Moritz Weinberg
deutscher Jurist
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Familie
Moritz Weinberg stammte aus einer jüdischen Familie, aus der Aron Bendix Levi im Jahr 1808 in der westfälischen Kleinstadt Werther den festen Nachnamen Weinberg annahm.[1] Moritz’ Vater Bendix Weinberg (1857–1933) betrieb in Werther ein dort bereits 1798 bestehendes Geschäft für Manufaktur- und Modewaren.[2] Seine Mutter war Julchen (Julia) Simons (1859–1940) aus Olfen.[3]
Moritz hatte drei Geschwister, die alle in der Shoa ermordet wurden:
- Meta Weinberg (geb. 7. November 1889 in Werther), verehelichte Schöneberg, kam 1942 nach Köln, wohnte zuletzt in der Utrechterstraße 6, wurde am 29. Januar 1943 von Köln über Berlin ins KZ Auschwitz deportiert und dort am 9. Februar 1943 ermordet.[4][5][6]
- Johanna (Hanna) Weinberg (geb. 30. Juni 1891 in Werther), verehelichte Lehmann, wurde am 31. März 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert und dort vermutlich noch im selben Jahr ermordet.[4][7]
- Alfred Weinberg (geb. 28. Mai 1894 in Werther) war Kaufmann in Werther, wurde am 31. März 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert und dort vermutlich noch im selben Jahr ermordet.[4][8]
Am 9. März 1924 heiratete Moritz Weinberg in der Kölner Synagoge in der Roonstraße Mathilde (Hilde) Eschelbacher aus Neuwied,[9] deren ebenfalls jüdische Familie ursprünglich aus dem fränkischen Hardheim stammte. Ihr Vater Max Eschelbacher (geb. 30. November 1875 in Hardheim) betrieb in Neuwied eine Kolonialwaren-Großhandlung mit Kaffeerösterei in der Mittelstraße 39. Ihre Mutter war Selma Cahn (1877–1923).[10]
Hilde hatte eine Schwester, die in der Shoa ermordet wurde:
- Alice Eschelbacher (geb. 30. Januar 1904 in Neuwied), verehelichte May, lebte mit ihrer Familie in Berlin, von wo aus sie am 12. März 1943 ins KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.[4]
Hildes Vater, Max Eschelbacher, wurde mit dem Transport III/1 von Köln aus am 15. Juni 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert,[11] überlebte dort und konnte am 5. Februar 1945 zu Verwandten in die Schweiz ausreisen,[12] wo er 1951 verstarb und auf dem jüdischen Friedhof in La Tour-de-Peilz beerdigt wurde.[13]
Das Ehepaar Weinberg-Eschelbacher hatte zwei Kinder: Rolf Weinberg (geb. 25. Mai 1926 Köln) und Marie Luise Weinberg (geb. 13. September 1929 in Köln).[14]
Leben
Moritz Weinberg erhielt bis zu seinem 11. Lebensjahr Privatunterricht in Werther und besuchte anschließend bis zum Abitur das Realgymnasium in Bielefeld. Am 20. April 1907 schrieb er sich zum Studium der Rechtswissenschaften an der Universität in Bonn ein. Nach zwei Semestern wechselte er an die Universität in München, danach an die Universität in Münster und legte die erste juristische Prüfung am Oberlandesgericht in Hamm ab. Seinen weiteren juristischen Vorbereitungsdienst absolvierte er vor allem in Bielefeld. Unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg legte er sein Assessor-Examen daher erst am 8. August 1919 ab und war anschließend als Hilfsrichter an den Gerichten in Dortmund, Essen und Bielefeld sowie als stellvertretender Staatsanwalt in Bochum und Essen tätig. 1920 wurde er von der Universität in Greifswald mit der 41-seitigen Arbeit Der gerichtliche Schutz von Mitgliedern nicht rechtsfähiger Vereine gegen ungerechtfertigte Ausschließung promoviert und am 28. August 1920 in Essen zum Landgerichtsrat ernannt.[15]
In Bonn war er der jüdischen Studentenverbindung Rheno-Silesia sowie in München der Licaria beigetreten.[16]
Moritz Weinberg absolvierte seinen Wehrdienst als Einjährig-Freiwilliger von 1912 bis 1913 im bayerischen Feldartillerie-Regiment Nr. 3 mit Garnison in München. Am 30. September 1913 wurde er dort als Offiziersanwärter der Reserve entlassen und für eine spätere Verwendung an den Train (Nachschub) überstellt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs erhielt er seine Einberufung zur bayerischen 1. Train-Abteilung und am 19. September 1914 seine Beförderung zum Leutnant der Reserve. Am 15. August 1917 zum Führer der bayerischen Leichten Munitionskolonne Nr. 50 ernannt, wurde er am 17. März 1918 zum Oberleutnant der Reserve befördert und schließlich am 21. Dezember 1918 aus der Armee entlassen. Am 21. August 1914 hatte er das Eiserne Kreuz, 2. Klasse, und am 29. Oktober 1915 den bayerischen Militärverdienstorden, 4. Klasse mit Schwertern, verliehen bekommen.[17][18][19]
Nach dem Krieg engagierte er sich im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und übernahm dort den Vorsitz des Landesverbandes Rheinland.[20]
Bereits nach acht Monaten gab er seine Anstellung als Landgerichtsrat in Essen auf[21] und ließ sich als Rechtsanwalt kurzzeitig in Essen und danach in Köln nieder, wo er im Oktober 1924 die Zulassung beim Land- und Amtsgericht erhielt.[16] Seine Anwaltskanzlei befand sich im Gereonshof 38 und seit 1929 im Kaiser Wilhelm Ring 2. Die Familie selbst wohnte zusammen mit Moritz’ Schwiegervater Max Eschelbacher im eigenen Haus in der Hardefuststraße 8.[22] Seit 1923 war Weinberg zudem Mitgeschäftsführer der Firma Micaman in Bielefeld, die Isolationsmaterialien herstellte,[23] und von 1931 bis 1933 Präsident der Moria-Loge des B’nai B’rith in Köln.[24.1]
Verfolgung und Ermordung
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich wurde die Berufstätigkeit der jüdischen Bevölkerung weitgehend eingeschränkt. Bereits im April 1933 waren für die Kölner Gerichte überhaupt nur noch fünf jüdische Anwälte, darunter auch Moritz Weinberg, zugelassen.[25] Anfang 1939 entschlossen sich Moritz und Hilde Weinberg, ihre Kinder mittels sogenannter Kindertransporte in Sicherheit zu bringen. Ihr Sohn Rolf reiste nach Großbritannien[14] und ihre Tochter Marie Luise in die Niederlande aus. Aufgrund des Einmarsches der Deutschen Wehrmacht in die Niederlande sollte Marie Luise dort nicht länger ohne ihre Eltern bleiben und kehrte Ende 1940 nach Köln zurück.[26] Noch im Juni 1940 lässt sich die Familie Weinberg in ihrem Haus in der Hardefuststraße 8 nachweisen.[27] Sie bemühten sich zwar beim US-Konsulat in Stuttgart um eine Ausreisegenehmigung in die Vereinigten Staaten, aber im April 1940 lagen dort noch so viele Ausreiseanträge vor, dass ein positiver Bescheid von dort für die nächste Zeit nicht zu erwarten war.[28][29] Zudem war Moritz Weinberg mittlerweile als letzter Konsulent im Kölner Oberlandesgerichtsbezirk alleine für die Verwaltung des dort beschlagnahmten Vermögens der deportierter Juden zuständig und war damit zunächst noch unabkömmlich.[30] Mittlerweile hatte die Familie Weinberg ihr eigens Haus verloren und war in verschiedene sogenannte Judenhäuser in Köln eingewiesen worden. Bereits im Sommer 1942 lebten sie im Horst-Wessel-Platz 14 (heutiger Rathausplatz).[31][32] Etwa Anfang 1943 waren die Eltern in die Neue Maastrichter Straße 3 umgezogen,[33] während die Tochter Marie Luise in der Utrechterstraße 6, dem früheren jüdischen Lehrlingsheim, eingewiesen worden war[34] und sich Weinbergs letztes Büro in einem Kellerraum der Kölner Synagoge befand.[24.2]
Schließlich wurde das Ehepaar Weinberg zusammen mit seiner Tochter am 19. Juni 1943 mit dem Transport III/8 (Personentransportnummern 29–31) von Köln aus deportiert. Dank Weinbergs geleisteten Kriegswehrdienst und vor allem seinen Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg geschah dies zunächst nicht nach Auschwitz oder in ein anderes Vernichtungslager im damals besetzten Polen, sondern sie kamen ins Ghetto Theresienstadt.[35][36][37] 1944 erkrankte Marie Luise und wurde in die Krankenstation verlegt. Etwa Mitte Oktober erhielt die Lagerleitung den Befehl, alle dort noch befindlichen Patienten in das KZ Auschwitz zu überstellen.[38] Am 19. Oktober 1944 wurde daher Marie Luise begleitet von ihren Eltern (Personentransportnummern 650, 886 und 718) nach Auschwitz verbracht und dort ermordet.[39][40][41]
Rolf Weinberg nahm in Großbritannien den Namen Ralph Wingfield an, lebte später in Afrika, in Neuguinea und schließlich in Australien. Er verstarb am 22. September 2021.[42]
Gedenken
2013 wurden in Neuwied Stolpersteine für Moritz, Hilde und Marie Luise Weinberg verlegt.[43] Die Familie soll dort in der Engerser Landstraße 61 gewohnt haben.[14] Wann sie dort gewohnt haben soll, wurde bisher nicht veröffentlicht.