] Am 29. Dezember 1911 wurde der achte Jebtsundamba Khutuktu zum Bogd Khan („Heiliger Herrscher“) gekrönt und als theokratisches Staatsoberhaupt einer unabhängigen Mongolei eingesetzt, nachdem im Monat zuvor eine temporäre Regierung etabliert worden war. Die Äußere Mongolei erreichte damit erstmals nach 200 Jahren chinesischer Vorherrschaft ihre Unabhängigkeit.[2][3]
Der neue Staat war ein buddhistisch-theokratisches Khanat, in dem der Bogd Khan sowohl geistliches Oberhaupt als auch weltlicher Monarch war. Unmittelbar nach der Unabhängigkeit richtete die Regierung einen Ministerrat mit fünf Ministerien ein (Inneres, Äußeres, Militär, Finanzen und Justiz) der die Verwaltung des Landes übernahm. Eine der ersten Maßnahmen des Bogd Khan bestand darin, den kaiserlichen Viehbestand der Qing zu konfiszieren und unter den mongolischen Adeligen und hohen Lamas aufzuteilen, was die Loslösung von der Mandschu-Herrschaft symbolisieren sollte.[2] China verweigerte jedoch die Anerkennung der mongolischen Unabhängigkeit und betrachtete die Äußere Mongolei weiterhin als Teil seines Staatsgebiets.

Die junge Mongolei suchte daher international Unterstützung. Eine Delegation unter Führung von Tögs-Ochiryn Namnansüren reiste 1913 nach Russland, um diplomatische Hilfe und Waffen zu erbitten. Zar Nikolaus II. war zwar an einem Pufferstaat gegenüber dem expandierenden Kaiserreich Japan interessiert, lehnte aber eine uneingeschränkte mongolische Unabhängigkeit ab, um China nicht völlig zu brüskieren. Russland erkannte die Autonomie der Mongolei, nicht jedoch ihre völlige Souveränität an, und erhielt im Gegenzug Handelsrechte sowie Einfluss auf die Ausbildung der mongolischen Armee.[4] Parallel suchte der Bogd Khan die pan-mongolische Einheit: 1912/13 unternahmen mongolische Truppen Vorstöße, um auch die Innere Mongolei, Teile Westmongoleis (Kobdo/Uliastai) und das Gebiet Tannu-Uriankhai (Tuwa) dem neuen Staat anzuschließen.[2] Diese Expansion wurde jedoch durch den Widerstand sowohl der russischen als auch der chinesischen Seite begrenzt; insbesondere fürchtete Russland ein „Großmongolisches“ Reich, das eventuell auch Gebiete in Sibirien hätte beanspruchen können.[4]
Im November 1913 widersprach eine sino-russische Deklaration der Forderung nach einer vollen mongolischen Unabhängigkeit.[5] Im Mai 1915 endeten dreiseitige Verhandlungen zwischen der Mongolei, China und Russland mit dem Vertrag von Kjachta. Darin erkannte China zwar eine weitgehende Autonomie der Äußeren Mongolei an, bestand jedoch auf seiner formellen Oberhoheit (Suzeränität). Die Mongolei durfte innere Angelegenheiten regeln, jedoch keine unabhängige Außenpolitik betreiben. De facto bedeutete das Abkommen einen Rückschritt gegenüber 1911: Die volle Unabhängigkeit wurde auf einen autonomen Status reduziert.[6][2][4] Der Bogd Khan blieb nominell Herrscher (Khan) der Mongolei, doch wurde sein Titel von China nur im Zusammenhang mit einer Autonomie bestätigt.
1915–1921: Autonomie und chinesische Besetzung
In den Jahren nach 1915 befand sich die Mongolei in einem unsicheren Zwischenstatus. Offiziell war sie ein autonomes Gebiet unter chinesischer Oberhoheit, faktisch übten jedoch russische Berater und die einheimische Aristokratie großen Einfluss aus. Innenpolitisch blieb das theokratisch-feudale System bestehen: Ein „Regierungsrat“ aus adeligen Fürsten und hohen Lamas verwaltete das Land unter der Autorität des Bogd Khan. Russland bemühte sich, die Mongolei als autonomen Pufferstaat zu erhalten. Während des Ersten Weltkriegs wurde Russland jedoch abgelenkt, und nach der russischen Oktoberrevolution 1917 schwand der russische Schutz für die Mongolei. Die Republik China nutzte dies, um ihren Einfluss zurückzugewinnen: Im Oktober 1919 marschierten Truppen der chinesischen Beiyang-Regierung unter General Xu Shuzheng in Niislel Khüree (Urga) ein und hoben die Autonomie der Äußeren Mongolei formell auf.[7]

Der Bogd Khan wurde entmachtet und die Mongolei wieder direkt chinesischer Verwaltung unterstellt. Diese Besetzung rief jedoch in weiten Teilen des Landes Widerstand hervor. Im Februar 1920 leitete Xu eine äußerst demütigende Zeremonie, bei der Bogd Khan und andere Mongolenführer gezwungen wurden, vor ihm den Kotau zu machen. Aufgrund der inneren Unruhen in China war die chinesische Herrschaft allerdings nur äußerst schwach. Viele der chinesischen Truppen während der Besetzung waren Tsahar (Chahar)-Mongolen aus der Inneren Mongolei, was ein Hauptgrund für die Feindseligkeit zwischen den Äußeren Mongolen (Chalcha) und den Inneren Mongolen war.[8] Geheime revolutionäre Zirkel mongolischer Intellektueller – darunter die später führenden Köpfe Süchbaatar und Tschoibalsan – bildeten sich 1919/20 im Untergrund. Sie erstrebten die Wiederherstellung der Unabhängigkeit, nun aber unter neuen, republikanischen und antifeudalen Vorzeichen, und suchten dafür Unterstützung bei Sowjetrussland.
Anfang 1921 ergab sich eine dramatische Wendung durch das Eingreifen eines Dritten: der „Weiße“ Baron Roman von Ungern-Sternberg, ein antikommunistischer russischer Warlord, marschierte mit einer Mischtruppe aus Russen, Burjaten und Mongolen in die Mongolei ein. Im Februar 1921 gelang es Ungern-Sternberg, die unbeliebte chinesische Besatzung nach schweren Kämpfen aus Urga zu vertreiben. Der Bogd Khan wurde von Ungern-Sternberg faktisch wieder als Herrscher eingesetzt und am 22. Februar 1921 erneut feierlich inthronisiert. Allerdings errichtete Ungern in Urga ein Terrorregime und herrschte in Wirklichkeit selbst, während er den Bogd Khan als religiöses Symbol nutzte. Der Deutschbalte Ungern-Sternberg hielt sich selbst für eine Reinkarnation von Dschingis Khan.[5][9]
Ungerns Willkürherrschaft dauerte nur wenige Monate: Bereits im Frühjahr 1921 formierten sich im Norden der Mongolei die Kräfte der Mongolischen Volkspartei (später Revolutionäre Volkspartei) unter Damdin Süchbaatar. Unterstützt von der Roten Armee überschritten sie im Juni 1921 die Grenze. In einem Feldzug schlugen die „revolutionären“ sowjetisch-mongolischen Einheiten sowohl Ungerns „Weiße“ Truppen als auch verbliebene chinesische Einheiten. Am 6. Juli 1921 wurde Urga (nun wieder Niislel Khüree genannt) eingenommen.[5] Ungern-Sternberg floh in die Steppe und wurde im August 1921 gefangen genommen und später hingerichtet.
1921–1924: Zweite Unabhängigkeit und Ende des Khanats
Am 11. Juli 1921, heute Mongolischer Nationalfeiertag (Naadam), proklamierten die siegreichen Revolutionäre eine neue Regierung.[2] Um die breite Bevölkerung und den Klerus nicht zu verunsichern, entschieden sie sich, den Bogd Khan als nominelles Staatsoberhaupt beizubehalten und eine konstitutionelle Monarchie zu schaffen. Der Bogd Khan fungierte von 1921 bis 1924 erneut als Staatsoberhaupt der Mongolei, allerdings nur noch mit stark eingeschränkter Macht.[6] Die tatsächliche Regierungsgewalt lag bei der Mongolischen Volksregierung unter Führung der revolutionären Volkspartei, die sich außenpolitisch an Moskau anlehnten. Der Einfluss des Adels und der hohen Lamas auf die Politik wurde begrenzt. Dennoch blieben traditionelle Strukturen vorerst bestehen, und der Übergang zur sozialistischen Politik vollzog sich schrittweise.
Im Mai 1924 starb der Bogd Khan. Sein Tod markierte das Ende des theokratischen Herrschaftssystems. Die Regierung untersagte umgehend die Suche nach der Reinkarnation des Bogd Gegen, um eine theokratische Restauration zu verhindern.[2] Im November 1924 wurde auf einem Großen Khural (Nationalversammlung) die Mongolische Volksrepublik ausgerufen und die erste Verfassung verabschiedet. Damit endete das Bogd-Khanat endgültig. Die Mongolei entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem sozialistischen Ein-Parteien-Staat unter starkem Einfluss der Sowjetunion. In den 1930er Jahren kam es unter dem Einfluss des Stalinismus zu erheblichen Repressionen gegen die alte Oberschicht und den buddhistischen Klerus.
Regierungssystem und Gesellschaft

Das Bogd Khanat der Mongolei war eine theokratisch-feudale Monarchie. Staatsoberhaupt war der Bogd Khan als „lebender Buddha“ und weltlicher Herrscher zugleich. Er wurde von den mongolischen Adeligen und Klerikern als göttlicher Monarch verehrt und besaß formal uneingeschränkte Autorität. In der Praxis stützte er sich jedoch auf einen Regierungsrat aus Fürsten und hohen Lamas, da viele Entscheidungen konsensuell im kleinen Kreis der mongolischen Oberschicht getroffen wurden. Nach der Unabhängigkeit 1911 etablierte die Mongolei ein rudimentäres Ministerialsystem mit zunächst fünf Ministerien, um staatliche Funktionen zu organisieren. Eine Verfassung im modernen Sinne existierte nicht; stattdessen galten weiterhin ein traditionelles Gesetzeswerk. Erst während der zweiten Unabhängigkeitsphase ab 1921 kam es zur Einrichtung eines Parlaments (Khural) und damit zu Ansätzen einer konstitutionellen Monarchie.[5]
Die Gesellschaft der Mongolei in dieser Epoche war traditionell und stark hierarchisch gegliedert. Oberschicht und Regierung wurden von erblichen Adelsfamilien und der geistlichen Elite der Lamas beherrscht. Der Buddhismus (tibetischer Lamaismus) dominierte das geistige und kulturelle Leben. In den 1910er Jahren waren rund 35 % der männlichen Bevölkerung als buddhistische Mönche registriert,[10] ein Indikator für den enormen Einfluss der Klöster, die zugleich große Ländereien und Herden besaßen. Die breite Bevölkerung bestand überwiegend aus nomadischen Viehzüchtern, die in Jurten durch die Steppen zogen. Bauern oder Städte im westlichen Sinne gab es kaum. Moderne Infrastruktur und Industrie fehlten vollständig in dem riesigen, dünn besiedelten Land.
Erst nach 1921 begannen die neuen Machthaber, die feudalen Strukturen aufzubrechen. Adlige verloren nach und nach ihre erblichen Privilegien, und buddhistische Klöster wurden in ihrer politischen Macht beschnitten. Insgesamt war das Khanat eine Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen jahrhundertealter Nomaden-Tradition und den ersten Ansätzen moderner Staatlichkeit.
Rezeption und Erbe
Das kurze zwölfeinhalbjährige Bestehen des Bogd Khanats (aufgeteilt in zwei Perioden) wird in der mongolischen Geschichtsschreibung als entscheidende Übergangsphase bewertet. In der Ära der Mongolischen Volksrepublik (1924–1992) wurde die Rolle des Bogd-Khan-Staates jedoch ambivalent gesehen. Die kommunistische Geschichtsschreibung würdigte zwar den nationalen Unabhängigkeitskampf von 1911, betonte aber, dass diese „bürgerlich-nationale Revolution“ unvollständig geblieben sei und erst die sogenannte Volksrevolution von 1921 die volle Souveränität und soziale Befreiung gebracht habe. Offiziell galt der 11. Juli 1921 (Tag der Volksrevolution) als wichtigster Feiertag, während an die theokratische Monarchie nur in begrenztem Maße erinnert wurde. Dies änderte sich nach dem Sturz des Sozialismus in der Mongolischen Revolution von 1990. Im Jahr 2011 wurde der 29. Dezember als Tag der Krönung des Bogd Khan und der mongolischen Unabhängigkeit gefeiert.[3]
Das Bogd Khanat legte den Grundstein für die Existenz eines unabhängigen mongolischen Staates und verhinderte die völlige Eingliederung der Mongolen in die chinesische oder russische Sphäre. Die späteren Regierungen – ob kommunistisch oder demokratisch – knüpften an die staatliche Kontinuität an, die 1911 begonnen hatte. International blieb die Souveränität der Mongolei jedoch lange umstritten: Die Republik China erkannte die mongolische Unabhängigkeit erst 1946 formell an, nach einem im Vorjahr abgehaltenen Volksentscheid unter UN-Aufsicht. Die Volksrepublik China bestätigte 1949/50 ebenfalls den Verzicht auf ihre Ansprüche in der Äußeren Mongolei.[11]


