Morgenland Festival Osnabrück

Musikfestival in Osnabrück From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Morgenland Festival Osnabrück ist ein jährlich stattfindendes Festival für Musik aus dem Nahen und Mittleren Osten. Es findet seit 2005 in verschiedenen Spielstätten der Stadt Osnabrück sowie im Rahmen von Gastspielen im Ausland statt. So führte das Festival bisher mehrere Chor- und Orchesterprojekte in Europa und vor allem in Ländern des Nahen und Mittleren Ostens durch. Neben musikalischen Darbietungen von traditioneller bis zeitgenössischer Musik aus den genannten Regionen sind alternative Kulturgenres wie bildende Kunst, Tanz, Theater und interdisziplinäre Projekte Teil des Festivalprogramms.

Geschichte

Ibrahim Keivo, syrisch-kurdischer Sänger beim Morgenland Festival Osnabrück, 2015

Das Morgenland Festival wurde 2005 erstmals ausgerichtet. Initiator und künstlerischer Leiter war bis 2024 Michael Dreyer. Im Jahr 2025 übernahm die Leitung der syrische Musiker Kinan Azmeh, ein Gründungsmitglied der Morgenland All Star Band. Für die Jahre 2026 und 2027 wurde die aus dem Iran stammende Musikerin Shabnam Parvaresh als Leiterin benannt.[1]

Laut eigener Darstellung versteht sich das Festival als „Laboratorium für die Musik von morgen.“[2] Es verfolgt dabei das Ziel, tradierte Vorstellungswelten vom „Orient“ durch aktuelle musikalische Darbietungen und Begegnungen zu erweitern und Künstler aus verschiedenen Musiktraditionen zusammenzubringen. Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler erhalten dafür Zeit und Raum, um gemeinsam neue Projekte zu realisieren und eigens für das Festival komponierte Musik einzustudieren. Das musikalische Programm wird dabei meist erst vor Ort erarbeitet. Der Begriff „Morgenland“ wurde hierbei „als Symbol für das Kommende und als Ort der künstlerischen Freiheit“ gesehen.[3]

Neben bekannten Künstlern wie Yo-Yo Ma (USA), Kayhan Kalhor (Iran), Alim Qasimov (Aserbaidschan), Dschiwan Gasparjan (Armenien), Salman Gambarov (Aserbaidschan) oder der NDR Bigband traten seit 2005 auch in Deutschland eher unbekannte Musiker aus dem Iran, Irak, Syrien, Pakistan, dem Libanon, Israel, Ägypten, Aserbaidschan, Xinjiang und der Türkei auf. Ein Höhepunkt des Festivals waren 2006 Gastspiele des Tehran Symphony Orchestra mit Werken persischer Komponisten, aber auch von Beethoven, Tschaikowsky und Frank Zappa. Außerdem kam es zu Gegenbesuchen des Osnabrücker Symphonieorchesters in Teheran sowie einer Aufführung von Bachs Johannespassion des Osnabrücker Jugendchors ebenfalls in Teheran.[4][5]

Aufgrund der Corona-Pandemie fand 2020 das Festival mit dem Schwerpunkt von Musik aus den Ländern des Balkan lediglich mit virtuellen Konzerten über das Internet statt. Dafür hatten die Musiker in ihren Heimatländern an lokal bedeutenden Orten Videosequenzen aufgezeichnet, die in der Folge vom Festival zu kurzen Filmen kombiniert wurden.[6]

Morgenland Chamber Orchestra

Seit 2009 ist das Morgenland Chamber Orchestra feste Institution des Festivals: Deutsche Musiker erarbeiten zusammen mit Musikern der Gastländer ein gemeinsames Repertoire, das jeweils zur Eröffnung mit wechselnden Solisten aufgeführt wird.[7] Dirigenten des Orchesters waren unter anderen Nader Mashayekhi (Iran) und Kinan Azmeh (Syrien).

Morgenland All Star Band

Die Morgenland All Star Band wurde im Jahr 2012 gegründet und setzt sich aus den Musikern Dima Orsho (Gesang), Kinan Azmeh (Klarinette), Ibrahim Keivo (Gesang), Salman Gambarov (Klavier), Ziya Güçkan (Violine), Moslem Rahal (Ney), Rony Barrak (Darbuka), Frederik Köster (Trompete), Bodek Janke (Schlagzeug & Perkussion) und Michel Godard (Serpent) zusammen. Die Band spielte beim Morgenland Festival in Osnabrück und im Bimhuis in Amsterdam,[8] im Berliner Pierre-Boulez-Saal,[9] in der Philharmonie von Almaty, im Saygun Culture Center in Izmir sowie in Beirut als auch auf einer Tour durch China.

Nachwuchsprogramme

Das Morgenland Festival Osnabrück hat drei Bildungsprogramme ins Leben gerufen:

  • In Zusammenarbeit mit der Universität Osnabrück veranstaltet das Festival die Reihe Morgenland im Klassenraum, bei der Musiker des Festivals Schulen in Osnabrück besuchen.
  • Die Morgenland Akademie ist ein mehrtägiger Workshop für junge Musiker, der von der Gesellschaft der Freunde Morgenland Festival Osnabrück e. V. veranstaltet wird.
  • Der Morgenland Campus entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musik der Hochschule Osnabrück; er findet seit November 2019 jährlich als eigenständiger Meisterkurs statt.[10]

Veranstalter und Förderer

Das Festival ist eine Veranstaltung der Stadt Osnabrück und des Kulturzentrums Lagerhalle Osnabrück. Verschiedene Institutionen und Unternehmen unterstützen das Festival finanziell. Langjährige Förderer sind die Stiftung Niedersachsen, die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die Sparkasse Osnabrück, Musikland Niedersachsen, das niedersächsische Kultusministerium, die Musikförderung des NDR, die Kulturstiftung des Bundes, der Landschaftsverband Osnabrücker Land und die Sievert AG.[11]

Bereits nach wenigen Jahren verzeichnete das Festival ausverkaufte Konzerte[12] und hohe Besucherzahlen: 2012 konnte es bei voller Auslastung 7.000 Gäste für 14 Veranstaltungen verzeichnen.[13]

Spielstätten

Zu den jährlich wechselnden Spielstätten gehörten unter anderem:[14]

Auszeichnungen

2009 erhielt der Festivalleiter Michael Dreyer den Praetorius Musikpreis des Landes Niedersachsen in der Kategorie „Internationaler Friedensmusikpreis“.[13]

Gesellschaft der Freunde Morgenland Festival Osnabrück e. V.

Der gemeinnützige Freundeskreis des Festivals bemüht sich seit 2009 um finanzielle Mittel für die Durchführung flankierender Projekte. Bislang erschienen sind ein Fotodokumentationsband (2005–2009), „10 Jahre Morgenland Festival Osnabrück“, ein Dokumentationsband (2015), sowie der Dokumentarfilm „Eastern Voices“ als Blu-ray und DVD 2011 bei EuroArts. Im Rahmen des Morgenland Festivals Osnabrück 2022 vergab die Gesellschaft der Freunde Kompositionsaufträge an ausgewählte Künstlerinnen und Künstler, die während des Festivals von der Morgenland All Star Band uraufgeführt wurden. Des Weiteren veranstaltet der Förderverein für seine Mitglieder Ausflüge zu Ausstellungen, Reisen und Konzerte.[15]

Veröffentlichungen

  • 2006 Tehran Symphony Orchestra, live in Osnabrueck (CD)
  • 2009 Yulduz Turdieva – The Rising Star of the East (CD)
  • 2009 Ibrahim Keivo – The Voice of Ancient Syria (CD)
  • 2009 Alim Qasımov & Fərqanə Qasımova – Intimate Dialogue (CD)
  • 2009 Salman Gambarov & Bakustic Jazz – Live at Morgenland Festival Osnabrück (CD)
  • 2010 Shourouk. Solisten des Morgenland Festival Osnabrück mit der NDR Bigband und dem Osnabrücker Symphonieorchester (CD)
  • 2010 Ayshemgul Memet – The Female Voice of Uyghur Muqams and Folksongs (CD)
  • Eastern Voices – Morgenland Festival 2006–2010 (CD)
  • 2010 Alim Qasımov, Fərqanə Qasımova, Yulduz Turdieva, Ibrahim Keivo, Ayshemgul Memet, Salar Aghili Eastern Voices (CD)
  • 2010 Eastern Voices (DVD), a documentary by Frank Scheffer and Günter Wallbrecht, erschienen bei EuroArts.
  • 2012 Letters to a Homeland – Hewar featuring Jivan Gasparyan, Rony Barrak, Morgenland Chamber Orchestra, Andreas Müller (CD)
  • 2014 Songs without Frontiers - Episodes from Morgenland Festival Osnabrück (DVD), Günter Wallbrecht, erschienen bei Stingray Djazz
  • 2016 Aragats. The Arrival mit Jivan Gasparyan Jr., Armen Hyusnunts, Vahagn Hayrapetyan, Alex Baboian (CD)

alle CDs sind erschienen bei Dreyer-Gaido Musikproduktionen.

Auftragskompositionen (Auswahl)

  • Franghiz Alizadeh: Deyishme für Kontrabass, Tabla und Orchester. Uraufführung 2005, Nabil Shehata (Bass), Sankha Chatterjee (Tabla), Kammerakademie Potsdam, Ltg. David Geringas
  • Nader Mashayekhi: fié ma fié III für Gesang und Orchester. UA 2006, Salar Aghili, Tehran Symphony Orchestra, Ltg. Nader Mashayekhi
  • Saed Haddad: Alternative world-versions für Klavier und Orchester. UA 2007, Saleem Abboud Ashkar (Klavier), Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Frank Cramer
  • Cymin Samawatie: Vocal Diary. UA 2007, Cymin Samawatie Trio
  • Nader Mashayekhi: Moulana für Gesang und Orchester. UA 2008, Salar Aghili, Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Frank Cramer
  • Nouri Iskandar: Alkhareef (Herbst) – Am Rande der Kälte. UA 2009, Ibrahim Keivo (Gesang), Morgenland Chamber Orchestra, Leitung: Nader Mashayekhi
  • Kinan Azmeh: Fantasy in three characters. UA 2010, Kinan Azmeh (Klarinette), Ibrahim Keivo (Gesang), Osnabrücker Symphonieorchester, Ltg. Hermann Bäumer

Dokumentationen

  • 2007 A Passage to Iran, Dokumentarfilm von Amir Hossein Ahooie
  • 2007 Unisono, Dokumentarfilm von Frank Scheffer & Lucas van Woerkum
  • 2008 From Tehran Underground to Osnabrück. One night with the Iranian Rockband DA-SH, Dokumentarfilm von Shahriyar Ahadi
  • 2010 Eastern Voices, Dokumentarfilm von Frank Scheffer und Günter Wallbrecht
  • 2010 Road to Osnabrück, Dokumentarfilm von Mukaddas Mijit
  • 2014 Songs without Frontiers, Dokumentarfilm von Günter Wallbrecht

Rezeption

Berichte über das Morgenland Festival erschienen unter anderem in der Osnabrücker Rundschau,[16] der Süddeutschen Zeitung,[17] der Tageszeitung,[18] dem Deutschlandfunk Kultur, in Musikmagazinen wie Jazz thing und der Jazzzeitung[19] sowie im Weltmusik-Magazin Folker.World.[20] Dabei wurde die wiederholt gelungene „musikalische Zusammenarbeit über alle sprachlichen, geografischen und historischen Grenzen hinweg“ hervorgehoben.[21] Das Portal Qantara berichtete mehrfach über das Morgenland Festival und seine jeweiligen Programme. Das BBC Music Magazine veröffentlichte im Mai 2021 einen Bericht des Musikjournalisten Simon Broughton.[22]

In einem Bericht über das Festival im Jahr 2025 beschrieb Die taz das Festivalpublikum als „so vielfältig wie dessen Musik“ und zitierte Michael Dreyer mit der Aussage: „Mein Wunsch war immer, dass wir das hiesige Publikum ebenso erreichen wie die arabische, türkische, kurdische oder iranische Community.“[18]

Einzelnachweise

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